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25. 06. 2016
Die Brunnenkresse im Dreienbrunnen in Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
16. 10. 2007



Zu einer gefragten Spezialität des Erfurter Gartenbaus gehört seit über 250 Jahren bis heute die Brunnenkresse, die im Südwesten der Stadt, im Dreienbrunnen, ideale Standortbedingungenen für eine ertraglohnende Kultur vorfindet.

 

Der Dreienbrunnen 1886
 

Der Dreienbrunnen 1886, vor der Bebauung, noch mit großflächiger Grabenstruktur, im Hintergrund das Ensemble von Dom und Severi-Kirche 5

 

 

Die Pflanze – Beschreibung, Ansprüche, Nutzen

 

 

Wilde Kresse
 

 Wilde Kresse 2

Brunnenkresse (Rorippa nasturium-aquaticum),
auch Wasserkresse, Bachkresse, Wassersenf, Kersch aus der Familie der Kreuzblütengewächse, vormals der Gattung Nasturium (Nasturium officinale) zugeordnet, ist heute in die Gattung Rorippa eingegliedert.
Die mehrjährige, winterharte Wasserpflanze hat runde, hohle, 15 bis 20 cm lange Stengel, besitzt kleine, dunkelgrüne, saftige Blätter; rundliche Wurzelblättchen treiben am unteren Stengelende.
Sie ist reich an Vitaminen (A, B1, B2, C, E) und Mineralstoffen (Eisen, Jod, Phosphor, Calcium), enthält Bitter-, Gerbstoffe, ätherische Öle (Senföl).
Als Heilpflanze wird sie vielfältig eingesetzt, u.a. zur Entschlackung in Frühjahrskuren und gegen Nieren-, (Gelenk-)Rheumatismusleiden. Sie regt den Stoffwechsel und die Verdauung an, wirkt blutreinigend, harntreibend, schleimlösend
Sie wächst in sehr reinem, flachem Wasser mit geringer Strömung und nicht versauertem Schlammgrund. Sie ist somit in ihrem natürlichen Vorkommen ein Indikator für höchste Wasserqualität.

Kresseblüte

 

Kresseblüte 1

In der Wildform noch herb-bitter im Geschmack wird sie durch aufwendige Kultur mild und sehr pikant (rettigartig beißend) sowie aufgrund ihrer Inhaltsstoffe zu einer wertvollen Ergänzung in der gesunden Küche.
Die frühere Bedeutung der Kresse gründete sich in ihrer Erntezeit, die im September begann und über den Winter hinweg bis in den Mai hinein andauerte, wo anderes Salatgemüse und damit Vitamine kaum oder nicht mehr bzw. noch nicht angeboten werden konnten.
Neben der meistverbreiteten Verwendung für Salat galt als typisch für die Erfurter Küche beim Kochen von Spinat oft die Hälfte Kresse beizugeben, um den Geschmack lieblicher zu machen.
Brunnenkresse in der Kultur stellt allein höchste Ansprüche an ein fließendes Wasser. Ein Fließgewässer ist unabdingbar, da die Kultur bei einem stehenden Gewässer in kalten Wintern einfrieren würde. Die Bodenbeschaffenheit ist dagegen ohne Bedeutung. Sie wächst auf Sand-, Moor- und Schlammuntergrund. Ein Untergrund könnte beliebiger Art sein, er hat nur den Kressepflanzen Halt gegen die Fließströmung zu geben. Die andere Komponente für ein ertragreiches Wachstum ist die ständige Düngung.

Die Brunnenkresse wurde international selten kultiviert, sie ist also auch deshalb und in Verbindung mit den Ansprüchen, die sie an eine erfolgreiche Kultur stellt, als ein sehr rares und wertvolles Gemüse zu schätzen.

 

Der Standort im Dreienbrunnen – das Wasser macht's!
Als international bedeutendstes Anbaugebiet und bis heute bestehend, hat sich bereits früh der Dreienbrunnen, südwestlich von Erfurt, am Nordrand des Steiger, im Tal der Gera gelegen, entwickelt.
Wärmere Quellen begünstigten besonders diese Entwicklung der Kressekultur, da das Wasser hier auch in strengeren Wintern nicht einfriert.

