Denkmale Erfurts
Geschrieben von Matthias Stier   
27. 02. 2007

Fotos: Klaus Fischer
erweitert, dazu auch phot., zusammengestellt: Detlef Tonn


Zeitzeugnisse aus acht Jahrhunderten Stadtgeschichte (14.-21. Jh.)

Überblick


Auswahlverzeichnis Denkmale (alphabetisch)
Legende-Literatur/Quellen

Einleitung

Viele dieser öffentlichen Monumente spiegeln den Zeitgeist ihrer Entstehungsepoche und Stifter wider. Oft sind sie bewusst als politische oder kulturelle Symbolstätten errichtet worden, vor deren Kulisse Rituale und Festlichkeiten stattfanden. Sammelten sich unsere national und preußisch-monarchisch gesinnten Vorfahren einst vor Kaiser-Wilhelm-Denkmal, Bismarckturm oder Kriegerdenkmalen, sind vielen heutigen Erfurtern noch die realsozialistischen Appelle, Fackelzüge oder Kranzniederlegungen an entsprechenden Gedenkorten in Erinnerung. Gerade die Einweihung solcher Denkmale geriet oft zum pompösen Symbolakt, wie etwa die Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am 25. August 1900 in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. Deshalb wurden bei Systemwechseln immer wieder ideologisch unliebsam gewordene Erinnerungsstätten zerstört, dem Verfall überlassen oder umgewidmet.

Nach dem sagenumwobenen Sibyllentürmchen das älteste der beschriebenen Denkmale ist der "Römer" auf dem Fischmarkt (1591), der als Symbol für die mittelalterliche Handels- und Kulturmetropole steht. Vom 13. bis 17. Jahrhundert genoss die Stadt weitgehende Autonomie von ihrem kurmainzischen Landesherrn. Gewerbe und Handel, vor allem mit dem Blaufärbemittel Waid, blühten und machten das "Land Erfurt" reich. Das Lutherdenkmal (1883) auf dem Anger verweist auf die wichtige historische Rolle als Lutherstadt, aber auch auf die florierende alte Erfurter Universität (1392-1816).
Das Wissenschafts- und Druckereizentrum zog bedeutende Gelehrte nach Erfurt, darunter den sprichwörtlichen Rechenmeister Adam Ries, an den man im einstigen "lateinischen Viertel" erinnert. Auf den Mystiker Meister Eckhart (um 1260-1328) macht das kunstvoll gestaltete Portal an der Predigerkirche aufmerksam.
Die sogenannte Reduktion von 1664 band Erfurt wieder fest an Mainz. Zuvor waren die von Schwedenkönig Gustav II. Adolf - vor der Predigerkirche in Denkmalform verewigt - unterstützten Bestrebungen nach Reichsunmittelbarkeit gescheitert. Mit dem Obelisken auf dem Domplatz wurde dem letzten kurmainzischen Landesherrn, Erzbischof Friedrich Carl Joseph von Erthal, 1777 eine bleibende Erinnerung gesetzt. Stehen das späte 17. und das 18. Jahrhundert eher für Stagnation, erinnern die beiden Denkmale für Christian Reichart (Reichart-Denkmal I, Reichart-Denkmal II) an die Anfänge des Erfurter Gartenbaus, der es im 19. Jahrhundert zu Weltgeltung bringen sollte.
Eine tiefe Zäsur in der Stadtgeschichte erfolgte 1802/15, als Erfurt unter die Herrschaft der preußischen Krone gelangte. Große Teile des Bürgertums entwickelten ein fest verwurzeltes preußisches Landesbewusstsein, nachdem die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich einen bedeutenden Aufschwung nahm. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 fand die nationale Bewegung ihren Ausdruck in zahlreichen öffentlichen Monumenten.
Das Kriegerdenkmal auf dem Hirschgarten, der Bismarckturm im Steiger und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am heutigen Karl-Marx-Platz sind hierbei nur die wichtigsten. Hinzu kamen Denkmale für verdiente Bürger (Breslau-Denkmal, Herrmanns-Brunnen) oder die Bürgerschaft wie im Alten Angerbrunnen (Monumentalbrunnen). Aber auch an die sozialdemokratische Gegenkultur des Arbeitermilieus wird etwa durch das Reißhaus-Grabdenkmal erinnert.
Ein wichtiger Anlass für die Errichtung öffentlicher Denkmale waren und sind die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Die meisten Krieger- und Regimentsdenkmale für den Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 sind, wie das Reiter-Denkmal in der Bahnhofstraße, mittlerweile aus dem Stadtbild verschwunden. Überwiegend aus der DDR-Zeit stammende Opfer des Faschismus- (OdF-) Denkmale erinnern an die Opfer der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges 1933 bis 1945. Der jüngste diesem Zweck gewidmete Erinnerungsort, das 1995 am Fuße des Petersberges eingeweihte Unbekannter Wehrmachtsdeserteur-Denkmal, hat als Denkmal im besten Wortsinne intensive Diskussionen angeregt.

Auch die DDR ist im öffentlichen Erinnerungsraum noch immer präsent: Aufbauhelfer-Denkmal, (Neuer) Angerbrunnen, Völkerfreundschaft-Wandbild, Luxemburg- und Gagarin-Denkmal, um nur einige zu nennen. Die vielen Denkmale und Gedenksteine für namensgebende Persönlichkeiten von Schulen oder Betrieben sind dagegen weitgehend beseitigt. Als eines der wenigen erhaltenen wurde das Denkmal für Theodor Neubauer auf dem Gelände der einstigen Pädagogischen Hochschule, der heutigen Universität Erfurt, mit aufgenommen. Nach 1989/90 galt es schließlich, auch der Opfer der SED-Diktatur zu gedenken. Dies geschieht u.a. durch die Gedenktafel am ehemaligen "Stasi"-Gefängnis in der Andreasstraße. Das umstrittenste Projekt galt dem Erfurter Gipfeltreffen 1970, das im Rahmen der Sanierung des "Erfurter Hofes" und des heutigen Willy-Brandt-Platzes 2007 verwirklicht wurde.

Es wird auch künftig neue Denkmale geben, so wie uns die Zukunft weitere denkwürdige Ereignisse und Persönlichkeiten bringen wird. Aber vielleicht erinnert man sich an längst Vergangenes, das unter einer veränderten Sichtweise nun denkmalswert erscheint, wie etwa den Erfurter Fürstenkongress 1808 oder die Erfurter Union 1850. Ebenso werden sich gegensätzliche Meinungen über die Berechtigung eines Denkmals kaum verhindern lassen.

Autorenkürzel: RM = Prof. Dr. Ruth Menzel, SR = Dr. Steffen Raßloff, DT = Detlef Tonn


Vor 1400

 
Heinrich-von-Siebleben-Kreuz, Mönchskreuz, Sühnekreuz. FD, 1968 versetzt

Rätsandstein vom Seeberg oder Röhnberg
Standort: Erfurter Steigerwald, Nähe „Teufelssumpf“, s „Hubertus“, w an B4, vom Parkplatz gegenüber ca. 250 m auf Parallelweg zur B4, an Wegweiser ab auf Pfad zur Straße
Errichtung: 1324 oder etwas später
Inschrift: [lat., in neugotischen Majuskeln ausgeführt] „hIC EST OCCISVS MA / GISTER hENRICVS / [90° im Uhrzeigersinn gedreht] DE SYBELEIBEN SECERDOS“
[Hier wurde der Priester und Magister Heinrich von Siebleben erschlagen]

MönchskreuzMönchskreuz

Seit nunmehr bald 700 Jahren steht ein stattliches Steinkreuz im Steigerwald, das zu Recht gleich mehrere Superlative auf sich vereint und es in betreffenden Fachwelt zu fast legendärer Berühmtheit gebracht hat. Es handelt sich um das älteste (in diesem Beitrag vorgestellte geschützte) Denkmal in Erfurt, das bedeutsamste und zugleich älteste sicher datierbare Steinkreuz Thüringens und durch seine hohe Qualität in Gestaltung und Ausführung als einzigartig unter den Steinkreuzen anzusehen.

Als erster beschäftigte sich der verdiente Erfurter Stadtrat, Begründer des Geschichtsvereins und des Stadtarchivs, Karl Herrmann (Herrmanns-Brunnen) 1841 mit dem Denkmal. Seitdem war es durch einen Schreib- oder Lesefehler um ein Jahrzehnt früher (1313) datiert worden, was sich durch ungeprüfte Übernahmen für lange Zeit in der Literatur behauptete, bis dem Experten für diese Denkmale in Thüringen, dem Erfurter Frank Störzner, die längst überfällige Richtigstellung gelang, die er in seinem ausgezeichneten Buch „Aus Stein gehauen ...“ (4) 1992 veröffentlichte.

Danach ist durch einen Eintrag im Nekrolog (Totenbuch) des Marienstifts überliefert, dass der Magister Heinrich von Siebleben am 10. Dezember 1323 von dem Grafen Heinrich von Schwarzburg getötet wurde.
Nach mittelalterlichem Recht wurde eine Straftat an einer Person – wie Mord oder Totschlag – nach heutigen Maßstäben, milder bestraft als jene im Zusammenhang mit einem Sachwert – wie Diebstahl oder Brandstiftung. Bei letzteren drohte dem Verurteilten schon eine drakonische Körper- oder gar die Todesstrafe, während sich so mancher vermögende oder begüterte Mörder mit zu leistender Sühne „freikaufen“ konnte und die Bluttat etwa durch Wallfahrten, Geldbuße, kirchliche Stiftung oder wie hier  Errichtung eines Kreuzes dann als verbüßt galt. Im vorliegenden Fall waren Opfer wie Täter von Adel, der Erschlagene noch dazu Priester und als Stiftsherr zu St. Severi geistlicher Würdenträger. Durch die Mordtat wurde der Gottesfrieden in besonders schwerer Weise gestört und der Täter hatte demgemäß ein außergewöhnlich prächtiges Steinkreuz am Tatort zu errichten. Dem kam der Schwarzburgische Graf dann auch offenkundig nach. Es wird heute vermutet, dass der Mord auf ein politisches Ränkespiel zwischen der Stadt Erfurt und dem Landgrafen Friedrich von Thüringen zurückgeht.

KreuzschaftKreuzfuss

Das Steinkreuz ist vom Typ griechisch, mit drei nach den Enden sich verbreiternden Armen. In den oberen Arm ist ein kreuzernes Zeichen eingemeißelt, die beiden Seitenarme werden durch den Beginn der Inschrift, doppelzeilig zwischen drei horizontalen Rillen, über die gesamte Breite ausgefüllt.
Bedingt durch die hervorragende Eigenschaft des fein verkieselten Sandsteins, das kieselige Bindemittel zwischen den Quarzkörnchen verhinderte bis heute weitgehend ein Verwittern, befindet sich das Kreuz in Anbetracht seines Alters und exponierten Standorts an einer wichtigen Handelsstraße in erstaunlich guter Erhaltung. Die Inschrift lässt sich auch heute noch mühelos lesen. Das Relief am Fuße des Steinkreuzes über dem verbreiterten Sockel ist durch Spritzwassereinfluß und aufsteigende Bodenfeuchte des Standortes schon etwas stärker verwittert. Dargestellt ist ein Priester (der Erschlagene) mit langem Gewand, der knieend unter gotischem Spitzbogen sein Gebet verrichtet.

Ursprünglich stand das Steinkreuz einige Meter weiter östlich, es soll im Zuge des vierspurigen Ausbaus der Arnstädter Straße 1968 an den jetzigen Standort versetzt worden sein. Ob seine Ausrichtung – so wie man sie heute vorfindet, mit der Schauseite nach sw – auch der originalen, vor der Versetzung, entspricht, ist nicht bekannt.
Vom motorisierten Verkehr unserer Tage kann das Kreuz kaum noch wahrgenommen werden. Der Vorbeiziehende sieht sich leider nicht mehr veranlasst, an- und innezuhalten, um bei einem stillen Gebet dem zu gedenken, der da vor sieben Jahrhunderten zu Tode kam. (DT, 4)

 

Sibyllentürmchen

Sandstein, ursprünglich farbig gefaßt
Standort: Gothaer Platz, O-Eingang der ega
Einweihung: zwischen 1370 und 1389

SibyllentürmchenDer Name des Türmchens geht auf zwei Sagen zurück. Die eine erzählt, dass Gräfin Sibylle von Käfernburg für ihren hier erschlagenen Bräutigam ein Sühnezeichen errichten ließ. Die andere macht uns glauben, dass ihre Zeitgenossen an Sibylles Entführung und Tötung erinnern wollten. Zur Funktion des Steinmals bietet die Geschichtsforschung mehrere Varianten. Sie deutet es als Bet- oder Andachts-Bildstock an einem Prozessionsweg, als Wegezeichen an der bedeutenden Ost-Weststraße vom Mittelrhein nach Polen und Russland, als Sühnezeichen für mehrere Morde oder als Erinnerungsmal dankbarer Erfurter nach erfolgloser Belagerung ihrer Stadt durch Markgraf Friedrich III. von Meißen 1375.
Der gedrungene, von vier Ecksäulen gestützte Pfeiler zeigt vier figürliche Hochreliefs mit Szenen der Leidensgeschichte Christi: Christus am Ölberg, Judaskuss, Gefangennahme Jesu, Kreuzigungsgruppe mit dem Leichnam Christi, Maria, Johannes und Nikodemus.
Alle plastischen Darstellungen befinden sich in spitzbogigen, im 18. Jahrhundert vergitterten Nischen, die von Wimpergen (Giebeln) mit Maßwerk und Krabben überragt werden. Eine Kreuzblume schließt den Turm ab. Auf den zwei Steinplatten mit lateinischen und deutschen Texten erfährt der Besucher, dass der Erzbischof Lothar von Mainz das Bildwerk 1716 wiederherstellen ließ. 1993 wurde es als einziges noch erhaltenes seiner Art in Erfurt vor allem mit finanzieller Hilfe privater Sponsoren restauriert. (RM)

 

Hochwasserstein 1374, KD

Abguss und links davon Gedenktafel mit dem Inschrifttext, beides vermutlich von 2002. Original (in zwei Teile zerbrochen) im Angermuseum.
Standort: Rosswehr, äußerer Teil der Stadtmauer (Bereich Waisenhaus/Herrmannsbad), Tram-Haltestelle Brühler Garten
Einweihung: 1374 oder etwas später
Inschrift: siehe Tafel

Hochwasserstein 1374
Tafel zum Hochwasser 1374 mit Inschrifttext
Tafel zum Hochwasser 1374 mit Inschrifttext

RosswehrFür das Jahr 1374 sind für weite Teile Deutschlands Einzelereignisse eines verheerenden Hochwassers überliefert, so auch in Erfurt. An das schwere Hochwasser vom 6. Februar 1374 erinnert die lateinische Inschrift auf einem gotischen Gedenkstein, der in die Erfurter Stadtmauer nahe dem ehemaligen Rosswehr eingesetzt wurde. Darauf wies der Historiker mit dem Spezialgebiet Extreme Naturphänomäne, Mathias Deutsch, im Jahre 2000 hin. Wie Forschungen an der Universität Erfurt (Fachgebiet Geographie, Projektgruppe „Historische Hochwasser“) ergaben, gilt dieses deutschlandweit äußerst seltene Kleindenkmal als das bislang älteste noch erhaltene gegenständliche Zeugnis einer derartigen Naturkatastrophe im Freistaat Thüringen. Das naturhistorisch überaus wertvolle Zeugnis konnte im Rahmen der Sanierungsarbeiten an der Stadtmauer geborgen, fachgerecht restauriert und somit auch für künftige Generationen gesichert werden. Dazu hat man den bereits deutlich verwitterten Stein in das Erdgeschoss des Angermuseums verbracht, wo er vor weiteren Umwelteinflüssen geschützt ist und aus der Nähe betrachtet werden kann. Denn an seinem Originalplatz in der Rosswehrmauer oberhalb des w Schwibbogens war dies seit dem Bau des Bades 1879 stark eingeschränkt, ein Teil der Tafel überdeckt. Mit der Anbringung der Tafeln an der äußeren Stadtmauer lässt sich der Hochwasserstein nun von der Öffentlichkeit leichter und umfassender wahrnehmen.
Auf der Darstellung des schweren Hochwassers von 1585 „ERSCHRECKlich GROS GEWESSER ZU ERFURDT, Anno 1585“ aus Fritz Cosmographia, ist das gewaltige Ausmaß der Überflutung am erneut betroffenen Rosswehr („ROS MARCK“) wiedergegeben. Die Wassermassen dringen nicht nur durch die beiden Schwibbögen, sondern sogar über die Zinnenscharten der Rosswehrmauer, die von katholischem Waisenhaus und Wehrturm flankiert wird. Auf der Turmseite der Wehrmauer ist die besagte Gedenktafel des Hochwassers von 1374 deutlich zu erkennen!
Bis in das 19. Jh. war die Erfurter Bevölkerung immer wieder von Hochwasser betroffen.
Erst der segensreichen Bau des Flutgrabens, der 1890 begonnen und am 14. Oktober 1898 seiner Bestimmung übergeben werden konnte, bot dem Stadtkern seither einen sicheren Schutz vor dieser Naturgewalt. Fast 1,7 Mio. Mark musste die Stadt Erfurt für dieses Jahrhundertbauwerk aus eigenen Mitteln aufbringen. OB Richard Breslau erwarb sich dabei bleibende Verdienste, indem er sich im Widerstreit mit Baurat Spielhagen energisch durchsetzte. Mit dem richtigen Gespür für die künftige Stadtentwicklung und ihre Erfordernisse verhalf er dem Projekt von Haenschke zur Realisierung. Regierungsbaumeister Havestadt und Contag wurden mit der Ausarbeitung der Pläne beauftragt, die dann Stadtbaurat Kickton abschloss. Der Flutgraben sollte bis zur Johannesstraße und die in ihrer gesamten innerstädtischen Länge zugeschüttete Wilde Gera als moderne Ringstraße (heute Juri-Gagarin-Ring) ausgebaut werden. Die moderne Großstadt von heute wäre ohne den visionären Stadtumbau des 19. Jhs. undenkbar. (DT)

 

Pesttotengrab-Gedenkinschrift

Standort: Petersberg, Peterskirche, südliches Langhaus, Nähe Querhaus
Erstellung: 1382 oder etwas später
Inschrift: „ANNO D[OMI]NI MCCCLXXXII ORTA EST / PESTHILENCIA ET FACTA EST HIC / MAGNA FOVEA  IN QVA  SVT SEPVLTE / TRES SEXAGENE ET QVINDECIM HOMINUM QUI / AIE REQUESCANT  IN PACE AMEN.“
„Im Jahre des Herrn 1382 ist eine große Pest ausgebrochen und es wurde hier eine große  Grube ausgehoben, in welcher 195 Menschen begraben wurden, deren Seelen mögen in Frieden ruhen. Amen.“

Pesttotengrab-Gedenkinschrift

Peterskirche, südliches Langhaus
Peterskirche, südliches Langhaus

Nur wenige Meter von der Querhaus-Ecke - rechts neben einem quadratischen Fenster,  in Blickhöhe von ca. 2 m – fällt eine noch sehr gut erhaltene und lesbare lateinische Inschrift am Mauerwerk des Langhauses auf.

Es handelt sich hier um die älteste steinerne Urkunde im öffentlichen Raum, die das Wüten einer Pestepidemie unter der Stadtbevölkerung (vermutlich der Klosterinsassen) belegt, der Opfer gedenkt und um deren Seelenheil bittet. Der Ort des Massengrabes direkt an der Mauer der Klosterkirche mag aus der gegenseitigen Isolierung und Abschottung in diesen Zeiten resultieren.

Bei der letzten großen Pestepidemie in Thüringen 1682 /83 sollen in der Stadt Erfurt mit über 9.400 mehr als die Hälfte der 16.300 Einwohner dem „Schwarzen Tod“ zum Opfer
gefallen sein. Auch wenn die genauen Zahlen mit Vorbehalt zu betrachten sind, so geben doch die Relationen das erschreckende Ausmaß der Epidemiekatastrophe deutlich wieder.
Es sollte mehr als 100 Jahre dauern, bis die Stadt Erfurt um 1800 wieder die Bevölkerungszahl erreichte, die sie 1682 – vor dieser letzten Pest – gehabt hatte.
Auch in den umliegenden Dörfern war die Zahl der Pesttoten 1683 hoch: Gispersleben-Viti: 68, -Kiliani: 83, Alach: 320, Bechstedt-Wagd: der größte Teil der Einwohner. (DT)

 


1401 - 1500

 
Volkmar-von-Gleichen-Kreuz bei Frienstedt, Frienstedter Steinkreuz. FD, 1982 versetzt

Seeberger Rätsandstein
Standort: S-Rand von Frienstedt, Kreuzung B7, NO-Ecke
Errichtung: 1494 oder etwas später

Frienstedter Steinkreuz
Frienstedter Steinkreuz und -säulen
Frienstedter Steinkreuz und -säulen

Frienstedter Kreuz, Inschrift und WappenNeben dem Kreuz gehören zwei Steinsäulen zu der Flurdenkmalgruppe beim Frienstedter „Fürstenhof“. Frank Störzner, Erfurter Heimatforscher und der Spezialist auf diesem Gebiet: „Insbesondere das Steinkreuz wird zu den formschönsten in Thüringen gezählt und ist in der Fachwissenschaft weithin bekannt. Die eindrucksvolle Gruppe von drei Steinen stand ursprünglich 500 m weiter östlich im Feld, war dort aber sehr gefährdet und ist am 28. Juli 1982 an den jetzigen Standort umgesetzt worden.
Das 1,70 m hohe Steinkreuz aus Seeberger Rätsandstein trägt auf seiner Schauseite eine siebenzeilige, in gotischen Buchstaben eingerillte lateinische Inschrift, über dem Wappen drei, darunter vier Zeilen. Sie gibt kund, dass das Denkmal an den „edlen Waffenträger“ Volkmar von Gleichen erinnert, der im Juni 1494 ums Leben kam.“ Über die Umstände seines Ablebens vor nunmehr 520 Jahren ist nichts überliefert. Man kann aber davon ausgehen, dass es sich hier nicht um einen natürlichen Tod gehandelt hat. „Nach dem dargestellten Wappen (zwei nach außen gewandte Bärentatzen) war Volker aber kein Angehöriger des einst so einflussreichen und 1631 erloschenen Grafengeschlechts, sondern entstammte wohl einer im Rudolstädter Gebiet ansässigen, als Vasallen dienenden Adelsfamilie von Gleichen.

Die neben dem Steinkreuz stehenden zwei Steinsäulen sind die Reste eines bildstockähnlichen Andachtsmales, das mindestens 34 älter ist als das Ereignis vom Steinkreuz 1494. Sie tragen auch ein anderes, bislang ungedeutetes Stifterwappen und stehen vermutlich in keinem ursächlichen Zusammenhang zu dem Kreuz. Die unterschiedlichen Absatzhöhen der Säulen sind das Ergebnis nicht fachgerechter Aufstellung bei der Umsetzung und entsprechen nicht dem Originalzustand. Neben der Tafel dieser Säulen werden in Frienstedt vier weitere, um die Jahrhundertwende noch vorhandene Steinkreuze vermisst.“ (DT, leicht verändert)

 


1501 - 1600

 
Römer-Denkmal, Roland, Martin, 1886 versetzt

Sandstein, farbig gefasst, teils vergoldet
Standort: Fischmarkt
Schöpfer: Israel von der Milla (Mühlen)
Einweihung: 6.11.1591

RömerSeit dem 6. November 1591 ziert ein von Kopf bis Fuß bewaffneter römischer Krieger den Fischmarkt. Zuerst stand er vor dem Haus "Zum breiten Herd", 1886 rückte er aus verkehrstechnischen Gründen auf seinen heutigen Platz. Vom Rat bestellt, hatte ihn der Niederländer Israel von der Milla erdacht, in Stein gehauen, farbig fassen, vergolden und auf eine Pyramide postieren lassen, die man im 18. Jahrhundert durch einen hohen Pfeiler ersetzte. Laut Rechnungsbuch des Rates erhielt der hier ansässige Bildhauer 12 Schock und 36 Groschen für Material und Arbeitsfleiss.
Einst nannte sich die Figur einfach "Mann" oder Römer, seit dem 18. Jahrhundert auch Roland oder Martin. Verbürgt ist zwar, dass sich einst neben einer ihm geweihten Kapelle eine Figur des heiligen Martin von Tours, des Patrons vom Mainzer Erzstift befand, die aber während des Bauernkrieges 1525 auf Geheiß des Oberratsmeisters vom Sockel gestürzt wurde. Und wahr ist auch, dass der kraftvolle 1,90 Meter große Römer "zum Beweißtum ihrer Freyheit, so die Stadt von alten Zeiten her gehabt", als Zeichen der Unabhängigkeit von der Mainzer Herrschaft aufgestellt worden war. Gerne hätten die Mainzer dieses Sinnbild städtischer Freiheit nach der Reduktion 1664 wieder umgerissen gesehen, berichten Chroniken.
Nach sorgfältiger Steinkonservierung und farbiger Neufassung  wirkt der mit Helm, Löwenmaske, Wappenschild, Schwert und Harnisch, Beinschienen und Stadtfahne reich Ausgestattete heute vielleicht so, wie ihn der Bildhauer einst aus seiner Werkstatt entlassen hatte. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Mann, Roland oder Römer (32)


1601 - 1806

 
Pestkreuz von Schmidtstedt, KD, nicht erhalten

Standort: ca. 150 m s  Weimarische Straße
Einweihung: vermutlich 18. Jh.

Bis kurz nach 1965 stand etwa 150 m südlich der Weimarischen Straße in Erfurt ein Holzkreuz, dessen verwitterter Sandsteinsockel noch heute umgestürzt vorhanden ist. Es war als "Schmidtstedter Pestkreuz" bekannt, stand es doch als traditionsreiches Mahnmal für zwei der großen Massensterben in der älteren Erfurter Stadtgeschichte. Jahrelange Missernten, hervorgerufen durch lange harte Winter und verregnete Sommer, sowie eine politisch begründete Blockade durch Landgraf Friedrich hatten zu einer schweren Hungersnot geführt, die 1315/16 in Erfurt ihren Höhepunkt erreichte. Das zeitgenössische, lateinische Chronicon Sampretinum aus dem Peterskloster berichtet, dass 1316 fast 8000 Opfer in fünf großen Gruben "vor der Stadt ... in Schmidtstedt" bestattet wurden, "weil es so außergewöhnlich viele Verstorbene waren" und die städtischen Friedhöfe nicht mehr ausreichten. Als Fürbitte zur Erlangung des ewigen Seelenheils dieser „während der großen Hungersnot verstorbenen und auf dem Kirchhofe des Dorfes Schmidtstedt bei Erfurt begrabenen Bürger" und die künftige Bewahrung der Stadt vor Hunger, Pest und Not gelobten 1341 Rat und Bürgerschaft zu Erfurt die jährliche Ausrichtung einer Prozession zum Schmidtstedter Kirchhof. Die Stiftungsurkunde mit zehn Siegeln und einer bemerkenswerten Miniatur (Beweinung des gekreuzigten Heilands) ist noch erhalten.

