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20. 11. 2017
Mittelalterliche Mikwe in Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Matthias Stier   
30. 05. 2007

Mittelalterliche Mikwe in Erfurt wieder aufgefunden

Am 11. April 2007 ging eine sensationelle Meldung durch die Medien: eine mittelalterliche Mikwe in Erfurt war bei Bauarbeiten nahe der Krämerbrücke wieder gefunden worden.

Dass es an etwa dieser Stelle ein seit Jahrhunderten (seit 1248 urkundlich nachweisbar) dokumentiertes „Judenbad“ gab („frigidum balneum iudeorum“), welches sich mindestens seit Beginn des 14. Jahrhunderts eindeutig auf dem Eckgrundstück Kreuzgasse/Kreuzsand (Nr. 4) befunden hatte, war bekannt. Vor diesem Zeitraum kann jedoch der Standort nicht eindeutig geklärt werden, doch 1283 besagt eine Urkunde des Großen Hospitals, dass die Judengemeinde vom Hospitalmeister Heinrich von Liebenstete für 5 Talente Erfurter Denarien eine Area gekauft habe, die mit einer „stupa“ überbaut war. Dies war das Grundstück Kreuzgasse Nr. 4.

1294 wird diese Badestube im Freizinsregister Severi genannt. Bis zur Auflösung des Bades im Jahre 1504 lässt sich seine Existenz dann fast lückenlos verfolgen.

Das oberirdische Gebäude, welches noch Reste der einstigen Badestube enthielt, wurde am 09. Februar 1945 durch Bomben vernichtet.

Die Mikwe ist eine Art kleines Schwimmbad, dessen Bau nach ganz bestimmten Regeln erfolgte. Es enthält ausschließlich Wasser, dessen Menge und Herkunft ebenfalls genau geregelt ist. So muss eine Mikwe nach Quellenangaben1 mindestens 750 Liter Wasser enthalten (0,75 m3), welches aus natürlicher Herkunft stammt: z.B. Grundwasser (das Bad wurde für diesen Zweck tief in die Erde gebaut, bis genügend Grundwasser zur Verfügung stand, wie in Köln) Quellwasser, fließendes Wasser (Flüsse, Meerwasser) wie in Erfurt, Regenwasser, aufgetautes Eis oder aufgetauter Schnee usw. Nicht jedoch durfte das Wasser „herbei getragen“ oder anderweitig „herbei geschafft“ (Rohleitungen) werden.

Die Mikwe diente ausschließlich der rituellen Reinigung, nicht der Sauberkeit. Körper und geist sollten gereinigt werden, so dass nach der körperlichen Reinigung das Untertauchen in der Mikwe ein Sinnbild für die geistige Reinigung war. Viele Vorschriften der 5 Bücher Mose („Pentateuch“), bzw. das sogenannte Gesetz der Familienreinheit (Nidda-Gesetze) sind mit rituellen Reinigungszeremonien verbunden und dienten als Grundlage für die Nutzung der Mikwe.

Fast jede jüdische Gemeinde war im Besitz eines solchen Tauchbades, und so sind allein in Deutschland noch fast 400 ähnliche Orte religiöser Handlungen vorzufinden. Bekannte rituelle Bäder befinden sich in Rothenburg, Speyer, Worms, Heilbronn, Friedberg, Offenburg, Köln und Ravensburg, nicht alle sind aber noch im Originalzustand zu sehen.

Das Untertauchen in der Mikwe wird Twila genannt.

Um diese rituelle Reinigung durchführen zu können, ist es erforderlich, dass nichts Körperfremdes mehr vorhanden ist. Nichts darf den Kontakt des Wassers mit dem Körper verhindern, so ist das Tragen von Schmuck, Lippenstift, Nagellack oder ähnlichem während des Bades nicht erlaubt. Auch muss darauf geachtet werden, dass der gesamte Körper samt den Haaren untergetaucht wird.

Aus dem Gebrauch der rituellen Reinigung der Juden (siehe Neues Testament, Matthäus 3:13ff, oder Markus 1:9ff u.a.), die je nach Bedarf oft vollzogen wurde, wurde später die Taufe der christlichen Religionen als äußeres Zeichen zur Aufnahme in eine der vielen konkurrierenden Religionsgesellschaften umgedeutet, die zunächst in analoger Weise (durch Untertauchen als sogenannte „Großtaufe“) vollzogen wurde, allerdings heutzutage fast ausschließlich in einer Art von Bespritzung oder Besprengung mit Wasser erfolgt.

Dabei wurde der einstige Inhalt jüdischer Tradition im wesentlichen entfernt und eine neue Bedeutung implementiert, die eine Art der „Neugeburt aus Wasser“ darstellen soll und auch als Sinnbild für die in der christlichen Religion verankerte Wiedergeburt im Himmel, „Auferstehung“ genannt, gilt.

Dass in vielen christlichen Gemeinschaften mit der Umwandlung jüdischer Tradition in neureligiöse Auffassungen auch eine Kindertaufe eingeführt wurde, sei hier nur nebenbei erwähnt. Es ist äußerst fraglich, ob sich diese Kindertaufe auch aus der urchristlichen Religion überhaupt ableiten läst, oder letztendlich als Willkürakt der Eltern über den Willen des Kindes verstanden werden muss, da sie bekanntlich ohne innere Zustimmung des Kindes durchgeführt wird (denn ein wenige Tage altes Kind kann nicht entscheiden, ob es Mitglied einer christlichen Religionsgesellschaft werden will oder nicht).

Aus jüdischer Tradition ist ein solches Kindertauf-Ritual jedenfalls nicht bekannt (siehe auch Markus 11:23 ff).

Die Mikwe diente demgegenüber der geistigen Reinigung nach oder vor ganz bestimmten Vorgängen, z.B. reinigen sich Frauen am Vorabend der Hochzeit, verheiratete Frauen nach jeder Niederkunft bzw. jeder Monatsblutung, Menschen, die sich zum Judentum bekehren wollen, Männer am Freitag vor dem Schabbat (Sonnabend), oder am Vorabend von Kippur (das von den Juden am meisten geachtetes Fest, geht zurück auf Leviticus 16 sowie 23:26ff, siehe auch http://www.talmud.de/jmkippur.htm ), dem Versöhnungstag.

 

Lage des Ausgrabungsgebietes der Mikwe, nördlich der Krämerbrücke, vom westlichen Fließ des Breitstroms aus gesehen

Lage des Ausgrabungsgebietes der Mikwe, nördlich der Krämerbrücke, vom westlichen Fließ des Breitstroms aus gesehen

 

Ausgrabungsgebiet, im Hintergrund Häuser der Nordzeile auf der Krämerbrücke

Ausgrabungsgebiet, im Hintergrund Häuser der Nordzeile auf der Krämerbrücke

 

Blick in den Mikwe-Raum, Schutzbogen aus Holz bereits eingebaut

Blick in den Mikwe-Raum, Schutzbogen aus Holz bereits eingebaut

 

Lage des „Judenbades“ aus historischem Plan

Lage des „Judenbades“ aus historischem Plan

 (Quelle: „Geschichte der Bader und Barbiere in Erfurt.“ Teil I: Das Mittelalter - von Willibald Gutsche)

 

Quellen

1 In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Sczech, Dr. Karin:
Die neu entdeckte Erfurter Mikwe (36)
Der unerwartete Mikwe-Fund am Breitstrom (SH 8)

Mehr unter:

http://www.berlin-judentum.de/mikwe/

http://de.wikipedia.org/wiki/Mikwe

Letzte Aktualisierung ( 28. 10. 2009 )
 
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