Philosophenquelle
 

Philosophenquelle, Zustand 2007 1

Die Herkunft des Names „Dreienbrunnen“ ist umstritten. Eine Deutung verweist auf die früher vorhandenen d r e i Brunnen: den Haupt- auch Philosophenbrunnen, den sogenannten Henkersbrunnen und eine von Christian Reichart (1685 – 1775) wiederentdeckte Brunnenquelle. Sie lagen jedoch alle außerhalb des Dreienbrunnens, innerhalb befanden sich noch zahlreiche grössere und kleinere Quellen, sogenannte Springen, die die Kressegräben spreisten. Die besten Anlagen wurden durch drei Quellen gespeist, und zwar durch die Turmgarten-, die Philosophen- und die Hangelichtquelle.

Eine andere Deutung, wird von Fritz Haage vertreten, die sich nicht von den Quellen ableitet, sondern nur von dem Wörtchen "treu". Danach hat man wahrscheinlich in früheren Jahrhunderten das Gelände als Treuenbrunnen bezeichnet, und zwar deshalb, weil die Quellen auch in den trockensten Jahren nie versiegten; also „treu“ Wasser lieferten. Im Laufe der Zeit wurde „treu“ dann der Erfurter Mundart angepaßt und in „drei(y)“ abgewandelt.

Es gab Quellen, die zwischen trockenen und feuchten Jahren kaum und andere die stärker in der Wassergabe variierten. Als am stärksten und besonders „treu“, d. h. über die Jahre mit verläßlich konstanter Schüttung erwiesen sich die Turmgartenquelle mit über 2500 m³ und die Philosophenquelle mit fast 1500 m³ reinstes Quellwasser pro Tag.
Die mittlere Schüttung betrug im gesamten Dreienbrunnen pro Tag 18000 m³.
Eine mittlere Quellwassertemperatur von etwa 11 °C verhindert trotz merklicher Abkühlung während des Wasserlaufes über die Länge der angelegten Gräben ein Einfrieren selbst in strengsten Wintern. Die Anlagen halten sogar Temperaturen von – 20 °C aus bei ruhiger Wetterlage, starker Ostwind erhöht dagegen das Gefrierrisiko.

Das Gelände der Brunnenkresse-Klingen im Dreienbrunnen weist kein einheitliches Gefälle auf, wodurch eine Anpassung der Anlage bedingt war. Das Gefälle nimmt vom östlichen Teil mit idealerweise 50 cm auf 100 m zum westlichen Teil mit nur 5 cm auf 100 m deutlich ab. Letztere Abflachung, die eine erhöhte Gefahr des Einfrierens in kalten Wintern mit sich bringt, machte sich notwendig für den Abfluß auf das Niveau der Gera.

Neben den idealen natürlichen Bedingungen machte aber erst sorgfältigste Pflege und Aufmerksamkeit sowie das große fachliche Können, daß über viele Erfurter Gärtnergenerationen bewahrt und weitergegeben wurde, die Brunnenkresse hier zu der so erfolgreichen Kultur.

 

Die Anfänge um etwa 1630

Nach der Überlieferung fuhren zu dieser Zeit Gärtner mit Trögen auf das Wasser, um die dort wild wachsende Brunnenkresse zu sammeln, in kleine Bündel zusammenzufassen und zu verkaufen.
Um 1665 verpachtete Rittmeister Rudolphus von Ziegler seinen Garten im Dreienbrunnen samt Teich an Hans Hartzen, der auf einem Waschtroge die wilde oder angepflanzte Brunnenkresse aus dem Teich erntete und als Bündchen gewinnbringend verkaufte. Dieser Erfolg rief bald auch andere Interessenten auf den Plan, den Kresseanbau zu betreiben.


