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24. 03. 2017
Die Wilde Tulpe in Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
13. 05. 2016
phot. D.Tonn
 
Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris), auch Wald-Tulpe, Weinberg-Tulpe - eine Mutter der mitteleuropäischen Tulpe
Wilde Tulpe an der Gera bei Gispersleben
Wilde Tulpe an der Gera bei Erfurt-Gispersleben, 02.05.2016

Blütezeit: Ende April bis Anfang Mai
Hauptunterscheidungsmerkmale:
Blütenfarbe: ausschließlich rein gelb
Blütenform: Perigonblätter sehr spitz auslaufend

Die Blumenfreunde erfreuen sich in diesen Maitagen an der Farben- und Formenvielfalt unserer Gartentulpe (Tulipa gesnerana), die von weiß bis samtschwarz und immer neuen Farbübergängen gezüchtet, überall auf dem Markt zu bekommen ist. Daneben können wir aber noch eine über uns gekommene ausgewilderte Urform von Tulpe selbst hier in Erfurt bestaunen! Sie hat keinen spektakulären Auftritt, ist „nur“ einfarbig, nicht sehr groß, ein Kulturrelikt von schlichter, fast berührender Schönheit.

Die Wilde Tulpe treibt im Frühjahr aus einer einfachen Zwiebel einen Stengel hervor. Manchmal sind auch Verzweigungen zu beobachten. Daran stehen zwei oder drei breit-linealische und zugespitzte grüne bis blaugrüne Laubblätter. Die Pflanze wird 20 bis 40 cm groß und ist im Habitus kleiner als die gewöhnliche Gartentulpe. Die endständigen Blüten hängen vor dem Aufblühen über und sind außen oft grünlich überlaufen. Die Blütenblätter sind vier bis fünf Zentimeter lang.

Die eigentliche natürliche Heimat der Weinbergstulpe liegt im südlichen und südöstlichen Europa, von wo sie als Zierpflanze im 16. Jahrhundert in unsere Breiten mitgebracht wurde und spontan verwilderte. Sie ist also ein Neophyt. In alten, längst vergessenen Weinbergen, die schon lange mit Laubwald bedeckt sein können, vermochten sich Wald-Tulpen bis heute zu erhalten. An solchen mit Gebüsch bzw. Wald bedeckten Stellen kommt diese uralte Zierpflanze aber kaum zur Blüte, höchstens an den lichten Randstellen zeigen sich die gelben Blumenblätter.
Tulipa sylvestris ist die einzige in Deutschland wild vorkommende Tulpenart. Die Blume des Jahres 1983 ist in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Während sie in anderen Bundesländern in die Rote Liste aufgenommen wurde, ist sie es in Thüringen (Stand 2011) aber (noch) nicht.

Wilde Tulpe im Biotop
Wilde Tulpe im Biotop, GLB Hungerbachhölzchen bei Erfurt-Marbach, 22.04.2016

Als Standorte gelten vor allem ehemalige Weinberge, verwilderte Obstgärten, Streuobstwiesen, ansonsten auch lichte Gebüsche, Parks, alte Friedhöfe, feuchte Waldungen, an denen ein mild-warmes Lokalklima herrscht. Dabei werden basenreiche Lehm- und Kalksteinböden deutlich bevorzugt.
Im Schutz aufkommender Gehölze bildet die ästhetische Pflanze sehr schnell größere Bestände aus. Dieser fördernde Aspekt kehrt sich allerdings um, wenn die Gehölze übermäßig verdichten und die lichtbedürftigen Pflanzen zu stark beschatten. Sie reagieren dann darauf mit abnehmender bis ausbleibender Blühfreudigkeit. Darin liegt auch das Hauptproblem beim Erhalt oder der Entwicklung der vorhandenen Vorkommen. Es besteht ein ständiger Pflegebedarf im Auslichten der Gehölze. Dabei gab und gibt es Defizite innerhalb der öffentlichen und gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Das kleine, nur 5,5 ha große „Hungerbachhölzchen“, gelegen zwischen Flughafen und Ortsteil Marbach wurde 1961 als erstes und bis in die Wendezeit als einzig bleibendes Flächennaturdenkmal in Erfurt, unter Schutz gestellt. Es war nach dem ab 1990 hier geltendem Bundesnaturschutzgesetz ein Geschützter Landschaftsbestandteil (GLB) und als solcher 2001 offiziell bestimmt. Das Kerbtal ist an einer WO gerichteten Erosionsrinne gelegen, wie sie typisch sind für den Ostabhang des SO-Ausläufers der Fahner Höhe (z.B. auch o Salomonsborn). Wesentliches Schutzziel war die Sicherung eines seltenen individuenreichen Vorkommens der Wilden Tulpe. Zu dem seinerzeit noch einsam gelegenen Feldgehölz gesellte sich in N und O eine Gartenanlage hinzu, die anderen Seiten grenzen an große Ackerflächen. Das Problem in den Jahrzehnten nach der Unterschutzstellung war die unzureichende Pflege. Die hangständigen Eschen verdichteten immer mehr und dehnten sich auch in den Talgrundbereich mit den Frühblühern aus (z.B. auch Winterlinge). Die anfangs reich blühenden Bestände gingen allmählich zurück, beschattendes Gebüsch hinderte sie am Blühen, sie blieben steril. Die vegetative Vermehrung war allerdings beachtlich.

