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26. 06. 2017
Das NSG "Schwansee" bei Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
01. 12. 2009

Ein Waldspaziergang auf ehemaligem Seeboden im Spätherbst 2009
Schwanseeforst von Südwesten

Schwanseeforst von Südwesten

Das innere Thüringer Becken nördlich Erfurts ist sehr arm an Waldungen. Das ist im Ergebnis jahrhundertelanger Landschaftskultivierung festzustellen. Der Schwanseeforst zwischen Stotternheim und Großrudestedt ist der einzige größere Waldkomplex in diesem Raum. Er grenzt direkt an die Nordspitze des Erfurter Stadtgebietes, liegt südlich von Schwansee und Kleinrudestedt, zwischen den Trassen Erfurt-Sömmerda der Bahn im Westen und der A71 im Osten, die einen Bogen schlägt.

Die Waldung ist per Straße von Erfurt über Stotternheim, aus Richtung Sömmerda über Schloßvippach, Großrudestedt sowie per Bahn HP Großrudestedt gut erreichbar. Die westliche Hälfte der Waldung bildet ein 75,20 ha großes Naturschutzgebiet, das 1961 eingerichtete NSG "Schwansee". Es bietet sich eine Rundwanderung um das NSG an von Schwansee aus. 
 

Beschilderung des NSG an der Ostgrenze

Beschilderung des NSG an der Ostgrenze

 Nord-Süd-Graben bildet die Ostgrenze des NSG

Nord-Süd-Graben bildet die Ostgrenze des NSG

Durchzogen wird der Wald von einem Grabensystem. Der „Neue Graben“ als Hauptgraben, zweigt bei Eckstedt von der Gramme ab und fließt ihr bei der Schiemmühle Großrudestedt wieder zu. Er tritt an der Teichmühle am südlichen Waldrand in das Forst ein. Am „Haderfleck“, einer dreieckförmigen Lichtung, mündet ein Nebengraben, der die östliche Grenze des NSG bildet, in den „Neuen Graben“. 
 

Südrand des Waldes nach Westen
Südrand des Waldes nach Westen

 Südrand des Waldes nach Osten

Südrand des Waldes nach Osten

 
Graben am Südrand des Forstes

Graben am Südrand des Forstes

 Geknickt und überwachsend

Geknickt und überwachsend

Dem NSG westlich vorgelagert und zum Erfurter Stadtgebiet gehörig, ist der Geschützte Landschaftsbestandteil (GLB) „Feuchtwiese Schwansee“. Im Übergangsbereich zwischen den Schutzflächen haben sich Teichflächen gebildet. 
 

GLB Feuchtwiese

GLB Feuchtwiese

 Nordwestgrenze des NSG nach Schwansee

Nordwestgrenze des NSG nach Schwansee

Dieser Wald ist insofern eine landeskulturelle Besonderheit, als er künstlich, also als Kunstforst, auf einem ehemaligen Seeboden angelegt wurde. Ein Blick zurück in die über zweitausend Jahre alte Kulturgeschichte Mittelthüringens zeigt, daß die Landschaft um Erfurt - Bad Tennstedt - Kindelbrück - Buttstädt noch im Jahre 1700 mehrere, zum Teil viele Quadratkilometer große natürliche und auch durch Menschenhand begründete Seen und Teiche aufwies. 
 

 
 

  

Sie befanden sich in den tiefsten und meist versumpften Einmuldungen der breiten Flußauen von Unstrut, Helbe, Gera, Gramme und Lossa. Eine der Seeflächen war der Schwansee beim gleichnamigen Ort. 
 

Wasserstandmessung im umlaufenden Graben am Westrand des NSG

 Graben am Westrand des NSG Wasserstandmessung im umlaufenden Graben am Westrand des NSG

Wasserstandsmessung im umlaufenden Graben am Westrand des NSG

Die Siedlung Schwansee, bereits 1306 urkundlich erwähnt, lag im Mittelalter am Rande eines ausgedehnten Sumpfgeländes. Ein künstlicher Damm südöstlich des Dorfes sperrte den Wasserabfluß, so daß ein 2,2 Quadratkilometer großer und ziemlich flacher See entstand. Der 1492 von der Gramme abgezweigte Kunstgraben ("Neuer Graben") leitete beachtliche Wassermengen dem See zu, so daß die gesamte sumpfige Niederung aufgefüllt wurde. 1635 besaß der Schwansee fast fünf Quadratkilometer Fläche bei einer mittleren Wassertiefe von reichlich einem Meter. Weitere Dämme mußten gebaut werden, denn Stürme ließen den künstlich angelegten Teich immer wieder ausufern. Verschilfungen und Verlandungen erschwerten die Fischwirtschaft, weshalb ja eigentlich das Gewässer einstmals angelegt bzw. erweitert worden war. 
 

