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25. 03. 2017
Thiele, Johann Alexander - Landschaftsmaler, Radierer PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
05. 05. 2015
Nach dem Leben gemalte Heimat

* 26. März 1685 in Erfurt
† 22. Mai 1752 in Dresden

Johann Alexander Thiele
Johann Alexander Thiele mit Palette und Pinseln. Gemälde
des Darmstädter Hofmalers Johann Christian Fiedler (1697 –
1765), um 1729/1738

Johann Alexander Thiele ist als bedeutender Landschaftsmaler und Radierer überliefert, der mit seiner ungewöhnlich genauen Naturbeobachtung einst neue Maßstäbe setzte, topografisch exakte Darstellungen schuf und damit eine neuartige Schule der Landschaftsmalerei begründete, mit der er vor allem in Thüringen, Sachsen sowie Mecklenburg nachwirkte.

"Könnte man das Skizzieren nach der Natur überhaupt dem Landschaftsmaler abgewöhnen, damit er gleich lernte, einen würdigen Gegenstand unmittelbar geschmackvoll in einen Rahmen zu beschränken, so wäre viel gewonnen", notierte Goethe anno 1831. Wider einmal ritt der Ruheständler sein Steckenpferd: eine Generalattacke wider jene Künstler, die nicht ganz im soliden Stil der Alten zu arbeiten gedachten. Ein vergebliches Unterfangen, glücklicherweise. Und so hätte sich der in antiken Idealen schwelgende Geheimrat wohl auch im Sarge umgedreht, wäre er Augenzeuge dessen geworden, was sich 50 Jahre später im ach so schönen Weimar ereignete. Zuhauf zog es die Künstler ins Grüne, um die Natur zu skizzieren, so, wie sie sich ihnen bot. Verträumt. Düster. Erdig. Fragmentarisch. Scheinbar zufällig. Ob Theodor Hagen, Ludwig von Gleichen- Russwurm oder Christian Rohlfs - die Mitglieder der Weimarer Malerschule prägen mehr als jeder andere Maler das heutige Verständnis von Thüringer Landschaftsmalerei. Worum bis vor kurzem nur wenige Kunstfreunde wussten: Die Tradition reicht viele, viele Jahrzehnte weiter zurück.

Schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte ein gebürtige Erfurter mit großformatigen Ansichten von Mitteldeutschland seine Zeitgenossen zu verzaubern gewusst. Der Zeitgenosse von Bach galt als einer der produktivsten und begnadetsten Landschaftsmaler seiner Zeit. Auch in den erhaltenen Auktionskatalogen des 18. Jahrhunderts stand der Autodidakt mit seiner Malerei hoch im Kurs. Sein Markenzeichen waren regional typische Motive. Thiele schuf mit künstlerischer Meisterschaft gemalte Heimat, die bis heute das Wiedererkennen ermöglicht.

Doch der Ruhm verging ebenso schnell, wie er gekommen war. Beinahe über Nacht waren andere in Mode - Canaletto und Caspar David Friedrich. Indes, Landschaften, die sich ganz konkret im Mitteldeutschen verorten lassen, malten sie eher selten. Im Gefolge eines sich verändernden Kunstgeschmackes Anfang des 19. Jahrhunderts geriet der Erfurter Meister über fast 200 Jahre in Vergessenheit.

Erst 2002 sorgte die Dresdner Galerie Alte Meister mit einer Sonderausstellung zum 250. Todestag für die Wiederentdeckung seiner Schöpfungen. Das Angermuseum in Erfurt sowie die Schlossmuseen in Arnstadt und Sondershausen in Thüringen folgten 2003. Dazu förderten nach diesem Auftakt inzwischen andere Museen und Sammlungen zwischen Rudolstadt und Schwerin in den Depots Bedeutendes von der Hand Thieles zutage.