Das Kultursystem – die Urform aus Klinge und Jahn – seit etwa 1687

Den Beginn eines wirtschaftlichen Anbaus der Brunnenkresse vermelden die Chroniken mit dem Auftreten von Matthäus und Simon Engelhardt, Vater und Sohn in Verbindung mit Hans Hasse, die den Hans Hartzen verdrängten, 1687 den Teich zu warfen, zwecks einer regelmäßigen Verteilung des Wassers erste Gräben, die sogenannten Brunnenkresse-Klingen anlegten und mit der Kultur begannen.
Prospekt der Brunnenkresse-Klingen-Anlage nach Chr. Reichart
 

Prospekt der Brunnenkresse-Klingen-Anlage nach Chr. Reichart, im Hintergrund die Cyriaksburg, um 1750 4

Nach weiteren Betreibern ist die vollendete Ausbildung des Systems das Verdienst des Begründers des Erfurter Erwerbsgartenbaus, Christian Reichart, Ratsherr und Verfasser des „Land- und Gartenschatzes“ sowie weiterer Schriften zum Gartenbau. Von seinem Stiefvater Engelhardt übernahm er die Hingabe für den Gartenbau. Das ererbte Grundstück konnte er durch Zukäufe ausbauen. Seine überlegenen theoretischen Kenntnisse – die er auch veröffentlichte und damit auch der gesamten Gärtnerschaft zugänglich machte - legten den Grundstein für seinen Erfolg, der auch die anderen Betreiber zur Übernahme seiner Prinzipien veranlaßte und zu einem einheitlichen Bewässerungs- und Kultursystem führte.
Die Blütezeit des Erfurter Kresseanbaus im Dreienbrunnen nach den fast vollständig dominierenden Anbauprinzipien Reicharts wird auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert.

Das Grundprinzip der Anlage besteht (bis ins 20. Jahrhundert) im Wechsel von Wassergraben, der Klinge,  und Landstreifen, dem Jahn, die  auf einer leicht abfallenden Ebene innerhalb verschieden großer Teilflächen meist parallel verlaufend angelegt wurden.

Auf dem Jahn, als einer breiteren Fläche, kann Gemüse, besonders Blumenkohl, Kohlrabi, Wirsing angebaut werden in Beeten. Seine Ränder zur Klinge sind sorgfältig abgeböscht. Ein dazwischen liegender Graben dient der Bewässerung und ist entweder bis zu 50 cm schmal, der Giessgraben, oder er ist 2,50 m und bis zu 4 m breit, die Brunnenkress-Klinge.

Klingensystem und Arbeit an einer Klinge nach Reichart
 

Klingensystem und Arbeit an einer Klinge nach Reichart, um 1750 3

Die Klingen sind bis zu 150 m lang, ihr Grabengrund genauestenst in der Gefällrichtung eingeebnet und das Quellwasser fließt mit etwa 10 bis 12 cm hohem Wasserstand langsam dahin.
Quellnahe Gräben mit gleichmäßig höherer Temperatur, die Winterklingen, bieten bevorzugte Vegetationsbedingungen, der Schnitt kann bereits im Winter erfolgen und liefert zarte und weiche Qualität.
Quellferne Gräben mit kälterem Wasser, die Sommerklingen,  können durch die damit bedingte langsamere Vegetation erst im Frühjahr und nicht im Winter abgeerntet werden. Vom bräunlichen Ton ihrer Belaubung wird die alterfurter Bezeichnung Braunkersch stammen. Die vergleichsweise schlechtere Qualität – nicht so weich und zart - führte zur schrittweisen Aufgabe der Sommerklingen zugunsten rentableren Gemüsenbaus.
Zur Wasserregulierung sind meist an Einfluss- und Ausflussende der Gräben Schleusen angebracht.
Sämtliches Wasser sammelt sich nach dem Durchfließen der Gräben im Brunnenfluss, der es dann dem Umflutgraben zuführt.
Der Umbau der Anlage 1932-34 durch Haage

