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25. 03. 2017
Denkmale Erfurts PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Matthias Stier   
27. 02. 2007
Beitragsinhalt
Überblick
Vor 1400
1401 - 1500
1501 - 1600
1601 - 1806
1806 - 1814
1814 - 1870
1870 - 1900
1901 - 1919
1919 - 1933
1933 - 1945
1945 - 1949
1949 - 1990
1990 - heute
Legende-Literatur

1919 - 1933

 

 

Kriegerdenkmal in Linderbach

Standort: Kirchhof, zur Straße hin, beim Eingangstor
Einweihung: ca. 1920er Jahre

Waidstein im KriegerdenkmalKriegerdenkmal vor der Kirche

Seltene Form eines Denkmals für die Kriegsgefallenen des I. Weltkrieges unter Verwendung eines stehenden Waidsteins, in den in der Mitte ein Kreuz mit der Jahreszahlen 1914 – 1918 und am Rand umlaufend eine Inschrift für „... die im Weltkrieg gefallnen Helden ...“ eingearbeitet sind. Im unteren Teil ist der Stein stark verwittert. An der aufnehmenden Mauer sind zusätzlich Tafeln angebracht. (DT)

 

 
Reißhaus-Grabdenkmal

Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 05F, Grabstätte 012/013
Einweihung: 1921

ReißhausDas Grabmal für Hermann Paul Reißhaus (1855-1921) auf dem Hauptfriedhof erinnert an die Vaterfigur der Erfurter Sozialdemokratie aus der Kaiserzeit. Am 29. September 1855 in Burg bei Magdeburg geboren, arbeitete Reißhaus nach der Reichsgründung 1871 als Schneider in Berlin. Erst der rigide Kampf des "Eisernen Kanzlers" Bismarck gegen die ihm verhasste Sozialdemokratie sollte das engagierte Parteimitglied nach Thüringen führen.
In der Zeit der so genannten Sozialistengesetze "wider die gemeingefahrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde Paul Reißhaus 1880 aus Berlin ausgewiesen. Er ließ sich im damals preußischen Erfurt nieder. Wie viele aus ihrer Heimatstadt verbannte Berliner Sozialdemokraten sollte er fortan die Entwicklung der Arbeiterpartei in der Provinz prägen. Reißhaus war bis zu seinem Tode am 5. September 1921 der unbestrittene Führer der Erfurter SPD. Für das seit 1889 erscheinende Parteiorgan "Tribüne" wirkte er als Herausgeber und Publizist.
Reißhaus war aber auch auf nationaler Ebene politisch aktiv. Von 1890 an besaß er ein Mandat als Reichstagsabgeordneter. Im Oktober 1891 durfte er den wegweisenden Erfurter Parteitag der SPD im "Kaisersaal" eröffnen, der die Programmatik und Taktik der Partei nach den überstandenen Diskriminierungen des Sozialistengesetzes über Jahrzehnte prägen sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution 1918 blieb der Schneidermeister Reißhaus dem reformerisch-demokratischen Kurs der Mehrheits-SPD treu. (SR)

Straßennamen: Reißhausstraße

 

Schmidt-Grabdenkmal, Familiengrab der Gartenbaufamilie Schmidt

Schlesische Basaltlava
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 23A, Grabstätte 001A
Schöpfer: Hans Walther 1920/21
Einweihung: 1921

Schmidt-Grabdenkmal Detail
Schmidt-Grabdenkmal Gesamtansicht
Schmidt-Grabdenkmal Gesamtansicht