Als 1346-50 die Pest ein neuerliches Massensterben verursachte, begrub man Tausende Tote auf dem Kirchhof zu Neuses am Roten Berg und stiftete gleichfalls eine jährliche Prozession dorthin. Beide Prozessionen (die nach Schmidtstedt und die nach Neuses) gingen aber in den Reformationsjahren um 1520 ein. Erst am 28.4.1581 wurde die Schmidtstedter durch Weihbischof Nikolaus Elgard wieder neu belebt; die Neuseser ging dabei in ihr auf. Die feierlichen Umzüge mit Gebet und Gesang fanden nun bis 1922 jeweils zwischen Ostern und Pfingsten (ursprünglich in der Pfingstwoche) statt, unterbrochen noch einmal durch die schwedische Besetzung seit 1631. Zu jener Zeit bestand das Dorf Schmidtstedt schon längst nicht mehr; es wird angenommen, dass es sich bereits zu Ende des 14. Jh. in einem früheren Prozess der Wüstwerdung befand. Lediglich die Dorfkirche war noch vorhanden und wird auch auf einem Plan des Schmidtstedterfeldes 1638 bildIich dargestellt. Noch 1619 war sie neu instandgesetzt worden, soll aber dann von den Schweden geschliffen worden sein und wird 1650 in einem kaiserlichen Rezess als „ruiniert" bezeichnet. Zu dem im Hinblick auf die Prozessionen von Mainz geforderten Wiederaufbau kam es indes nicht mehr, und an ihrer Stelle bzw. an der Stelle ihres Altars wurde auf Veranlassung des Marienstiftes ein hölzernes Kruzifix aufgerichtet. Es sollte als Zielpunkt der 1651 wieder aufgenommenen Prozessionen dienen. Gedachte man vorher der Opfer der Hungersnot von 1315/16 und der Pesttoten von 1346/50, kam im 18. Jh. eine weitere Intention hinzu: die Bitte um den Segen der Feldfrüchte. Am Treffpunkt der Prozessionsteilnehmer, wozu auch alle
Schulkinder der Stadt gehörten, war vor dem Schmidtstedter Tor 1753 ein weiteres Holzkreuz errichtet worden. Später wurde es durch ein gußeisernes ersetzt, das bis 1939 am Spielbergtor stand und von dem es leider keine Abbildung zu geben scheint. Ein bis 1890 mehrfach aufgelegtes „Prozessionsbüchlein" beschreibt genau den Ablauf der Prozession: Über den Schmidtstedter Kirchhof, wo gebetet wurde und den der Priester dreimal umschritt und mit Weihwasser besprengte, führte der feierliche Umzug in die Dittelstedter Kirche zu einer Predigt und von dort aus durch das Löbertor in die Neuwerkskirche, wo der Abschluss erfolgte. Dem Umzug wurden Kreuz und Fahnen vorangetragen.

So kennzeichnete das Schmidtstedter Pestkreuz (Foto 1919) bis in unsere Tage hinein den Ort der Massengräber von 1315/16. Die Pestgräber am Roten Berg, wo in einer über 2,50 m tiefen Skelettschicht unzählige Tote wirr durcheinanderlagen, konnten 1926 archäologisch untersucht und dabei der Beweis erbracht werden, dass die Bestattungen tatsächlich auf dem Kirchhof des (noch existierenden) Ortes und neben den „geordneten Grabreihen der Dorfbewohner" erfolgt waren. Ein schon von dem Chronisten Hogel erwähnter Inschriftstein des 15. Jh., der über der Schmidtstedter Kirchtür eingemauert war und an das große Sterben von 1316 erinnert, wurde 1957 in einem unterirdischen Gang in der Johannesstraße wiederentdeckt und ist heute in der Vorhalle des Angermuseums zu besichtigen. Dagegen hat ein irrig mit" Schmidtstedter Pestkreuz" beschriftetes Steinkreuz im Volkskundemuseum nichts mit den Massengräbern zu tun. Frank Störzner (DT)

 

Erthal-Obelisk

Wanderslebener Sandstein / Stufen Granit
Standort: Domplatz, Mitte
Einweihung: um 1777

Erthal-ObeliskUm 1777 errichtete die Stadt für den damals 58-jährigen Kurfürsten und Erzbischof von Mainz, Friedrich Carl Joseph von Erthal (1719-1802), anlässlich seines ersten Besuches in Erfurt einen ehrenden Obelisken.
Auf einen quadratischen Sockel mit lorbeerumkränztem Bildnis, Namenszug, Wappen und Initialen, Orden und Ehrenzeichen setzte ein unbekannt gebliebener Meister einen spitz zulaufenden, 18 Meter hohen Pfeiler. Eine Widmung im Sockel verweist darauf, dass die "treuen Unterthanen hiesiger Stadt dem besten Vater des Landes" dieses Denkmal "zu ewigem Gedächtnis" erbaut haben. Es kostete 1.120 Taler, wovon eine Kollekte 858 Taler eingebracht hatte.
Erthal war der letzte der Mainzer Landesherren, der über Erfurt herrschte. Seine Regierungszeit währte von 1774 bis 1802, als den 83-Jährigen der Tod ereilte. Schon zu Lebzeiten war Erthal umstritten. Von einigen als einer der aufgeklärtesten Fürsten Deutschlands gelobt und als wohlwollend, diplomatisch, mildtätig und tolerant bezeichnet, wurde er von anderen als strenger Zensor aller freiheitlichen Regungen im Lande und als reaktionär getadelt. Seinem Erfurt-Besuch von 1777 folgten weitere in den Jahren 1793, 1795, 1800 und 1801.
Mehrfach forderten schädigende Umwelteinflüsse, wie Frost und Blitzschlag, die Restaurierung der maroden Steine. 1989 veranlassten private Spender eine Teilsanierung und im Jahre 2005 erfolgte die Ausbesserung der granitenen Basis. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der Erthal-Obelisk (20)

 

Minerva-Brunnen, Brunnendenkmal, mehrfach - zuletzt 1976 - versetzt

Seeberger Sandstein
Standort: Domplatz, SW-Rand
Einweihung: 1784

Minerva-BrunnenNur wenige Jahre nach der Errichtung des Erthal-Denkmals entstand 1784 in seiner Nähe ein Laufbrunnen mit der Statue einer Minerva. In der antiken Sagenwelt galt Athena, die Lieblingstochter des Zeus, als Beschützerin der Stadt Athen, als Stifterin der Weisheit und Kriegskunst, Schirmherrin der Künstler, Handwerker, Lehrer und Ärzte. Die Römer nannten sie Minerva und vergötterten sie als Schutzherrin ihrer Hauptstadt, der Kunst und Wissenschaft, als Beistand in Belangen der Rechtspflege und Staatsordnung.
Die Erfurter Minerva wurde 1784 zu Zeiten des Mainzer Statthalters Karl Theodor Freiherr von Dalberg (1744-1817) geschaffen und aufgestellt. Dalberg förderte Kunst und Wissenschaft, die unter seiner Regierung zu einer großen Blüte gelangte. So gilt die schöne, mit Helm, Lanze, Brustpanzer und Schild gerüstete Minerva wahrscheinlich als Symbol des aufklärerischen Strebens Erfurter Bürger.
Nach mehreren Standortwechseln seit 1976 auf dem heutigen Fleck, gehört das Nutz- und Kunstobjekt zu Erfurts seltenen Schätzen: Es ist der älteste noch im Freiraum erhaltene Brunnen, erinnert als letzter an die einst 55 öffentlichen Laufbrunnen der städtischen Wasserversorgung und zeigt eine der wenigen in Erfurt bewahrten barocken Plastiken, die einen Bezug zur antiken Mythologie besitzen. Zum 1250. Stadtjubiläum 1992 inspirierte die Aktion "Denkmale suchen Sponsoren" den Verein Heimattreue Erfurter, 33.000 Mark für die Restaurierung zu spenden. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der Minervabrunnen (22)


1806 - 1814

 
Napoleon-Obelisk, Napoleon-Säule, nicht erhalten

Standort: no Ende Anger
Schöpfer: Erfurter Handwerker
Einweihung: 20. März 1811. Am 06. Januar 1814 in Brand gesetzt und zerstört.

Zerstörung des Napoleonobelisken
Zerstörung des Napoleonobelisken auf dem Anger am 6. Januar 1814Aquarell von J.S.Beck

Am no Ende des Anger vor dem damaligen Gasthof „Römischer Kaiser“, etwa an der Stelle wo sich heute der Neue Angerbrunnen befindet, errichtete die Erfurter Bevölkerung zum Andenken an die Geburt des Sohnes Napoleons I. in aller Eile eine provisorische sehr stattliche „Ehrensäule“. „Der Chronist Constantin Beyer (1761–1829) nennt sie ein 'Denkmal speichelleckerischer Schmeichelei' “. Angefertigt wurde der Obelisk auf Veranlassung der französischen Domänenkammer, die Kosten dafür wurden der Stadt Erfurt aufgebürdet. Die Säule hatte eine Höhe von 70 Fuß, also etwa 21 m. Sie bestand aus Balken, Gips, im Sockelbereich mit Leinwand bespannten Feldern, an zwei Seiten mit den   Widmungsinschriften 'Napoleon dem Großen' bzw. '20. März 1811' und war marmorierend gefaßt. Etwas unterhalb der Mittelhöhe steht ein „N“. Von dem Obelisken existieren mindestens vier zeitgenössische und weitere spätere Abbildungen, die ihn sehr schlank und haushoch wiedergeben.
Den Beginn vom Ende zeigt ein Aquarell mit dem Durchzug der geschlagenen französischen Truppen nach der Leipziger Völkerschlacht. „Von den durch das Krämpfer- und Schmidtstedter Tor hereinströmenden Truppen verschiedener Waffengattungen lassen sich einige Soldaten erschöpft [unterhalb des kreisförmig eingezäunten Obelisken] auf dem Anger nieder. Verwundete werden auf Pferdewagen in die eiligst errichteten Hospitäler transportiert …
Die preußischen Truppen und ihre Verbündeten nahmen die Verfolgung der kläglichen Reste der einstigen „Grande Armee“ auf und schlossen die Franzosen auf der Festung Petersberg ein“. Erfurt wurde eine zwischen zwei Besatzern geteilte Stadt mit doppelter Belastung. Nach dem Bombardement am 6. November 1813, wo die Doppeltürme der Peterskirche zerstört, die Kirche selbst ausbrannte und die Nordbebauung des Domplatzes vernichtet wurden, „erfolgten Verhandlungen über einen Waffenstillstand, der mehrmals verlängert wurde. In der Zeit vom 1. bis 17. November 1813 starben 400 Bürger und 1472 Soldaten. Bis zur Befreiung von der Franzosenherrschaft hatte die Erfurter Bevölkerung noch viele Repressalien, Demütigungen und Opfer zu beklagen.
Endlich am 6. Januar 1814 war der ersehnte Tag gekommen, die leidvolle Belagerung durch die verbündeten Truppen beendet. Die französischen Besatzungstruppen übergaben die Stadt an die Preußen und zogen sich zunächst auf die Citadelle Petersberg und die Cyriaksburg zurück. Unter Glockengeläut und Jubel der Bevölkerung marschierten die preußischen Truppen durch das Schmidtstedter Tor in die Stadt ein... Als der Zug den Packhof (Angermuseum) erreicht hatte, fielen aus Richtung Ursulinenkloster einige Schüsse. Ein französischer Offizier befahl einer noch nicht abgelösten Wache, das Feuer auf eine Gruppe von Bürgern zu eröffnen. Der Offizier wurde von der erzürnten Menge niedergeworfen und von einem Kaufmannsdiener erstochen. Das sofortige Eingreifen preußischer Offiziere verhinderte weiteres Blutvergießen. In der Folge zerstörten einige Bürger den Napoleon-Obelisken. Dieses symbolhafte Ereignis wurde in zwei Bildern festgehalten. Der Erfurter Maler H. Beck zeigt in seinem zeitgenössischen Aquarell eine Ansicht des Anger mit Blick nach Osten mit dem bereits brennenden Obelisken im Mittelpunkt, aus dem Flammen am Sockel und an der Spitze steigen. Der Vordergrund ist in ganzer Breite mit jubelnden Bürgern und Soldaten ausgefüllt. Das Ganze wird von der damaligen Bebauung umrahmt mit Kaufmannskirche und ummauerten Kirchhof sowie „Römischen Kaiser“ im Hintergrund. Noch eindringlicher ist die Szene auf dem Schlußbild der 1882 eingeweihten historischen Galerie im Rathausfestsaal „Die Zerstörung des Napoleon-Obelisken auf dem Anger“ dargestellt. Vor dem Sockel des hölzernen Obelisken, der den größten Teil des Bildes einnimmt, hat der Maler Prof. Peter Janssen auf der einen Bildhälfte eine Gruppe Bürger dargestellt, die die Bespannung entfernen, um sich Zugang zum Inneren des Obelisken zu verschaffen und es befeuern. Auf der anderen Hälfte spiegeln ein Handwerker mit Schürze - in seiner ausgestreckten Hand eine brennende Fackel mit dem „Feuer der Befreiung“ - und zu seinen Füßen der erstochene       französische Offizier, deutlich wieder. Der Volkszorn konnte sich nach den durchmachten Repressalien der Besatzungszeit endlich Luft verschaffen. Ein Zeitzeuge schreibt dazu: „Die Menge auf dem Anger machte sich über die Napoleonsäule her. Sie zerschlugen mit Äxten die Inschriften des Denkmals und steckten die Säule in Brand. Nachmittags fünf Uhr war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen davon übrig.“
Der Obelisk teilte das Schicksal des Kaisers, dem er gewidmet war, und seiner Armee, er wurde vernichtet, noch bevor aus dem provisorischen ein dauerhaftes steinernes Monument werden konnte. (DT, 7, Wolfgang Scharf, leicht verändert)

 

Napoleon-Tempel, nicht erhalten

Standort: N-Abhang Steigerwald, ehem. Napoleonshöhe
Schöpfer: Bildhauer Friedrich Wilhelm Eugen Döll, Gotha (Napoleon-Büste)
Einweihung:14. August 1811. Am 1. November 1813 in Brand gesetzt und zerstört.

Napoleonstempel
Die 1811 geschaffene Napoleonshöhe mit Napoleonstempel im Erfurter Steiger
Ölgemälde "Die Napoleonshöhe im Steiger bei Erturt" (Ausschnitt)
von N.H.Dornheim

Dem Tempel war die wohl kürzeste Existenz, als Denkmal in Erfurt beschieden mit nur etwas mehr als zwei Jahren während der französischen Besatzungszeit.
Der bedeutendste Erfurter Maler jener Zeit Nikolaus Dornheim gibt uns eine Vorstellung vom Aussehen dieses Huldigungstempels auf Napoleon I in seinem Ölgemälde „Die Napoleonshöhe im Steiger von Erfurt“, das 1812 anlässlich der Errichtung 1811 entstand. Der dichte Steigerwald im Hintergrund des Tempels öffnet den Blick in die Ferne und die im Talkessel liegende Stadt mit ihren Wahrzeichen Dom (noch mit flachem Notdach nach dem letzten großen Brand), St. Severi sowie rechts die Citadelle (noch) mit intakter Peterskirche und ihren Doppeltürmen.
Auf Anweisung des Präsidenten Resch wurde durch Baumrodung und Terassierung die sogenannte 'Napoleonshöhe' angelegt.
Ein Rundtempel im griechischen Stil erhöht über einer ebenen Fläche mit einem kleinen Terrassenvorbau ruht auf acht Säulen und wird von einer Siegesgöttin mit Schild, Schwert und Lanze gekrönt. Im Mittelpunkt steht eine überlebensgroße Büste des Kaisers auf einem Sockel, die vom Bildhauer Friedrich Wilhelm Eugen Döll (1750-1816) aus Gotha angefertigt war. Die Anlage verfügte weiter über eine Grotte mit Springbrunnen und schönen Blumenbeeten. Das große Wasserbecken (lavoratorium) aus dem ehemaligen Peterskloster wurde hierzu verwendet.
Am Einweihungstag bewegte sich, nach vorangegangener Feierstunde unter der Leitung des berühmten Komponisten Louis Spohr in der Predigerkirche, eine große Menschenmenge in den Steiger. Gegen 8 Uhr wurde die Weihe durchgeführt, und Präsident Resch hielt eine Lobrede auf Napoleon und seine großen Taten. Ein Zeitgenosse und Teilnehmer an dieser Feier schrieb dazu: „Als der Redner nun zum Schluß seiner Rede kam, endete er mit den Worten: 'Es lebe Napoleon der Große und das erhabene Kaiserhaus'. In das Hoch stimmte aber niemand ein als ein paar besoldete Anhänger des französischen Systems.“
Neben der genauen Ausarbeitung der Topografie stellt Dornheim auf seinem berühmtesten Gemälde, und dies war sonst selten, wichtige städtische Persönlichkeiten dar, wie den Universitätsprofessor Johann Jakob Dominikus und den Hofrat Johann Friedrich von Weißenborn. Eigentlich „eine Auftragsarbeit für die französischen Behörden in Erfurt, blieb Dornheim selbst auf dem Werk sitzen. Seine Auftraggeber boten ihm statt der 60 geforderten Taler den Posten als Direktor der Kunst- und Handwerksschule an. Weil er den amtierenden und seine 14-köpfige Familie nicht mittellos machen wollte, lehnte er ab.
So blieb uns im Bild erhalten, was zum Ende der leidensvollen Besatzungszeit in der Realität verloren ging, Napoleon-Tempel und Anlagen wurden durch die Belagerer (Verbündete) und Erfurter Bevölkerung 1814 zerstört. Dazu Chronist C. Beyer: „Plötzlich stand auf der Steigerhöhe der Napoleontempel in lichten Flammen und brannte bis auf das Gewölbe, das ihm zur Grundlage diente, ab. Nicht ohne Freude im Herzen begrüßten die Patrioten Erfurts den Fall dieses Denkmals aus der Zeit erbärmlichster Kriecherei vor dem Zwingherrn.“ (DT, 7, Kathrin Steinke, leicht verändert)


1814 - 1870

 
Pestkreuz im Brühler Garten, Pestopfer-Gedenkmal, Friedhofskreuz, KD

Standort: Brühler Garten, SO-Ausgang Lindenallee
Einweihung: 1820

Pestkreuz im Brühler GartenVom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert wurde Erfurt, wie auch andere Gebiete in ganz Europa, von der Pest mehrfach heimgesucht. Dem Schwarzen Tod, wie diese gefährlichste Seuche auch genannt wurde, fielen allein hier über die Zeiten Zehntausende zum Opfer.
So sind „während der Epidemie von 1625/26 insgesamt 4700 und selbst im Verlauf der letzten Erfurter Pest von 1682/83 noch immer 10.377 Menschen (über die Hälfte der Stadtbevölkerung) gestorben. Auch im Erfurter Umland waren die Opferzahlen zur gleichen Zeit hoch: z.B. in Alach 320, Gispersleben Kiliani 84, Viti 56 … Um dem Wüten der Pest möglichst erfolgreich begegnen zu können, wurden wiederholt gedruckte Anschläge und Verordnungen vom Rat der Stadt in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät herausgegeben. Sie enthielten Verhaltensmaßregeln für Gesunde und Kranke, von denen jene, die im Sinne einer zeitgenössischen Prophylaxe auf eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und eine Isolierung der Erkrankten abzielten, zweifellos die positivsten im Hinblick auf eine wirksame Seuchenbekämpfung waren. Die Therapie als solche stützte sich hingegen in erster Linie auf eine Unzahl von Arzneien und obskuren Wundermitteln, denen jegliche therapeutische Bedeutung abgesprochen werden muss. Entschieden günstiger als diese medikamentöse Behandlung ist die chirurgische zu bewerten. Für die Eröffnung und Versorgung der Drüsenbeulen standen besondere Pestchirurgen zur Verfügung, die seitens der Stadt eigens dafür bezahlt wurden. Außerdem stellte die Stadt Ärzte, Inspektoren, Pfarrer und Totengräber für die Betreuung der Pestkranken und die Beseitigung der Pestleichen ein. Trotz aller Bemühungen, dem Ausbruch der Pest durch entsprechende Maßnahmen vorzubeugen und eine Ausbreitung in möglichst engen Grenzen zu halten, blieb jedoch dem Rat der Stadt während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein entscheidender Erfolg versagt.
Das Areal des heutigen Brühler Garten kann auf eine bemerkenswert wechselvolle Nutzungsgeschichte verweisen: je zweimal als Friedhof und als Garten. Damit nicht genug. Auch dem sogenannten „Pestkreuz“ liegt ein zweifacher historischer Bezug auf die beiden Gründungszeiten als Friedhof inne.
Am 1. Oktober 1818 legte ein Ratsbeschluss fest, den ehemaligen Statthalterei-Garten zum Friedhof umzugestalten. Bei den vorzunehmenden Erdarbeiten, kamen dann auch Teile von Bestattungen aus der ersten Friedhofszeit ans Tageslicht. Man erinnerte sich an der zahlreichen Opfer der Pest, und widmete das neu zu errichtende Friedhofskreuz vermutlich auch ihrem Gedenken. Daher vielleicht die bis heute überkommene, eingebürgte Bezeichnung „Pestkreuz“. Ein realer Bezug zur Pest war anfangs des 19. Jhs. bereits seit langem nicht mehr gegeben. „Am Ende des mittleren Ganges wurde ein steinernes Kreuz errichtet zum Zeichen, dass es nun ein Friedhof sei.“ Diese recht eindeutige historische Lokalisierung belegt den Verbleib des Kreuz seinem ursprünglichen Platz. Dennoch bleiben auch Widersprüche in den Überlieferungen. Constantin Beyer (1825) verbindet besagten Standort mit dem des früheren Konzertpavillons, der verfallen abgerissen werden musste, aber erhöht ebenso wie das Kreuz, das er am so Rand des Areals vorgefunden hatte. Man hatte damals eine romantische Sicht über die dahinschlängelnde Wilde Gera (heute Tram-Trasse / Melanchtonstraße) bis zu Vogels Garten (heute Bereich Lutherstraße). Wenn der von Beyer beschriebene mit dem heutige Standort des Kreuzes identisch wäre, hieße das aber, der Hügel wurde eingeebnet und das Kreuz notwendigerweise ab- und wieder neu aufgebaut.
Das Pestkreuz ist also nicht auf die erste Friedhofsgründung Ende des 16.Jhs. zu datieren, wie man es manchmal in Beschreibungen noch findet, wohl aber mit der Erinnerung an den damals zwingend notwendig gewordenen Anlaß zu verbinden.
Sein heutiger Zustand ist noch recht gut, auch wenn es statt gedachter 400 Jahre tatsächlich nur knapp halb so alt ist.
Das Kreuz ist von sehr schlichter Form, äußerst sauber gearbeitet, steht auf einem Würfelsockel und ist selbst etwa 3 m hoch. Es besitzt keine erkennbare Inschrift oder Verzierung, auf einer Seite des Querarmes fehlt oben eine Ecke. (DT)

 

Gefallene Soldaten 1848 Grabdenkmal, nicht erhalten

Standort: Ehemaliger Johannisfriedhof
Einweihung: 1849 über dem Gemeinschaftsgrab
Inschrift: „Im Kampfe / für Ordnung u. Gesetz / fielen / treu ihrer Pflicht / am 24. Nov. 1848 / Georg Barthel, / Joseph Raub, / August Dietzel, / Ferd. Eckler, / Aug. Hartmann, / J.M. Herbig, / Carl Wicht.“

Gefallene Soldaten 1848 GrabdenkmalDie Beerdigung der gefallenen Soldaten fand am 27. November vormittags unter großer Zeremonie, einem Trauerzug vom Lazarett aus statt, in dem hinter den sieben geschmückten Särgen Generalfeldmarschall Karl von Müffling (1775-1851) ritt.
Die Trauerrede, die „zur Beschaffung eines Denkmals für die Gefallenen“ auch im Druck erschien (Preis 1 Sgr.), hielt Divisions-Prediger Kleckl (siehe unten). Er bezog auch die gefallenen Revolutionäre, denen das kirchliche Begräbnis verweigert wurde, mit in die Trauer ein:
„ein tiefes Leid, wenn wir hinblicken auf das Blut, das hier wie dort geflossen, auf die zahlreichen Opfer, die hier wie dort gefallen, auf den namenlosen Jammer, der hie wie dort in die Kreise der Familien gedrungen.
Denn auch den Verirrten, Verblendeten und Verführten [die gefallenen Aufständischen (DT)], obschon sie als gerechte Strafen tragen, was sie mit ihrer Thorheit selbst verschuldeten, dürfen wir doch unser christliches Mitleid nicht versagen.“
Die sieben Soldaten waren zwischen 19 und 23 Jahre jung. Neben drei Thüringern kamen vier aus den Kreisen Querfurt (2), Sangerhausen und Bitterfeld (heute Sachsen-Anhalt).

Es gehörten an

  • dem 31. Infanterie-Regiment:
    Georg Barthel (23), 5. Kompanie, aus Niederorschel, Kreis Worbis;
    Joseph Raub (19), 5. Kompanie, aus Kefferhausen, Kreis Heiligenstadt;
  • der 4. Pionier-Abteilung:
    August Dietzel (21), 2. Kompanie, aus Mücheln, Kreis Querfur;
  • dem 8. Kürassier-Regiment Langensalza:
    Johann Michael Herbig (23), 2. Eskadron, aus Flarchheim, Kreis Langensalza;
    Friedrich August Hartmann (22), 3. Eskadron, aus Schnellenrode (heute Schnellroda), Kreis Querfurt;
    Wilhelm Karl Friedrich Wicht (21), 4. Eskadron, aus Haynrode (Hainrode), Kreis Sangerhausen;
    Ferdinand Eckler (21), 4. Eskadron, aus Zörbig, Kreis Bitterfeld.
    Jene Kürassiere fielen kurz nach 10 Uhr, dem Beginn der Auseinandersetzung, als sie sofort aus Fenstern umliegender Häuser unter Feuer genommen wurden.

