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23. 04. 2017
Graureiher in Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
13. 10. 2016
phot. D. Tonn
Die eleganten Schreitvögel sind auch in der Landeshauptstadt heimisch
Graureiher in der Gera
Graureiher in der Gera, ca. 100m n Straße der Nationen, gegenüber
der Einmündung Mühlgraben

Gelegentlich kann man in der thüringischen Metropole dem Graureiher, auch Fischreiher (Ardea cinerea) begegnen. Diese besonderen Momente sind zwar nicht alltäglich, aber auch nicht so selten wie etwa beim Eisvogel, der sich kaum zeigt. Davon künden auch einige eingestellte Fotos im Netz, die den großen Vogel in seinem natürlichen Umfeld an den Wasserläufen der Gera und ihren Seitenarmen, wie Breit-, Berg- und Walkstrom, aber auch am Flutgraben zeigen. Hier findet er sich ein, um auf Fischjagd zu gehen. Die Gewässer bieten ihm dazu beste Bedingungen. Die Wasserqualität hat sich seit den 1990er Jahren erheblich verbessert, dafür spricht auch seine Anwesenheit, und der Fischbesatz ist reichlich, z.B. an Forelle. Ideal scheinen die zahlreichen seichten Stellen zu sein, wo sich der Vogel direkt im Wasser in Jagdposition bringen kann. Oder er nimmt eine etwas erhöhte Position über dem Wasser ein (wie besagter Eisvogel), so etwa an der Schildchensmühle über dem Breitstrom. Die Lichtbrechung stellt dabei für beide kein Problem dar, ihre Beuteziel zu verfehlen. Ein entsprechendes Korrektursystem ist ihnen eigen.

Es werden also auch die geschäftigen, besucherstarken Innenstadtbereiche aufgesucht, woraus eine Anpassung an Menschen spricht, die sich unter den Bedingungen des Vogelschutzes über Jahre entwickelt hat. So ist seine Anwesenheit in der Großstadt inzwischen auch nicht mehr ungewöhnlich, auch wenn es von vielen Beobachtern noch so empfunden wird.
Zu einer Begegnung der besonderen Art kann es aber dennoch kommen, wie etwa im morgentlichen Berufsverkehr selbst erlebt. Auf der Talstraße im Ampelrückstau der Bergstraße schwebte ein Graureiher in Höhe der Talbrücke elegant im Tiefflug der wartenden Doppelschlange aus Blech entgegen. Und schon war der Morgen aus seinem alltäglichen Greichmaß herausgehoben.

Der Graureiher beeindruckt den Betrachter durch seine grazile Gestalt, etwa so wie bei einem Storch, wenn man ihm unbefangen, frei von Konkurrenz- oder Neidgedanken gegenübertritt. Meist ergibt sich die Gelegenheit plötzlich und unvermittelt, der Vogel steht einfach da, hochkonzentriert seine Augen aufs Wasser gerichtet, fast regungslos und starr, so dass man glaubt, sich erst vergewissern zu müssen, ob es sich um eine Plastik oder ein lebendes Wesen handelt. Sein Fluchtverhalten hat sich auch moderat an die städtischen Verhältnisse angepasst, er sieht im Menschen nicht mehr den unbedingten Feind und lässt ihn bisweilen dichter herankommen ehe er abhebt.

Spannungsfrei wird das Verhältnis zwischen Mensch und Fischreiher auch heute nicht sein, denkt man an die Interessen der Fischzüchter und Anglervereine, die Jungfische oder Fischbrut ausgebracht haben, um dann später den eigenen Fangerfolg einzufahren.
Herbert Grimm, der Erfurter Ornithologe und Experte am Erfurter Naturkundemuseum belegte in einem Artikel aus den beginnenden 1990er Jahren das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und naturerhaltenden Interessen in vergangenen Zeiten: „Schon in der „Großen Mater“ zu Erfurt aus dem Jahr 1505 und später bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts wird erwähnt, dass Graureiher am nun längst trocken liegenden Vieselbacher Teich geschossen worden sind. Einerseits zum Zwecke des Verzehrs, aber ganz besonders, um ihn sich als Konkurrenten um die begehrten Fische vom Hals zu halten. So erhielt z.B. der Teichmeister Georg Schmid zu Vieselbach am 21. Februar 1596 'sein gebuerendt tranckgelt', weil er 'Einen fisch Rachen' schoss.“ Es wurden Abschussprämien gezahlt.