Während dieser Jahre erfolgte die bedeutendste Veränderung der Anlage durch die Familie Haage, die in einer langen Traditionslinie über 6 Generationen bis heute den Brunnenkresse-Anbau betreibt. Die seit zwei Jahrhunderten bestehenden unregelmäßig angelegten Klingen mit ihrer aufwendigen Pflege (Böschung) und der bedingt ungleichmäßigen Wasserverteilung (Frostgefahr) standen einer weiteren Ertragssteigerung entgegen.
Die Klingen  wurden zu einer seeartigen Wasserfläche zusammengelegt, anstelle der Jähnen traten hölzerne Laufstege in drei Meter Abständen. Dieser grundlegende Umbau erwies sich als voller Erfolg. Durch die Laufstege fiel die aufwendige Pflege der Jähnenböschungen sowie die Beeinträchtigung überspringender Schädlinge aus den Beeten fort.
Die Brunnenkressekulturen nahmen inzwischen eine Fläche von ca. 15000 m2 ein. Die Produktion stieg jetzt auf eine durchschnittliche Jahresmenge von 15 bis 20 Tonnen.
Bewährte Spezialgeräte, wie die Walze zum Niederdrücken der Brunnenkresse wurden auf das neue System angepaßt und weiterentwickelt.


Die Vermehrung

Für die Kultur im Dreienbrunnen wurde ausschließlich die vegetative Form der Vermehrung durch Steck- bzw. Schnittlinge betrieben.
Im Mai beginnt die Blütezeit der Brunnenkresse, Blüten mit Stengel werden mit der Sense geschnitten und pharmazeutisch oder zur Samengewinnung verwendet. Geerntete Samen gingen im 19./Anfang 20. Jahrhundert hauptsächlich in den Versand nach Amerika.

Setzen der Kresse-Stecklinge in den Klingengrund nach Chr. Reichart
 

Setzen der Kresse-Stecklinge in den Klingengrund nach Chr. Reichart, um 1750 4

Eine Neubepflanzung der Kressegräben erfolgt jährlich von August bis September. Sie ist notwendig, da alte Kresse zäh und unschmackhaft ist und auch nur geringe Folgeernten ergeben würde. Die Pflanzmethoden haben sich über die Jahrhunderte gewandelt.
Alte Pflanzen werden entfernt, ebenso Wasserkräuter mit ihren Wurzeln, die Gräben gründlich gereinigt, dabei der Dungschlamm ausgeschaufelt und der Grund sorgfältig geebnet für eine ruhige Fließströmung. Einfassungsränder und die späteren Laufstege werden soweit erforderlich erneuert.
Von den mit Luftwurzeln versehenen Spitzen der Altpflanzen schneidet man mindestens 10-20 cm ab und setzt diese Stecklinge gegen den späteren Strom geneigt und möglichst dicht in den Grabengrund ein und drückt sie leicht auf den Grund an.
Nach spätestens zwei Wochen sind diese Brunnenkressepflanzen angewurzelt und nach ca. 6 Wochen ist bereits die erste Ernte möglich.
Wo es möglich ist, wird das Wasser zuvor abgestellt, ansonsten die Klingenränder nicht bepflanzt.
Gedrungene Spitzen sind den langen vorzuziehen, da sie besser anwachsen und kräftigere Pflanzen ergeben. Dazu muss die alte Kresse im Sommer mehrfach mit der Sichel eingekürzt werden.

Die Neubepflanzung mußte schnell abgeschlossen werden, um die Stecklinge nicht vertrocknen zu lassen – die Bepflanzung einer Klinge war möglichst am gleichen Tag abzuschließen. Der Wassereinlass in die neubepflanzte Klinge wurde zunächst gedrosselt, um die Pflänzchen vor dem Bewurzeln nicht fortzuspülen.

Die generative Vermehrung über den sehr feinkörnigen Samen der Brunnenkressepflanzen (1 g enthält ca. 4000 Samenkörner), die wie gesagt in Erfurt nicht angewendet wird, erfolgt durch Aussaat in den leicht angetrockneten Schlamm einer wasserfreien Klinge oder in ein Pflanzbeet, die bis zum Aufgehen stets feucht gehalten werden müssen. Nach ca. zwei Wochen geht der Samen auf und nach ca. fünf Wochen kann man die jungen Pflanzen vereinzeln. Die Beetpflanzen werden in Klingen umgesetzt. Bei der Klingenbepflanzung kann jetzt wieder Wasser eingeleitet und je nach Wachstumsstand erhöht werden. Nach weiteren vier Wochen ist die erste Ernte bereits möglich.