Das ein Jahr darauf über der Grabstätte an der Johannesmauer errichtete Grabdenkmal wurde in den 1950er Jahren wegen seiner angeblichen militaristischen Aussage entfernt. (DT)

Literatur:
[Kleckl]: Rede, bei der am 27. November 1848 Vormittags stattgefundenen feierlichen Beerdigung der am 24. Novbr. im Straßenkampfe zu Erfurt gefallenen Soldaten, gehalten vom Divisions-Prediger Kleckl. [1848] 4 S.

 

Müffling-Grabdenkmal, verändert erhalten

Seeberger Sandstein
Standort: Brühler Garten, S-Rand
Schöpfer: Friedrich August Stüler , Königl. preußischer Hofbaumeister. Büste: Berliner Bildhauer Hermann Wittig (1819–1891), Büste nicht original, sondern um 2000 nachgefertigt, da 1951 entfernt.
Einweihung: 1853

Müffling-Grabdenkmal

Philipp Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling genannt Weiß (1775 Halle – 1851 Erfurt) war preußischer Generalfeldmarschall, Militärschriftsteller und Geodät.

Freiherr von Müffling war ein angesehener Offizier der preußischen Armee. Er trat 1787 als Junker in ein Füsilierbataillon ein, mit dem er 1790 nach Schlesien ging und 1792-94 den Feldzug gegen Frankreich mitmachte.
Große Verdienste erwarb er sich auch als Wegbereiter der modernen Kartographie. Von 1797 bis 1802 wurde er bei der trigonometrischen Vermessung Westfalens für die Lecoqsche Karte, dann 1803 als Premierleutnant im neu aufgestellten Regiment Nr. 59 von Wartensleben in Erfurt bei der Gradmessung in Thüringen beschäftigt.
1805 trat er als Hauptmann in den Generalstab. 1806 stand er bei dem Korps des Herzogs von Weimar, schloss sich nach der Katastrophe von Jena Blücher an und erhielt nach dem Treffen bei Lübeck den Auftrag, die Kapitulation von Rattkau abzuschließen. 1808 trat er als Mitglied des sogen. geheimen Konseils in weimarische Dienste, 1813 aber wieder in die preußische Armee und wurde als Oberstleutnant dem Generalstab Blüchers zugeteilt. Nach dem Gefecht bei Hainau in Schlesien, zu dem er die Disposition entworfen hatte, avancierte er zum Obersten. Nach dem Ende des Waffenstillstands wurde er Generalquartiermeister bei der schlesischen Armee, nach der Schlacht bei Leipzig Generalmajor und nach Abschluss des ersten Pariser Friedens Chef des Generalstabs der am Rhein zurückgebliebenen Armee. Im Feldzug gegen Napoleon fungierte er 1815 als preußischer Verbindungsoffizier im Hauptquartier der britischen Armee und erledigte in dieser Funktion unter anderem in der Schlacht bei Ligny die Kommunikation zwischen Wellington und Blücher. Nach der zweiten Einnahme von Paris wurde er dann zum Gouverneur der Stadt ernannt und blieb 1816 als Bevollmächtigter Preußens im Hauptquartier des Herzogs von Wellington. Hier verband er sich mit französischen Offizieren und Gelehrten zu einer Gradmessung zwischen Dünkirchen und dem Seeberg. Der preußische König schenkte ihm für seine Verdienste 1816 das Gut Ringhofen bei Mühlberg in Thüringen, Mühlberg und das benachbarte Vorwerk Freudental. Das Rittergut blieb bis 1926 in Familienbesitz.1820 wurde er Chef des Generalstabs der preußischen Armee. Als Generalleutnant erhielt er 1829 eine Mission nach Konstantinopel, um die Pforte für den Frieden mit Russland geneigt zu machen, und wurde im März 1832 General des 7. Armeekorps, 1837 Gouverneur von Berlin, 1841 Präsident im Staatsrat. 1847 erhielt er die erbetene Entlassung mit dem Titel eines Generalfeldmarschalls und als Geschenk die Domäne Wandersleben und ließ sich hierauf in Erfurt nieder. Im Trauerzug des 27. November 1848 für die drei Tage zuvor auf dem Anger gefallenen Soldaten, ritt Müffling als Feldmarschall hinter den sieben geschmückten Särge. Er starb am 16. Januar 1851 in Erfurt, dem er sich zeitlebens verbunden geführt hatte und wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme und mit militärischen Ehren am 19. Januar 1851 auf dem dortigen Brühler Friedhof (heute Brühler Garten) beigesetzt. Zwei Jahre später errichtete der bekannte Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler (1800-1865) an dieser Stelle ein klassizistisches Grabmal - einen dreiseitig offenen dorischen Tempel. An der Rückwand wurde eine Konsole angebracht, auf der man eine überlebensgroße Büste Müfflings platzierte.
Müfflings Grabmal erhielt 1925 durch die Anlage des Brühler Gartens auf dem ehemaligen Friedhof noch deutlicheren Denkmalcharakter. Nach 1945 teilte es das Schicksal vieler preußisch-nationaler Denkmale, wurde aber zumindest nicht zerstört. Ohne die 1951 entfernte Büste fristete es über Jahrzehnte ein trauriges Schattendasein. Seit dem Jahre 2000 erinnert das sanierte Grabdenkmal mit Büste wieder an den Erfurter Ehrenbürger. (SR, DT, Wikipedia))

Straßennamen: Müfflingstraße

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Grobe, Karsten: Das Müffling-Grabmal im Brühler Garten (7)
Müffling (15)
Ein Müffling-Grabstein von 1752 (31)
Kaiser, Dr. Klaus-Dieter: Müffling und Erfurt (19)

 

Landgerichtsdenkmal bei Mittelhausen. FD

Standort: NW Mittelhausen
Schöpfer: Bildhauer Christian Herda, Erfurt
Errichtung: 15. Juni 1853 (s. nachfolgende Inschrift)
Einweihung: 4. September 1853 mit großer Festlichkeit
Inschrift auf gusseisernen Platte (entfernt): „Aufgerichtet von den Gemeinden des Amtsbezirkes Großrudestedt an der Stelle, auf welcher vor Zeiten der Landgrafen in Thüringen Thingstuhl stand, am 15. Junius 1863.“

LandgerichtsdenkmalFrank Störzner: „Das Denkmal kennzeichnet einen der denkwürdigsten Plätze der älteren thüringischen Geschichte. Hier befand sich der Sitz des Thüringer Landfriedensgerichtes, das als oberstes Rechtsorgan der Landgrafschaft Thüringen fungierte. Dreimal im Jahr sprach der Landgraf auf dem 'lantdinge czu Mitilhusen' Recht. 1346 erlosch die Institution.“

Das höchste landgräflich-thüringische Landgericht trat zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert nördlich von Erfurt bei Mittelhausen auf einer Wiese zusammen. Die Thingstätte war sicherlich, so wie heute nachempfunden, von einer Baumgruppe bestanden. Gerüst und Sitze wurden aufgestellt. für die Ausschmückung, war der Abt des Petersklosters verantwortlich. Seine Mönche hatten Besitz im nahen Mittelhausen.

Die Versammlungsplätze in Gotha. Thamsbrück. Weißensee und Buttelstedt waren dem bei Mittelhausen nachgeordnet. Mittel hausen lag im Zentrum der Landgrafenschaft. und die wich· tige Handelsstraße von Franken über Erfurt nach Magdeburg führte nah am Gerichtsplatz vorbei. Den Vorsitz des Gerichtes besaß der Landgraf von Thüringen. Von Heinrich dem Erlauchten wissen wir allerdings, dass er als Vertreter 1257 den Grafen Hermann von Henneberg nach Mittelhausen sandte. Zwölf gewählte Beisitzer standen dem obersten Richter zur Seite. Die meisten entstammten dem thüringischen Hochadel, einige erschienen als Vertreter der Städte. Aus dem Jahre 1338 wurde bekannt, dass eine Art Polizei das Gericht sicherte.
Meistens wurden Streitigkeiten zwischen Feudalherren oder Klöstern geschlichtet. Interessant ist, dass betroffene Adlige, die außerhalb der Landgrafschaft wohnten, die Sprüche des Gerichts anerkannten. Eine sehr wichtige Aufgabe des Landgerichts war die Wahrung des Landfriedens. Das traf die Raubritter!

Besonders die thüringischen Städte spürten, dass sich die Landgrafen selbst das Gericht zunutze machten, um ihre eigne Hausmacht auf Kosten anderer auszubauen.

1371 verbanden sich die Stadtbürger Erfurts. Mühlhausens und Nordhausens mit Grafen. die dem Landgrafen feindlich gegenüberstanden. Das Ziel war, selbst die lebenswichtigen Handelsstraßen gegen Straßenräuber zu schützen. Manfred Tittel

„In den nachfolgenden Zeiten fast in Vergessenheit geraten, erinnerte nichts mehr an die einstige bedeutende Thingstätte. Der Initiative des Großrudestedter Gerichtsbeamte und Heimatforschers Zwätz ist es zu verdanken, dass über ein halbes Jahrtausend später – 1852 – der historische Gerichtsplatz wieder entdeckt wurde. Die Idee, diesen Platz mit einem Denkmal zu versehen, fand viele Befürworter. Eine Geldsammlung erbrachte die dazu benötigten Finanzen, was mit Erfolg zur Errichtung des Denkmals führte.“
„Der aus Sandstein bestehende ca. sechs Meter große Obelisk“ ruht auf einem mehrstufigen Sockel. Noch vor zwei Jahrzehnten „erinnerte eine eiserne Tafel daran, dass dieses Denkmal am 15. Juni 1853 in Anwesenheit des Großherzogs Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach eingeweiht wurde. Zudem zeigte der Obelisk neben dem großherzoglichen Wappen das Symbol der Justitia.“ (Heimatforscher H.P. Brachmanski)

Der Zustand, in dem sich das Denkmal heute (2014) zeigt, ist mehr als ernüchternd. Die Tafel wurde (vorsorglich?) entfernt, ebenso ist von den „Verzierungen“ am Obelisken bis auf Reste (Adler?) kaum noch etwas geblieben. Alle Flächen sind über und über mit Widmungen, besonders aus den letzten Jahrzehnten ausgefüllt, die bereits selbst Zeitgeschichte geworden sind. Wenn dem historisch Interessierten dieses Tun, der fehlender Respekt gegenüber einem wichtigen Relikt der Vergangenheit und die  Rücksichtslosigkeit nicht fassungslos machen würde.

Wer dennoch selbst das abgelegene Denkmal aufsuchen möchte hier noch abschließende Hinweise. Vor Jahren noch inmitten von Feldern im Große Ried stehend, wird das Denkmal heute auf einer hügelartigen Landzunge von zwei durch Kiesabbau entstandenen Seen eingerahmt, die von Anglern gern genutzt werden. Wenige Meter entfernt ist ein Trigonometrischer Punkt eingelassen.

Es stehen im Wesentlichen drei Wege zur Auswahl. Über die Chaussee Mittelhausen in Richtung Nöda, nach wenigen hundert Metern den Feldweg links, der nach etwa 700 Metern geradezu auf den Obelisken führt; oder bereits von Mittelhausen, n Ortsrand, nach N über Denkmalsweg, dann Feldweg, der auf den zuvor genannten einmündet (nach links) oder vor Denkmalsweg nach NNW über Pfad (zu Fuß), später Feldweg zwischen Seen.
Die letzte beschwerlichste Variante ist die reizvollste, um die Erfurter Seenlandschaft zu erleben. (DT, 4)

 

Radowitz-Grabdenkmal, nicht erhalten

Standort: ehem. Krämpfer Ring, Anlage, heute Stauffenbergallee
Einweihung: 25.12.1853

Joseph Maria Ernst Christian Wilhelm von Radowitz (6. Februar 1797 Blankenburg - 25. Dezember 1853 Berlin) war preußischer Generalleutnant, Diplomat und Politiker. Er war neben Gagern und Bismarck namhafter Teilnehmer am Unionsparlament 20.3. - 29.4.1850 in Erfurt - der Vordenker und Organisator der Erfurter Union, eines Einigungsversuchs unter preußischer Führung.. Radowitz ist zwar in Berlin gestorben, aber in Erfurt beigesetzt.

Das neugotische Grab wurde 1954, nach 100 Jahren Bestand abgebrochen. (DT, Wikipedia, 7)

 

Lucius-Hebel-Grabdenkmal, zweimal umgesetzt. Lucius-Hebel-Stiftung

Standort: Kartäuser Straße 57, Außenmauer – Innenseite, vor Lucius-Hebel-Stiftung
Errichtung: um 1857-1864

Lucius-Hebel-GrabdenkmalDie Grabanlage ist flächig in den klassischen Formen eines griechischen Tempels gestaltet. Über einem Sockelbereich mit der Inschrift „LUCIUS HEBEL“ tragen zwei rahmende Vierecksäulen ein breites Gesims mit flachem Spitzgiebel. In der geschlossenen Rückwand hält eine junge Frauengestalt (Göttin?) einen Kranz in ihrer rechten und eine Rose in der linken Hand. Es ist das Grab von Sebastian Lucius (1781-1857) und seiner Frau Marianne, geb. Hebel, die mit unternehmerischen Erfolg und privatem Glück reich beschenkt wurden. Durch die Errichtung der Lucius-Hebel-Stiftung für alte und gebrechliche Bürger der Stadt haben sie sich ein bleibendes Denkmal gesetzt.
In der Hauswand des Stiftungsbaus steht auf einem Konsolstein eine Figur des Hl. Sebastian, darunter ist eine Tafel eingelassen: „LUCIUS-HEBEL-STIFTUNG. Errichtet im Jahre 1864“.
Seb. Lucius verstarb am 18.9.1857 und wurde auf dem Krämpferfriedhof bestattet. Nach Aufhebung des Friedhofs im Jahre 1902, gelangte das Grabdenkmal zunächst auf den Südfriedhof, um 1913 seinen endgültigen Platz vor dem Stiftungsbau in der Kartäuserstraße zu finden.
In der katholischen Familiendynastie Lucius waren im 18. Jahrhundert Handwerker und Kleinhändler vertreten. Im 19. Jh. schafften sie den Aufstieg als Fabrikanten in die 1.Klasse der Erfurter Großunternehmer.
Ihr Name ist untrennbar verbunden mit einem der repräsentativsten Häuser Erfurts, dem heute öffentlichen Haus Dacheröden auf dem Anger, am Alten Angerbrunnen. Es war das Handelshaus der weltbekannten Strumpfwarenfabrik Joh. Anton Lucius, der die Firma 1763 gegründet hatte; deswegen vormals auch das „Lucius-Haus“ genannt. Name und Gründungsjahr kann man noch heute in der Umschrift über dem schlichten Rundbogenportal lesen.
Von Helga Brück erschien 1991 ein Fortsetzungsartikel über die Familie Lucius, in dem der Lebensweg Sebastians nachgezeichnet und auch die Lebensleistung seiner Frau Marianne gewürdigt werden:
„Sebastian Lucius wurde 1781 als jüngstes von sieben Kindern des Firmengründers Johann Anton Lucius (1742-1810) geboren. Mit größtem Erfolg besuchte er das Jesuitenkollegium in Erfurt, erlernte spielend die französische und italienische Sprache und wollte später die Universität besuchen. Der Vater aber, der in dem Jungen den Fortführer und Vollender seiner kaufmännischen Geschäfte sah, nahm Sebastian vom Kollegium und ließ ihn in der Fabrik und im Büro arbeiten. Als er 16 Jahre alt war, schickte ihn sein Vater nach Höchst am Main, um dort bei seinem ältesten Bruder Michael eine anderthalbjährige kaufmännische Lehre zu absolvieren. 1801 kehrte Sebastian nach Erfurt zurück und übernahm kaum 20jährig die Leitung des Geschäfts. 1810, nach dem Tod des Vaters, wurde er Besitzer der Firma. Der Verstorbene hatte seinen sieben Kindern ein Vermögen von 31.000 Talern hinterlassen, das entweder aufgeteilt oder zu 5 Prozent verzinst wurde.
Es waren keine günstigen Jahre zum Geldverdienen. Erfurt war durch den Reichsdeputationsausschuß an Preußen gefallen. Der preußischen Einquartierung folgte die der großen französischen Armee, und große Steuerlasten drückten die Bevölkerung. Doch dem jungen Geschäftsmann kam seine völlige Beherrschung der beiden Fremdsprachen sehr zugute. Vor allem war er den Fremden unentbehrlich geworden, um Geld- und Papierwechselgeschäfte zu vermitteln. Sebastian Lucius wußte die Gunst der Stunde zu nutzen: er gründete ein Speditionsunternehmen für Verpflegung und Ausrüstung der durchwandernden Armeen. Das Geschäft war sehr gewinnbringend. Erfurt hatte zu jener Zeit in seinen Mauern 10.000 Verwundete oder Kranke und 8.000 bis 10.000 Soldaten Besatzung zu versorgen.
Nach Abzug der Truppen richtete Sebastian Lucius eine Gingham-Fabrik ein zur Herstellung von Baumwollgewebe mittlerer Feinheit. Den Rohstoff importierte er aus England. Außerdem fabrizierte er weiterhin Strümpfe und Mützen. Seine Arbeiter – sie zählten bald 1.000 – waren zum größten Teil Heimarbeiter, die nicht nur in Erfurt wohnten; selbst im Thüringer Wald unterhielt er Faktoreien.
1814 erwarb Sebastian Lucius das Haus „Zum güldenen Hecht“, 1832 das Nachbarhaus „Zum großen Schiff“, verband beide Häuser durch einen Umbau (entspricht dem heutigen Haus Dacheröden) und ließ aus Achtung und Dankbarkeit für seinen Vater die Umschrift über dem Eingangsportal anbringen.
Seine erste größere Geschäftsreise führte Sebastian Lucius 1825 nach England. Dort machte er sich mit den modernen Produktionsverfahren bekannt, sah die erste Kammgarnspinnerei und die erste Eisenbahn. Auf der Rückreise über Paris knüpfte er auch dort Geschäftsverbindungen. Mit der zweiten Reise 1829 nach Italien erfüllte er sich einen Jugendwunsch. In Florenz, am Palast eines Kaufmanns, las er den Spruch „NON DORMIRE“. Diese Mahnung „NICHT SCHLAFEN“ wurde zur Devise der Lucius-Familie. 1833 und 1836 führten ihn Geschäfte wiederum nach England und in die Schweiz, wo er Industrieorte zur Herstellung von Kattunwaren besuchte. Ein Jahr später übergab er einen Teil des Unterhehmens, so die Spinnerei, die Weberei und die Druckerei, an seine Neffen Carl und Joseph Lucius, da der eigene älteste Sohn August sich „weder fähig noch willig zur Übernahme der Geschäfts“ zeigte. Er besaß eine Begabung in der Malerei. Ein Altarbild von ihm befindet sich in der Kirche zu Heuschleben bei Weißensee.
Am 15. März reiste eine Delegation einflußreicher Erfurter Bürger im Auftrage des Magistrats unter Leitung von Stadtrad Pingel nach Berlin, um sich dafür einzusetzen, dass die geplante Eisenbahnlinie über Erfurt geführt werde. Auch Sebastian Lucius gehörte zu dieser Delegation, die erfolgreich zurückkehrte. Er war es auch, der 1842 die erste Dampfmaschine in Erfurt in seiner Firma auf dem Junkersand betrieb. Nach den Teuerungen und revolutionären Unruhen 1847/48 erwog Sebastian Lucius, sein Geschäft nach Hamburg oder England zu verlegen. Doch als 70jähriger erwarb er 1851 das Rittergut Klein-Ballhausen und zog sich vom Geschäft zurück.

Lucius-Hebel-Stiftung1815 wurde Sebastian in der Wigbertikirche mit Marianne, der Tochter des Weinhändlers Hebel aus Würzburg, getraut. Frau Lucius, tatkräftig und tief religiös, kontrollierte nicht nur das Geschäft bei Abwesenheit ihres Mannes, sondern schenkte auch 13 Kindern das Leben, die alle im Doppelhaus Anger 37/38 (Dacheröden) geboren wurden.

Drei Söhne haben Ruhm und Reichtum für das Haus Lucius gemehrt: Ferdinand (1830-1910) – Nachfolger des Vaters als Firmenchef, Vorsitzender der Erfurter Handelskammer, Mitglied des Reichstages und des Landtages; Nicolaus Eugen (geb. 1834) – Mit Dr. Adolf Brünning Gründer einer chemischen Farbenfabrik in Höchst am Main, aus der sich der Weltkonzern BASF entwickelte; Robert Siegismund (1835-1914) – 1870 bis 1882 Reichstagsabgeordneter, 1879 bis 1890 Vizepräsident des Reichstages, Staatsminister und Minister für Landwirtschaft und Forsten, Vertrauter von Reichskanzler Bismarck, seit 1888 Freiherr von Ballhausen, 13. Juli 1889 Ehrenbürger der Stadt Erfurt.

Mit ihrer Lucius-Hebel-Stiftung sind Sebastian und Marianne Lucius als karitativ tätige Bürger im städtischen Bewußtsein bis heute geblieben. Sebastian Lucius stellte wenige Monate vor seinem Tod die Hälfte seines Gartengrundstücks an der Hopfengasse, nördlich des Kartäuserklosters, und ein Kapital von 5.000 Talern für den Bau eines neuen katholischen Krankenhauses mit einer Aufnahmekapazität von zunächst 64 Patienten sowie eines Siechenhauses für alte und hilfsbedürftige katholische Bürger der Stadt zur Verfügung. Sein Sohn August bewirkte später mit Unterstützung seiner Geschwister den  Bau der Lucius-Hebel-Stiftung, d.h. ein Altersheim, von Vincentinerinnen geleitet. Es wurde 1864 – wie auf der Tafel zu lesen – fertiggestellt und seiner Bestimmung übergeben. Frau Marianne gründete auf der westlichen Hälfte des Grundstückes in der Hopfengasse eine Niederlassung von Franziskanerinnen für ambulante Krankenpflege, die auch die Erziehung katholischer Mädchen übernahmen. (DT )

 

Meinecke-Gedenkstein, fünfmal (!) - zuletzt 1947 - versetzt

Standort: Meineckestraße
Einweihung: 1861

Meinecke-GedenksteinEin Jahr nach dem Ableben des Erfurter Königlichen Majors der Artillerie a.D. Leopold Wilhelm von Meinecke weihte ihm die Stadt 1861 in der Parkanlage Luisental am Friedrich-Wilhelm-Platz (Domplatz) ein Denkmal. 269 Taler und 14 Groschen kostete der schlichte beschriftete Steinwürfel mit flachem pyramidalen Abschluss. Mit dem Abriss des Luisentals musste das Mal bereits 1872 weichen, wegen der Aufstellung des Luther-Denkmals 1889 seinen zweiten Standort nahe der Kaufmannskirche verlassen, kurzzeitig vor der Wigberti-Kirche ausharren und 1891 in die Arnstädter Straße umziehen, um schließlich 1947 in einer Grünanlage der seit 1911 so genannten Meineckestraße endlich Ruhe zu finden.
2002 erwirkte eine fünfköpfige "Interessengemeinschaft Denkmal Meineckestein" eine selbst initiierte und finanzierte Restaurierung für 1.286 Euro.
Als Regionalforscher und Wohltäter ging Meinecke ins öffentliche Gedächtnis ein.(RM)

Meinecke, Leopold Wilhelm – Geograph, Chronist

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Eberhard: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Meinecke-Denkmal (24)

 

Rothstein-Grabstein, zweimal umgesetzt nach dem II.Weltkrieg

Standort: Hauptfriedhof o Bereich, Grabfeld 10A, Grabstätte 001A, innerer Bogenweg
Errichtung: 1865
Inschrift: "HUGO / ROTHSTEIN / geb. 28. August 1810 / gest. 23. Maerz 1865"

Rothstein-GrabsteinNach einer ungewöhnlichen Odyssee hat dieser „gewanderte“ Grabsteinblock endlich seine Ruhe und einen würdigen Platz gefunden.
In den 1990er Jahren machte Susanne Günther auf eine Entdeckung aufmerksam, die sicher nur sehr wenigen gleichfalls bekannt war:
„Ein Grabstein, versteckt im Stockausschlag eines Baumes und verstellt durch abgelagerte Baumaterialien und Gerümpel auf einem weiten Platz hinter der Domturnhalle am Bergstrom. Nach dem II.Weltkrieg wurde er dorthin aus dem Brühler Garten, wo er zu den damaligen Zeiten des Friedhofs aufgestellt wurde, verbracht, so der Hinweis einer langjährigen Anwohnerin.“
Hugo Rothstein (1810-65) - wer war dieser Mann? In Erfurt geboren und gestorben. Seinerzeit bekannt, jedoch das Schicksal des Steines weist auf seine Befeindung, denn Rothstein war eine umstrittene Persönlichkeit. Johannes Biereye hat ihn in seine Bibliographie „Erfurt in seinen berühmten Persönlichkeiten“ (1937) aufgenommen. In der Tat hat Rothstein laut Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1700 – 1910 (1984) 26 Publikationen veröffentlicht.
Hugo Rothstein trat gegen den Willen seines Vaters (nach Biereye übrigens der erste in Deutschland, der in seiner Erfurter Fabrik den in England erfundenen mechanischen Webstuhl einführte) in den Militärdienst. Er bekleidete leitende Positionen in den preußischen Turnanstalten des Kriegs- und Unterrichtsministeriums. Diese einflußreiche Stellung war ein Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung mit der schwedischen Gymnastik, die in dem Werk „Die Gymnastik, nach dem System des schwedischen Gymnasiarchen P.H. Link“ gipfelte; veröffentlicht 1847 -1859 in acht Teilabschnitten. Sein Umfang beträgt über 1600 Seiten.
Ausführlich begründete Rothstein das Wesen der Gymnastik. Er verlangte für die Turnpädagogik im Hinblick auf das Ziel einer allseitigen und harmonischen Ausbildung des  Menschen unter Einbeziehung seiner späteren Berufstätigkeit anatomische, physiologische und psychologische Kenntnisse und deren Berücksichtigungen. Dem entsprach auch seine Bevorzugung dessen, was wir heute Leichtathletik nennen.
Hierbei polemisierte er aggressiv gegen den Jahn'schen Turngeist und die mit ihm eng verbundene Arbeiterbewegung und scheute vor groben Beschimpfungen und Verdächtigungen nicht zurück. Die deutsche Turnbewegung galt ihm als Hort eines rebellischen Individualismus.
Hier setzte bald heftiger Widerspruch ein und verdichtete sich zu einer in der breiten Öffentlichkeit ausgetragenen entschiedenen Ablehnung Rothsteins und seiner Anschauungen. Vor diesem allgemeinen Druck zurückweichend, ließen die preußischen Behörden ihren Schützling fallen.“
Dem abschließend geäußerten Wunsch der Autorin „Es ist an der Zeit, dass diesem denkwürdigen Erfurter auch in seiner Heimatstadt Ehre widerfährt und sein Grabstein nicht im Baumgebüsch verborgen bleibt“ erfüllte sich schließlich und brachte das ehrenvollen Anliegen zum Erfolg. Der Grabstein „wechselte“ ein letztes Mal auf den Hauptfriedhof. Dort liegt er nun, zwar erneut etwas versteckt und von einem Gebüsch eingehüllt, ohne Grab, isoliert, zu den Nachbargräbern mit Abstand – also einiges was in der Betrachtung seiner Person als Entsprechung gesehen werden könnte - aber am rechten Platz. (DT )

 

Haage-Denkmal, erneuert, versetzt

Standort: Blumenstraße 68, auf Firmengelände Kakteen-Haage
Schöpfer: ? 1934 durch Prof. Hans Söhlemann, Schwiegervater von Walther Haage, erneuert
Einweihung: 1866
Inschrift unter dem Portrait-Medaillon: „FRIEDR. AD. HAAGE / ZUM / GEDÄCHTNIS“

Haage-DenkmalFriedrich Adolph Haage (1796 – 1866) war ein hervorragender Kultivateur, leidenschaftlicher Kakteenzüchter, erfolgreicher Kaufmann und wurde mit seiner Handelsgärtnerei ein Mitbegründer des Versandhandels im deutschen Gartenbau.
Er war Mitbegründer des Erfurter Gartenbauvereins.
Nach seinem Tod am 20.September 1866 errichtete der „Erfurter Verschönerungsverein“ in Würdigung seiner Leistungen und Verdienste für die Stadt Erfurt ein Denkmal im Hopfengrund im Steiger.
Dazu stellte die Familie dem Verschönerungsverein das ursprüngliche Grabmal mit einem Portrait-Medaillon zur Verfügung. Durch Vandalismus beschädigt, wurde es 1934 durch die Stadt noch einmal erneuert und am Hedemannsweg im Steiger aufgestellt. Heute befindet sich das Denkmal wieder in Familienbesitz. (DT)

 

Reichart-Denkmal I, 1899 versetzt

Seeberger Sandstein
Standort: Anlagen an der Pförtchenbrücke
Schöpfer: Georg Friedrich Carl Kölling , Lehrer an der Königl. Provinzial-, Kunst- und Bauhandwerkschule Erfurt
Enthüllung: 10. September 1867
Sockelinschrift: „Dem Ratsmeister / Christian Reichart, / dem unermüdlichen Förderer / des Land- und Gartenbaues. / Errichtet 1867.“

Reichart IWer vom Zentrum her über die Pförtchenbrücke kommt, dem fällt zur Rechten ein Denkmal auf. Es ist auf hohem, rundem Sockel das Standbild eines Mannes in einer Tracht der "Zopfzeit" des 18. Jh.: Langer Flügelrock, zierliche Weste, Kniehosen, lange Strümpfe und Schnallenschuhe. Kunstvoll gedrehte Haarlocken umrahmen das Gesicht. Mit der Linken hält er ein Buch, gestützt auf einen umrankten Baumstumpf, an dem die zwei Gartengeräte Spaten und Hacke gelehnt sind. Es ist das Standbild des berühmten Gartenbaumeisters und Ratsherren Christian Reichart (1685-1775). Geehrt wurde eine Persönlichkeit, die den Ruf Erfurts als "Blumenstadt" und Stadt des gewerblichen Gartenbaus als einer der Ersten wesentlich mit begründet hatte.