Zwischen 1919 und 1921 gestaltete der Erfurter Bildhauer Hans Walther (1888-1961) für den Samenzüchter Carl Schmidt ein Grabmal ungewöhnlicher Art. Es steht heute unter Denkmalschutz und zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Zeugen im Gesamtbestand des Hauptfriedhofs und zu den wenigen, die eine Gruftkammer besitzen.
Carl Schmidt, am 23. Dezember 1848 als Sohn eines Lehrers in Schleusingen geboren, trat 1863 in die Gärtnereifirma J.N. Haage ein und absolvierte dort seine Lehre. Anschließend führten ihn mehrere Studienreisen nach Paris, London, in die USA sowie nach Kanada.
1876 kehrte er zurück, arbeitete in der Gartenfirma Platz & Sohn und zwei Jahre später wieder bei Haage, seinem ehemaligen Ausbilder. Hier leitete er schon bald die Abteilung der Samenkulturen. Ab 1889 wirkte der Königliche Ökonomierat als Inhaber der Kunst- und Handelsgärtnerei Haage & Schmidt. 1912 konnte der Betrieb sein 50. Geschäftsjubiläum feiern: Schmidts Qualitäten fanden weit über Deutschland hinaus großes Echo. Nachrufe des am 26. Februar 1919 Verstorbenen lobten das "schlichte, einfache Wesen" des so "hoch zu stellenden Mannes. Einfach waren seine Ansprüche an das Leben, das er ganz der Arbeit widmete." Walther komponierte aus sieben in Quadern gefugten Pfeilern variierter Gestalt, die aus wuchtigen Schäften aufsteigen, sich teilen, überschneiden und bogenförmig zur Mitte streben, ein transparentes Gewölbe energetischer Spannung. Er besetzte die Innenseiten der Pfeilersegmente mit einem Zyklus schreitender Figuren und die Mitte über dem Sarkophag mit dem hingestreckt ruhenden Körper des Toten. (RM)

 

Weth-Märzgefallener-Grabdenkmal

Grabstele mit Spitzbogen
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 15E, Grabstätte 062
Schöpfer: ?
Einweihung: 10. August 1921.
Inschrift: „WILLY VON DER WETH / GEB·14·FEBRUAR 1901 / ALS OPFER DER REVO / LUTION GEFALLEN FÜR / FREIHEIT UND RECHT / IN GOTHA / AM 19·MÄRZ 1920.“

Der flache Sockel trägt die Inschrift. Darüber - in einem Spitzbogenfeld - zeigt ein Relief den Kampf eines knieenden Mannes mit einer Schlange, die sich um seinen linken Ober- und Unterschenkel windet. Mit der rechten Hand packt er das Tier hinter dem Kopf. Die  Darstellung ist ein Sinnbild für den Opfertod Willy von der Weths, wobie die Schlange das Böse assoziiert, den niederen Vertreter der dämonischen Mächte verkörpert. Das Relief ist bereits mäßig verwittert, am oberen Rand etwas ausgebessert. Die Inschriften sind wie auch auf den beiden anderen Steinen erneuert und in sehr gutem Zustand.
Mehr unter: Märzgefallenen-Gräbergedenkstätte
(DT)

 

Märzgefallenen-Gräbergedenkstätte

Anlage dreier Grabsteine in Reihe
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 15E
Schöpfer: ?
Einweihung: 10. August 1921 (Weth), Ersatz der anderen beiden Steine um oder nach 1960.

Bis mindestens in die zweite Hälfte der 1950er Jahre stand der historische Grabstein Willy von der Weths von 1921 (mehr unter: Weth-Märzgefallener-Grabdenkmal ) zwischenzeitlich allein. Früher befanden sich rechts und links von ihm zwei weitere Grabsteine der beiden Mitkämpfer von der Weths, die Artur Walters und Franz Weibezahls, die ebenfalls in den Märztagen des Jahres 1920 in Gotha ihr Leben ließen. Diese beiden Gräber waren neu vergeben, und die Original-Grabsteine entfernt worden. Der Grabstein Willy von der Weths ist nur deshalb noch erhalten, weil die Angehörigen die Stätte zurückgekauft haben. Später wurden für Walter und Weibezahl einfache Block-Quader-Grabsteine nachgefertigt, etwas kleiner als der Weth-Stein bemessen und rechts von diesem aufgestellt. Dadurch erhielt die Gräbergedenkstätte ihre Geschlossenheit zurück, sodass heute wieder allen drei Opfern in würdiger Weise gedacht werden kann.