Die Pflege und Bewirtschaftung – Spezialgeräte

Der Anbau der Brunnenkresse-Kultur hat die Entwicklung mehrerer spezieller Arbeitsgeräte mit sich gebracht, die eigentlich nur hier eingesetzt wurden.
Vielseitige Verwendung fand das Schwelgbrett, ein an einem langen Holzstiel unten quer befestigtes schmales, 2 cm starkes, 10 x 60 cm großes Holzbrettchen. Nach der Neubepflanzung wurden mit ihm die Stecklinge vorsichtig fest und unter das Wasser gedrückt. Nach jedem Schnitt wurden ebenfalls mittels Schwelgbrett welke Blätter, Fremdmaterial, und Kräuter, wie Wasserlinse, zum Abflußende der Klinge herausgeflöst.

Patschbrett, Aufbau und Anwendung n. Reichart
 

Patschbrett, Aufbau und Anwendung n. Reichart, um 1750 4

Mit dem Patschbrett - an einem langen Stiel spitzwinklig befestigten etwa 60 x 35 cm großen Brettchen mit einem Lochraster schräger Bohrungen, durch die das Wasser beim Niederdrücken entweichen kann ohne die Person  zu bespritzen - werden alle überstehenden Kressespitzen zum Schutz gegen Austrocknen bzw. Frost unter die Wasseroberfläche gedrückt. Es war früher aus Holz und wurde im 20. Jahrhundert von Aluminium ersetzt.

Patschen der Brunnenkresse mit Patschbrett im Winter          Walzen der Brunnenkresse im Winter
 

Patschen der Brunnenkresse mit Patschbrett im Winter bei J.G. Haage, um 1900 5

  

 Walzen der Brunnenkresse im Winter bei J.G. Haage, um 1900 5


Schneller wird diese Arbeit – wo dies auf der Klinge möglich ist - mit einer speziellen Walze erledigt, bei der eine aufgehängte Walzenrolle in Klingenbreite (also etwa 3 m), die einen Durchmesser von etwa 30 cm hat, von zwei Personen auf den angrenzenden Jähnen, später Stegen, über die Kresse bewegt wird.
Mit zunehmender Kälte und Quellentfernung muß das Niederpatschen oder -walzen regelmäßig – möglichst täglich - wiederholt werden, da sonst die Kresse an Zartheit und Aussehen verlieren würde. Frost darf sie unbedingt nicht bekommen, der Qualitätsverlust wäre zu groß.

Ohne eine wiederholte Düngung waren auch bei dem vorzüglichen Wasser keine hohen Erträge und Spitzenqualität zu sichern. Die Düngung erfolgte gewöhnlich zuerst zwischen September und Oktober, wobei zuvor die Kressenspitzen für eine größere Verzweigung mit der Sichel abgeschnitten wurden und weiter nach jedem Schnitt.
Verwendet wurde anfangs gut verrotteter Kuhdünger, als dieser nicht mehr ausreichend verfügbar war, Pferdedünger u. ä., aus den Frühbeeten, der zwischen die Pflanzen verteilt und wiederum mittels Schwelgbrett festgedrückt wurde. Im 20. Jahrhundert wurde nach vielen Versuchen als Ersatz ein wirksamer torfmullähnlicher Kunstdünger gefunden.

Gegen Schädlinge wie Rauken-Springkäfer, Erdfloh sowie Schnecken von den Jähnen war um 1900 noch kein probates Gegenmittel bekannt, man behalf sich damit, die Insekten wieder mittels Schwelgbrett abzuflößen und am Abflußwehr aufzufangen. Auch mußten im Winter Vögel von den Klingen ferngehalten werden, die es zwar auf die Insekten und ihre Larven abgesehen haben, dabei aber auch die kälteempfindlichen Pflanzen herausreißen konnten.

 

Die Ernte

Erntezeit ist von September bis zur beginnenden Blüte im Mai. In den Haage´schen Anlagen galt die Regel: Brunnenkresse wird zum Verzehr in den Monaten geerntet, die ein "r" im Namen haben.
Der Schnitt der Kresse per Hand mit einem Messer war äußerst mühevoll, da er knieend auf einem quer über die Klinge, später die Fläche zwischen den Stegen, liegenden Brett, noch dazu meist von Frauen und auch bei Kälte ausgeführt werden mußte.

