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27. 06. 2016
Pionierferienlager Rathsfeld PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jürgen Zerull   
16. 07. 2009

Das Zentrale Pionierferienlager „Thomas Müntzer“ auf dem Rathsfeld (Kyffhäuser)

Im Jahre 1950 beschloss das Politbüro des ZK der SED die Errichtung von 50 Kinderferienlagern mit einer Kapazität von bis zu 1.000 Teilnehmenden pro Durchgang. Auswahlkriterien für die Standorte überall in der DDR waren: saubere Luft, reizvolle Natur - abseits von Industrieanlagen und Wohngebieten - und vielfältige Möglichkeiten der umfangreichen Gestaltung von Ferienangeboten bei guter Ernährung.
Die Eröffnung dieser Lager sollte für den Feriensommer 1951 bereits wirksam werden.

Eine Wahl fiel dabei auf das Rathsfeld (gleichnamiger Ortsteil von Steinthaleben im heutigen Kyffhäuserkreis), welches seit längerer Zeit bereits als Erholungsgebiet und Gebiet kultureller Besonderheiten (z.B. Kyffhäuserdenkmal, Barbarossahöhle) bekannt war.

Das besondere Anliegen der Regierung der DDR war, den Kindern des Krieges, Kriegsendes und der Nachkriegszeit in wirtschaftlich schwerer Zeit eine sinnvolle Freizeitgestaltung in den Ferien bei gleichzeitiger körperlicher und geistiger Erholung in der Natur zu ermöglichen. Außerdem sollte die schulische Arbeit unterstützt werden und eine gute Versorgung der Ernährung gewährleistet sein.
Die Trägerschaft solcher Lager übertrug man wichtigen größeren Betrieben, denen die erforderlichen finanziellen Mittel aus dem Staatshaushalt zur Verfügung gestellt wurden.

1951 wurde das Lager im Rathsfeld durch die damalige Justizministerin der DDR, Hilde Benjamin, eröffnet, die auch Patin des Lagers wurde. Bereits 1952 wurde ein Schwimmbad eingeweiht, welches auf ihr persönliches Betreiben errichtet wurde. Frau Benjamin soll dieses Lager selbst mehrfach besucht und das Schwimmbad ausgiebig genutzt haben.

Im Jahr 1955 konnten 1730 Kinder im Rathsfeld ihre Ferien verbringen, davon kamen im 1. Durchgang 297 Kinder aus der Bundesrepublik, im 2. Durchgang waren es 212 Kinder aus der BRD. 320 Personen versorgten die Kinder, das waren wichtige Arbeitsplätze für die Region.
Davon waren 36 Funktionäre, 136 Gruppenleiter, meist Lehrer oder Betriebsangehörige, 37 Leiter von Arbeitsgemeinschaften, 12 Sportlehrer, 34 Helfer aus Westdeutschland und 65 Mitarbeiter im technischen Bereich.

Für die Kinder wurde ein umfangreiches Programm an Arbeitsgemeinschaften organisiert, so gab es insgesamt 27 Arbeitsgemeinschaften, darunter 7 Arbeitsgemeinschaften „Junge Historiker“, 4 AG’s „Junge Biologen“, 4 AG’s „Junge Botaniker“, 2 AG’s „Junge Meteorologen“, usw. Rund 450 Kinder nahmen an solchen Arbeitsgemeinschaften teil und vertieften auf diese Weise ihr Wissen.

 

Für das Jahr 1954 wurde folgender Tagesablauf festgelegt:

 

06:55 Uhr

Wecken der Jungen Pioniere und Schüler

07:00 Uhr bis 07:10 Uhr

Morgengymnastik vor den Zelten

07:10 Uhr bis 07:55 Uhr

Morgentoilette, Zelte säubern

08:00 Uhr bis 08:40 Uhr

Frühstück

08:40 Uhr bis 08:55 Uhr

Fahnenappell

09:00 Uhr bis 11:45 Uhr

Arbeit in den Gruppen

12:00 Uhr bis 12:25 Uhr

Spaziergänge und Sonnenbaden

12:30 Uhr bis 13:30 Uhr

Mittagessen

13:30 Uhr bis 15:00 Uhr

Mittagsruhe

15:00 Uhr bis 15:45 Uhr

Kaffeetrinken (Malzkaffee und Kuchen)

15:45 Uhr bis 17:45 Uhr

Gruppenarbeit

18:00 Uhr bis 19:00 Uhr

Abendessen

19.00 Uhr bis 19:30 Uhr

Freizeit

19:30 Uhr bis 20:00 Uhr

Auswertung des Tages

20:00 Uhr bis 20:45 Uhr

Abendveranstaltung

21:00 Uhr

Fahne einholen

21:10 Uhr bis 21:25 Uhr

Vorbereitung auf die Nachtruhe

21:30 Uhr

Nachtruhe

 

Im Jahr 1957 beispielsweise konnten in 2 Durchgängen insgesamt 1647 Kinder am Ferienlager teilnehmen, die Kosten betrugen 236.000 DM.