Aus seiner Biografie war nicht allzu viel bekannt und auch dies Wenige gerade dann mit Fragezeichen versehen, wenn es um die Thüringer Jahre geht. Geradezu als sensationell musste daher die Wiederentdeckung der Familienbibel Thieles im Kupferstichkabinett von Berlin gelten, worin der Meister auf mehreren Seiten biografische Angaben hinterließ, die einige bisherige Lücken zu seinem Werdegang schließen. Demnach wurde Thiele am 26. März 1685 in Erfurt geboren. Nach heimischem Schulbesuch absolvierte er eine Lehre als Buchdrucker, verdingte sich aber bereits in jungen Jahren als Soldat. Im Gefolge der Kriegsläufe kam er in einige Regionen, wo er angesichts der landschaftlichen Schönheit immer öfter zum Zeichenstift griff und ohne jegliche Ausbildung Erstaunliches zu Papier brachte. Diese ungewöhnliche Neigung zur Kunst, die auch bald Landschaften in Wasserfarben oder mit Pastellstiften einschloss, erregte in der Soldatenumgebung Aufsehen und brachte ihm unter den Offizieren wohl auch Käufer für seine Bilder. Thiele erkannte hier seine Zukunft, quittierte den Dienst, nahm ersten Malunterricht - einschließlich der ÖI- sowie Staffagemalerei - und zog zunächst als Wanderkünstler durch Sachsen und Thüringen, bis ihn der kunstsinnige Kurfürst August der Starke mit lukrativen Malaufträgen bedachte.

Um Pfingsten 1718 weilte er in Arnstadt, wo er im Gasthof "Zum Roten Hirsch" am heutigen Kohlenmarkt logierte, sich in eine der Wirtstöchter Hals über Kopf verliebte und schon wenige Tage später die Verlobung erreichte. Fünf Monate danach heirateten die Jungfrau Clara Benigna Dönicke und der Maler Johann Alexander Thiele. Das Paar wohnte dann während einer ersten Verpflichtung in Dresden.

Doch der Maler ging immer wieder auf Maltour. Dies kam freilich nicht von ungefähr. Thiele verbrachte das Gros seiner künstlerischen Jahre im Dienste von Fürsten. Der Künstler sollte ihnen einen Bildatlas ihrer Herrschaftsgebiete erstellen. Und so zog der Erfurter etwa durch Sachsen, prospektierte Städte und Landschaften, Burgen und Schlösser. 38 dieser großformatigen Werke befinden sich noch immer in der weltberühmten "Gemäldegalerie Alte Meister" in Dresden. Seine diesbezügliche Werkpalette reichte von den Elbtallandschaften mit dem Bild vom Plauenschen Grund über die Darstellung des Oybin bei Zittau bis zu beeindruckenden Stadtansichten von Dresden, Freiberg, Weißenfels sowie Naumburg.

Die Drei Gleichen bei Arnstadt
Die Drei Gleichen bei Arnstadt. Gemälde von Johann
Alexander Thiele© Arnstädter Schlossmuseum.
Foto: Hans-Peter Stadermann

Zudem zog es ihn immer wieder nach Thüringen, wo er am Gothaer Hof zahlungskräftige Käufer für seine Kunst wusste. Die pittoresken Winkel des heutigen Freistaats hatten es dem Hofmaler angetan, wo er am Kyffhäuser das Jagdschloss Rathsfeld, in Sondershausen, Schwarzburg sowie Rudolstadt, Greußen-Clingen, Keula, Volkstedt Schlösser in idyllischer Umgebung malte, außerdem die sagenhaften Burgen Drei Gleichen verewigte. Dagegen wird man eine Ansicht von Erfurt vergebens in Museen suchen. Ausgerechnet seine Geburtsstadt hat Thiele nie nachweislich gemalt.
Er erlangte die besondere Gunst des Fürsten Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen (1678-1740, reg. 1720-40), der ihn zwischen 1728 und 1738 zum Hofmaler bestellt sowie als Chef der fürstlichen Gemäldegalerie verpflichtet. Thiele hatte es in seinen autobiographischen Notizen in der Familienbibel als Dero hohe Gnade bezeichnet, am Hofe von Fürst Günther I. arbeiten zu dürfen (s. Katalog zu den Ausstellungen 2003).
Er fertigt wenigstens 22 Prospekte an. Lediglich neun dieser Thüringer Motive haben die Zeitläufe überdauert. Er habe, so kritzelte Thiele auf den Rand vieler Bilder, nach dem Leben gemalt. Mal notiert er dies in Deutsch, mal im Stile der Zeit: ad vivum. [lateinisch, "nach dem Lebendigen", meist kurz A.V.]
Dennoch: Wer vor den Prospekten steht, ist, Ortskenntnis vorausgesetzt, auch irritiert. Die Drei Gleichen etwa, jene sagenhaften Burgen zwischen Arnstadt und Gotha, thronen bei Thiele auf dicht beieinander stehenden, kegeligen Bergen. Die tatsächliche Landschaft ist undramatischer, ist sanft und weit.
Thiele idealisierte, wo immer er nur konnte, das aber perfekt. Stets sind es dunkle Hänge oder hohe Bäume, die seine Ansichten rahmen, die hinführen zum aus dem Hintergrund hell emporstrebenden Mittelpunkt. Hat Thiele zu diesen romantisierenden wie dramatisierenden Kompositionen gefunden, indem er, wie andere barocke Maler, die Natur in einem gewölbten Spiegel betrachtete? Gut möglich.
Was also ist dran am vollmundigen "ad vivum?" Jede Menge, meint Helga Scheidt. Die Kunsthistorikerin hat die Entstehung diverser Landschaftsgemälde recherchiert. Demnach hätte der Maler die Drei Gleichen von wenigstens drei Standorten aus skizziert. Selbst die im Vordergrund zu sehende Mühle glaubt Scheidt erkannt zu haben. Sie entspräche jenem Typus, der seinerzeit an der einige Kilometer entfernten Apfelstädt stand. So hat Thiele auf ganz besondere Weise nach dem Leben gemalt - indem er mehrere der für die Region typischen Motive zu einer virtuellen Wirklichkeit verschmolz.