Uns künden die Steine vom Opfertod dreier Erfurter Revolutionäre im Kampf gegen die reaktionären Kapp - Truppen während des Kapp-Putsches 1920 in Gotha.
Nachdem der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp mit Hilfe der sogenannten 'Nationalen Vereinigung', einer vorwiegend deutschnational gerichteten Verschwörergruppe, und monarchistischer Reichswehr- und Freikorpsverbände am 13. März 1920 unter Bruch der Verfassung der Weimarer Republik in Berlin die Militärdiktatur errichtet hatte, versuchten auch in Gotha die Reichs- wehrformationen unter Hauptmann Cäsar die verfassungsmäßige, aus USPD-Mitgliedern bestehende Landesregierung zu stürzen und die Diktatur der Junker, Generale und Großindustriellen zu errichten. Die Gothaer Arbeiterschaft aber leistete Widerstand. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterschaft und Reichswehr, die aus Erfurt Verstärkung heranzog. Als die Arbeiter am 17. März 1920 an der Gothaer Hauptpost drei Tote zu beklagen hatten, strömten die empörten Arbeiter Thüringens nach Gotha, um ihren bedrängten Klassengenossen zu helfen. Auch aus Erfurt zogen einige hundert nach Gotha und kämpften dort Seite an Seite mit den Arbeitern des Thüringer Waldes - besonders der Suhler Gegend - und der Arbeiterschaft Gothas gegen die Reichswehr. Schließlich musste die Reichswehr am Abend des 19. März 1920 Gotha räumen. Die Reichswehrformationen zogen sich nach Erfurt zurück, das ein besonderes Zentrum der Reaktion werden sollte. Gotha befand sich in den Händen der Arbeiter und der verfassungsmäßig gewählten Gothaer Landesregierung.

Bei den erbitterten Kämpfen - besonders um die Gothaer Fliegerwerft - fielen 96 Arbeiter [!], unter ihnen die drei Erfurter Arbeiter
Willy von der Weth, Artur Walter und Franz Weibezahl.
Fünf Erfurter Arbeiter wurden verwundet: Franz Ederhart, Franz Faust, Carl Fischer, Waldemar Nowag und Karl Preuter.

Am 31. März 1920 fand auf dem Erfurter Südfriedhof eine Trauerfeier für die in den Kämpfen bei Gotha gefallenen Erfurter Arbeiter „unter starker Beteiligung der Arbeiterschaft“ statt. Die Arbeiter der Erfurter Industriebetriebe versammelten sich um 14 Uhr auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz (heute Domplatz) und zogen durch ein dichtes Menschenspalier zum Südfriedhof. Der Abgeordnete der preußischen Landesversammlung Mehrhof (USPD) hielt die Gedenkansprache.
Am 10. August 1921 wurden auf dem Erfurter Hauptfriedhof während einer Gedenkfeier für die Gefallenen drei Grabsteine eingeweiht, deren Kosten durch Sammlungen der Erfurter Arbeiterschaft aufgebracht worden waren. Es sprachen Vertreter der KPD, der USPD und der Syndikalisten. 'Nach Feierabend pilgerten Tausende Erfurter Arbeiter und Arbeiterinnen nach dem Hauptfriedhof an der Binderslebener Landstraße, wo das Proletariat im März 1920 seine Toten zur letzten Ruhe gebettet hatte'. Der Vertreter der USPD (Scholz) erinnerte in seiner Ansprache die Anwesenden an den geschlossenen Kampf des Erfurter Proletariats in den Märztagen 1920 und betonte, dass sich das Proletariat auch in Zukunft nur dann seiner Feinde erwehren könne, wenn es gemeinsam handele. An beiden Feiern beteiligte sich die SPD offiziell nicht, obwohl zahllose Sozialdemokraten Schulter an Schulter mit den kommunistischen, unabhängigen, syndikalistischen oder parteilosen Arbeitern gekämpft hatten.“
Willibald Gutsche, 1956