Der 1685 in Erfurt gebürtige Reichart hatte an der Universität Erfurt Jura studiert und ab 1716 verschiedene städtische Ämter ausgeübt. Sein Hauptinteresse galt aber dem Land- und Gartenbau.
Auf diesem Gebiet sorgte er für die Einführung wissenschaftlicher Methoden und arbeitete sich zu einer europäischen Autorität empor, deren sechsbändiger "Land- und Garten-Schatz" (1753-1774) zum Standardwerk avancierte. Reichart wirkte jedoch nicht im Elfenbeinturm des Wissenschaftlers, sondern gewann bzw. erprobte seine Ideen auch in der Praxis, etwa mit neuen Gartenbaugeräten wie der Jätemaschine. (SR)

Unter der Rubrik "Lokales" berichtete die Erfurter Zeitung vom 11. September 1867: "Begünstigt vom herrlichsten Wetter und unter lebhafter Betheiligung des Publikums fand gestern Nachmittag 5 Uhr hier die feierliche Enthüllung des Standbildes Christian  Reicharts, des Hauptbegründers des Erfurter Land- und Gartenbaues, statt".
Damit hatten die Erfurter Bürger einem Manne fast 100 Jahre nach seinem Tode ein Denkmal gesetzt, der durch sein Wirken und seine Schriften sich nicht nur große Verdienste in seiner Heimatstadt sondern auch weit über die Grenzen hinaus erworben hatte. In ihrer Festrede anlässlich der Enthüllung des Denkmals rühmten die Veranstalter, die Mitglieder des Gartenbauvereins, dem führende Vertreter Erfurter Gartenbaubetriebe wie Haage, Benary, Heinemann u. a. angehörten, die "Bürgertugend" und die "gemeinnützige, segensreiche Wirksamkeit" Reicharts, der es gelte nachzueifern.
In ihm ehrten sie nicht nur den anerkannten Gartenbaufachmann, sondern auch einen Vertreter ihrer eigenen Klasse, einen Vertreter des aufstrebenden Bürgertums, dessen "unermüdliche Arbeit" vom "verdienten Erfolg" gekrönt war. Damit setzten sie auch ihren eigenen Leistungen ein Denkmal, was ein anonymer Erfurter Bürger in einem Gedicht, das er am Tage nach der Enthüllung des Denkmals an die Erfurter Zeitung sandte, zum Ausdruck brachte:
... D'rum fällt auch Ihnen selbst zu ein ehrendes Loos.
Mit dem Denkmal haben sie sich selbst gesetzt
Ein schönes Denkmal, das keine Zeit verletzt ...
"

Reichart-Denkmal auf dem Reichartplatz 1867
Reichart-Denkmal auf dem Reichartplatz 1867

1865 fand in Erfurt der „Zweite Congreß deutscher Gärtner“ und eine „Deutsche Ausstellung von Gemüse und landwirtschaftlichen Produkten“ statt. Hier wurde bereits die Stellung Erfurts als ein Zentrum der Samenzucht und des Gartenbaues sichtbar. Anlässlich dieser Ausstellung, die vom 9.-17. September 1865 in Vogels Garten (heute: Stadtgarten) stattfand, wurde auf dem westlichen Ende des festlich geschmückten Angers eine Statue Christian Reicharts aus Gips im Mittelfeld eines großen Bogens, der auf vier Säulen ruhte, aufgestellt. In einer Festschrift zu dieser Veranstaltung hieß es, dass man damit den hohen Verdiensten Reicharts um den Gartenbau, dem „Pionier der Erfurter Kulturen“ gerecht werden wollte. Auf einem Festbankett für die Ausstellungsteilnehmer bedauerten mehrere Redner, dass die Statue nur für die Dauer der Festzeit geschaffen worden war und es wurde angeregt, „ein dauerhaftes Denkmal“ zu errichten.
„Als wäre es“, hieß es in einem Bericht über den Verlauf des Banketts, „verabredet gewesen, machten die Sammelteller die Runde, um den Anfang zur Bildung eines Fonds für das zu errichtende Standbild Reicharts zu machen, und nach wenigen Minuten wurde die Summe von 147 Talern ausgeschüttet und dem Schatzmeister des Gartenbauvereins für diesen Zweck übergeben.“ Im darauffolgenden Jahr, 1866, bildete der Gartenbauverein eine Kommission, die sich der Ausführung des Plans annahm. In regelmäßigen Sitzungen wurden Fragen der Finanzierung des Denkmals, der Auftragserteilung an einen geeigneten Künstler und der Beschaffung von Material über Lebensdaten Christian Reicharts beraten. Daran nahmen auch der Begründer des Vereins für Geschichte und Altertumskunde, Stadtrat Carl Herrmann, der Archivrat Beyer und Oberregierungsrat v. Tettau teil, die sich um die Erforschung der Geschichte Erfurts verdient gemacht hatten.
Den Auftrag zur Ausführung des Denkmals vergab der Gartenbauverein an den Erfurter Bildhauer und Lehrer an der Kunstschule Georg Friedrich Carl Kölling (1825-72), der auch die Gipsstatue von 1865 geschaffen hatte. Die Kosten sollten sich auf ca. 650 Taler belaufen. Als Vorbild für die Gestaltung des Denkmals diente ein Gemälde des Erfurter Malers Jakob Samuel Beck (1715-78), das sich heute noch im Besitz der Museen der Stadt Erfurt befindet. Nachdem die Probleme der Finanzierung geregelt worden waren - der Verschönerungsverein hatte 100 Taler beigesteuert, für die fehlende Restsumme von 350 Talern kam der Gartenbauverein auf - erhielt der Künstler den Auftrag im Frühjahr 1867. Er fertigte die Statue aus Seeberger Sandstein. Sie zeigt Christian Reichart, der in der rechten Hand einen Stift hält und sich mit der linken Hand, die ein Buch hält, auf einem Baumstumpf stützt, an den sich verschiedene Gartengeräte lehnen. Auf diese Weise sollte der Weg Reicharts, „der von der Praxis kommend über das theoretisch praktische Studium zum Begründer eines neuen, den Ruf seiner Vaterstadt erweiternden Erwerbszweig, wurde“ treffend gekennzeichnet werden.
Für die Aufstellung des Denkmals hatte man ursprünglich wieder den Anger vorgesehen, die Mitglieder des Gartenbauvereins schlugen jedoch vor, es "Am Wassertor" zu errichten und diesen Platz in "Reichartplatz" umzubenennen.
Sie brachten einen entsprechenden Antrag in der Stadtverordnetenversammlung ein, dem in einer öffentlichen Sitzung am 6. September 1867 zugestimmt wurde: "Mit Genehmigung der königlichen Regierung und Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung haben wir beschlossen, den durch das Reichart-Denkmal geschmückten Platz, welcher westlich von der Gera, nördlich von dem Hause No. 1950 a und östlich von dem Grundstück der Neuwerkskirche, sowie von der Seitenfront des Gebäudes der General-Steuer-Inspektion No. 1861 begrenzt wird, von jetzt ab 'Reichart-Platz' zu benennen. (heute: Karl-Marx-Platz)
Der Verschönerungsverein hatte die Aufgabe übernommen, den zukünftigen Reichartplatz entsprechend repräsentativ durch Bepflanzungen zu gestalten.
Als Datum für die Enthüllung der Statue wurde der 9. September 1867 vorgesehen - dies war der zweite Jahrestag der Eröffnung der Ausstellung von 1865 und der Aufstellung der Gipsstatue auf dem Anger – tatsächlich fand sie dann aber einen Tag später statt, am 10. September 1867.
In einem Festakt wurde an diesem Tage "auf die kulturhistorische Bedeutung" des Standbildes aufmerksam gemacht. Unter "feierlicher Choralmusik" wurde es im Namen des Gartenbauvereins unter Anwesenheit "vieler Behörden, der Nachkommen Christian Reicharts, vieler Freunde und Beförderer des Gartenbaus und vieler Vereinsmitglieder" der Stadt als Eigentum übergeben. Zur Feier des Tages fand in Vogels Garten "auch eine", wie die zeitgenössische Presse berichtete, "wenn auch nicht sehr umfangreiche, doch im Arrangement gefällige und in den einzelnen Abteilungen oft prächtige Blumen-, Obst- und Gemüse-Ausstellung ... welche sich eines zahlreichen Besuchs erfreute", statt.
Für die Gestaltung des Reicharts-Denkmals erhielt der Bildhauer Kölling eine Medaille vom Gartenbauverein und wurde zu seinem Ehrenmitglied ernannt.
Bis 1899 verblieb das Denkmal auf dem Reichartplatz. Im Jahre 1900 wurde der Platz durch die Zuschüttung der Wilden Gera vergrößert und umgestaltet, dort ein Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. anläßlich seines Besuches in Erfurt aufgestellt und zugleich in Kaiserplatz (heute Karl-Marx-Platz) umbenannt.  (Monika Kahl)

Zeitgleich plante der Erfurter Stadtgartendirektor Otto Linne (1869-1937) (auf den Wallanlagen entlang des Flutgrabens einen grünen Ring von Parkanlagen um die Stadt, womit Erfurt in seinem Ruf als Blumen- und Gartenstadt im Ergebnis eine deutliche Aufwertung erfuhr. Linne wäre wohl nicht einer der bedeutendsten Gartengestalter des 20. Jh. in Deutschland geworden, hätte er nicht für den nun vakanten Standort der Reichartstatue die ideale Lösung parat gehabt. Er fand sie in den Pförtchen-Anlagen, an der 1897 errichteten Pförtchenbrücke, die nach seinen Plänen zwischen 1898 und 1900 in spätlandschaftlicher Art überformt wurden. Genau am Schnittpunkt von Ringparkanlagen und der (Wege-)Achse zwischen Domplatz und Dreienbrunnenfeld, der Wiege des Erfurter Gartenbaues und Hauptwirkungsort Reicharts, wurde das Denkmal im November 1899 neu aufgesetzt. Zudem tritt in Blickweite (Reicharts) jenes für den Erfurter Gartenbau (Brunnenkresse!) so bedeutungsvolle Wasser der drei Quellen Hagelichts-, Turmgarten- und Philosophenquelle, gebündelt und unterirdisch geleitet, wie aus einer neuen Quelle hervor, nur um wenige Meter über ein wildromantisch gestaltetes Gefälle hinab in den Flutgraben zu tosen.
Der Bereich um das Denkmal wurde auf der Schauseite kostensparend mit bodendeckenden Gehölzen in der Art einer kaiserzeitlichen Schmuckfläche im Teppichbeetstil bepflanzt; die Rückseite erhielt eine dunkle Gehölzhinterpflanzung. Ein Querweg führte im Bogen um Denkmal und Pflanzungen herum und ermöglichte deren Betrachtung aus der Nähe.

In den folgenden Jahrzehnten war es mit dem Unterhalt und der Pflege dieser wertvollen Denkmalsanlage nicht immer zum Besten bestellt. Insbesondere nach 1945 traten zunehmend Schäden am Sandstein auf, vornehmlich durch die Luftverschmutzung verursacht, der gärtnerische Glanz verblasste schrittweise, Gehölze konnten ungehindert in die Höhe wachsen und dadurch Sichtbeziehungen versperren. 1990 ergab sich vordringlich ein Sanierungsbedarf am Denkmalskörper, der gereinigt und steinkonservatorisch behandelt werden musste. Die Kosten für die Restaurierung waren mit 25.000 DM veranschlagt worden.
Der „steinerne Reichart“ samt Sockel, der das stolze Alter des vormals lebenden nun auch schon um Jahrzehnte überschritten hatte, musste eine monatelange aufwändige Kur über sich ergehen und in einer Werkstatt umfassend behandeln lassen. Dabei hatte er wochenlang Folienbandagen getragen, wurde per Kompresse entsalzt und an der Nase wieder vervollständigt.

Am 4. September 1995 konnte OB Manfred Ruge das Reichart-Denkmal restauriert und rekonstruiert, den Sockel mit einer  blumenbesteckten Girlande bekränzt, an die Öffentlichkeit zurückgeben und damit zugleich die Woche des Denkmalsschutzes eröffnen. Die Kinder aus dem Reichart-Kindergarten brachten ein Ständchen und bunte Sträuße.

Noch einmal sollten etwas unruhigere Zeiten über das Reichart-Denkmal hereinbrechen, als 2007 teils heftig um seine mögliche Rückkehr in die Innenstadt gestritten wurde. Eine Zuspitzung erfuhr die Diskussion noch durch die in jenem Jahr endende Ausschreibung für die Grünanlage am Hirschgarten. Dort klaffte damals eine riesige Baugrube von dem zu DDR-Zeiten begonnenen Theater-Neubau, der in den 1990ern gestoppt und zurückgenommen wurde. Ein klares Bürgervotum entschied sich nach einem Marathon verschiedener vorgelegter Modellentwürfe letztlich klar gegen eine erneute Bebauung und für eine Begrünung. So brachte der Wortführer pro Denkmalumsetzung, Dr. Steffen Rassloff, Historiker und Autor zahlreicher Bücher, denn auch nach dem Vorschlag Rückkehr an den Erststandort, den heutigen Karl-Marx-Platz, verbunden mit einer möglichen Rückbenennung in Reichartplatz, den Hirschgarten als die noch „bessere“ Alternative mit ins Spiel. „Es wäre gewissermaßen eine Wiedergutmachung für die Vertreibung [!] vom Reichartplatz“, wobei dem ursprünglichen Ansinnen, „einen großen Sohn der Stadt an repräsentativem [innerstädtischen] Ort ehren“, der eine breitere Wahrnehmung erfährt, wieder Geltung verschafft würde. Kontra Rückversetzung des Denkmals in die Innenstadt sprachen sich Teile des Stadtrats und der Denkmalpflege aus. Dem entsprechend verwies Dr. Rüdiger Kirsten, Gartenamtsleiter der Stadt, darauf, dass das Denkmal ein wichtiges Element in einer denkmalgeschützten Parkanlage darstellt, die zu den wenigen gartenkünstlerischen Leistungen in der Stadt von Bedeutung zählt, und dass „der Hirschgarten doch sein eigenes historisches Potential“ habe. „Die alte Reichart-Statue sollte dort bleiben, wo sie auch schon über 100 Jahre steht.“ Reichart erhielt schließlich Bleiberecht und mußte nicht umziehen. Eine vernünftige Entscheidung, denn ein historisches Denkmal sollte ohne Not nicht mehr versetzt werden müssen; die empfindliche Substanz würde leiden, die noch dazu erst ein Jahrzehnt zuvor mit hohem finanziellen Aufwand saniert wurde.

Der 325. Geburtstag Reicharts im Jahr 2010 wurde von der Stadt auf vielfältige Weise vorbereitet und begangen. Im zeitigen Frühjahr begann das Gartenamt mit den Arbeiten im Denkmalumfeld, mit denen die vernachlässigte Anlage aufgewertet werden sollte. Nötig geworden waren ein Gehölzrückschnitt und eine Baumfällung im unmittelbaren Denkmalbereich. Um die ursprüngliche Raumwirkung wiederherzustellen und gleichzeitig die vorhandene Gehölzsubstanz zu schonen, mussten die vernachlässigten Eiben, die ursprünglich zum Teil als Bodendecker verwendet wurden und inzwischen große Strauchgehölze waren, in zwei Schritten zurückgeschnitten werden. Es erfolgte die Neuanlage der Zierpflanzung vor dem Denkmal; zu geplanten Wiederherstellung des Querweges kam es indes nicht. Die Stadt ehrte Christian Reichart an seinem Geburtstag, den 4. Juli, mit einer Kranzniederlegung an dessen Denkmal an der Pförtchenbrücke; Reichart-Experte Dr. Eberhard Czekalla hielt zwei Vorträge – in der Reglerkirche, umrahmt von festlicher Musik, wo Reichart über viele Jahre die Orgel spielte – und im Deutschen Gartenbaumuseum. Ihren Abschluss fand das Jubiläumsjahr mit der Ausstellung „Christian Reichart als Wegbereiter des Erfurter Gartenbaues“ vom 20. August bis zum 5. September 2010 im Rathaus. (DT)

Straßennamen: Reichartstraße

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Eberhard: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Christian-Reichert-Denkmal von 1867 (7)

 

Friedrich-Wilhelm-III.-Denkmal, nicht erhalten

Standort: N-Abhang Steigerwald, Friedrich-Wilhelms-Höhe (1814)
Einweihung: 18.10.1868

Friedrich Wilhelm III. (3. August 1770 Potsdam - 7. Juni 1840 Berlin) gehörte dem Adelshaus der Hohenzollern an, war seit 1797 König von Preußen.

Der steinerne gedrungen wirkende Obelisk wurde zu Ehren des Königs errichtet, auf der  Friedrich-Wilhelms-Höhe, der ehemaligen Napoleonshöhe, die ihren Namen bereits unmittelbar nach dem Ende der französischen Besatzungszeit erhielt:
Bereits am Nachmittag des 15. Oktober 1814 wurde die ehemalige Napoleonshöhe, „wo sich noch die Trümmer des Tempels befanden, durch zahlreiche, aus Militär und Zivilpersonen bestehende Versammlung aufs neue eingeweiht und ihr Name in 'Friedrich-Wilhelms-Höhe' umgewandelt.“
Stifter dieses Kriegerdenkmals waren die hiesigen Krieger- und Landwehrvereine. (DT, 7)


1870 - 1900

 
Herrmanns-Brunnen, Brunnendenkmal

Sandstein / Gusseisen
Standort: Herrmannsplatz
Schöpfer: Medaillonbildnis Herrmanns: Prof. Georg Kugel (1848-1930), Hofbildhauer des Großherzogs Carl Alexander, Zeichenlehrer in Ruhla (Ausführung Fa. Grimm, Erfurt).
Einweihung: 24. September 1876
Inschrift unter dem Porträtmedaillon: „Dem wahren Freunde seiner Heimatstadt! Karl Herrmann 1876.“

Herrmanns-BrunnenDer Brunnen auf dem Rossmarkt gehört zu den wenigen Denkmalen, die verdienten Bürgern gewidmet wurden. Dem Kaufmann, Historiker und Stadtrat Karl Herrmann (1797-1874) hat die Stadt Erfurt tatsächlich viel zu verdanken.
Karl Herrmann war ein "echter" Erfurter, am 24. September 1797 als Spross einer Kaufmannsfamilie in der Stadt, Lange Brücke 57 geboren. Nach einer Kaufmannslehre 1811 trat er zunächst in das Geschäft des Vaters ein, bis er bald nach dessen Tod (1813) als Volontär bei namhaften Exportfirmen in Nürnberg und Bremen seine kaufmännische Ausbildung vervollständigte, um 1821 das väterliche Geschäft zu übernehmen. Zwei Jahre danach wurde er als Stadtverordneter gewählt und ist es bis 1836 ununterbrochen geblieben, worauf er 1838 noch einmal gewählt wurde und von 1839 bis 1850 als unbesoldeter Stadtrat dem Magistrat angehörte. Die ihm übertragene Funktion eines "OberFeuer-Commissars" hat er bis 1854 bekleidet.
Die Lebensgeschichte von Karl Herrmann ist mit zahlreichen kommunalpolitischen Ereignissen, die die Stadt im dritten, vierten und fünften Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts berühren, eng verbunden. Sein größtes Verdienst erwarb er sich mit seinem Engagement für den Anschluss Erfurts an das Eisenbahnnetz 1847. Dies war für die weitere Entwicklung zur modernen Industriegroßstadt von entscheidender Bedeutung. Engagiert trat Stadtrat Karl Herrmann gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Wagner für den Bau der Eisenbahnstrecke von Halle über Erfurt nach der südlichen Rheinprovinz ein, die zunächst über Nordhausen geplant wurde. War die Strecke über Halle, Naumburg, Apolda, Weimar, Erfurt, Gotha und Eisenach zum Anschluss an die kurhessische Nordbahn bei Gerstungen zwar die längere, so hatte sie aber den Vorteil, die Finanzkraft der reichen Bürger in bedeutenden Städten und in den thüringischen Staaten zu nutzen. Von 1844 bis 1872 gehörte Karl Herrmann als Mitglied der Direktion der "Thüringischen Eisenbahn-Gesellschaft" an - er bekleidete auch selbst den Direktorposten - , die auf seine wesentliche Fürsprache Erfurt als ihren Sitz wählte. Stets war Herrmann bestrebt, die Stellung Erfurts zu befördern, gehörte unter anderem zu den aktivsten Verfechtern deutscher Hauptstadtpläne im Rahmen der Revolution 1848/49 und der Erfurter Union 1850.
Verdienste erwarb sich Karl Herrmann auch auf kulturpolitischem Gebiet, er legte für die Stadtgeschichtsforschung wichtige Grundlagen.. Auf seine Initiative wurde 1863 der "Verein für Geschichte und Altertumskunde von Erfurt" gebildet und 1864 das Stadtarchiv als wissenschaftliche Erschließungs- und Forschungsstätte errichtet, dem er auch seine wertvolle Bibliothek, die "Herrmanns-Bibliothek", mit zahlreichen Erfurter und Thüringer Schriften überließ. Neben zahlreichen historischen Veröffentlichungen wurde seine "Bibliotheca-Erfurtina", eine Übersicht über das damals vorhandene handschriftliche und gedruckte Quellenmaterial zur Erfurter Geschichte, die bekannteste.
Karl Herrmann stellte sich seit seiner Jugend in den Dienst seiner Vaterstadt. Bei der Erfurter Bürgerschaft stand er in hohem Ansehen. Er starb am 24. Oktober 1874 und wurde auf dem Brühler Friedhof (heute Brühler Garten) begraben.
Zur Erinnerung an diesen verdienstvollen Bürger der Stadt wurde 1876 der Roßmarkt in Herrmannsplatz umbenannt und das von G. Kugel aus Ruhla geschaffene Brunnenmonument mit einem Reliefbild Karl Herrmanns enthüllt.