Wilde Tulpe mit noch hängender Blüte
Wilde Tulpe mit noch hängender Blüte im GLB Hungerbachhölzchen
bei Erfurt-Marbach, 22.04.2016

Anfang der 1990er Jahre schafften Pflegeeinsätze des Naturschutzamtes erste Abhilfe.
Nach weiteren zwei Jahrzehnten standen die Bäume inzwischen wieder so dicht, dass sie sich gegenseitig im Wuchs behinderten und instabil wurden, nicht mehr ausreichend Licht auf den Boden ließen. Eine Durchforstung mit entsprechenden Holzeinschlags- und Rückemaßnahmen wurde dann 2010 sehr schonend und nur bei Bodenfrost durchgeführt, um Schäden am Bestand und Boden zu vermeiden. Jedoch konnte das geschlagene Holz nicht vollständig aus dem Talgrund beräumt werden, was wiederum den Tulpen Flächen zum Blühen entzog.

Beim Besuch des GLB, das vollständig umzäunt ist, konnte im Gegensatz zu den Zeitzeugen-Überlieferungen, die von „individuenreich“, „größeren Beständen“ (Anfang der 1990er Jahre) und „recht zahlreich“ (1998) sprachen, leider nur ein schwaches Vorkommen, geschätzt von etwa 50 Exemplaren, festgestellt werden. Einige zog es in lichte Hanglage. Neben dem genannten Grund der mangelhaften Pflege, kommt noch in gewissem Maße die Ablage von Grünabfällen in Betracht. Wünschenswert wäre ein stärkeres Bewusstsein und mehr Eigeninitiative der Garten-Anlieger für die Erhaltung und Pflege „Ihres“ geschützten gemeinsamen Biotops, denn sie haben hier etwas sehr Wertvolles vor dem Gartenzaun.

Die in Erfurt aktuell vorgefundenen Wuchsorte sollen nachfolgend im Bild vorgestellt werden:

Im GLB Hungerbachhölzchen

Wilde Tulpe im BiotopWilde Tulpe, geöffnete EinzelblüteWilde Tulpe, geöffnete Einzelblüte mit Insekt (re. ob.)Wilde Tulpe im BiotopWilde Tulpe, Blick in geöffneten Blütenkelch

Neben diesem derzeit eher schwachen Hauptvorkommen gibt es in Erfurt weitere Standorte mit Wilde Tulpe:

Im näheren und weiteren Umfeld des Hungerbachtals
  • Ackerrand, unmittelbar w des GLB neben einem kleinen Graben in der Verlängerung des Hungerbachtals: Einzelpflanze

Wilde Tulpe, Einzelpflanze von der SeiteWilde Tulpe, Sepalen weit aufgeschlagenWilde Tulpe, Blütenkelch nahWilde Tulpe, Blütenkelch von der SeiteWilde Tulpe, Blütenkelch vom Stielansatz gesehen

  • Gärten: Gartenanlage Hungerbachhölzchen: Stattliche Gruppe

Wilde Tulpe mit Gartentulpe und Löwenzahn

  • Gärten Kakteenweg, benachbart mit Hohler Lerchensporn: 4er Gruppe vor dem Gartenzaun (weitere auf dem Grundstück)

Wilde Tulpe, 4er Gruppe vor Grundstück

Wilde Tulpe, Einzelblüte aufgehend

Entfernt vom Hungerbachtal

An der Gera, n Straße der Nationen, bei Gispersleben, auf Höhe einer Gartenanlage, benachbart mit Hohler Lerchensporn: Etwa 20 Pflanzen

Wilde Tulpe im Biotop Uferhang der GeraWilde Tulpe im Biotop an der GeraWilde Tulpe, Einzelblüte in später NachmittagssonneWilde Tulpe im Biotop krautreicher Uferhang der GeraWilde Tulpe, EinzelblüteWilde Tulpe, EinzelblüteWilde Tulpe, EinzelblüteWilde Tulpe, Einzelblüte, Sepalen weit umgeschlagenWilde Tulpe, EinzelblüteWilde Tulpe, Einzelblüte von der Seite

Quellen
  • Krause, Reinhard: Die Wald- oder Wildtulpe, Reihe: Geschützte Heimische Flora. In: TA Beilage vom 24. Januar 1992
  • dgl.: Am Hungerbach blüht die Wald-Tulpe, Reihe: Naturschutz in der Landeshauptstadt. In: TA, um 1991
Letzte Aktualisierung ( 22. 03. 2017 )
 
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