Der Verfasser des Aufsatzes schließt mit einem Appell an die damals verantwortlichen politischen und staatlichen Organe, „eine Beseitigung des letzten der drei Grabsteine zu verhindern und der letzten Ruhestätte eines Märzgefallenen in Erfurt als Stätte des Gedenkens und der Mahnung größere Beachtung zu schenken.
Der Grabstein Weths blieb erhalten und steht heute unter Denkmalschutz. Er wurde inzwischen auch durch Neuanfertigungen der verloren gegangenen Steine ergänzt. Es besteht jedoch auch heute der Eindruck, dass die Gedenkstätte weitgehend unbekannt geblieben ist, trotz offizieller Ehrungen. Um dies zu ändern, soll hiermit beigetragen werden. (DT)

 

Müller-Desterro-Denkmal

Standort: Windischholzhausen, Dr.-Müller-Desterro-Straße
Einweihung: ? evtl. 1922 (100. Geburtstag)

Müller-Desterro-DenkmalMüller-Desterro-Denkmal, Tafel

Auf einer kleinen grünen Insel an der kleinen Straße, die seinen Namen trägt, von Sträuchern wildwüchsig umgeben, steht ein mannshoher oben abgerundeter Stein, der an einen großen Naturforscher erinnert, der hierzulande aber wenig bekannt blieb.
Johann Friedrich Theodor Müller (1822 - 1897), genannt Fritz, kam am 31.3.1822 im Pfarrhaus  Windischholzhausen zur Welt, worauf vor einigen Jahren dort eine Tafel hinwies. Der Vater als Pfarrer war selbst botanisch interessiert und entdeckte einige Pflanzenraritäten von seinem anderen Wirkungsort Mühlberg aus. Dort kamen zwei Brüder zur Welt, die wie Fritz berühmte Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts werden sollten. Bereits seit frühester Jugend interessierte Fritz sich für die Natur, deren Zusammenhänge und vielen kleinen Wunder. Das Naturell des Jungen fand Anerkennung beim Vater, von dem er viel lernen konnte.
Als Enkel des Apothekers und Direktors des Ratsgymnasiums Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) erfüllte er die Voraussetzungen, ein „ehrbarer“ Forscher zu werden
Nach dem Besuch des Erfurter Gymnasiums bis 1840 und einem Apothekerlehrgang in Naumburg studierte  Müller Naturwissenschaften und Mathematik. An einer philosophischen Fakultät promovierte er schließlich, um dann als Gymnasiallehrer in Erfurt zu wirken. Bereits zu dieser Zeit zerstritt sich der fortschrittliche Geist mit seiner Familie und stieß die bürgerlich-religiös geprägte Gesellschaft nicht selten vor den Kopf. Schließlich verzichtete er auf sein Examen als Arzt, da eine Passage des Eides „ … so wahr mir Gott helfe“ lautete und Fritz Müller nicht gedachte, derartiges zu schwören. Fortan bekam er nur noch Gelegenheit, als Hauslehrer ein wenig Geld zu verdienen. Während der Revolution 1848/49 galt seine Sympathie den Linken in der Frankfurter Paulskirche. Ihr Scheitern warf auch Müller fast aus der Bahn. Doch Trommsdorffs Forschergene hatte der junge Naturliebhaber geerbt – sie trieben ihn weiter an. Müller untersuchte Tierarten und ihre Anpassung an die Umwelt. Dabei wurde er einer der ersten deutschen Anhänger von Darwins Evololutionstheorie.
Nach dem Motto 'ist der Ruf erst ruiniert, lebt´s sich völlig ungeniert' lebte der Mann in wilder Ehe, sich immer der gesellschaftlichen Tragweite seines Tuns bewusst, und verließ schließlich 1852 Deutschland mit der Tagelöhnertochter Karoline Töllner, angezogen von der tropischen Fauna in Richtung Brasilien.