Der neogotische Sandsteinbrunnen besteht aus einem achteckigen Wasserbecken und einer Brunnensäule, die als Fialtürmchen mit Giebeln, Krabben und Kreuzblumen ausgebildet ist. Aus grotesken Greifen als Wasserspeier fließt Wasser in vier Schalen. Der Herrmanns-Brunnen bezieht sich damit auch auf die mittelalterliche Blütezeit der Stadt, auf die der Lokalpatriot und Heimatforscher sehr stolz war. (SR)

Straßennamen: Herrmannsplatz

Kaiser-Wilhelm-und Barbarossa-Statue, nicht erhalten

Standort: Fischmarkt, Rathaus-Fassade, vor Festsaal, auf zwei Konsolen
Schöpfer: Prof. Georg Kugel (1848-1930), Hofbildhauer des Großherzogs Carl Alexander, Zeichenlehrer in Ruhla
Existenz: 1876-1945

Im November 1876 verzierte die Stadt Erfurt ihr kurz zuvor fertig gestelltes neogotisches Rathaus mit zwei monumentalen Sandsteinfiguren. Auf Konsolen zwischen den Festsaalfenstern waren von Prof. Georg Kugel aus Ruhla gefertigte Statuen zu sehen, die einen der populärsten Mythen des Deutschen Kaiserreiches von 1871 aufgriffen.
Kugel hatte im Auftrag der Stadt Kaiser Friedrich I. Barbarossa (um 1122-90) und Kaiser Wilhelm I. Barbablanca (1797-1888) abgebildet. Damit wollte man symbolisch das verklärte alte Kaiserreich des Mittelalters mit dem neuen preußisch-kleindeutschen Nationalstaat von 1871 verknüpfen. Auf diesem Wege sollte zugleich der neuen Kaiserdynastie der Hohenzollern eine weit zurückreichende Traditionslinie verschafft werden. Dies erklärt auch das ungewöhnliche Äußere Wilhelms I., der wie ein mittelalterlicher Herrscher mit Krone, Schwert und Umhang dargestellt ist. Die meisten der späteren Kaiser-Wilhelm-Denkmale zeigen ihn dagegen zeitgemäß mit preußischer Uniform und Pickelhaube.
Die symbolische Verknüpfung von Barbarossa ("Rotbart") und Barbablanca („Weißbart") gewann nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. weiter an Popularität. Mit dem Kyffhäuser-Denkmal fand sie 1896 ihren monumentalsten Ausdruck. Der "Reichsgründer" von 1871 hatte, so die Aussage, den alten Barbarossa-Mythos erfüllt. Seine zunehmende nationalistische Instrumentalisierung brachte dem Rotbart-Weißbart-Mythos jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehende Ablehnung ein. Noch im Sommer 1945 wurden beide Statuen am Erfurter Rathaus entfernt. (SR)

Kriegerdenkmal auf dem Hirschgarten, nicht erhalten

Standort: Hirschgarten
Datierung: 1876-1948

Im Nationalbewusstsein des Deutschen Kaiserreiches besaßen die so genannten Reichseinigungskriege von 1864 bis 1871 einen besonderen Stellenwert. Kaum eine Stadt oder Ortschaft, die nicht ihrer gefallenen Soldaten, oft auch ihrer Monarchen und Feldherren in Denkmalform gedacht hätte. In Erfurt kam es am 22. März 1876 zur Einweihung eines dieser Kriegerdenkmale auf dem Hirschgarten vor dem preußischen Regierungsgebäude.
Auf wuchtigem Steinsockel erhob sich eine hohe Säule, gekrönt von einem Adler. Dieser blickte nach Westen, auf  "das ewig unruhige Frankreich, das seine Niederlagen nie vergisst", wie eine zeitgenössische Beschreibung es mit Blick auf den vermeintlichen "Erbfeind" des Reiches formulierte. Die vier Schrifttafeln am Sockel verhießen den Gefallenen der 15. Infanteriebrigade Ehre, Sieg und Ruhm des Preußisch-Österreichischen Krieges 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges. Weiterhin waren die Konterfeis der bekanntesten Feldherren Kaiser Wilhelms I. zu sehen.
Mit dem Hirschgarten hatte man für das Denkmal einen der repräsentativsten innerstädtischen Plätze ausgewählt. 1732 war hier durch den Abriss eines Wohnquartiers vor dem neuen kurmainzischen Statthalterpalais (1720) die erste öffentliche Grünanlage Erfurts entstanden. Der zeitweisen Haltung von Rotwild verdankt sie ihren Namen. Statt des 1948 entfernten martialischen Kriegerdenkmals bildet heute ein Springbrunnen den Mittelpunkt des Platzes, an dem nunmehr der Ministerpräsident von Thüringen residiert. (SR)

Kriegerdenkmal in Büßleben

Seeberger Sandstein
Standort: Ortszentrum, nahe Haltestelle Büßleben, Denkmal; Parkanlagen am Peterbach
Steinmetzarbeiten: H. Granel & Söhne, Tüttleben b. Gotha
Enthüllung: 14. August 1887

Kriegerdenkmal in BüßlebenGeschenk des Ökonomen Schoder, Büßleben. Das erste Kriegerdenkmal im damaligen Landkreis Erfurt. Sauber gearbeitetes Erinnerungszeichen.
Die Sockelinschriften sind teilweise bis zur Unkenntlichkeit verwittert. (DT)

Luther-Denkmal I

Bronze / Granit, H Figur = 2,25 m, H gesamt = ca. 6 m
Standort: NO-Ende des Anger, s vor Kaufmannskirche
Schöpfer: Fritz Schaper
Einweihung: 1889

LutherErfurt, wo der spätere Reformator Martin Luther (1483-1546) studiert (1501-1505) und im Augustinerkloster (1505-1511) gelebt hat, gehört zu den wichtigsten Lutherstädten. Den Impuls, hier ein Luther-Denkmal zu errichten, gab 1881 die in Erfurt tagende Landesversammlung des Evangelischen Vereins.. Zwei Jahre später gründete sich ein Lutherdenkmal-Verein, der dazu beitrug, die Gesamtkosten von 72.000 Mark wenigstens teilweise durch Spenden zusammenzutragen. Nach langem Streit über fünf mögliche Standorte entschied man sich schließlich für den südlich der Kaufmannskirche, in der Luther am 22. Oktober 1522 mit seiner Predigt einen Konfessionsstreit schlichten musste.
Um 1883 wurde der Berliner Bildhauer Prof. Fritz Schaper (1841-1919) damit beauftragt, Martin Luther als überlebensgroße Statue darzustellen. Zwei Jahre später konnte eine Kommission in der Statthalterei das Modell besichtigen. Schaper entschied sich, Luthers Bekennermut, seine Standhaftigkeit im Glauben und die Entschlossenheit zu reformatorischem Wirken hervorzuheben. Dies versuchte er durch Körperhaltung und Gebärden zu vermitteln.
Mit drei Erfurter Stationen aus Luthers Leben bereicherte er die Sockelreliefs: Luther als Student im Freundeskreis, sein Abschied vor Eintritt ins Kloster, der festliche Empfang in Erfurt auf dem Wege nach Worms. Die Frontseite markierte der Künstler mit dem Vers 17 des Psalms 118 "Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkünden." Am 30. Oktober 1889 enthüllte eine festliche Gesellschaft, darunter auch Fritz Schaper, das Denkmal mit Weihereden, Gesängen und einem Fackelzug. (RM)

Straßennamen: Lutherstraße

Monumentalbrunnen, Alter Angerbrunnen, Brunnendenkmal, verändert erhalten

MonumentalbrunnenGranit / Sandstein / Kupfer getrieben
Standort: W-Ende des Anger
Schöpfer: Architekt Heinrich Stöckhardt , Bildhauer Heinz Hoffmeister
Einweihung: 6. September 1890
Tafelinschrift: „BEGONNEN UNTER / KAISER WILHELM·I·1887·/ VOLLENDET UNTER / KAISER WILHELM·II·1890·/ ENTWORFEN VON / ARCHITEKT·H·STÖCKHARD·UND / BILDHAUER·H·HOFFMEISTER.“

MonumentalbrunnenMagistrat und Verschönerungsverein beschlossen 1878, dem erfolgreichen Bauabschluss der städtischen Zentralwasserleitung eine dauernde Erinnerung zu setzen. Sie schrieben 1880 einen Wettbewerb für den Brunnen aus, den der damals 38-jährige Berliner Architekt und Kunstgewerbler Heinrich Stöckhardt (1842-1920) gewann.
Seine Auftraggeber votierten nach fünf symbolträchtigen Entwürfen für eine stadtgeschichtlich konkrete Version.
So personifizierte Stöckhardt zwei traditionsreiche heimische Gewerbe: den Acker- und Gartenbau mit der römischen Blumengöttin Flora inmitten von Ähren und Rosen, die Maschinen- und Waffenindustrie sowie Handwerk und Kunstgewerbe mit einer männlichen Gestalt zwischen Attributen wie Hammer und Schraubstock. Als seine Mitwirkenden bewährten sich der Berliner Bildhauer Heinz Hoffmeister (1851-94), der Braunschweiger Erzgießer H. Howald und der Erfurter F.L. Kaiser von der Steinmetzwerkstatt Florenz Möller.
Zehn Jahre später, am 6. September 1890, wurde der Brunnen im Beisein einer "colossalen Menschenmenge" und der städtischen Obrigkeit enthüllt. Oberbürgermeister Gustav Schneider hielt die Festrede und der Lehrergesangverein intonierte, begleitet von der Artilleriekapelle, Beethovens "Ehre Gottes". An den Gesamtkosten der bilderreichen ,,Wasserkunst" von 34.712 Mark beteiligten sich das Staatsministerium, die Stadt und der Verschönerungsverein. Zur Schauseite ein Zierbrunnen, zur Rückfront ein Nutzbrunnen für die öffentliche Wasserentnahme - zusammen setzte dies einen städtebaulichen Akzent in neubarocken Formen und kündete vom Stolz über wirtschaftliche Prosperität der Gründerjahre. (RM)

Im Zusammenhang mit der komplexen Umgestaltung des Erfurter Angers wurde auch der 120 Jahre alte Monumentalbrunnen erstmalig umfassend saniert. Mit der Aktivierung der Wasserfontänen wurde der Brunnen offiziell eingeweiht.
Innerhalb eines guten Jahres, von März 2012 bis April 2013, wurde die gesamte Wassertechnik erneuert und eine moderne Brunnenstube unterirdisch integriert. Das Wasserbecken erhielt eine dichte Bleiverkleidung und die historisch vorhandenen zwei kleinen Fontänen im Brunnenbecken wurden neu installiert. Die Kupfer- bzw. Bronzeplastiken wurden umfangreich restauriert und sämtliche Beschädigungen er letzten 100 Jahre, einschließlich noch vorhandener Kriegsschäden, beseitigt.
Zur Fundamentverstärkung wurden zehn Meter tiefe Bohrungen eingebracht und mit Mörtel verpresst. Mit dem eingesetzten Ringbalken wurde das neue tragfähigere Fundament gelegt. Somit steht der Angerbrunnen jetzt auf einem stabileren Untergrund. Diese Maßnahme war dringend notwendig, da der alte Unterbau das Gewicht nicht ausreichend in den Boden ableiten konnte. Dadurch mussten in der Vergangenheit häufig kleinere Schäden behoben werden. Die fast vollständig durchrosteten Verankerungen der Brunnenplastiken mussten erneuert werden. Nur die filigrane Rose in der Hand der Flora wurde nach mehrmaliger mutwilliger Zerstörung nicht erneuert. Jedoch wird die Rose als Kunstblume das Denkmalensemble vervollständigen. Zudem erhielt der Angerbrunnen eine besonders effektvolle neue Beleuchtung.
Die Kosten der Sanierung belaufen sich auf insgesamt ca. 346.000 Euro für Stein- und Metallsanierung und Brunnentechnik. (DT)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der Monumentalbrunnen (19)

Friedrich II.-Gedenktafel in Dittelstedt, verändert erhalten

Schöpfer TafelStandort: Dittelstedt, Am Alten Brunnen 8
Anbringung/Enthüllung: 22.März 1897
Anfertigung: F. Granold, Schöpfer-Inschrift auf Außenrahmen rechts unten.
Inschrift: "Am 14. September 1757 | befand sich hier das Hauptquartier | König Friedrichs d. Grossen | […] 22.März 1897"
Sie war in der DDR-Zeit durch eine dünne Putzschicht verdeckt, bis diese 1984 durch Clemens Weidenhaun wieder fast vollständig entfernt und die Schrift von Gert-Arno Hellmuth nachgemalt wurde.

Friedrich II.-Gedenktafel in DittelstedtEhem. Lehrerhaus in Dittelstedt

Friedrich II. auch Friedrich der Große oder „der alte Fritz“ (1712-86) nahm während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) im Herbst 1757 in Dittelstedt neben der Kirche sein Hauptquartier.
Am 16. September 1757 verfasste er hier einen Brief an seine Cousine Luise Dorothea von Sachsen-Meiningen (1710-1767), die er tags zuvor bei Erfurt getroffen hatte. Am nächsten Tag, den 17. September 1757 wechselte er in das etwas mehr als 5 km nordöstlich gelegene Kerspleben, wo eine Gedenktafel an seinen dortigen 11tägigen Aufenthalt erinnert.

Friedrich II.-Gedenktafel in Kerspleben

Quelle

Seyfarth, Frank (Hg.) & Brachmanski, Hans-Peter (Mitverf.): Neue Chronik des ehemaligen "Küchendorfes" Dittelstedt | 1100 Jahre Dittelstedt | 900 bis 2000 | Im Auftrag des Ortsvereins Erfurt-Dittelstedt e.V. zusammengestellt und herausgegeben von Dr. Frank Seyfarth. 1999, 175 S., S. 112.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Kaiserplatz (heute Karl-Marx-Platz)
Schöpfer: Prof. Ludwig Brunow
Existenz: 1900-1944

Die Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals am 25. August 1900 gehört zu den Höhepunkten nationaler Festkultur. Bei prächtigem "Kaiserwetter" konnte "die neue Zierde der Stadt", so Oberbürgermeister Hermann Schmidt, in Anwesenheit Kaiser Wilhelms III. mit viel Pomp übergeben werden. Das Reiterstandbild von Prof. Ludwig Brunow (1843-1913) zeigte Kaiser Wilhelm I. (1797-1888), den Großvater des jungen Herrschers.
Das konservativ-nationalliberale Bürgertum der Stadt vereinigte in sich treue Untertanen der Hohenzollern. Seit 1802/15 hatte man einen starken preußischen Patriotismus ausgebildet, der sich nach 1871 mit dem selbstbewussten, bisweilen übersteigerten Nationalismus des Deutschen Kaiserreiches verbinden sollte. Wilhelm I. als beliebter Monarch spielte dabei neben Bismarck als "Reichsgründer" eine zentrale Rolle. Zugleich verkörperte die preußisch-deutsche Militärmonarchie ein Bollwerk gegen die Arbeiterbewegung, die in Form der "Umsturzpartei" SPD auch in Erfurt immer mehr Zulauf erhielt.
Die Initiative ging so wie bei den meisten der einst etwa 300 Kaiserdenkmalen auf ein von städtischen und staatlichen Behörden unterstütztes Bürgerkomitee zurück. Ein von der Stadt 1888 bewilligter Fonds von 20.000 Mark wurde durch Spenden aufgestockt.
Dennoch sollte es über zwölf Jahre dauern, ehe das Denkmal nach schwieriger Standortwahl auf dem neuen Kaiserplatz zum Stehen kam. Zuvor hatte das Denkmal für Christian Reichart (1685-1775) weichen müssen, auf den der Platz erst 1867 umgetauft worden war.
Das bronzene Reiterstandbild wurde 1944 für Kriegszwecke eingeschmolzen. (SR)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal (9)


1901 - 1919

 
Bismarckturm

Standort: NO-Rand Steigerwald, Am Tannwäldchen
Schöpfer: Architekt Wilhelm Kreis, Maurermeister Carl Haddenbrock
Einweihung: 1.9.1901

BismarckturmDer monumentalste Erinnerungsort an "Reichsgründer" Otto von Bismarck (1815-1898) ist der 1901 errichtete Bismarckturm im Steiger. Nach dem Aufruf der Deutschen Studentenschaft von 1898, im ganzen Land Bismarcksäulen zu errichten, wurde am 23. März 1900 ein Erfurter Bismarcksäulen-Verein gegründet. Unterzeichnet von Oberbürgermeister Hermann Schmidt (1851-1921) und zahlreichen Honoratioren verkündete ein Aufruf: "In allen Gauen des Vaterlandes sollen auf ragender Höhe granitene Säulen zum Himmel streben, dem Gewaltigsten zum Gedächtnis, dem Größten aller Großen einer großen Zeit, Otto von Bismarck." Die Spenden aus der Bürgerschaft flossen reichlich und so konnte bereits am 1. September 1901 die Einweihungsfeier am heutigen Tannenwäldchen stattfinden. Der durch Maurermeister Carl Haddenbrock errichtete 22 Meter hohe begehbare Turm folgte dem meist gebauten Modell "Götterdämmerung" von Architekt Wilhelm Kreis (1873-1955). Nur mit einer Feuerschale und dem Familienwappen Bismarcks auf einem Reichsadler versehen, sollte der Kalksteinbau deutsch-germanische Wehrhaftigkeit und Eintracht ausdrücken.
Schmückend hinzu kam ein Eichenhain.
Wenn er auch auf "geheiligtem Boden" errichtet wurde - Spaziergänge hatten den Unionsparlamentarier Bismarck 1850 auch in den Steiger geführt - steht der Bismarckturm gleich seinen einst rund 230 Artgenossen für die allgemeine nationale Erinnerungskultur bis 1945. In der DDR-Zeit wurde das Denkmal vernachlässigt, entging aber als "Friedensturm" der Zerstörung. Heute bemüht sich der 1999 gegründete Bismarckturm-Verein Erfurt 1900 e.V. um seine Erhaltung. (SR)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Raßloff, Dr. Steffen: Denkmale in Erfurt. Der Bismarckturm im Steiger (23)

 

Burenhaus, Afrikahaus

Standort: Kreuzung Juri-Gagarin-Ring - Bahnhofstraße
Schöpfer: Maurermeister Paul Funk, Bildhauer Max Deutschmann
Einweihung: 1902

BurenhausDer Fassadenschmuck des 1902 errichteten "Burenhauses" in der Bahnhofstraße erinnert an den so genannten Burenkrieg 1899 bis 1902. Die beiden Burenrepubliken Transvaal und Oranje-Freistaat hatten sich - letztlich erfolglos - gegen eine Annexion durch das britische Südafrika gewehrt, das es in erster Linie auf die dortigen Goldvorkommen abgesehen hatte. In Deutschland wie auch in vielen anderen Ländern nahm man in diesem blutigen Krieg, in dem die Briten unter anderem Konzentrationslager für die burische Zivilbevölkerung errichteten, eindeutig Partei für die Buren.
Im Brustton der Überzeugung hieß es im "Erfurter Allgemeinen Anzeiger" am 6. Oktober 1899: "Daß die Sympathien der ganzen nichtenglischen Welt auf der Seite der Buren sind, darüber sollte man sich in England keinem Zweifel hingeben." Über knapp drei Jahre verfolgte man den Kampf "mit so leidenschaftlicher Begeisterung", wie bisher keinen Krieg auswärtiger Mächte.
Die Sympathiebekundungen dieser Zeit sind noch heute am 1902 von Maurermeister Paul Funk errichteten Wohn- und Geschäftshaus Schmidtstedter Straße 1 ablesbar. Funk hatte unter dem Eindruck des in Südafrika tobenden Krieges den Bildhauer Max Deutschmann damit beauftragt, die Fassade mit den Porträts von Burenpräsidem Paulus "Ohm" Krüger (1825-1904), General Louis Botha (1862-1919) und drei weiteren Burenführern zu verzieren. Hinzu kam ein Sieg verheißender Herkules-Kopf und die Abbildung des britischen Kolonialministers Joseph Chamberlain (1836-1914) mit einem über seinem Kopf zerplatzenden Geldsack und der Unterschrift "Auri sacra fames" ("fluchwürdiger Hunger nach Gold"). (SR)

 

Schulz-Gedenkstein, Schulzenstein, Blauschimmel, ND (Doppeldenkmal), versetzt

Standort: ega, Südhang, Staudenanlage, Nähe Freilichtbühne
Errichtung: 1902

SchulzensteinDer 1,5 m x 1,4 m x 1,0 m große, rötliche Granitblock lag ursprünglich in der Udestedter Flur, 2 km w Udestedt, im Teufelstal in Sichtweise des einsamen Turms des ehemaligen Klosterhofes Barkhausen. Dort wurde er auch von E.E. Schmid 1873 erfaßt, der ihn für den größten Findling der Thüringer Mulde hielt. Wenn man das auch nicht bestätigen kann, so ist der Findling ob seiner schön gerundeten Form bestimmt eines der attraktivsten geologischen Naturdenkmale der Eiszeit hierzulande, auch wegen seiner blauen Quarzeinschlüsse, die zum früheren Namen „Blauschimmel“, von einer bekannten Käseart übernommen, geführt haben. Der erratische Block kam auf das Gelände de Cyriaxburg als Denkstein. Die Inschrift ist bis heute nicht verblichen und noch lesbar. Der geehrte Stadtrat Gustav Schulz war seit 1872 Vorsitzender des Erfurter „Verschönerungsvereins“.
Die Zweitnutzung des Findlings als Gedenkstein für eine Person, die sich für die Erschließung der Erfurter Umgebung eingesetzt hat, mutet sehr passend an. Mit seiner jetzigen Position in einem geschützten Garten dürfte das verhindern, dass der besondere Wanderblock verloren geht.  (DT, Rainer Krause, leicht verändert)

 

Notjahr-Denkmal in Linderbach, KD

Bräunlicher Sandstein, 90 cm hoch, quadratischer Querschnitt, flachpyramidales Dach
Standort: Edmund-Schaefer-Platz (Anger), ehemals Weiherweg
Einweihung: 1902
Inschriften S-Seite: „Gott erhalte / und segne / Linderbach / bis in ewige / Zeiten!“, N-Seite: „Ich sah in guten / und in schweren / Zeiten / So manches Jahr / das Dorf, / die Flur / Ein wechselnd / Schicksal / wird es stets / geleiten / Erhalt … / … … / 1745 – 1902“, O-Seite: „Dieser Stein / wurde errichtet / zum Andenken / an das theure / Futter u. Stroh / Notjahr / 1893 / 1911“, W-Seite: „Die Wege Anlagen / sowie die / Anpflanzung / der Linden / geschah im / Frühjahr 1901“

Notstein von SWNotstein S-SeiteNotstein von NO

Tafel zum NotsteinIn seinem Widmungsinhalt ist der Gedenkstein einmalig. 1893 und 1911 waren ausgesprochene Notjahre. Außerordentliche Trockenheit, Hitze und Dürre über längere Zeit – 1911 fiel zwischen Mai und September kein Regen – führten zu dürftigem Ertrag oder völliger Missernte. Futter und Stroh mussten auswärts teuer eingekauft werden. Mancher Landwirt geriet so in große Not oder ging gar zugrunde.
Der Gedenkstein wurde auf Initiative des Linderbacher Bürgervereins restauriert – die fast unkenntlich gewordenen Inschriften in den Stein eingearbeitet – und am 25. November 2010 der Öffentlichkeit feierlich übergeben. (DT, 4, Wikipedia)

Friedrich II.-Gedenktafel in Kerspleben

Standort: Kerspleben, Kirchplatz 1
Anbringung/Enthüllung: Anfang des 20. Jhs.
Inschrift: "HIER WOHNTE | FRIEDRICH | DER GROSSE | IN SCHWERER ZEIT | V.17.-27.SEPT.1757"

Friedrich II.-Gedenktafel in KersplebenPfarrhaus in Kerspleben

Nach der Überlieferung bezog Friedrich II., auch Friedrich d. Große oder „der alte Fritz“ (1712-1786) während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) am 17. September 1757 von Dittelstedt kommend, im Pfarrhaus zu Kerspleben, bei Pfarrer Mag. Wilhelm Immanuel Hogel, Quartier und blieb elf Tage. Nachdem die Preußen im böhmischen Oberelbe-Gebiet in der Schacht bei Kolin am 18. Juni schwer geschlagen wurden, mussten sie Böhmen räumen und sich nach Sachsen zurückziehen. Durch den Einmarsch der Reichsexekutionsarmee in Thüringen, das waren Reichstruppen unter dem Herzog von Sachsen-Hildburghausen und ein französisches Korps, sah sich Friedrich II. gezwungen, mit einem Großteil seiner Truppen dorthin heranzurücken. Thüringen war zum Kriegsschauplatz und das Umland von Erfurt kurzzeitig Hauptquartier der Preußenarmee geworden.

Zu der Verunsicherung in den Reihen der Preußen führt Bley (1997) folgende  Begebenheit an. Am Tag vor dem Weiterzug der in Kerspleben einquartierten Truppe, am 28. September 1757 in Richtung Ollendorf nach Buttelstedt, äußerte diese den Wunsch, „in einem Gottesdienst zum Tisch des Herrn, zu einer Feier des heiligen Abendmahles zu gehen. Der König im nahen Pfarrhaus, der sonst mit seinen Soldaten alles gemeinsam unternahm und den sie deshalb 'den Alten' nannten, blieb diesem gemeinsamen Gottesdienst fern.“ Friedrich II. hatte trotzdem Kriegsglück. Preußen schlug die kaiserliche Reichsarmee am 5. November 1757 vernichtend in der Schlacht bei Roßbach .

Mit den beiden Gedenktafeln in Dittelstedt und Kerspleben sind zwei wichtige  Erinnerungsstätten des in heutiger Zeit eingemeindeten Erfurter Umlandes erhalten geblieben. Neben dem mit der Anbringung der Tafeln an der Wende zum 20. Jahrhundert ausgewiesenen Bestimmungszweck, die hiesige Anwesenheit einer bedeutenden historischen Persönlichkeit deutscher und internationaler Geschichte in das Gedächtnis zu rufen, widmen sie sich dem Gedenken an den Siebenjährigen Krieg vor über 250 Jahren, unter dem besonders die Landbevölkerung zu leiden hatte. Der Inschrifttext der Kersplebener Tafel „in schwerer Zeit“ deutet es an. Der Krieg lastete in heute kaum vorstellbarem Ausmaß schwer durch geforderte Abgaben landwirtschaftlicher Produkte besonders der Küchendörfer, Einquartierungen sowie Versorgung der Truppen, Plünderungen und Gewaltausbrüchen. Es ging an die Existenz vieler Bauern und die Auswirkungen waren auch nach Kriegsende lange Zeit noch zu spüren. (DT)

Friedrich II.-Gedenktafel in Dittelstedt

Quelle

Bley, Gerhard: Auf den Spuren der Geschichte; ein historischer Rundgang durch Kerspleben (Auszüge) (Stand 1997). In: Heimat- u. Geschichtsverein Kerspleben e. V.: Kerspleben und Töttleben | 1104 - 2004 |  Beiträge aus 900 Jahren Ortsgeschichte. Kerspleben 2004, 152 S., S. 15-38.