Aber dann holte ihn Kurfürst August III. von Sachsen mit lukrativen 1000 Talern Jahresgage als Hofmaler zurück nach Dresden. Thiele war nun wer in der mitteldeutschen Kunstszene.
Thiele , der nach dem Tod seiner ersten Frau in zweiter Ehe mit der Tochter eines "Cammer-Agenten" aus Weimar verheiratet war, hatte trotz Hofbindung in Dresden offenbar viele Freiheiten, die er 1749 für einen langen Malaufenthalt am Hof von Herzog Christian Ludwig 11. von Mecklenburg in Schwerin nutzte, wobei zahlreiche Bilder entstanden, die inzwischen wieder zu den Schätzen der Schweriner Kunstsammlungen gehören.

Als Johann Alexander Thiele 1752 auf der Höhe seine Schaffens starb - Goethe war gerade mal drei Jahre alt -, hingen längst Dutzende seiner Prospekte in Schlössern und Palais. Allein der Hof von August dem Starken und August III. (Dresden) soll 80 seiner Landschaftsporträts besessen haben. Zusätzlich zu seinem Werk sind viele nach ihm gestochene Ansichten überliefert. Zu den diesbezüglichen Thiele-Bewunderern zählte auch Johann Wolfgang von Goethe. Wenn der Dichterfürst höchstselbst Landschaften malte, so verrät er in "Dichtung und Wahrheit" dann auch gern nach Vorlagen von Johann Alexander Thiele.

In der aktuellen Thiele-Renaissance wurden u.a. Bilder vom Karneval im Zwinger sowie vom berühmten "Lustlager bei Zeithayn" in Dresden und ein Porträt des Künstlers mit gewaltiger Perücke in Rudolstadt sprichwörtlich ausgegraben.

Mirko Krüger (2005) / Martin Stolzenau (2010), zusammengestellt

 

Ausstellungen

2002 – Dresden, Galerie Alter Meister
2003 – Schlossmuseum Arnstadt / Sondershausen
Katalog: „Wie über die Natur die Kunst des Pinsels steigt“. 400 S.
Der Katalog erschließt mit einem vollständigen Reprint sowie einer Umschrift das obigen Selbstzeugnis Dero hohe Gnade in der Familienbibel. Das Dokument gewährt einen tiefen Einblick in die Lebensumstände in Mitteldeutschland zu Zeiten des Barock.
Elf teils sehr umfängliche Aufsätze schließen sich an, erhellen Thieles Vita aus heimatgeschichtlichen als auch aus kunsthistorischen Perspektiven.

 

Quellen

Fröhlich, Anke: Thiele, Johann Alexander,  in: Sächsische Biografie, herausgegeben vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., wissenschaftliche Leitung: Martina Schattkowsky, Online-Ausgabe: http://saebi.isgv.de/biografie-druck/Johann_Alexander_Thiele_(1685-1752)

Letzte Aktualisierung ( 09. 11. 2016 )
 
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