In der Stadt Blumenau (eine deutsche Kolonie, von einem Deutschen gleichen Namens gegründet) ließ sich der Naturwissenschaftler als Farmer nieder und bekam bald darauf eine Anstellung in Desterro (heute Florianopolis) als Professor. Den Ortsnamen hängte er an seinen Allerweltsnamen Müller an und machte ihn so zu einem individuellen Doppelnamen. Dort fand er Gelegenheit, die geliebten Insekten und Schmettelinge zu untersuchen. Die nach ihm benannte „Müllersche Mimikry“ besagt, dass unterschiedliche Beutearten über Jahrtausende das Aussehen, z.B. die warnende Körperfarbe eines bestimmten giftigen Tieres annehmen können, so dass ihre Fressfeinde vor ihnen ebenfalls zurückschrecken.
Zwölf Jahre behielt Fritz Müller seinen Lehrstuhl inne, bis 1864 die Schule in Desterro von den streng gläubigen Jesuiten übernommen wird und er schließlich von Intrigen zerrieben, die Professur aufgab und nur noch in Blumenau auf naturwissenschaftlichem Gebiet forschte. Ergebnisse seiner Untersuchungen wurden weltweit in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht.
1864 untermauerte der Forscher an der Klasse der Crustaceen die Darwinsche Theorie. Darwin hellauf begeistert von den Resultaten Müllers, lobte diesen als „Fürsten der Beobachter“, da er anstatt langatmiger Darstellung kompakt die wissenschaftlichen Ergebnisse Darwins darstellte. Von dieser Zeit an traten Müller und der größte Evolutionstheoretiker in einen engen Briefwechsel. Erst im Jahr 1868 sowie 1877 kam Fritz Müller zu seinem langersehnten Ehrendoktor, den ihm die Universitäten in Bonn und Tübingen verliehen. Ehrungen erfuhr der inzwischen recht berühmte gewordene auch vom Nationalmuseum in Rio de Janeiro sowie von den Städten Desterro und Blumenau.
Weitere Rückschläge gabe es, eine Flut nimmt ihm den Besitz, die Stelle im Nationalmuseum in Rio wird ihm 1891 mangels Loyalitätsbekenntnisses entzogen, er kurzzeitig interniert. Doch sein Forscherdrang erlahmte nicht bis zu seinem Tod 1897 in Blumenau.
Ernst Haeckel schrieb Fritz Müller gar einen Nachruf, und heute zieren Gedenktafel, ein ansehnliches Denkmal sowie ein Museum das Bild der brasilianischen Stadt Blumenau, die sich sehr lebendig an den eigentümlichen und vor allem eigensinnigen Deutschen erinnert. „Ihn lockte weder Besitz noch Wohlergehen, weder Ruhm noch Ansehen aus der Bahn. Ihn schreckte weder Furcht vor Gewalthabern noch das Urteil der Menge. Seinen Menschen begegnete er gütig und freundlich,“ schrieb Dr. Alfred Möller, der Herausgeber von dem Buch „Fritz Müller – Werke, Briefe und Leben“.
Der 100. Todestag des Forschers und Zoologen, Wegbegleite Darwins und Freigeistes am 21.5.1997 wurde feierlich begangen, in der Gemeinde Windischholzhausen und in Brasilien. (DT, daylipress)

 

Reiter-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Bahnhofstraße, vor der Reglerkirche
Schöpfer: Hans Walther
Existenz: 1924-1939

Der Verein des in Erfurt stationierten Jägerregiments zu Pferde Nr. 6 und die Kavallerie-Kameradschaft 1889 Erfurt einigten sich 1923, ihren im Ersten Weltkrieg 1914/18 gefallenen Soldaten ein würdiges Denkmal zu setzen. Nach langwierigen, politisch belasteten Debatten um die Wahl des Gestalters, Standorts und Charakters des Mals, erhielt der Bildhauer Hans Walther (1880-1961), Reserveoffizier des Reiterregimems und Kriegsteilnehmer, den Zuschlag. Mit Hilfe von Steinmetzen wie Pinta und Heerklotz nahmen dessen Entwürfe bald konkrete Gestalt an.