Reichart-Relief

Standort: Reichartstraße, Jugendstilhaus, unter Rundgiebel und -fenster an schöner ornamentgeschmückte Fassade, restauriert
Einweihung: vermutlich um 1910

Reichart-ReliefJugendstilhaus mit Reichart-Relief

Reichartstraße

Luther-Denkmal II, temporär versetzt!
Interimsstandort Barfüßerkirche
Interimsstandort des Lutherdenkmals aus der Karlstraße im Langhaus
der Barfüßerkirche. Foto durch östliches Gittertor, 31.05.2017

Standort: Für die Dauer von Flächensanierungsarbeiten wurde das Denkmal im April 2017 von der Karlstraße in die Barfüßerkirche versetzt. Teile des Sockels vom Mittelteil - linker Säulenfuß und Fundamentteile waren allerdings am 01. Mai 2017 (siehe Fotos) noch vorhanden!? Erst bei einem Besuch am 13. Mai 2017 konnte die Entnahme dieser restlichen Teile festgestellt werden.
In einer Pressemitteilung der Stadt vom 10.05.2017 unter dem Titel Unser zweites Lutherdenkmal heißt es zu den Gründen, warum dieses Luther-Denkmal ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Reformation (?) weichen musste, dass genau an dieser Stelle ein Regenrückhaltebecken geplant ist und alle betreffenden Arbeiten rechtzeitig vor dem Bugajahr 2021 beendet werden sollen. Die als Interimsstandort vorgesehene Barfüßerkirche, wo Luther 1529 predigte, ist in die am 18. Mai 2017 öffnende Ausstellung „Barfuß ins Himmelreich – Martin Luther und die Bettelorden in Erfurt“ eingebunden.
Tatsächlich konnte das Lutherdenkmal dort entdeckt werden, aufgestellt an der Ostwand des Langhauses zum Chor. Allerdings nicht vollständig, wie es die Pressestelle der Stadtverwaltung auf Anfrage zugesichert hatte, sondern reduziert auf den säulenbegrenzten Mittelteil ohne die Seitenbänke. Als nachteilig erweist sich der eingeschränkte Zugang, denn der Langhausbereich bleibt grundsätzlich verschlossen. So muss sich der Betrachter mit einem Blick durch die östliche der beiden Gitterpforten, neben der das Bronzerelief angebracht ist, begnügen. So ist auch das beigefügte Foto durch die Gitterstäbe entstanden. An der Außenwand wird nicht auf das nun hier befindliche Lutherdenkmal aus der Karlstraße hingewiesen.
Schöpfer: Jugendstilbildhauer Wilhelm Mues (1877-1946)
Einweihung: 1912, Wiedereinweihung: 5.6.2010, 13 Uhr durch Oberbürgermeister Andreas Bausewein gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Mittelthüringen Dieter Bauhaus
(Ohne Inschrift)

Relief Luther-Denkmal II

Im Mittelpunkt der antikisierenden Denkmalanlage, die in Verbindung mit der gleichnamigen Schule 1912 errichtet wurde, steht ein querformatiges Bronzerelief mit einer Szene aus dem Leben Martin Luthers (1483-1546) – dem gemeinsamen Singen – im Mittelpunkt, die auf sein bis heute lebendig gebliebenes kompositorisches Schaffen hinweist. Eingefügt ist das Relief in den oberen Teil einer aus Quadern zusammengefügten Wandfläche, flankiert von angefügten toskanischen Säulen und überdacht von einem profilierte Gesims. Zu beiden Seiten schließt sich symmetrisch in einem Bogen eine Sitzbank an, die zum oberen Rand hin ein schmales vertieftes Banddekor aufweist.
Am 2. September 1996, 10 Uhr konnte das Lutherrelief restauriert an die Öffentlichkeit zurückgegeben und damit zugleich die Woche des Denkmalsschutzes eröffnet werden.
Die Konservierung und Restaurierung des Ensembles erfolgte mit Mitteln der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Stadt Erfurt.

Luther-Denkmal und Schule
Luther-Denkmal am Lutherweg
Luther-Denkmal am Lutherweg

Lutherdenkmal und die Lutherschule in seinem Rücken liegen direkt am Erfurter Lutherweg, der im Juni 2013 eröffnet  wurde, und über den gleich neben dem Denkmal eine von sechs deutsch-englischen Infotafeln in der Landeshauptstadt Auskunft gibt. Erfurt ist übrigens der zentrale Verbindungsort der sich hier treffenden vier Wegschlaufen des Wander- und Pilgerweges. Wegweiser, an einem „L“ erkenntlich, erleichtern die Orientierung auf allen Lutherwegen. Weitere Tafeln stehen an der Lutherkirche (500 m o), am Augustinerkloster, am Domplatz, am Dreienbrunnenbad und am Dorfplatz in Kerspleben. (DT)

Fundamentrest nach Abtragen
Fundamentrest nach Abtragen (Ansicht von links): Säulenfuß,
Bankrundung. Fotos: 01.05.2017
Fundamentrest nach Abtragen
Fundamentrest nach Abtragen (Ansicht von rechts): Basis des Mittelteils
mehrfach gebrochen.

 

Bismarck-Statue, nicht erhalten, 2004 neu angefertigt

Standort: Anger 33
Schöpfer: Christian Paschold
Existenz: 1904-1948, erneut seit 2004

Bismarck-Statue

Otto von Bismarck (1815-1898) gilt bei aller Umstrittenheit als einer der großen deutschen Staatsmänner. Der "Reichsgründer" von 1871 wurde einst in gewaltigen Monumentalbauten verehrt. Noch heute zeugen zahlreiche Bismarcktürme davon.
Es gibt in Erfurt aber auch einen spezifischen Bezug zu Bismarck.
Der Nachwuchspolitiker hatte im März/ April 1850 am Erfurter Unionsparlament teilgenommen, das -letztlich erfolglos - die Verfassung eines preußisch-kleindeutschen Nationalstaates ausarbeiten sollte.
Zum 50. Jubiläum der Erfurter Union im Jahre 1900 verwies der "Erfurter Allgemeine Anzeiger" darauf, dass "für den Lokalpatrioten der 20. März 1850 ein Gedenktag von mehr als lokaler Bedeutung" sei. Aber er fügte hinzu, das Bedeutsame sei gewesen, "dass der nachmalige Einiger des Deutschen Reiches in unserer Stadt weilte." Ganz in diesem Sinne verzierte 1904 Stadtrat Rudolf Walther den Neubau von Bismarcks einstiger Unterkunft am Anger 33. In einer Nische auf Höhe des ersten Obergeschosses wurde am 1. April 1904, Bismarcks 89. Geburtstag, eine überlebensgroße Bronzestatue aufgestellt. Sie stellte den Kanzler in Uniform und nicht den jungen Parlamentarier dar. Darüber prangte das Bismarck-Zitat: „wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt!". 1948 verfügte eine Kommission zur "Liquidierung deutscher militaristischer und nazistischer Denkmale" die Entfernung der Statue. 2004 konnte auf Initiative des Bismarckturm-Vereins Erfurt 1900 e.V. eine neue Bismarckstatue von Christian Paschold am Bismarckhaus aufgestellt werden. (SR)

 

Bismarck-Denkmal Riechheimer Berg, ND (Doppeldenkmal), Findling versetzt

Standort: S Gasthaus auf dem Riechheimer Berg
Einweihung: 1907, Wiedereinweihung 1995

Bismarck Riechheimer BergWelcher Erfurter kennt nicht die beliebte Ausflugsgaststätte "Riechheimer Berg"? Vier Generationen erholungssuchender Großstädter haben sich auf den zehn Kilometer langen Weg hinauf auf den 513 Meter hohen Berg zwischen Riechheim und Hohenfelden gemacht.
Das automobile Zeitalter hat den Zustrom noch verstärkt, zumal mit dem Naherholungsgebiet Stausee Hohenfelden (1967) und dem Thüringer Freilichtmuseum (1979) weitere Anziehungspunkte hinzukamen. Jüngst entstand die Avenida-Therme (2002) für ganzjähriges Badevergnügen.
Der Riechheimer thront inmitten einer Freizeitlandschaft, die aus den Bedürfnissen der Stadtbewohner erwuchs. Alles begann mit dem Wirken natur- und volkskundebegeisterter Erfurter. 1895 hatte der Thüringerwald-Verein das Thüringer Bauernhaus, eine der Attraktionen der Erfurter Gewerbeausstellung von 1894, teilweise auf den Reichheimer Berg versetzt. Dieser Gebäudekomplex wird seit 1905 ganzjährig als Gasthaus genutzt.
Hier errichtete 1907 der Thüringerwald-Verein ein Bismarck-Denkmal, eine von Eichen umgebene Natursteinmauer mit einer Bronzetafel, die das Porträt des Staatsmannes zeigt. Damit konnte der Erfurter nun auch bei einem der sonntäglichen Ausflüge in die Umgebung des Nationalhelden gedenken. Dies war nach 1945 allerdings nicht mehr gefragt. Das Denkmal blieb dank der rechtzeitigen Sicherstellung der Bronzetafel durch die Gasthofbetreiber-Familie Limprecht/ Büchner unbehelligt. Zum 100. Riechheimer-Jubiläum 1995 konnte es wieder eingeweiht werden. (SR)

Auf den Fundort eines der Blöcke aus dem Denkmal weist E. Wagner (1930) hin. Er erwähnt aus einer linken Ausbuchtung des Wasserrisses [tiefe Einkerbung], der n von Schellroda in nw Richtung am sw Rand des Klosterholzes entlangführt, im Niveau von 365 m zwei Blöcke (Findlinge) von Braunkohlenquarzit (puddingsteinartig). Der größere Block von den beiden ist bereits auf den Riechheimer Berg geschafft worden, wo er das Mittelstück des dort errichteten Bismarckdenkmals bildet. (DT)

 

Königin-Luise-Denkmal, nicht erhalten

Marmor-Portraitstele
Standort: Luisenpark
Schöpfer: Bildhauer Heinrich Steinhage (1908)
Existenz: 1908-1947

Denkmale berühmter Frauen gehören zu den Ausnahmen. Eine davon hatte einst Erfurt zu bieten. 1908 beauftragte der Magistrat den Bildhauer Heinrich Steinhage (1880-1948), für den Promenadeneingang des seit 1897 städtischen Luisenparks eine Herme der preußischen Königin Luise (1776-1810) zu errichten. Angeregt hatte dies der Erfurter Historienmaler Eduard von Hagen (1834-1909). Der Berliner Bildhauer Fritz Schaper (1841-1919) empfahl, eine um 1797 von dem berühmten Berliner Klassizisten Johann Gottfried Schadow (1764-1850) geschaffene Luisen-Büste nachzubilden. Steinhages 2,90 Meter hohe Büstenherme fand den Segen der Promenadenkommission und 1909 eine feierliche Enthüllung.
1918 stürzten unbekannte Täter die Büste vom Sockel, 1920 wurde sie restauriert, wieder aufgesetzt und 1947 zusammen mit ihrer Basis spurlos beseitigt. Erst 1993 konnte eine nachgebildete Luisen-Büste von Christian Daniel Rauch (1777-1857) aufgestellt werden, die, von der Erfurterin Annemarie Meyenberg großherzig gestiftet, schon wenige Wochen später mit Farbe besprüht vom Gartenamt sichergestellt werden musste.
Königin Luise bezauberte nicht allein durch Anmut und Schönheit. Sie galt als bürgernah und aufgeschlossen, förderte Reformen im Schulwesen, der Verwaltung und Landwirtschaft, trat für die Bildung junger Mädchen und die Überwindung sozialer Mängel ein. Sie starb mit 34 Jahren und hinterließ zehn Kinder. Im Mai 1803 hatte die Königin mit ihrem Gemahl, König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), zur Erbhuldigungsreise in Erfurt geweilt, wie es auf einem der Wandbilder im Rathausfestsaal zu sehen ist. (RM)

Straßennamen: Luisenstraße

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Königin-Luise-Denkmal (16)

 

Golde-Denkmal, ND (Doppeldenkmal), nicht erhalten

Aus fünf Findlingen zusammengesetzt, Thüringer Granit, Bronze-Portraitmedaillon
Standort: Ecke Johannesring / Meyfartstraße, heute Stauffenbergallee
Schöpfer: Bildhauer Heinrich Steinhage (begonnen), Ewald Hahn (vollendet)
Enthüllung: 6. Juni 1909
Entfernung: um 1970

Zu Beginn des Jahres 1908 erging ein Aufruf an die Erfurter Bevölkerung, dem Komponisten und Musiker Joseph Golde ein ehrendes Denkmal zu setzen. Unmittelbarer Anlass dafür war das 50. Jubiläum der Erstaufführung eines seiner populärsten Werke, der Fest-Reveille. Sie hatte am Neujahrstag 1858 in Erfurt stattgefunden. Einst zog das "Große Wecken" an den Geburtstagen des Königs von Preußen, des Herzogs von Meiningen, des Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen mit diesem Marsch durch die Straßen. Erste Entwürfe für die Gedenkstätte zeichnete Bildhauer Heinrich Steinhage 1908, und nach dessen Tod modellierte Ewald Hahn (1883-1949) das unvollendete Porträtmedaillon. Schon am 6. Juni 1909 fand die feierliche Enthüllung der Komposition aus fünf verschieden großen Findlingsblöcken in den erneuerten Flutgrabenanlagen statt.
1802 in Döllstädt geboren, hatte Golde nach musikalischer Ausbildung in Gotha, von 1827 bis 1862 in Erfurt als Königlicher Musikdirektor das Musikcorps des 2. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 32 geleitet und nach dessen Verlegung nach Meiningen von 1862 bis 1872 als Direktor des Sollerschen Musikvereins gewirkt. Er ging als Komponist von Märschen in die regionale Musikgeschichte ein.
Außer der Reveille komponierte Golde unter anderem den Preußenmarsch, den Frasini- und Fahnenweihemarsch, aber auch Werke für Klavier, Violine und Gesang. Am Erfurter Realgymnasium bewährte er sich als Klavierlehrer. Hochbetagt starb er am 20. März 1886. Sein Denkmal musste um 1970 dem vierspurigen Ausbau der Wilhelm Pieck-Straße (Stauffenbergallee) weichen. (RM)

 

Gustav-Adolf-Brunnen, Hungerbrunnen, Denkmalbrunnen

Sandstein / Bronze / Messing
Standort: Predigerstraße, n Langhaus Predigerkirche, ehem. Kirchhof (Friedhof)
Schöpfer: Carl Melville 1911
Einweihung: 10.11.1911

Gustav-Adolf-Brunnen

280 Jahre nach der Schlacht bei Lützen, bei der Gustav II. Adolf , König von Schweden (1594-1632) im Kampf gegen Wallensteins Truppen am 6. November 1632 zu Tode kam, setzten ihm dankbare Erfurter Bürger ein Denkmal. Erinnert wurde an den "Retter mit dem Schwert", den Schützer protestantischen Glaubens und Wahrer mancher durch Mainzer Herrschaft verlorenen Rechte. Am 10. November 1911 konnte der Brunnen im Beisein des Königlich Schwedischen Gesandten, des Bischofs von Gotland und Erfurter Honoratioren eingeweiht werden. Mit Bedacht hatte man die Nähe der Predigerkirche gewählt, die Gustav Adolf zu Andachten aufsuchte und als seine Pfarrkirche bezeichnete.

Mutter mit KindGustav-Adolf-MedaillonSargträger

Bildhauer Carl Melville (1875-1957), seit 1909 Lehrer an der Erfurter Kunstgewerbeschule, gestaltete eine unheroische intime Version mit Symbolen und erzählerischen Szenen. Wegen der Gestalten über den Wasserbecken, einem Mann mit Kindersarg und der barfüßigen Mutter mit Säugling, prägte der Volksmund in Erinnerung der Epidemien des Dreißigjährigen Krieges den Namen "Hungerbrunnen". Im umlaufenden Schriftzug des Stelenschafts verewigte Melville den Anfang des Lieblingsliedes von Gustav Adolf: „Verzage nicht, Du Häuflein klein, Gott ist mein Harnisch." Dessen Porträtmedaillon, Namen, einen Löwen mit Wappen und die Vignette mit Bibel und Schwert versammelte er an der Hauptschauseite gegenüber dem Langhaus. Im Verlauf mehrerer Rekonstruktionen und Sanierungen (1992, 1994 und 2000) wurden auch die gestohlenen Kleinplastiken im Sinne historischer Vorbilder ersetzt. (RM)

Straßennamen: Gustav-Adolf-Straße

Gustav-Adolf-Gedenktafel | → Maria-Eleonora-Gedenktafel     

 

Schmidt-Gedenktafel

Eisenguß, Bronze
Standort: Adalbertstraße, Ecke Karlstraße, an Erdgeschoss neben Uhrenturm
Schöpfer: Ewald Hahn (1911)
Einweihung: 1911

Schmidt-GedenktafelDie dankbaren Mitglieder des 1878 gegründeten Erfurter Spar- und Bauvereins widmeten ihrem 1. Vorsitzenden, dem Stadtbaudirektor Ferdinand Schmidt 1911 eine bronzene Ehrentafel. Sie wurde mit einem von Bildhauer Ewald Hahn (1883-1949) gestalteten Porträtmedaillon am Sockel eines Uhrturms in der Karlstraße angebracht.
Baumeister Schmidt hatte unentgeltlich Baupläne entworfen und über viele Jahre hinweg Bauprozesse geleitet, seine Autorität als Stadtrat eingesetzt und bewirkt, dass der Magistrat die sozialen Projekte des Vereins unterstützt, Hypotheken übernimmt sowie Straßenbaukosten begleicht. Die gemeinnützige Gesellschaft Bau- und Sparverein hatte Baugrundstücke unterhalb der Gaststätte "Auenkeller" angekauft und bis 1911 auf dem Andreasfeld innerhalb von 14 Jahren 44 Häuser mit 326 Wohnungen für 2.000 Vereinsmitglieder und ihre Angehörigen errichtet. Alle Wohnungen wurden gemäß dem Reformengedanken der Zeit hygienisch, praktisch und geräumig, hell und luftig angelegt sowie mit Balkons versehen. Dazu entstanden in den geräumigen Höfen Brause- und Wannenbäder, je eine Genossenschaftsgaststätte, Kinderbewahranstalt, Bäckerei, Klempnerei, ein Materialwarenladen und Pachtgärten. In Zeiten hoher Wohnungsnot vor allem in Arbeiterkreisen konnte der Verein mit seinem sozialen Wohnungsbau einiges zum besseren Leben der Menschen beitragen.
Am Bau beteiligt waren die Firmen Haddenbrock, Walther und Groß. Schmidt konnte darüber hinaus an Bauvorhaben wie Aktienbad, Hauptpost, Synagoge, Thomaskirche und Kaufhaus Germania teilhaben. (RM)

 

Breslau-Denkmal, versetzt, verändert erhalten

Fränkischer Muschelkalkstein / Bronze
Standort: Löberstraße / Löberwallgraben, in den Anlagen
Schöpfer: Carl Melville (1910/11)
Einweihung: 1912

BreslauIm Auftrag des Erfurter Magistrats gestaltete der Bildhauer Carl Melville (1875-1957) für den 1897 verstorbenen Oberbürgermeister Richard Breslau (1835-1897) eine der repräsentativsten Denkmalanlagen der Stadt. Am 19. Oktober 1912 wurde sie öffentlich enthüllt.
Melville hatte mit zwei etwa lebensgroßen Flachrelieffiguren Handel und Verkehr sowie Industrie und Bauwesen personifiziert, jene Bereiche, die Breslau während seiner Amtszeit von 1871 bis 1889 besonders förderte. Unter seiner Federführung vollzog sich ein wirtschaftlicher und städtebaulicher Aufschwung, der Wandel vom beengten Festungsort zur modernen Großstadt.

Die jahrelangen Kämpfe um die Verwirklichung des gigantischen Projektes Flutgraben, dessen Kosten von fast 1,7 Mio. Mark allein durch die Stadt Erfurt aufgebracht werden mussten (!),  lassen erkennen, dass Kommunalpolitiker nicht nur für den Augenblick, sondern auch auf Jahrzehnte voraus zu planen imstande sein müssen. Oberbürgermeister Breslau hat dafür die Vorbildwirkung geleistet. Mit großem Weitblick schätzte er die kommenden Verhältnisse, auch die Verkehrsdichte, seiner Stadt ein.
Am 6. Mai 1900 bestand der Flutgraben seine erste große Bewährungsprobe, weitere sollten bis in unsere Zeit folgen, wie z.B. 1994. Die Stadt blieb vom Hochwasser weitgehend verschont. Das bewies, dass sich die Investition in die Zukunft ausgezahlt und der Bau seinen Zweck erfüllt hatte.
Prof. Dr. Biereye würdigt in seiner Veröffentlichung "Erfurt in seinen berühmten Persönlichkeiten", 1937, Dr. Breslau wie folgt:
"1871 zum 1. Bürgermeister gewählt, entfaltet er 1871 - 1889 eine großartige Tätigkeit. Für seine Kraft und Energie ist ihm Erfurt auf ewige Zeiten zu unendlichem Danke verpflichtet! Das Festungsgelände erwarb er für einen Spottpreis, um neue Stadtteile, schöne Anlagen und einen so breiten Flutgraben zu schaffen, dass Erfurt nunmehr vor Überschwemmungen für immer gesichert war. Hierdurch sowie durch eine Wasserleitung, Regulierung des Ableitungssystems, Beseitigung der offenen Wasserläufe, Schließung der vier inneren Friedhöfe, Erbauung eines Schlachthofes und eines Krankenhauses, wurde Erfurt aus einer der ungesündesten Städte zu einer der gesündesten." (Ruth und Arnold Nikolai: Der Erfurter Flutgraben wird 100 Jahre. In: Erfurter Beiträge, Heft 1, 1998, S. 9-106)

Mit fallendem und ruhendem Wasser des flachen Beckens nahm der Künstler Bezug auf die 1876 eröffnete Zentralwasserleitung und den Beginn der Kanalisation. Der Denkmalstandort verwies auf Breslaus Mitwirkung am folgenreichen Projekt, den alten Festungsgraben als Hochwasser regulierenden Umflutgraben umzufunktionieren und die Wälle gärtnerisch zu nutzen. Auf Erfurts Bedeutung als Blumenstadt und Samenexporteur verwies der Bildhauer durch Attribute der Putten, Sätuch und Blumen. Sein Honorar betrug 6.032 Mark.
In den 1950er-Jahren reduzierten städtische Ämter die einst monumentale Anlage auf ein bindungsloses Fragment. Man trennte die Stelengruppe vom Wasserbecken und versetzte sie 200 Meter entfernt an die Uferböschung. (RM)

Ein Vorhaben, das bereits in den 1990er Jahren geplant war aber nur teilweise realisiert werden konnte, scheint nun Wirklichkeit zu werden, die „Rekonstruktion des historischen Denkmals von Richard Breslau in 2015“. So verkündet es ein großes Transparent des Fördervereins für Spiel- und Freizeitplätze der Generationen in Erfurt e.V. direkt vor dem Denkmal.  Man kann also gespannt sein, ob es die lobenswerte Initiative schafft, das ursprüngliche Ensemble mit seinem vorgelagerten Becken wiedererstehen zu lassen. (DT)

Straßennamen: Richard-Breslau-Straße, 1901, vier Jahre nach dem Tode Breslaus, gab die Stadt Erfurt, einer der vornehmsten Straßen entlang des Flutgrabens seinen Namen.

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In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Richard-Breslau-Denkmal am Löberwallgraben (3)

 

Kaiser-Denkmal von Frienstedt, FD, ND (Doppeldenkmal)

Standort: S Frienstedt, Kreuzung B7, sw Ecke
Schöpfer: Bildhauer Hugo Grabe
Einweihung: 16. Juni 1913
Inschrift Stirnseite: „Wilhelm II., Auguste Viktoria, 14. September 1891“, Seite: „1888 15. Juni 1913“, Rückseite: „1813 / 1913“

Kaiser-Denkmal von FrienstedtVom 11. bis 15. September 1891 fand w von Erfurt ein „Kaisermanöver“ statt. Dazu begab sich am 14. September das preußische Kaiserpaar Wilhelm II. (1859-1941) und Auguste Viktoria (1858-1921) von ihrem Aufenthalt in Erfurt aus, wo sie am Vorabend eingetroffen waren und im Regierungsgebäude (Statthalterei) residierten, nach Gamstädt, um dort die große Parade des 4. Armeecorps abzunehmen. Beim Frienstedter Gasthaus „Fürstenhof“, s des Ortes an der „großen Heerstraße“ (heute B7), war ihnen eine zweifache Ehrenpforte errichtet worden. Hier verließ das Paar die Kutsche und stieg zu Pferde. Damit war der erste Anlass des späteren Denkmals gegeben. Ein weiterer ergab sich 1913 mit dem 25jährigen  Regierungsjubiläum Wilhelm II. Daher die Inschrift auf der Denkmalsseite (s.o.).
Die Gemeinde Frienstedt würdigte dann in der allgemein in jenem Jahr herrschenden kaiserlichen Feierstimmung beide Jubiläen, in dem sie an dem Ort des hohen Besuchs vom 14. September 1891 das besagte Denkmal als Zeichen der Erinnerung und ihrer Kaisertreue errichtete. So fand am 16. Juni 1913 die feierliche Einweihung unter Anwesenheit des gesamten Ortes und patriotischen Reden statt. Pastor Dietrich verwies in seinen Worten darauf, dass der hier geweihte Gedenkstein vom ersten Besuch eines Kaisers nach 700 Jahren künden solle.

