www.mamboteam.com
Startseite arrow Persönlichkeiten arrow Reichardt, Albert - Geologe, Paläontologe, Naturschutzpionier
22. 05. 2017
Reichardt, Albert - Geologe, Paläontologe, Naturschutzpionier PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
23. 03. 2016
Er war  d e r  Geologe Erfurts

* 30. 04. 1871 in Erfurt
† 20. 12. 1932 ebenda

„Wie sein Namensvetter Christian Reichard[t] das Erfurter Erdreich gärtnerisch bearbeitet hatte, um aus ihm ein so fruchtbares Land zu gestalten, … so hat Albert Reichardt das Erdreich weit und breit in und um Erfurt bis tief in sein Inneres hinein in jahrzehntelanger Forschung einer wissenschaftlichen Bearbeitung unterzogen. Nicht nur, dass er die bisherigen Erkenntnisse völlig beherrschte, er verbesserte sie allerseits, gewann immer mehr Neuland dazu, war in manchem geradezu bahnbrechend, im ganzen wohl für lange Zeiten abschließend: kurz, er war  d e r  Geologe Erfurts.

Der Vater von Albert - Bürovorsteher bei der Versicherungs-Gesellschaft Thuringia – war ein schlichter und bescheidener Mann, der aber über ein gediegenes Wissen verfügte und seine Kinder - er besaß drei Söhne und eine Tochter - geistig ungemein anzuregen wusste zum Arbeiten und Schaffen, nie jedoch zum Ehrgeiz. Rührend bemühte er sich um seinen Albert, dessen Werden vielen Hemmungen unterworfen war. Das Gymnasium, das auch er, wie seine Brüder, besuchte, musste er schon als Obersekundaner beenden, da er fortwährend über seinen Kopf und seine Nerven klagte. Nachdem er sich hier und da zu bewerben versucht hatte, erhielt er schließlich eine Lebensstellung bei der Thuringia, bei der ja auch sein Vater angestellt war.
Freilich trieb es ihn dort bald, sich nebenher eingehender geistig zu beschäftigen, und mit restlosem Eifer bemühte er sich, eine umfassende Allgemeinbildung sich anzueignen; er wollte aber auch sich auf einem besonderen Gebiete aktiv und schöpferisch gern betätigen. Das gelang ihm zunächst literarisch mit dem Erscheinen eines politischen Romans, dem Zeitungsaufsätze im Sinne der 'Moderne' folgten.

Um 1900 aber wandte er sich eine kurze Zeit der Astronomie zu, um dann zur Botanik und Zoologie überzugehen. Gegen 1904 fing er an, Mineralien, Petrefakten und dergl. zu sammeln, was ihm die letzte und entscheidende Blickwendung in seinem Leben und Streben gab: er wurde Geologe. Als solcher durchwanderte er Thüringen und die angrenzenden Länder - freilich Erfurt blieb immer der Mittelpunkt seines Arbeitens, Beobachtens, Registrierens. Bald begann er die Ergebnisse seiner Arbeit schriftlich niederzulegen, zunächst in Zeitungen und Zeitschriften mehr feuilletonistisch, seit 1909 aber auch streng wissenschaftlich. In diesem Jahre erschien von ihm 'Die Entwicklungsgeschichte der Gera und ihrer Nebengewässer', eine Arbeit, die wegen ihrer Gründlichkeit und Gediegenheit die volle Anerkennung der Fachleute fand. Als in demselben Jahre die 'Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften' beschloss, ihr Hauptaugenmerk auf die wissenschaftliche Erforschung der Heimat zu richten und zunächst die Grundlagen für eine Siedlungsgeschichte Erfurts und seiner Umgebung zu gewinnen, da griff er mit Begeisterung diesen Gedanken auf, warb überall Mitarbeiter auf naturwissenschaftlichem Gebiet und begann selbst den Reigen der Arbeiten mit dem Aufsatz: 'Die orohydrographischen Verhältnisse des Stadt- und Landkreises Erfurt mit Berücksichtigung des geologischen Aufbaus' (1910). Er wurde auf Grund dieser Arbeit 1911 in die Akademie aufgenommen. Bis 1930 folgten von ihm noch weitere wesentliche Arbeiten. So erschien aus seinem schon seit 1910 ausgeübten Amt als Geschäftsführer der staatlichen Naturdenkmalspflege im Regierungsbezirk Erfurt heraus, die Zusammenstellung 'Naturdenkmäler der Umgebung Erfurts' (1915). Im ganzen umfasst sein Schaffen 14 Arbeiten; hinzukommen, wie gesagt, noch eine ganze Reihe kleinerer Aufsätze in Zeitungen, insbesondere im Erfurter Allgemeinen Anzeiger und in Zeitschriften. Aber mit alledem war seine Betätigung noch nicht erschöpft: Als es galt, in Erfurt ein "Museum für Naturkunde" zu errichten, da war er wieder mit Begeisterung dabei. Mit großem Eifer und Geschick baute er hier 1924-26 die "Geologische Schausammlung" in chronologischer Reihenfolge auf.