Ernte der Brunnenkresse auf Winterklinge          Ernte nach Umbau der Anlage
 

Ernte der Brunnenkresse auf Winterklinge: Schneiden, Bündeln, Packen sowie Patschen bei J.G.Haage sen., um 1900 5

  

Ernte nach Umbau der Anlage in ein Stegesystem 1932/34 6

Am Ausflußende der Klinge beginnend, wurden nur etwa 6 cm lange Spitzen, büschelweise und nur etwa 2/3 der Fläche herausgeschnitten, der als 1/3 stehengebliebene Rest hatte nun Platz zur Entwicklung. Die Lücken wuchsen in 3 bis 5 Wochen wieder zu. Beim letzten Schnitt im Mai wurde die gesamte Kressenfläche geschnitten. Geschnittene Kresse mußte zum Schutz gegen Austrocknen bzw. Kälte unter Wasser gedrückt werden, die Bündel wurden mit dünner Weidenrute zusammengebunden.
Ab 1914 durfte die Brunnenkresse nicht mehr mit Weidenruten gebündelt werden, da diese im 1. Weltkrieg zum Flechten von Schanzkörben beschlagnahmt wurden. Sie konnte fortan nur noch lose verkauft bzw. versandt werden, woran auch in der Folgezeit festgehalten wurde.

Der Schnitt erfolgte in der Erntezeit alle vier Wochen bei quellnaher und damit schnell nachwachsender Kresse, konnte aber nur alle 6 – 7 Wochen erfolgen bei anhaltender Kälte. Geübte Schnitterinnen schafften bis um die 4 Schock Gebündchen pro Stunde.


Die Aspekte in Wirtschaft und Handel, die Bedeutung

Die Erfurter Brunnenkresse wurde in früherer Zeit vorrangig nach Erfurt und das Umland geliefert.
Aber auch „Reisende“ ließen sich von der Erfurter Spezialität überzeugen. So Napoleon I., der 1809 das hiesige Anbausystem der Brunnenkresse sogar durch zwei Erfurter identisch nach Frankreich exportieren ließ. Im Gegensatz zu den meisten anderen Versuchen war dieser von Erfolg gekrönt.
Bereits im 19., aber vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Handel mit Brunnenkresse bedeutend, sie wurde nun in viele deutsche Großstädte versandt. Hauptabsatzgebiete waren Berlin und Leipzig. Sogar an Liebhaber in weiterer Ferne wurde geliefert. Die Nachfrage der Berliner nach Erfurter Brunnenkresse auch im Sommer war nur durch vollständig unkraut- und insektenfreie, sowie kräftig gedüngte Lagen zu befriedigen. Der Versand der leicht verderblichen Ware konnte nur mit reichlich beigefügtem Eis verpackt erfolgen.
Zu den Großabnehmern zählte die pharmazeutische Fabrik in Radebeul, die die Erfurter Brunnenkresse zu Heilzwecken verarbeitete.
Um 1900 waren die erzielten Marktpreise im Winter am höchsten und gingen im Frühjahr auf unter die Hälfte zurück, sie schwankten also zwischen 40 Pf bis etwas über 1 M.
Es dürften 16 Kressezüchter auf einer Anbaufläche von 1 ½ ha einen Umsatz von geschätzten 25000 M erzielt haben.


Der Brunnenkresse-Anbau nach 1945 bis heute

Die Entwicklung in unserer Zeit verlief sehr wechselvoll. Der Großteil der ansässigen Gärtnerbetriebe wurde unter den Bedingungen in der DDR 1960 in die Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften (GPG) "Dreienbrunnen" und GPG "Flora", wie üblich unter Beibehaltung der bisherigen Leitung, überführt. So konnte Fritz Fischer als GPG-Vorsitzender 1962 eine Rekordernte von 44 Tonnen Brunnenkresse vermelden.

Ein Jahr zuvor 1961 war das Quellgebiet des Dreienbrunnengeländes auf Grund seiner hydrologischen und geologischen Besonderheit unter Naturschutz gestellt worden.