Kaiser-Denkmal von Frienstedt, InschriftInteressant ist die Inschrift auf der Rückseite des eratischen Blocks (Findling) mit den Jahreszahlen 1813 und 1913, die einen anderen kaiserlichen Bezug herstellt, zum Kaiser der Franzosen. Vielerorts errichtete man 1913 Denkmale, die dem überhöhten nationalen und patriotischen Empfinden Ausdruck gaben, so wie es der Inschrift auf dem Napoleonstein von Utzberg abzulesen ist: „1813 – 1913. Zur hundertjährigen Jubelfeier der Erhebung Deutschlands und der Zerstrümmerung der Weltherrschaft Napoleons. Deutschland sei wach! ...“ Art und Typus der Jahreszahlen am Frienstedter Findling  – übereinander stehend in einem vertieften Rechteckfeld – weisen eine deutliche Ähnlichkeit mit einem Findling auf, der sich heute auf einem Privatgrundstück in Schmira befindet und Teil des als Findlingspyramide gestalteten Erinnerungsmals in der „Pfaffenlehne“ gewesen sein soll.
Die Kaiserparade bei Gamstädt wurde mit einem gewaltigen Aufwand vorbereitet. Für die große Tribüne mussten 50 Wagen Baumaterial herangefahren werden. 30 Zimmerleute waren mit dem Aufbau beschäftigt und hatten in drei Wochen fertig zu sein. Die Tribüne sollte 1.000 Sitzplätze bieten, das entspricht derjenigen bei den DomStufen-Festspielen in Erfurt. Durch den Platzpreis 1. Klasse 10 Mark, 2. Klasse 5 Mark, versprach man sich, den   hohen Unkostenberg abgetragen zu können. In Gamstädt  und näherer Umgebung tummelten sich Spekulanten, um mit kurzfristigen Pachtungen von Land oder Räumlichkeiten noch einen guten Schnitt zu machen. Mit dem Wetter hatte man Glück, nach einem kühlen und nassen Sommerverlauf, zeigte sich der September meist schön und warm. So konnten die Vorbereitungen des Kaisermanövers, Ortsverschönerungen, Straßenerneuerungen und die Herrichtung des Manövergeländes unbehindert ablaufen. Für das 900 Morgen (225 ha) große Paradefeld mussten die Äcker gewalzt und sogar der der „Seltenbach“ verrohrt werden.
Alle Geschirrhalter wurden für Fuhrleistungen verpflichtet. Die Dörfer hatten beträchtliche Einquartierungen an Militär zu verkraften, so z.B. Gierstedt (276 Einwohner) 405 Soldaten  oder Döllstädt (781 Einwohner) 1.700 Infanteristen. Alle wurden ohne Verpflegung und Fourage (veraltete militärische Bezeichnung für Pferdefutter: Hafer, Heu und Stroh) für die Pferde einquartiert. Der Quartiergeber wurde verpflichtet, Naturalverpflegung zu geben und den Ofen zur Verfügung zu stellen. Weitere Truppen, die nicht mehr unterzubringen waren, mussten bei Bischleben felddienstmäßig biwakieren.
Am Abend des 14. September fand auf dem Erfurter Domplatz der große Zapfenstreich mit allen Spielleuten des 4. Armeekorps (ca. 1.500 Mann!) statt. Am 15. September folgte dann der Höhepunkt in Gamstädt, ein Großereignis seiner Zeit. Bei schönstem Sonnenschein pilgerten Tausende an das Paradefeld mit 32.000 Soldaten, wo der Kaiser mit Gefolge die Front abritt. (DT, Lothar Hess, 4)

 

Luther-Gedenkstein bei Stotternheim, Lutherstein, FD

Standort: O Stotternheim, O-Ende Luthersteinweg
Einweihung: Am Nachmittag des 4. November 1917

Luther-GedenksteinDer Gedenkstein nahm auf das sagenumwobene Gewittererlebnis vom 2. Juli 1505 Bezug, das Martin Luther (1483-1546) als Erfurter Jura-Studenten zum Eintritt ins Kloster der Augustinereremiten bewogen haben soll. Über der Einweihungsfeier lag der nationalprotestantische Geist des Ersten Weltkriegs, der Luther zum Hoffnungsträger der Deutschen stilisierte. Erfurts Gymnasialdirektor Prof. Dr. Johannes Biereye rief in seiner Festrede dazu auf, "mit dem Glaubensmut und der Glaubenskraft Luthers weiter zu leben und zu kämpfen in aller Not und Gefahr, die uns in dieser Welt umdräut." Der unbehauene Gedenkstein aus schwedischem Granit nennt den Ort ,“Werdepunkt der Reformation", auf der Rückseite wird ihm im Pathos der Zeit das Prädikat "Geweihte Erde" verliehen. Freilich lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Luther auf dem Rückweg vom heimischen Mansfeld tatsächlich beim Einschlag eines Blitzes an dieser Stelle spontan den Schwur tat: "Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!", und diesen dann als göttliche Fügung konsequent umsetzte. Theologen und Historiker vermuten vielmehr einen längeren Prozess, der zur Hinwendung ins Religiöse führte. Sicher ist aber, dass mit dem Eintritt in das Erfurter Augustinerkloster am 17. Juli 1505 die intensive Auseinandersetzung Martin Luthers mit der Frage begann, wie er einen gnädigen Gott bekommen könne. Hier liegen wesentliche Wurzeln der Reformation. (SR)

Straßennamen: Lutherstraße


1919 - 1933

 

 

Kriegerdenkmal in Linderbach

Standort: Kirchhof, zur Straße hin, beim Eingangstor
Einweihung: ca. 1920er Jahre

Waidstein im KriegerdenkmalKriegerdenkmal vor der Kirche

Seltene Form eines Denkmals für die Kriegsgefallenen des I. Weltkrieges unter Verwendung eines stehenden Waidsteins, in den in der Mitte ein Kreuz mit der Jahreszahlen 1914 – 1918 und am Rand umlaufend eine Inschrift für „... die im Weltkrieg gefallnen Helden ...“ eingearbeitet sind. Im unteren Teil ist der Stein stark verwittert. An der aufnehmenden Mauer sind zusätzlich Tafeln angebracht. (DT)

 

 
Reißhaus-Grabdenkmal

Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 05F, Grabstätte 012/013
Einweihung: 1921

ReißhausDas Grabmal für Hermann Paul Reißhaus (1855-1921) auf dem Hauptfriedhof erinnert an die Vaterfigur der Erfurter Sozialdemokratie aus der Kaiserzeit. Am 29. September 1855 in Burg bei Magdeburg geboren, arbeitete Reißhaus nach der Reichsgründung 1871 als Schneider in Berlin. Erst der rigide Kampf des "Eisernen Kanzlers" Bismarck gegen die ihm verhasste Sozialdemokratie sollte das engagierte Parteimitglied nach Thüringen führen.
In der Zeit der so genannten Sozialistengesetze "wider die gemeingefahrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde Paul Reißhaus 1880 aus Berlin ausgewiesen. Er ließ sich im damals preußischen Erfurt nieder. Wie viele aus ihrer Heimatstadt verbannte Berliner Sozialdemokraten sollte er fortan die Entwicklung der Arbeiterpartei in der Provinz prägen. Reißhaus war bis zu seinem Tode am 5. September 1921 der unbestrittene Führer der Erfurter SPD. Für das seit 1889 erscheinende Parteiorgan "Tribüne" wirkte er als Herausgeber und Publizist.
Reißhaus war aber auch auf nationaler Ebene politisch aktiv. Von 1890 an besaß er ein Mandat als Reichstagsabgeordneter. Im Oktober 1891 durfte er den wegweisenden Erfurter Parteitag der SPD im "Kaisersaal" eröffnen, der die Programmatik und Taktik der Partei nach den überstandenen Diskriminierungen des Sozialistengesetzes über Jahrzehnte prägen sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution 1918 blieb der Schneidermeister Reißhaus dem reformerisch-demokratischen Kurs der Mehrheits-SPD treu. (SR)

Straßennamen: Reißhausstraße

 

Schmidt-Grabdenkmal, Familiengrab der Gartenbaufamilie Schmidt

Schlesische Basaltlava
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 23A, Grabstätte 001A
Schöpfer: Hans Walther 1920/21
Einweihung: 1921

Schmidt-Grabdenkmal Detail
Schmidt-Grabdenkmal Gesamtansicht
Schmidt-Grabdenkmal Gesamtansicht

Zwischen 1919 und 1921 gestaltete der Erfurter Bildhauer Hans Walther (1888-1961) für den Samenzüchter Carl Schmidt ein Grabmal ungewöhnlicher Art. Es steht heute unter Denkmalschutz und zählt zu den künstlerisch bedeutendsten Zeugen im Gesamtbestand des Hauptfriedhofs und zu den wenigen, die eine Gruftkammer besitzen.
Carl Schmidt, am 23. Dezember 1848 als Sohn eines Lehrers in Schleusingen geboren, trat 1863 in die Gärtnereifirma J.N. Haage ein und absolvierte dort seine Lehre. Anschließend führten ihn mehrere Studienreisen nach Paris, London, in die USA sowie nach Kanada.
1876 kehrte er zurück, arbeitete in der Gartenfirma Platz & Sohn und zwei Jahre später wieder bei Haage, seinem ehemaligen Ausbilder. Hier leitete er schon bald die Abteilung der Samenkulturen. Ab 1889 wirkte der Königliche Ökonomierat als Inhaber der Kunst- und Handelsgärtnerei Haage & Schmidt. 1912 konnte der Betrieb sein 50. Geschäftsjubiläum feiern: Schmidts Qualitäten fanden weit über Deutschland hinaus großes Echo. Nachrufe des am 26. Februar 1919 Verstorbenen lobten das "schlichte, einfache Wesen" des so "hoch zu stellenden Mannes. Einfach waren seine Ansprüche an das Leben, das er ganz der Arbeit widmete." Walther komponierte aus sieben in Quadern gefugten Pfeilern variierter Gestalt, die aus wuchtigen Schäften aufsteigen, sich teilen, überschneiden und bogenförmig zur Mitte streben, ein transparentes Gewölbe energetischer Spannung. Er besetzte die Innenseiten der Pfeilersegmente mit einem Zyklus schreitender Figuren und die Mitte über dem Sarkophag mit dem hingestreckt ruhenden Körper des Toten. (RM)

 

Weth-Märzgefallener-Grabdenkmal

Grabstele mit Spitzbogen
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 15E, Grabstätte 062
Schöpfer: ?
Einweihung: 10. August 1921.
Inschrift: „WILLY VON DER WETH / GEB·14·FEBRUAR 1901 / ALS OPFER DER REVO / LUTION GEFALLEN FÜR / FREIHEIT UND RECHT / IN GOTHA / AM 19·MÄRZ 1920.“

Der flache Sockel trägt die Inschrift. Darüber - in einem Spitzbogenfeld - zeigt ein Relief den Kampf eines knieenden Mannes mit einer Schlange, die sich um seinen linken Ober- und Unterschenkel windet. Mit der rechten Hand packt er das Tier hinter dem Kopf. Die  Darstellung ist ein Sinnbild für den Opfertod Willy von der Weths, wobie die Schlange das Böse assoziiert, den niederen Vertreter der dämonischen Mächte verkörpert. Das Relief ist bereits mäßig verwittert, am oberen Rand etwas ausgebessert. Die Inschriften sind wie auch auf den beiden anderen Steinen erneuert und in sehr gutem Zustand.
Mehr unter: Märzgefallenen-Gräbergedenkstätte
(DT)

 

Märzgefallenen-Gräbergedenkstätte

Anlage dreier Grabsteine in Reihe
Standort: Hauptfriedhof, Grabfeld 15E
Schöpfer: ?
Einweihung: 10. August 1921 (Weth), Ersatz der anderen beiden Steine um oder nach 1960.

Bis mindestens in die zweite Hälfte der 1950er Jahre stand der historische Grabstein Willy von der Weths von 1921 (mehr unter: Weth-Märzgefallener-Grabdenkmal ) zwischenzeitlich allein. Früher befanden sich rechts und links von ihm zwei weitere Grabsteine der beiden Mitkämpfer von der Weths, die Artur Walters und Franz Weibezahls, die ebenfalls in den Märztagen des Jahres 1920 in Gotha ihr Leben ließen. Diese beiden Gräber waren neu vergeben, und die Original-Grabsteine entfernt worden. Der Grabstein Willy von der Weths ist nur deshalb noch erhalten, weil die Angehörigen die Stätte zurückgekauft haben. Später wurden für Walter und Weibezahl einfache Block-Quader-Grabsteine nachgefertigt, etwas kleiner als der Weth-Stein bemessen und rechts von diesem aufgestellt. Dadurch erhielt die Gräbergedenkstätte ihre Geschlossenheit zurück, sodass heute wieder allen drei Opfern in würdiger Weise gedacht werden kann.

Uns künden die Steine vom Opfertod dreier Erfurter Revolutionäre im Kampf gegen die reaktionären Kapp - Truppen während des Kapp-Putsches 1920 in Gotha.
Nachdem der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp mit Hilfe der sogenannten 'Nationalen Vereinigung', einer vorwiegend deutschnational gerichteten Verschwörergruppe, und monarchistischer Reichswehr- und Freikorpsverbände am 13. März 1920 unter Bruch der Verfassung der Weimarer Republik in Berlin die Militärdiktatur errichtet hatte, versuchten auch in Gotha die Reichs- wehrformationen unter Hauptmann Cäsar die verfassungsmäßige, aus USPD-Mitgliedern bestehende Landesregierung zu stürzen und die Diktatur der Junker, Generale und Großindustriellen zu errichten. Die Gothaer Arbeiterschaft aber leistete Widerstand. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterschaft und Reichswehr, die aus Erfurt Verstärkung heranzog. Als die Arbeiter am 17. März 1920 an der Gothaer Hauptpost drei Tote zu beklagen hatten, strömten die empörten Arbeiter Thüringens nach Gotha, um ihren bedrängten Klassengenossen zu helfen. Auch aus Erfurt zogen einige hundert nach Gotha und kämpften dort Seite an Seite mit den Arbeitern des Thüringer Waldes - besonders der Suhler Gegend - und der Arbeiterschaft Gothas gegen die Reichswehr. Schließlich musste die Reichswehr am Abend des 19. März 1920 Gotha räumen. Die Reichswehrformationen zogen sich nach Erfurt zurück, das ein besonderes Zentrum der Reaktion werden sollte. Gotha befand sich in den Händen der Arbeiter und der verfassungsmäßig gewählten Gothaer Landesregierung.

Bei den erbitterten Kämpfen - besonders um die Gothaer Fliegerwerft - fielen 96 Arbeiter [!], unter ihnen die drei Erfurter Arbeiter
Willy von der Weth, Artur Walter und Franz Weibezahl.
Fünf Erfurter Arbeiter wurden verwundet: Franz Ederhart, Franz Faust, Carl Fischer, Waldemar Nowag und Karl Preuter.

Am 31. März 1920 fand auf dem Erfurter Südfriedhof eine Trauerfeier für die in den Kämpfen bei Gotha gefallenen Erfurter Arbeiter „unter starker Beteiligung der Arbeiterschaft“ statt. Die Arbeiter der Erfurter Industriebetriebe versammelten sich um 14 Uhr auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz (heute Domplatz) und zogen durch ein dichtes Menschenspalier zum Südfriedhof. Der Abgeordnete der preußischen Landesversammlung Mehrhof (USPD) hielt die Gedenkansprache.
Am 10. August 1921 wurden auf dem Erfurter Hauptfriedhof während einer Gedenkfeier für die Gefallenen drei Grabsteine eingeweiht, deren Kosten durch Sammlungen der Erfurter Arbeiterschaft aufgebracht worden waren. Es sprachen Vertreter der KPD, der USPD und der Syndikalisten. 'Nach Feierabend pilgerten Tausende Erfurter Arbeiter und Arbeiterinnen nach dem Hauptfriedhof an der Binderslebener Landstraße, wo das Proletariat im März 1920 seine Toten zur letzten Ruhe gebettet hatte'. Der Vertreter der USPD (Scholz) erinnerte in seiner Ansprache die Anwesenden an den geschlossenen Kampf des Erfurter Proletariats in den Märztagen 1920 und betonte, dass sich das Proletariat auch in Zukunft nur dann seiner Feinde erwehren könne, wenn es gemeinsam handele. An beiden Feiern beteiligte sich die SPD offiziell nicht, obwohl zahllose Sozialdemokraten Schulter an Schulter mit den kommunistischen, unabhängigen, syndikalistischen oder parteilosen Arbeitern gekämpft hatten.“
Willibald Gutsche, 1956

Der Verfasser des Aufsatzes schließt mit einem Appell an die damals verantwortlichen politischen und staatlichen Organe, „eine Beseitigung des letzten der drei Grabsteine zu verhindern und der letzten Ruhestätte eines Märzgefallenen in Erfurt als Stätte des Gedenkens und der Mahnung größere Beachtung zu schenken.
Der Grabstein Weths blieb erhalten und steht heute unter Denkmalschutz. Er wurde inzwischen auch durch Neuanfertigungen der verloren gegangenen Steine ergänzt. Es besteht jedoch auch heute der Eindruck, dass die Gedenkstätte weitgehend unbekannt geblieben ist, trotz offizieller Ehrungen. Um dies zu ändern, soll hiermit beigetragen werden. (DT)

 

Müller-Desterro-Denkmal / Gedenktafel

Standorte: Windischholzhausen, Dr.-Müller-Desterro-Straße. Gedenktafel am Geburtshaus (verändert), Haus Nr. 4.
Einweihung: ? evtl. 1922 (100. Geburtstag)

Müller-Desterro-DenkmalMüller-Desterro-Denkmal, Tafel

Auf einer kleinen grünen Insel an der kleinen Straße, die seinen Namen trägt, von Sträuchern wildwüchsig umgeben, steht ein mannshoher oben abgerundeter Stein, der an einen großen Naturforscher erinnert, der hierzulande aber wenig bekannt blieb.

Gedenktafel am Geburtshaus
Gedenktafel am Geburtshaus, ehem. Pfarrhaus, heute Privathaus
in der Müller-Desterro-Straße 4. Übereinstimmende Schriftart zur
Tafel auf dem Denkmal  deutet auf gleiche Entstehungszeit.

Johann Friedrich Theodor Müller (1822 - 1897), genannt Fritz, kam am 31.3.1822 im Pfarrhaus Windischholzhausen zur Welt, worauf heute (wieder) eine Tafel hinweist. Der Vater als Pfarrer war selbst botanisch interessiert und entdeckte einige Pflanzenraritäten von seinem anderen Wirkungsort Mühlberg aus. Dort kamen zwei Brüder zur Welt, die wie Fritz berühmte Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts werden sollten. Bereits seit frühester Jugend interessierte Fritz sich für die Natur, deren Zusammenhänge und vielen kleinen Wunder. Das Naturell des Jungen fand Anerkennung beim Vater, von dem er viel lernen konnte.
Als Enkel des Apothekers und Direktors des Ratsgymnasiums Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837) erfüllte er die Voraussetzungen, ein „ehrbarer“ Forscher zu werden
Nach dem Besuch des Erfurter Gymnasiums bis 1840 und einem Apothekerlehrgang in Naumburg studierte  Müller Naturwissenschaften und Mathematik. An einer philosophischen Fakultät promovierte er schließlich, um dann als Gymnasiallehrer in Erfurt zu wirken. Bereits zu dieser Zeit zerstritt sich der fortschrittliche Geist mit seiner Familie und stieß die bürgerlich-religiös geprägte Gesellschaft nicht selten vor den Kopf. Schließlich verzichtete er auf sein Examen als Arzt, da eine Passage des Eides „ … so wahr mir Gott helfe“ lautete und Fritz Müller nicht gedachte, derartiges zu schwören. Fortan bekam er nur noch Gelegenheit, als Hauslehrer ein wenig Geld zu verdienen. Während der Revolution 1848/49 galt seine Sympathie den Linken in der Frankfurter Paulskirche. Ihr Scheitern warf auch Müller fast aus der Bahn. Doch Trommsdorffs Forschergene hatte der junge Naturliebhaber geerbt – sie trieben ihn weiter an. Müller untersuchte Tierarten und ihre Anpassung an die Umwelt. Dabei wurde er einer der ersten deutschen Anhänger von Darwins Evololutionstheorie.
Nach dem Motto 'ist der Ruf erst ruiniert, lebt´s sich völlig ungeniert' lebte der Mann in wilder Ehe, sich immer der gesellschaftlichen Tragweite seines Tuns bewusst, und verließ schließlich 1852 Deutschland mit der Tagelöhnertochter Karoline Töllner, angezogen von der tropischen Fauna in Richtung Brasilien.
In der Stadt Blumenau (eine deutsche Kolonie, von einem Deutschen gleichen Namens gegründet) ließ sich der Naturwissenschaftler als Farmer nieder und bekam bald darauf eine Anstellung in Desterro (heute Florianopolis) als Professor. Den Ortsnamen hängte er an seinen Allerweltsnamen Müller an und machte ihn so zu einem individuellen Doppelnamen. Dort fand er Gelegenheit, die geliebten Insekten und Schmettelinge zu untersuchen. Die nach ihm benannte „Müllersche Mimikry“ besagt, dass unterschiedliche Beutearten über Jahrtausende das Aussehen, z.B. die warnende Körperfarbe eines bestimmten giftigen Tieres annehmen können, so dass ihre Fressfeinde vor ihnen ebenfalls zurückschrecken.
Zwölf Jahre behielt Fritz Müller seinen Lehrstuhl inne, bis 1864 die Schule in Desterro von den streng gläubigen Jesuiten übernommen wird und er schließlich von Intrigen zerrieben, die Professur aufgab und nur noch in Blumenau auf naturwissenschaftlichem Gebiet forschte. Ergebnisse seiner Untersuchungen wurden weltweit in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht.
1864 untermauerte der Forscher an der Klasse der Crustaceen die Darwinsche Theorie. Darwin hellauf begeistert von den Resultaten Müllers, lobte diesen als „Fürsten der Beobachter“, da er anstatt langatmiger Darstellung kompakt die wissenschaftlichen Ergebnisse Darwins darstellte. Von dieser Zeit an traten Müller und der größte Evolutionstheoretiker in einen engen Briefwechsel. Erst im Jahr 1868 sowie 1877 kam Fritz Müller zu seinem langersehnten Ehrendoktor, den ihm die Universitäten in Bonn und Tübingen verliehen. Ehrungen erfuhr der inzwischen recht berühmte gewordene auch vom Nationalmuseum in Rio de Janeiro sowie von den Städten Desterro und Blumenau.
Weitere Rückschläge gabe es, eine Flut nimmt ihm den Besitz, die Stelle im Nationalmuseum in Rio wird ihm 1891 mangels Loyalitätsbekenntnisses entzogen, er kurzzeitig interniert. Doch sein Forscherdrang erlahmte nicht bis zu seinem Tod 1897 in Blumenau.
Ernst Haeckel schrieb Fritz Müller gar einen Nachruf, und heute zieren Gedenktafel, ein ansehnliches Denkmal sowie ein Museum das Bild der brasilianischen Stadt Blumenau, die sich sehr lebendig an den eigentümlichen und vor allem eigensinnigen Deutschen erinnert. „Ihn lockte weder Besitz noch Wohlergehen, weder Ruhm noch Ansehen aus der Bahn. Ihn schreckte weder Furcht vor Gewalthabern noch das Urteil der Menge. Seinen Menschen begegnete er gütig und freundlich,“ schrieb Dr. Alfred Möller, der Herausgeber von dem Buch „Fritz Müller – Werke, Briefe und Leben“.
Der 100. Todestag des Forschers und Zoologen, Wegbegleite Darwins und Freigeistes am 21.5.1997 wurde feierlich begangen, in der Gemeinde Windischholzhausen und in Brasilien. (DT, daylipress)

 

Reiter-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Bahnhofstraße, vor der Reglerkirche
Schöpfer: Hans Walther
Existenz: 1924-1939

Der Verein des in Erfurt stationierten Jägerregiments zu Pferde Nr. 6 und die Kavallerie-Kameradschaft 1889 Erfurt einigten sich 1923, ihren im Ersten Weltkrieg 1914/18 gefallenen Soldaten ein würdiges Denkmal zu setzen. Nach langwierigen, politisch belasteten Debatten um die Wahl des Gestalters, Standorts und Charakters des Mals, erhielt der Bildhauer Hans Walther (1880-1961), Reserveoffizier des Reiterregimems und Kriegsteilnehmer, den Zuschlag. Mit Hilfe von Steinmetzen wie Pinta und Heerklotz nahmen dessen Entwürfe bald konkrete Gestalt an.