Übergangsbereich am Westrand des NSG zur Feuchtwiese mit Schilf Übergangsbereich am Westrand des NSG zur Feuchtwiese mit Schilf

Übergangsbereich am Westrand des NSG zur Feuchtwiese mit Schilf

Um den See abfischen zu können, mußte er jährlich abgelassen werden. Im Jahre 1705 begann man damit schon im zeitigen Frühjahr und endete erst im August. Während des Ablassens waren zwangsverpflichtete Bauern der Umgebung damit beschäftigt, in harter Arbeit das Schilfrohr samt Wurzeln auszureißen. Letztlich siegte das verzweigte Schilfrohr aber doch, so daß man den Karpfen-, Hecht- und Aalfang einstellen mußte. 1795 begann die Trockenlegung der Niederung." Landschaftsmelioration ist also durchaus keine Erfindung der Neuzeit. Ein sternförmig angelegtes Grabennetz entwässerte den See- und Sumpfboden recht schnell. Zwischen 1797 und 1820 wurden die trockenen Stellen bereits mit Gehölzen bepflanzt. 
 

Graben in das NSG-Innere

Graben in das NSG-Innere

 Den Westrand des NSG umlaufender Graben mit Wasserregulierung

Den Westrand des NSG umlaufender Graben ...

 Den Westrand des NSG umlaufender Graben mit Wasserregulierung

... mit Wasserregulierung

Heute ist das gesamte ehemalige Teichgelände mit Ausnahme des sogenannten "Haderfleckes" waldbestockt und unterliegt der Bewirtschaftung durch das Forstamt Kranichfeld. Das Naturschutzgebiet "Schwansee" wird nach speziellen Maßgaben pflegend genutzt. Die Kontrolle zur Einhaltung der Behandlungsrichtlinie obliegt dem Gebietsbetreuer, dem Revierförster und dem Kreisnaturschutzbeauftragten. Die wissenschaftliche Betreuung liegt in den Händen der Landesanstalt für Umwelt Jena.

Ein kleiner Abschnitt des "Schwansee"-NSG ist vor Ort mit weißen Farbringen an den Bäumen als Totalreservat markiert. Es stellt die Kernzone des Waldschutzgebietes dar. Hier ist keinerlei Nutzung erlaubt, um die langfristigen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht zu stören. Ursprünglich, vor 150 Jahren, wurden auf den entwässerten Flächen nur Eschen und Feldulmen gepflanzt.

    

Seither hat dieser künstlich begründete Wald eine eigene innere Dynamik entwickelt, die zur natürlichen Anreicherung mit Pflanzenarten führte. Nach wie vor sind die Eschen dominant. Die Ulmenbestände sterben infolge einer in ganz Europa verbreiteten Krankheit durch Pilze ab. Diese Krankheit wird durch den Ulmensplintkäfer im wesentlichen verbreitet. In der Baumschicht gesellten sich im Laufe der Zeit Berg-, Spitzahorn und Sommerlinde hinzu. Stieleichen wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger. In der reich entwickelten Strauchschicht finden sich Wildbirne und -apfel neben Schwarzem Holunder, Hopfen, Ackerbrombeere, Rotem Hartriegel und Haselnuß. In der kräuterreichen Feldschicht haben sich zahlreiche feuchtigkeitsliebende Kräuter angesiedelt. Auffällig sind darunter etliche "Kulturflüchtlinge" , wie zum Beispiel Wilde Blasenkirsche, im Volksmund als Lampionblume - wegen der eigenartigen blasigen Früchte so bezeichnet. Die Struktur der Vegetation wird nach wie vor von flachen Grundwasserverhältnissen in den jungen Böden bestimmt. Die Bodenbildungen zu untersuchen, gehört zu den wissenschaftlichen AufgabensteIlungen im NSG. Ein Reihe Pflanzenarten stellen floristische Kostbarkeiten dar, wobei als Beispiel die Sumpf-Gänsedistel erwähnt werden soll, ein im Schwanseewald bis zu 3 m Höhe erreichende Art.  Rundweg am Südrand des NSG
   

West-Ost-Graben in das NSG-Innere

West-Ost-Graben in das NSG-Innere

 Rundweg am Südrand des NSG

Rundweg am Südrand des NSG

Trotz seiner künstlichen Anlage dokumentiert dieser Wald heute den typischen Hartholz-Auenwald auf nährstoffreichen Böden. Inmitten intensiv genutzter Agrarflächen gelegen, ist er ein wichtiges Refugium für Tiere: Vögel, Fledermäuse, Spitzrüßler und andere Kleinsäuger. Vom namengebenden Höckerschwan des 15. Jahrhunderts ist heute im NSG nichts zu finden. 
 

NSG von Westen mit dem vorgelagerten GLB „Feuchtwiese Schwansee“

NSG von Westen mit dem vorgelagerten GLB „Feuchtwiese Schwansee“

Quelle: Reinhard Krause
Fotos: Detlef Tonn (07.11.2009)

Letzte Aktualisierung ( 01. 12. 2009 )
 
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