Grimm verweist weiter auf die wichtige Rolle im Ökosystem, den die Vögel spielen: “An Fischteichen, wo Nahrung in Hülle und Fülle schnabelgerecht zur Verfügung steht, ernährt sich der interessante Schreitvogel tatsächlich in erster Linie von Fischen. Erbeutet werden vor allem kränkelnde Tiere, die in ihrer Bewegungsfähigkeit behindert, und dadurch leichter zu erbeuten sind.“ Hierin leistet der Vogel also auch einen  nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Gesunderhaltung der Fischbestände.
Der Graureiher ist zudem anpassungsfähig und „keinesfalls, wie landläufig geglaubt, auf Fischnahrung angewiesen.“ Dies ist besonders unter dem Aspekt geschädigter und verunreinigter Gewässer zu sehen, wie sie Anfang der 1990er Jahre (noch) real bestanden: „Die größte Brutkolonie in Mitteldeutschland befindet sich auf einer Saaleinsel bei Merseburg. Niemand, der den Zustand der Saale in diesem Bereich kennt [heute auch deutlich besser], würde auf die Idee kommen, dass die Reiher sich dort von Fisch ernähren. Die Vögel verbringen die meiste Zeit auf den Feldern, wo sie - wie Untersuchungen zeigten - in großer Zahl Feldmäuse erbeuten.“ Auch da ein positiver Einfluss im Interesse des Menschen.

Gera. Höhe Einmündung Mühlgraben, 02.05.2016:

Konzentriert auf die Bewegungen im Wasser
Konzentriert auf die Bewegungen im Wasser; gibt sich als Schreitvogel
zu erkennen
Die Körperstarre wird gelockert
Die Körperstarre wird gelockert: der Kopf heruntergenommen, das linke
Stelzenbein angewinkelt

Jörg Lummitsch, Leiter des Amtes Umwelt- und Naturschutz Erfurt, äußerte sich 2010 dazu in der TA: "Zu zwei Dritteln ernähren sie sich von Mäusen, Engerlingen und anderem Kleingetier. Nur ein Drittel ihres Speiseplans besteht aus Fisch." Das unterscheide sie von den Kormoranen, die sich komplett von Fisch ernähren und bei Fischzüchtern und Anglern besonders unbeliebt sind.
„Graureiher sehe man im Winter oft vor den Toren der Stadt, wo sie auf Ackerflächen nach Mäusen suchen. Auch frischgepflügte Furchen ziehen die eleganten Vögel an. Im Frühjahr und Sommer bevölkern sie Bach- und Flussläufe.“
Nach Lummitsch (2010) gibt einen kleinen Bestand an Graureihern im Stadtgebiet, von geschätzt zehn bis zwölf Brutpaaren. Sie gehören zur heimischen Fauna.

Gera. Am Nettelbeckufer, etwa Höhe Mitte zwischen Nordbad und Karlstraße, 26.03.2017:

Graureiher am Nettelbeckufer
Graureiher, konzentriert trotz vorbeiziehendem Entenpaar
Graureiher am Nettelbeckufer
Graureiher fixierend

„Graureiher brüten hoch auf Laub- und Nadelbäumen. Einzelnester sind selten. Meistens sind diese Anfänge späterer, größerer Brutkolonien. Die uns am nächsten gelegene [größere] Graureiherkolonie befindet sich südlich von Weimar. Dort brüten etwa 70 Paare.“ So Grimm vor 25 Jahren. Beherzigen sollte man auch seinen Aufforderung nach Deeskalation, den Graureiher in einem vernünftigen Umfang zu tollerieren und nicht gleich zu radikalen Maßnahmen wie dem Abschuss zu greifen.

Quellen
  • Grimm, Herbert: Grazile Schönheiten, die meist in Kolonien leben. Reihe „Schätze aus dem Erfurter Naturkundemuseum“. In: TA, Anfang 1990er Jahre
  • Lummitsch, Jörg: Graureiher gehören zur heimischen Fauna. In: TA v. 15.04.2010
Letzte Aktualisierung ( 07. 04. 2017 )
 
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