Geradezu bewundernswert ist es, dass er den allergrößten Teil dieser Arbeiten neben seinem Beruf in seiner Freizeit, insbesondere Sonntagen erledigte; erst vor wenig Jahren gab er diesen auf oder musste vielmehr ihn aufgeben, weil sein Nervenleiden und alle hiermit zusammenhängenden Störungen seiner Gesundheit sich immer mehr verschlimmerten. Nun hatte er zwar mehr Zeit, wurde aber wiederum durch seinen Gesundheitszustand gehemmt. Immerhin überwand er zunächst die düsteren Trübsinnsanfälle und arbeitete an seinem eingangs erwähnten alle seine Forschungen zusammenfassenden Hauptwerk: der geologischen Karte von Erfurt.
Nach der Beendigung der Arbeit, jedoch noch vor der Veröffentlichung, die eine Krönung seines Lebenswerkes für ihn bedeutet hätte, machte er in einem dunkeln Augenblick [schwerer Depression] seinem Leben selbst ein Ende. Seine Mitstreiter in der Akademie und alle, die ihn näher kannten und ihn liebten und schätzten, waren über diesen Ausgang mehr als erschüttert.“ (leicht verändert)

Es bleibt die uneingeschränkte Hochachtung gegenüber der Lebensleistung dieses Mannes, die er sich unter den schwierigsten gesundheitlichen Umständen abringen konnte, und mit der er sich in der Forschungsgeschichte von Erfurt einen bedeutenden Platz gesichert hat.
Albert Reichardt - bescheiden und zurückgezogen in seinem Leben, dagegen mobilisierend auf seine mitforschenden Weggefährten wirkend - bleibt uns auch darin Vorbild, dass er selbst aus sich nichts machte und bei allen seinen Leistungen nichts für sich haben wollte.


Veröffentlichungen

Des Bellamy Zeitalter 2001-2010. Politischer Roman, 1893 Decker, Berlin
Ein Blick in die Vorzeit der Umgebung Erfurts. In: Thüringer Warte, Bd.2. 1906. - S. 167 - 175
Abriss der Geländegestaltung und geologischen Verhältnisse der Umgebung Erfurts, 1907, 11 S.
Die Schwellenburg bei Erfurt - Gestalt, Entstehungsgeschichte, Botanisches. In: Thüringer Warte, Bd.4.- 1908. - S. 411 - 417 ; S. 499 - 504
Die Entwicklungsgeschichte der Gera und ihrer Nebengewässer. In:  Zeitschrift für Naturwissenschaften, Halle (Saale) 1909, Bd. 81, zugleich auch im Sonderdruck
Die orohydrographischen Verhältnisse des Stadt- und Landkreises Erfurt - mit Berücksichtigung des geologischen Aufbaus. In: Jahrbücher der Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, N. F., 36(1910) S. 273 – 344, auch als Sonderabdruck, 70 S.
Die geographische Eigenart des Stadt- und Landkreises Erfurt in ihrer Abhängigkeit vom Bodenbau. 1911, 18 S.
Querprofil einer jungdiluvialen Geraterrasse in der Freiligrathstraße in Erfurt. 1911, 2 S.
Die geographische Eigenart des Stadt- und Landkreises Erfurt in ihrer Abhängigkeit vom Bodenbau. In: Humanistisches Gymnasium und modernes Kulturleben, 1911. - S. 17 - 34
Die Johannesstraße in Erfurt im Jahre 1511. In: Pflüger, 3(1926). - S. 55 - 58
Verzeichnis von Naturdenkmälern der Umgebung Erfurts. Sonderabdruck aus d. Jahrbüchern d. Königl. Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. N.F. Heft 41, 1915
Das Geratal zwischen Bischleben und Gispersleben - zwei geologische Spaziergänge.  1919, 24 S.
Geologie der Umgebung Erfurts. 1922, 40 S.
Der Fund eines spiralgekrümmten Mammut-Stoßzahns bei Erfurt. In: Jahrbücher der Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, N. F., 50 (1931) S. 55 - 58
Geologie der Umgebung Erfurts. (populäre und wichtige Unterrichtshilfe für die Erfurter Schulen), 1922, Keysersche Buchhandlung
Naturwissenschaftliche Erforschung der Umgebung Erfurts. In: Blättern für Heimatkunde (Mitteldeutsche Zeitung) 1924 Nr. 5. und 17
Die Bedeutung der Erfurter Umgebung in geologischer Hinsicht. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, 44(1927) S. 249 - 255
Die landschaftliche Gliederung Thüringens als Grundlage für faunistische und floristische Arbeiten. In den: "Entomologische Blättern", hrsg. von Richard Kleine, 1928
Eine neue hercynische Störungszone im Thüringischen Triasbecken. Im Jahrbuch der Preußischen Geologischen Landesanstalt, Bd. 49, 1928
Beiträge zur Geologie der Umgebung Erfurts. In: Jahrbücher der Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, N. F., H. 48 (1929) S. 159 – 165
Geologische Karte der Umgebung von Erfurt, Karte und Begleitworte (58 S.), 1932
Kleine Schriften [Sammelband]. o.J.
Beiträge zur Heimatkunde des Stadt- und Landkreises Erfurt [Sammelband], o.J.
In der Zeitschrift "Beiträge zur Geologie von Thüringen":
Der mittlere Keuper in der Umgebung von Erfurt. Bd. 1, H. 3. 1926, S. 1-16
Bericht über neue geologische Aufschlüsse bei Erfurt. Sonderabdr. 1926
Beitrag zur Tektonik des Thüringer Beckens, 1930.

Sekundärliteratur

Krause, Torsten: Albert Reichardt (1871-1932) und seine Verdienste um die Erforschung der Geologie in der Umgebung von Erfurt - in memeoriam seines 75. Todestages. In: Veröffentlichungen des Naturkundemuseums Erfurt, 2007, H. 26, S. 5-11.

Quelle

Biereye, Johannes: Nachruf für Albert Reichardt. In: Jahrbücher der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, N. F., H. 51 (1933) S. 130-133.

Letzte Aktualisierung ( 02. 11. 2016 )
 
< zurück   weiter >
Nach oben
Nach oben