Aus den Unterlagen des Thüringer Hauptstaatsarchivs Weimar geht beispielsweise weiter hervor, dass die Kosten pro Durchgang im Jahr 1958 mit 283.300 DM (der DDR) abgerechnet wurden, für 1960 wurden 306.400 DM geplant.

1958 nahmen 985 Kinder im 1. Durchgang und 829 Kinder im 2. Durchgang teil.

1964 erarbeitete die Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar eine Studie zum Ausbau des Lagers, die aber aus Kostengründen nicht umgesetzt wurde.

Bis 1967 war das Lager als reines Zeltlager organisiert, lediglich einige wenige Gebäude wie Speisesaal (Holzbaracke rechts neben dem Eingang) und Sanitärtrakt (gemauerter Bau) waren als feste Gebäude errichtet. Arztstation und weitere soziale Einrichtungen befanden sich seit Gründung des Lagers im Schloss.

Ab 1969 begann dann der Aufbau von festen Unterkünften, so dass die Nutzung verbessert und die Nutzungszeiten erweitert werden konnten. Außerdem wurde das Lager dann auch von den Mitgliedern der Gesellschaft für Sport und Technik genutzt, die sich u.a. der vormilitärischen Ausbildung widmete (etwa vergleichbar mit den Pfadfindern heute).

Im Jahr 2006 wurde das Lager endgültig abgerissen und als Ersatzfläche für den Autobahnbau wieder aufgeforstet, rekultiviert. Zwar ist zu begrüßen, dass eine solche Wunde der Natur zu schließen versucht wird, doch verschwand damit auch eine kulturelle Einrichtung für immer, in der Tausende von Kindern und Jugendlichen über einen Zeitraum von 40 Jahren fröhlich und ohne Sorgen ihre Ferien verbrachten.

 

Wir möchten Beiträge zur Geschichte des ehemaligen Pionierferienlagers zusammentragen.
Dazu rufen wir hiermit öffentlich auf.
Zum Aufruf


 
Eröffnung des Ferienlagers 1951

Eröffnung des Ferienlagers 1951

(Quelle: Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, Sammlungen und Dokumentationen Nr. 434, Bild 18)


 
 
Eingangstor zum Ferienlager 1951

Eingangstor zum Ferienlager 1951

(Quelle: Archiv Autor)

 

Fahnenappell im Ferienlager 1951

Fahnenappell im Ferienlager 1951

(Quelle: Archiv Autor)

 

Eröffnung des Ferienlagers 1951 - Junge Pioniere

Eröffnung des Ferienlagers 1951 - Junge Pioniere

(Quelle: Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, Sammlungen und Dokumentationen Nr. 434, Bild 19)

 

Eröffnung des Ferienlagers 1951 - Essenausgabe

Eröffnung des Ferienlagers 1951 - Essenausgabe

(Quelle: Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar, Sammlungen und Dokumentationen Nr. 434, Bild 23)

 

Eröffnung des Ferienlagers 1951 – gemeinsames Essen unter freiem Himmel

Eröffnung des Ferienlagers 1951 – gemeinsames Essen unter freiem Himmel

(Quelle: Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar,
Sammlungen und Dokumentationen Nr. 434, Bild 34)

 

Belustigung Belustigung

Lebensfreude im Lager im Jahr 1967

(Quelle: Archiv Autor)

 

Rest des Eingangstores

Letzter Rest des Eingangstores „Seid bereit“ im Jahr 2007

 Rest der Freilichtbühne

Trostlose Freilichtbühne im Jahr 2007

(Quelle: Archiv Autor)

 

AK Erholungszentrum

Postkarte aus dem Jahr 1990
 
 

 Sticker Pionierexpedition

Sticker zur „Pionierexpedition“ für naturwissenschaftliche Bildung (heute würde dies unter dem Begriff „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ firmieren)

(Quelle: Archiv Autor)

 

Aufmarsch zum Appellplatz 1953

Aufmarsch zum Appellplatz 1953

(Quelle: Archiv Autor)

 

Letzte Aktualisierung ( 06. 08. 2009 )
 
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