Reiter-DenkmalAm 16. November 1924 fand mit feierlichem Gepränge, Festreden von Regierungspräsident Fritz Tiedemann und Oberbürgermeister Bruno Mann die Enthüllung des Gefallenen-Denkmals statt. Walthers Verzicht auf Heroisierung stieß auf heftige Ablehnung nationalistisch gesinnter Kreise.
Seine Absicht war, statt eines Heldenmals ein expressives Opfermal ohne Geste der Revanche zu gestalten und Nachdenken über Kriege und deren Verhinderung auszulösen. 1930 wurde sein Werk als "weibisch und feige", als "pazifistisches Totenmal" abgelehnt.
1939 bestimmte NS-Oberbürgermeister Walter Kießling, das "Zerrgebilde" zu beseitigen und einen "dem deutschen Empfinden" gemäßen Ersatz zu beschaffen. Nachdem auch Offizierskreise die Figurengruppe als "Kulturschande" und "entartete Kunst" beschimpft hatten, erklärte sich die Kavallerie-Kameradschaft am 8. April 1939 mit dem entschädigungslosen Abbruch einverstanden. Damals abgelagert am Hauptfriedhof, sind bis heute keine Spuren des Werkes auffindbar. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Reiterdenkmal (25)

 

Artillerie-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Benaryplatz
Schöpfer: Ewald Hahn
Existenz: 1926 bis ca. 1950

Angehörige des ehemaligen 1. Thüringer Feld-Artillerie-Regiments Nr. 19 entschlossen sich im Jahre 1923, den im Ersten Weltkrieg gefallenen 64 Offizieren, 867 Unteroffizieren und Mannschaften ein ehrendes Andenken zu widmen. Schon ein Jahr später ging der Auftrag dafür an den Gewinner des Wettbewerbs, den damals 41-jährigen Bildhauer Ewald Hahn (1883-1949), der sich bis dahin zwar schon intensiv mit figürlicher Plastik, aber nicht mit überlebensgroßen Gestaltungen oder Ehrenmalen beschäftigt hatte. Seit 1906 lehrte Hahn an der Erfurter Kunstgewerbeschule.
Unter erstaunlich großer Anteilnahme von ehemaligen Militärangehörigen, geladenen Ehrengästen und "viel Volk" wurde die auf breiter Basis lagernde, ihr Haupt trotzig reckende Löwenfigur, die mit der Pranke ein Kanonenrohr zu Boden presst, am 30. Juni 1926 enthüllt. Hahns Konzeption fand in Kreisen städtischer Honoratioren großen Beifall und erlebte viele Gedenkfeiern, Kranzniederlegungen und Aufmärsche. Aber es meldeten sich auch Spötter zu Wort, die zum Beispiel den Löwen als Walross oder Seehund verunglimpften und die Proportionen zwischen dem niedrigen Sockel und der 5,90 Meter langen und 2,80 Meter hohen Tierfigur als misslungen bemängelten. Schon damals geschah das heute durchaus Übliche: Die Tierfigur wurde 1930 besudelt.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich kommunale Ämter vor, das Stadtbild von "anrüchigen", das heißt militaristischen Zeugnissen zu reinigen. Aber es vergingen weitere fünf Jahre, ehe das Löwen-Standbild wie etwa auch die Bismarck-Statue und das Kriegerdenkmal vom Hirschgarten auf  Nimmerwiedersehen aus dem Stadtbild verschwanden. (RM)