Mehrfach führte ein erheblicher Rückgang der Quellschüttung, so 1963 und 1976 (verstärkt durch erhöhte Grundwassernutzung), besonders in extrem trockenen Jahren, zu  einer Gefährdung der Brunnenkressekulturen. Einige Quellen, z. B. die Philosophenquelle, versiegten vorübergehend völlig. Starker Frost kam hinzu, und die Brunnenkressekulturen erlitten erhebliche Schäden.

Der Versuch einer Rekultivierung der Anlagen ab 1977 war vergeblich. Zugunsten der Gemüseanbaufläche wurde der größte Teil der Brunnenkresseklingen zugeschüttet.
1978 wurde das verbliebene Klingen-Areal (ca. 2500 m2) zum Denkmal der Produktionsgeschichte des Erfurter Gartenbaus erklärt, darin eingeschlossen waren das Quellbecken der Turmgartenquelle, die Philosophenquelle (1232) und die Hangelichtquelle (1725).
Ein weiterer verstärkter Versuch einer Rekultivierung wurde 1984 in ca. einem Viertel der verbliebenen Klingenfläche (ca. 800 m²) ausgeführt, dazu gehörten erneuerte Einfassung, Wasserführung und Bohlenstege.

2006 wurde das Dreibrunnengebiet auf einer Fläche von 5,5 ha als geschützter Landschaftsbestandteil unter Schutz gestellt. Als Schutzzweck sind dabei die Kresseklingen als europweit einzigartige gartenbauliche Nutzungsform zu erhalten und zu entwickeln.


Resümee

Die Brunnenkresse ist untrennbar mit dem Namen und der Identität Erfurt's verbunden und hat dessen hervorragenden Ruf als Stadt des Gartenbaus in besonderer Weise in alle Welt getragen.
Von daher muß das Augenmerk stets gerichtet bleiben auf den Schutz und Erhalt des Dreienbrunnenfeldes mit seinen Anlagen als ein Natur- und Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung.

Im Kressepark 2007 1 :

Gesamtansicht          Kresse
 Gesamtansicht mit Hauptgebäude, Terasse, Teich  Kresse-Polster an einem Fließgraben
Kresse Blick auf Steganlage
 Kresse an einem Fließgraben  Blick zur Steganlage (im Hintergrund rechts)

  

Weiterführende Beiträge unter Thüringer Naturbrief:
  
  
Internet:

Kressepark Erfurt
Literatur:

Reichart, Christian: Kurtzgefasste Historische Nachricht von denen bey der Thüringischen Hauptstadt Erfurt gelegenen sogenannten Dreyen Brunnen, Deren Beschaffenheit, Cultur, Nutzen und dahin einschlagenden besondern Rechten : nebst verschiedenen zur Oeconomie gehörigen Vortheilen ; Denen Liebhabern der Oeconomischen Wissenschaft zum Besten an das Licht gestellet / von Christian Reichart. Erfurt 1745

Reichart, Christian: Einleitung in den Garten- und Acker-Bau. Erster Theil. Erfurt 1758

Engelhardt, Robert: Die Brunnenkresse im Dreienbrunnen zu Erfurt. In: Möller's Deutsche Gärtner-Zeitung, Nr. 22, 1902, S. 259-263

Mutzek, Richard: Die Dreienbrunnen-Kresse-Kulturen in Erfurt. In: Die Gartenwelt, XXX, 37, S. 580-582

Haage, Fritz: Erfurter Brunnenkresse. Entstehung, Anbau, Pflege und Ernte. Erfurt 1956

Grobe, Karsten: Brunnenkresse – Klingen – Denkmal der Produktionsgeschichte des Erfurter Gartenbaus, Erfurt 1985


Text:

            Detlef Tonn


Bildnachweis :

                1          Jürgen Zerull

            2          Detlef Tonn

            3          aus Reichart, Kurtzgefasste ...

            4          aus Reichart, Einleitung ...

            5          aus Engelhardt

            6          aus Grobe 

 

Letzte Aktualisierung ( 23. 04. 2009 )
 
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