 

Evangelischer Bund Gründungs-Gedenktafel

Standort: Predigerstraße 10, ehemals „Steiniger's Hotel“
Enthüllung: 5. Oktober 1926

Evangelischer Bund Gründungs-GedenktafelAnlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Evangelischen Bundes im Hause Predigerstraße 10, wurde an der Hauswand im 1. Obergeschoss eine Gedenktafel enthüllt. Die Festansprache hielt Geheimrat D. Scholz aus Berlin.
Die rechteckige Tafel ist mit einem rundlich hervortretenden Eichenlaubkranz gerahmt, der am oberen Rand kreisbogenförmig aufgewölbt ist, um die Lutherrose aufzunehmen. In der Mitte der seitlichen Rahmen ist jeweils eine Streitaxt, die palisadenartig umschlossen ist, eingearbeitet. Sie stehen sinnbildlich für die Kampfbereitschaft des Bundes zur Wahrung evangelischer Interessen gegenüber den Herausforderungen der Zeit auf den beiden „Feldern“ politischer Katholizismus sowie aufkommender Atheismus-Liberalismus in der Gesellschaft. Zugleich galt es, die stark in Landeskirchen untergliederte Evangelische Kirche zu bündeln und ihr eine starke und deutlich zu vernehmende Stimme zu geben.
Ganz bewusst fiel die Wahl als Gründungsort auf Erfurt, der Stadt, die für den späteren Reformator Martin Luther (1483-1546), auf den die Tafel mit der Lutherrose hinweist, überaus prägend war. Gleich gegenüber vom Gründungslokal steht die Predigerkirche mit einer bedeutenden reformatorisch-protestantischen Geschichte. Hier wirkten u.a. Meister Eckhart (um 1260-1328) und der lutherische Theologe Johannes Aurifaber (1519-1575), der Briefe, Predigten und Tischreden Luthers herausgab. Also ein Ort mit großer Ausstrahlung und geistlicher Inspiration, wie es kaum einen zweiten gibt. (DT)

 

Bösenberg-Brunnen, Brunnendenkmal

Standort: Jacobsenviertel, Hohenwindenstraße
Einweihung: 1926/28

Bösenberg-BrunnenZwischen 1926 und 1928 baute die „Wohngemeinschaft Erfurt" im Karree von Hohenwinden-, Salinen-, Gruben- und Barkhausenstraße eine beispielhafte Wohnanlage. Damit schuf diese vom Hamburger Kaufmann und Unternehmer Hermann Bösenberg gegründete GmbH das "größte zusammenhängende Projekt des Geschoßwohnungsbaus zurzeit der Weimarer Republik in Erfurt" (Mark Escherich). Gebaut wurde nach den Entwürfen des Architekten Otto Jacobsen. In einem der vier Innenhöfe der Wohnanlage errichtete man als Würdigung des Initiators und Förderers Bösenberg einen steinernen Laufbrunnen. Sein strenger kubischer Aufbau - ein mittiger, kantig gestufter Schaft mit Wasserspendern und Oktaederkrone sowie zwei konisch geformte Becken - könnte als Antwort auf die klare Formgebung des "Neuen Bauens" verstanden werden.
Bevor sich Jakobsen um 1926 in Erfurt niederließ, war er Mitarbeiter des Hamburger Stadtbaudirektors Fritz Schumacher (1869-1947).
Im Verein mit Bösenberg verwirklichte er nach Vorbildern der Hamburger Baugenossenschaften soziale Reformen gemeinschaftlichen Wohnens. Nach den Notzeiten des Ersten Weltkrieges und der Inflation ermöglichten die nach rationellen Bauplänen errichteten Kleinwohnungen auch Familien mit geringem Einkommen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. (RM)



Letzte Aktualisierung ( 02. 12. 2016 )
 
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