Reiter-DenkmalAm 16. November 1924 fand mit feierlichem Gepränge, Festreden von Regierungspräsident Fritz Tiedemann und Oberbürgermeister Bruno Mann die Enthüllung des Gefallenen-Denkmals statt. Walthers Verzicht auf Heroisierung stieß auf heftige Ablehnung nationalistisch gesinnter Kreise.
Seine Absicht war, statt eines Heldenmals ein expressives Opfermal ohne Geste der Revanche zu gestalten und Nachdenken über Kriege und deren Verhinderung auszulösen. 1930 wurde sein Werk als "weibisch und feige", als "pazifistisches Totenmal" abgelehnt.
1939 bestimmte NS-Oberbürgermeister Walter Kießling, das "Zerrgebilde" zu beseitigen und einen "dem deutschen Empfinden" gemäßen Ersatz zu beschaffen. Nachdem auch Offizierskreise die Figurengruppe als "Kulturschande" und "entartete Kunst" beschimpft hatten, erklärte sich die Kavallerie-Kameradschaft am 8. April 1939 mit dem entschädigungslosen Abbruch einverstanden. Damals abgelagert am Hauptfriedhof, sind bis heute keine Spuren des Werkes auffindbar. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Das Reiterdenkmal (25)

 

Artillerie-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Benaryplatz
Schöpfer: Ewald Hahn
Existenz: 1926 bis ca. 1950

Angehörige des ehemaligen 1. Thüringer Feld-Artillerie-Regiments Nr. 19 entschlossen sich im Jahre 1923, den im Ersten Weltkrieg gefallenen 64 Offizieren, 867 Unteroffizieren und Mannschaften ein ehrendes Andenken zu widmen. Schon ein Jahr später ging der Auftrag dafür an den Gewinner des Wettbewerbs, den damals 41-jährigen Bildhauer Ewald Hahn (1883-1949), der sich bis dahin zwar schon intensiv mit figürlicher Plastik, aber nicht mit überlebensgroßen Gestaltungen oder Ehrenmalen beschäftigt hatte. Seit 1906 lehrte Hahn an der Erfurter Kunstgewerbeschule.
Unter erstaunlich großer Anteilnahme von ehemaligen Militärangehörigen, geladenen Ehrengästen und "viel Volk" wurde die auf breiter Basis lagernde, ihr Haupt trotzig reckende Löwenfigur, die mit der Pranke ein Kanonenrohr zu Boden presst, am 30. Juni 1926 enthüllt. Hahns Konzeption fand in Kreisen städtischer Honoratioren großen Beifall und erlebte viele Gedenkfeiern, Kranzniederlegungen und Aufmärsche. Aber es meldeten sich auch Spötter zu Wort, die zum Beispiel den Löwen als Walross oder Seehund verunglimpften und die Proportionen zwischen dem niedrigen Sockel und der 5,90 Meter langen und 2,80 Meter hohen Tierfigur als misslungen bemängelten. Schon damals geschah das heute durchaus Übliche: Die Tierfigur wurde 1930 besudelt.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen sich kommunale Ämter vor, das Stadtbild von "anrüchigen", das heißt militaristischen Zeugnissen zu reinigen. Aber es vergingen weitere fünf Jahre, ehe das Löwen-Standbild wie etwa auch die Bismarck-Statue und das Kriegerdenkmal vom Hirschgarten auf  Nimmerwiedersehen aus dem Stadtbild verschwanden. (RM)

 

Evangelischer Bund Gründungs-Gedenktafel

Standort: Predigerstraße 10, ehemals „Steiniger's Hotel“
Enthüllung: 5. Oktober 1926

Evangelischer Bund Gründungs-GedenktafelAnlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Evangelischen Bundes im Hause Predigerstraße 10, wurde an der Hauswand im 1. Obergeschoss eine Gedenktafel enthüllt. Die Festansprache hielt Geheimrat D. Scholz aus Berlin.
Die rechteckige Tafel ist mit einem rundlich hervortretenden Eichenlaubkranz gerahmt, der am oberen Rand kreisbogenförmig aufgewölbt ist, um die Lutherrose aufzunehmen. In der Mitte der seitlichen Rahmen ist jeweils eine Streitaxt, die palisadenartig umschlossen ist, eingearbeitet. Sie stehen sinnbildlich für die Kampfbereitschaft des Bundes zur Wahrung evangelischer Interessen gegenüber den Herausforderungen der Zeit auf den beiden „Feldern“ politischer Katholizismus sowie aufkommender Atheismus-Liberalismus in der Gesellschaft. Zugleich galt es, die stark in Landeskirchen untergliederte Evangelische Kirche zu bündeln und ihr eine starke und deutlich zu vernehmende Stimme zu geben.
Ganz bewusst fiel die Wahl als Gründungsort auf Erfurt, der Stadt, die für den späteren Reformator Martin Luther (1483-1546), auf den die Tafel mit der Lutherrose hinweist, überaus prägend war. Gleich gegenüber vom Gründungslokal steht die Predigerkirche mit einer bedeutenden reformatorisch-protestantischen Geschichte. Hier wirkten u.a. Meister Eckhart (um 1260-1328) und der lutherische Theologe Johannes Aurifaber (1519-1575), der Briefe, Predigten und Tischreden Luthers herausgab. Also ein Ort mit großer Ausstrahlung und geistlicher Inspiration, wie es kaum einen zweiten gibt. (DT)

 

Bösenberg-Brunnen, Brunnendenkmal

Standort: Jacobsenviertel, Hohenwindenstraße
Einweihung: 1926/28

Bösenberg-BrunnenZwischen 1926 und 1928 baute die „Wohngemeinschaft Erfurt" im Karree von Hohenwinden-, Salinen-, Gruben- und Barkhausenstraße eine beispielhafte Wohnanlage. Damit schuf diese vom Hamburger Kaufmann und Unternehmer Hermann Bösenberg gegründete GmbH das "größte zusammenhängende Projekt des Geschoßwohnungsbaus zurzeit der Weimarer Republik in Erfurt" (Mark Escherich). Gebaut wurde nach den Entwürfen des Architekten Otto Jacobsen. In einem der vier Innenhöfe der Wohnanlage errichtete man als Würdigung des Initiators und Förderers Bösenberg einen steinernen Laufbrunnen. Sein strenger kubischer Aufbau - ein mittiger, kantig gestufter Schaft mit Wasserspendern und Oktaederkrone sowie zwei konisch geformte Becken - könnte als Antwort auf die klare Formgebung des "Neuen Bauens" verstanden werden.
Bevor sich Jakobsen um 1926 in Erfurt niederließ, war er Mitarbeiter des Hamburger Stadtbaudirektors Fritz Schumacher (1869-1947).
Im Verein mit Bösenberg verwirklichte er nach Vorbildern der Hamburger Baugenossenschaften soziale Reformen gemeinschaftlichen Wohnens. Nach den Notzeiten des Ersten Weltkrieges und der Inflation ermöglichten die nach rationellen Bauplänen errichteten Kleinwohnungen auch Familien mit geringem Einkommen, ein menschenwürdiges Leben zu führen. (RM)

 

Maria-Eleonora-Gedenktafel

Metalltafel
Standort: Anger 11
Anfertigung / Enthüllung: 1928 / Die Tafel stiftete die schwedische Regierung zum 300. Todestag des Königs 1932. Paul Geißler, talentierten Zeichner und Mitarbeiter der Keyser'schen Buchhandlung am Anger 11, fügte der Festschrift zum 150. Jubiläum der Buchhandlung eine von ihm signierte und 1927 datierte Federzeichnung des Hauses bei, auf der die Gedenktafel noch fehlt.
Inschrift: IN DIESEM HAUSE | WOHNTE GUSTAV | ADOLFS GEMAHLIN | / KÖNIGIN MARIE / | / ELEONORE VON / | / SCHWEDEN / | WÄHREND U. NACH | DER SCHLACHT VON | / LÜTZEN / | NOVEMBER / | / DEZEMBER 1632
Darüber der schwedische Löwe, der umgeben ist mit einem Kreuz (links unten), dem  getrennten Schicksalsjahr 1632, mit „16“ (links oben) und „32“ (rechts Mitte) sowie dem vermutlichen Jahr der Anfertigung 1928 (rechts unten).

Gustav-Adolf-GedenktafelRenaissance-Haus Anger 11Wappen über Portal Anger 11

Das frühere Haus Zum Schwarzen Löwen, seit 1870 Anger 11, verbindet sich mit einem für die Erfurter Stadtgeschichte tiefgreifenden historischen Ereignis während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert. In ihm erhielt die Königin Maria Eleonora von Schweden (1599-1655) am 17. November 1632 die Nachricht vom Tode ihres Gemahls Gustav II. Adolf in der Schlacht bei Lützen tags zuvor. Erfurt trauerte aufrichtig mit der Königswitwe. Die Stadt verlor ihren wichtigsten Fürsprecher bei der künftiger Neuaufteilung der Machtverhältnisse. Sie verlor stetig an Einfluß und Bedeutung, musste ihre Bemühungen, eine freie Reichsstadt zu werden, aufgeben und gelangte schließlich durch die Mainzer Reduktion 1664, der Unterwerfung unter den Mainzer Krummstab, auf ihren historischen Tiefpunkt.

Die Ehe von Maria Eleonora, der Prinzessin von Brandenburg mit Gustav Adolf kam zwar aus höchstem machtpolitischen Kalkül zustande, war aber dennoch überaus glücklich. So wollte die Königin auch bei den Feldzügen ihres Gemahls an dessen Seite sein, folgte ihm oder reiste voraus. Sie weilte dazu nach 1631 im November/Dezember des Folgejahres das zweite Mal in Erfurt und traf zunächst im Haus Zur hohen Lilie am Domplatz mit Gustav Adolf zusammen, der hier erneut sein Quartier nahm. Bereits am nächsten Tag verabschiedete er sich in die Schlacht bei Lützen und seine Gemahlin wechselte daraufhin in das Haus Zum schwarzen Löwen.

Samuel Fritz (1610-1683), Garkoch in Erfurt, Chronist und Zeichner war Zeitzeuge jener dramatischen Tage, die er uns in seiner Erfurtischen Chronica (S. 355-57) schildert. Über den Empfang Gustav Adolfs 1631 vor der Hohen Lilie hat er eine Zeichnung angefertigt. Nach eigenen Angaben war er Koch beim schwedischen Statthalter, also direkt am Geschehen beteiligt. An anderer Stelle wird er als Leibkoch Gustav Adolfs während seiner Aufenthalte in Erfurt genannt (Gerstmann). Nach Fritz waren das Haus Zum weißen Löwen, die damalige schwedischen Statthalterei und das benachbarte Haus Zum schwarzen Löwen, das Quartier der Königin, miteinander verbunden. Der schwedische Resident konnte direkt zu Maria Eleonora kommen und ihr die schmerzvollste Nachricht überbringen. Königlich schwedischer Resident für Thüringen in Erfurt war von Frühjahr 1632 bis 1634 Alexander Erskein (1598-1656).
Fritz erhielt auch Kunde von einer Erscheinung, die sich in der folgenden Nacht im Schwarzen Löwen zugetragen haben soll. Die Kammerfrau wachte in der Stube neben der Kammer der sehr betrübten Königin. Sie berichtete, dass eine feuerrote Katze in die Stube kam, auf das darin befindliche Handfass sprang, die darauf von zwei Löwen gehaltene Krone abbrach, in die Stube warf und wieder hinauslief. Die Katze sei der Teufel gewesen, „der darüber gefrolocket hat“, hieß es.
Bis zur Abreise der Königin folgte eine Trauerzeit in Erfurt und ganz Thüringen, in der keine Musik erklang und die Anteilnahme als so allgemein und tief empfunden wurde, wie wohl sonst nicht mehr. Als die königliche Witwe den Schwarzen Löwen und Erfurt verließ, „bewegte sich ein ergreifender Trauerzug durch die Straßen; Rosse und Wagen waren alle mit schwarzen Tuch behängt.“ (Biereye 1927)

Das Haus Anger 11, ist in seinem heutigen, zwar stark veränderten aber umfassend restaurierten Zustand, noch immer stilistisch als ein Bau der Renaissance erkennbar und damit selbst ein bedeutendes Denkmal. Das zeigt sich vor allem an dem linken Rundbogen, dessen Kehlungen in typischer Weise Eierstab und Konsolen aufweisen. Diese setzen sich nach unten über die Voluten fort, die links ein Männer- und rechts ein Frauengesicht aufnehmen. Das Hausschild unmittelbar über dem Portalbogen zeigt den namensgebenden schwarzen Löwen in einem Beschlag- und Rollwerkrahmen, darunter ein Schriftband mit dem geistlichen Hausspruch Christ allein mein Ekstein ist sowie eine Kartusche mit den Initialen H W und der durch einen in drei Eicheln verzweigenden Äskulapstab geteilten Jahreszahl 1577. Die maßgeblich bauliche Gestaltung erfolgte demnach vor 440 Jahren. Die beiden oberen seitlichen Öffnungen am Portalbogen, die farblich hervorgehoben sind, weisen darauf hin, dass auf dem Haus das Biereigenrecht lag. Die Eigentümer durften Bier brauen (lassen), eine einträgliche Einnahmequelle. Sie zeigten ihr Angebot, es dürfte sich in der Regel um Jungbier gehandelt haben, durch das Anbringen von Strohwisch in den Öffnungen an. Letztere lassen sich in Erfurt noch an vielen Häusern beobachten, teils in aufwendig variierter Form aufgerissener Mäuler. Gelegentlich lebt die alte Tradition der Bieranzeige wieder auf, wenn das historische Haus als Gasthaus mit eigenem Braubetrieb ausgestattet ist.
Die beiden Obergeschosse haben je fünf Fenster, die stilgerecht profiliert und mit unten durchlaufendem Gesims verbunden sind. Das auffallend hohe gotische Dach, durch Fensterluken als dreigeschossig erkennbar, deutet auf ein weiteres typisches Erfurter Nutzungsmerkmal hin, einen großräumigen Trocknungsboden für Waid.
Als einziger, aber aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht deutlicher Makel an dem Haus, stellte sich das Einfügen eines Duplikats des vorhandenen Rundportals auf der rechten Seite anstelle von zwei Fenstern heraus. Die damalige Baupolizei hatte diese Lösung für Ladentür und -fenster gewünscht! Die traditionsreiche Erfurter Keyser'sche Buchhandlung hatte hier ihr Stammgeschäft bis in die 1990er Jahre. Die heutige gastronomische Nutzung ist bei weitem noch unglücklicher. Die reichen barocken Stuckdecken, über die das ganze Haus verfügt, werden durch Einbauten erheblich beeinträchtigt.
Der durch seine Initialen H W verewigte Hermann Wurm oder Worm († 1580) gehörte einem Erfurter Patriziergeschlecht an, war Biereige, Magister, hatte Medizin (daher der  Äskulapstab in der Portalkartusche) studiert und zwischen 1568/80 fünfmal als Obervierherr höchstes städtisches Amt inne. (DT)

Biereye, Johannes & Sander, Egmont: 150 Jahre Keyser'sche Buchhandlung zu Erfurt 1777 – 1927. Festschrift. Erfurt, Verlag Keyser'sche Buchhandlung 1927, 91 S.
Fritz, Samuel: Erfurtische Chronica und andere Historien. (CRONICA ERPHORDIANA). Unveröffentlichtes Manuskript, Stadtarchiv Erfurt 5/100-42.

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Gustav-Adolf-Gedenktafel

Steintafel
Standort: Domplatz 34
Enthüllung: vermutlich 1. Hälfte 20. Jh.
Inschrift: In diesem früher „zum Propheten“, | zuletzt „Thüringer Hof“ genannten | Hause wurde im Okt 1631 | Gustav Adolf, König von Schweden | zum Ritter der Riemerzunft | geschlagen.

Gustav-Adolf-GedenktafelDas Haus ist Teil der Häuserzeile, die den Domplatz nach SO abschließt; es befindet sich unweit der Straßeneinmündung „An den Graden“ sowie schräg gegenüber von Domchor und den mächtigen Kavaten, auf denen dieser ruht. Der Betrachter, der vor dem Haus am Domplatz steht, findet die Tafel direkt zwischen linker Hausecke und erstem Erdgeschoß-Fenster. Die Inschrift ist allerdings bei schlechten Lichtverhältnissen meist schwer bis kaum lesbar. Das ehemalige Gasthaus Zum halben Mond oder Zum Propheten erhielt 1804 den Namen Thüringer Hof.
Nach der Überlieferung soll König Gustav II. Adolf von Schweden am Sonntag, den 5. Oktober 1631 durch den "Ritterschlag" als Geselle in die Riemerzunft der Stadt aufgenommen worden sein. Nach der bekanntesten Version wollte der König von der Hohen Lilie aus, wo er nach seinem Empfang am 2. Oktober Quartier genommen hatte, nach seinen Pferden sehen, die beim nahen Gasthaus Zum Propheten untergebracht waren. Durch lautes Stimmengewirr aus einer dortigen Räumlichkeit angezogen, geriet er rein zufällig in eine dort gerade stattfindende Aufnahmezeremonie von Gesellen in die Riemerzunft. Um dem beizuwohnen, so bedeutete man dem König, müsse man jedoch selbst Ritter, also Innungsmitglied sein. Dadurch herausgefordert, schlug der König vor, ihn zum Ritter zu schlagen. Und so kam es dann auch, König Gustav II. Adolf von Schweden wurde zum Gesellen der Erfurter Riemerzunft geschlagen. Auch musste er das übliche Gesellengeschenk entrichten. Der König gab zwei Dukaten und eine ovale silbern vergoldete Schaumünze (Hartung 1861, S. 55f. Digitalisat: HAAB). Und er selbst  bekam einen Vorstellung vom damaligen Erfurter Bürgerstolz. Am 6. Oktober verließ Gustav Adolf, nachdem er den Grafen Georg Ludwig von Löwenstein (Habitzheim 1587 - 1633 Erfurt) zum Kommandanten über die zurückgelassene Garnison ernannt hatte, Erfurt und zog über den Thüringer Wald nach Franken (Huschke 1936). Die überlieferte Begebenheit findet sich auch in dem Andenken Gustav Adolfs gewidmeten historischen Roman Der Loewe aus Mitternacht (Burg 1925, S. 110-15).
Als Beleg dafür, dass sich diese schöne historische Randbegebenheit tatsächlich zugetragen hat, gilt der mit der Jahreszahl 1624 seiner Fertigung versehene Willkomm, der Pokal der Riemerzunft. An dessen oberster Behangreihe befand sich tatsächlich eine Schaumünze mit dem Konterfei von Gustav Adolf. Sie zeigte auf der Vorderseite sein Brustbild mit dem Lorbeerkranz des Siegers und der Umschrift „Gustav Adolph ect.“, auf der Rückseite das Königlich-Schwedische Wappen, einen Löwen mit Schwert, mehreren Kriegsarmaturen und die Umschrift: „Deo et victricibus armis 1631“. Den Willkomm kann man im Erfurter Stadtmuseum Zum Stockfisch in der Johannesstraße 169 sehen, allerdings ohne die Gustav-Adolf-Plakette, die leider in den Nachkriegswirren 1945/46 abhanden kam.

Vor dem früheren Thüringer Hof stand mindestens bis in die 1960er Jahre die wohl bekannteste Kornelkirsche (Cornus mas) Erfurts. (DT)

Burg, Paul: Der Loewe aus Mitternacht. Ein Roman aus dem 17. Jahrhundert. Erfurt, Verlag der Keyser'schen Buchhandlung 1925.
Edler, Wolfgang: Schwedenkönig gab zwei Dukaten. Und: Der „Willkommen“ | Schwedenkönig Gustav Adolf trank sich in Innung hinein. In der Reihe: In der Chronik geblättert. TA
Hartung, Bernhard: Nr. 2264. | Das Gasthaus zum Thüringer Hof, einst zu Propheten genannt. In: Die Häuser-Chronik der Stadt Erfurt. Teil 1 1861, S. 55f.  Digitalisat: HAAB.
Huschke, Wolfgang: Herzog Wilhelm von Weimar als Statthalter Gustav Adolfs in Thüringen und schwedischer Generalleutnant 1631-1635. In: Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens Bd. 4, Verein für Thüringische Geschichte und Altertumskunde. Jena, Fischer 1936, XII, 334 S.

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1933 - 1945

 
Marine-Denkmal, Anker-Denkmal

Standort: Hauptfriedhof
Einweihung: 1933, Wiedereinweihung 1992

Marine-Denkmal
Marine-Denkmal Tafel
Marine-Denkmal Tafel

Auf dem Gräberfeld für Kriegsopfer wurde 1932 ein ungewöhnliches Denkmal errichtet und im Juni 1933 geweiht. Auftraggeber und finanzieller Förderer war die 1886 gegründete Erfurter Marinevereinigung. Den Anker steuerte der Ehrenvorsitzende des Erfurter Marinevereins und ehemalige Marineartillerie-Offizier Hermann Kaestner - seit 1914 Mitbesitzer der Lampenfabrik Kaestner & Toebelmann - bei. 1912 hatte dieser das eiserne Relikt des 1908 außer Dienst gestellten und abgewrackten Segelschulschiffs "Moltke" in Kiel erworben und 1926 dem Erfurter Marineverein für ein eigenes Marine-Ehrenmal zur Verfügung gestellt. Entwürfe für die Aufstellung des Ankers und die Gestaltung der Umgebung entwickelte der Bildhauer Prof. Carl Melville (1875-1957). Als Lehrer an der Erfurter Handwerker- und Kunstgewerbeschule und Autor vieler bemerkenswerter Personen-Denkmale in mehreren deutschen Städten erlangte er hohe Anerkennung.
Schon 1990 musste die ursprüngliche Anlage wegen starker Schäden umgestaltet werden. Dabei wurde die Inschrift verändert. Statt "In treuer Kameradschaft - Marineverein Erfurt" hieß es nun: "Zum Gedenken aller auf See Gebliebenen." Zu den bis heute beibehaltenen Traditionen gehört, dass die 1992 wieder gegründete Marinekameradschaft Erfurt 1886/1992 e.V. zum Volkstrauertag am neu geweihten Ankerdenkmal einen Kranz niederlegt. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Müller, Horst. H.: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der Anker auf dem Erfurter Hauptfriedhof. Ein Beitrag zur Erfurter Vereinsgeschichte. Die Marinekameradschaft Erfurt 1886/1992 (21)

 

Infantriesoldat-Denkmal, nicht erhalten

Standort: Petersberg, am S-Hang
Schöpfer: Prof. Hermann Hosaeus (1875-1958), Berlin
Einweihung: 1935. Beseitigt: 1945

Ehemalige Angehörige des auf dem Petersberg stationierten Infanterieregiments Nr. 71 beschlossen gemeinsam mit dem „Militärverein 71“ die Errichtung eines Erinnerungsdenkmals, für die eine stattliche Summe von 15.000 RM veranschlagt waren.
Die Finanzierung sollte über Spendensammlungen aufgebracht werden. Dazu verkaufte die Kameradschaft ehemaliger 71er thüringenweit „Bausteine“, das waren mit einer Abbildung der Festung versehene Spendenquittungen für je 0,50 RM. Nach zwei Jahren Laufzeit kamen mit über 19.000 RM weit mehr als benötigt zusammen.
Das Mal erhielt monumentale Ausmaße. Der Sockel aus rheinischem Basaltlave maß bereits 2,40 m. Das überlebensgroße, kupferne Standbild stellte einen Soldaten des 71. Regiments dar, mit Helm, in einer Hand ein Gewehr mit aufgepflanzten Bayonett, in der anderen eine Trompete, der es auf 3,75 m brachte. Man stand also vor beeindruckendem über 6 m hohem Soldatendenkmal. (DT, H.-P. Brachmanski)

 

Siegfried-Stiftung, nicht erhalten

Standort: Brühler Garten
Schöpfer Mutter-Kind-Gruppe: Hans Walther
Einweihung: 1936

Nach dem Tod von Dr. Wilhelm Siegfried, des ehemaligen Inhabers des Großbetriebes für Papier- und Metallverarbeitung Zander & Co. im Jahr 1932, gründete seine Witwe Julie eine Wilhelm-Siegfried-Stiftung. Damit sollte der Name ihres Mannes "verbunden werden mit der Sorge für die heranwachsende Jugend." Mit insgesamt 21.000 Reichsmark setzte Julie Siegfried gemeinsam mit Direktor Multhaupt vom Friedhofs- und Gartenamt durch, einen Teil des Brühler Gartens zum ersten öffentlichen Erfurter Kinderspielplatz umzugestalten. Früher mahnten hier Schilder: "Für Kinder verboten!" Am 29. Mai 1936 fand auf Wunsch der Stifterin die Einweihung mit "schlichter Feier ohne Reden" statt. Zur Ausstattung des Kinderparadieses gehörten Hans Walthers (1880-1961) Mutter-Kind-Gruppe (Bronze auf rotem Granitsockel) für einen Ruheplatz der Erwachsenen, auch sein Märchenbrunnen "Froschkönig", dazu von Bildhauer Hans Schäke das aus Eichenholz geschnitzte, bunt bemalte Portal mit tanzenden Kindern, Struwelpeter und Suppenkaspar zum Ansporn artigen Verhaltens und seine Terracotta "Aschenputtel".
Während die Bronzen 1943 für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden, rettete sich die Steinarbeit als einziges Relikt bis in die 1970er-Jahre. Zum ursprünglich vom übrigen Garten abgegrenzten Spielplatz gehörten Geräte wie Karussell, Schaukel, Rutschbahn, Wippe und Pferdchen mit beweglichen Köpfen. Schon 1919 und 1920 hatte das Ehepaar Siegfried als Vermächtnis für ihre zwei verstorbenen Kinder soziale Stiftungen für bedürftige Jugendliche eingerichtet. (RM)


1945 - 1949

 
Beate-Gedenktafel

Standort: Kurt-Beate-Straße, o Ecke Einmündung in Ernst-Toller-Straße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Beate-Gedenktafel
Kurt-Beate-Straße
Kurt-Beate-Straße

Beate, Kurt, geb. 21.03.1906 Erfurt, gest. 25.02.1933 Erfurt; Heizungsmonteur in der Kesselfabrik Hagans, Mitglied des Metallarbeiterverbandes und sei 1931 der KPD, aktiver Sportler.
„Am Abend des 19. Februar 1933 befanden sich einige Sportler auf dem Heimweg von einer Veranstaltung, als sie an der Ecke Blücher-/Bülowstraße (heute Breitscheid-/ Josef-Ries-Str.) von entgegenkommenden SA-Männern angepöbelt wurden,  weil sie Arbeiterlieder gesungen hatten. Ein SA-Mann zog dabei eine Waffe und schoss. Der parteilose Friseur Werner Uhlworm war sofort tot, Kurt Beate verstarb sechs Tage später an den Folgen seiner Verletzungen. Die Morde wurden nicht juristisch verfolgt.“ (DT, 5, 8)

Weitere Ehrungen für Kurt Beate:
Kurt-Beate-Straße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Bebel-Gedenktafel

Standort: Bebelstraße, n Ecke Einmündung in Magdeburger Allee
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Bebel-Gedenktafel
Bebelstraße
Bebelstraße

Bebel, August, geb. 22.02.1840 Köln, gest. 13.08.1913 Passug (Schweiz), Mitbegründer und Führer der Sozialdemokratie, Drechslermeister, schloss sich 1861 in Leipzig der Arbeiterbewegung an, 1866 gründete er mit W. Liebknecht die Sächsische Volkspartei und wurde im selben Jahr in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt. Unter dem Einfluss Liebknechts wandte er sich dem Marxismus zu und wurde zum scharfen Kritiker Lasalles und des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). In Vorbereitung des Eisenacher Parteitages sprach Bebel am 14.06.1869 im Erfurter Ratskeller. Seine Rede dort zur sozialen und wirtschaftlichen Lage, in der er die Notwendigkeit der Vereinigung der verschiedenen Richtungen der deutschen Arbeiterbewegung betonte, fand die Zustimmung der Erfurter Arbeiter. Ihm ist zu verdanken, dass sämtliche Mitgliedschaften des Erfurter ADAV der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands beitraten.
Vom 15.-21.10.1891 fand unter Leitung von Bebel und Liebknecht im „Kaisersaal“ in der Futterstraße der Erfurter Parteitag statt, auf dem das Erfurter Programm beschlossen wurde, an dessen Ausarbeitung Bebel maßgeblich beteiligt war.
„Bebel als einer der beiden Vorsitzenden des sozialdemokratischen Parteivorstandes, hatte am 23.11.1897 im 'Kaisersaal' auf einer Wahlversammlung die volksfeindliche Politik der herrschenden Klassen – auch mit konkreten Bezug auf die bürgerlichen Parteien in Erfurt – scharf gebrandmarkt. Hieraus wurde vom politischen Gegner versucht, der Sozialdemokratischen Partei die Schuld an der sogenannten 'Erfurter Aufruhr“ vom 24.-27.5.1898 zuzuweisen, was Bebel als Verleumdung der Sozialdemokratie am 15.12.1898 im Reichstag entschieden zurückwies. (DT, 5)
Bebelstraße 1945

 

Breitscheid-Gedenktafel

Standort: Breitscheidstraße, gegenüber Einmündung Josef-Ries-Straße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Breitscheid-Gedenktafel
Breitscheidstraße
Breitscheidstraße

Breitscheid, Rudolf, geb. 02.11.1874 Köln, gest. 24.08.1944 an den Folgen seiner während eines Bombenangriffs auf das KZ Buchenwald erlittenen Verletzungen; sozialdemokratischer Politiker, Mitglied der SPD seit 1912, war von November 1918 bis Januar 1919 preußischer Innenminister, von 1920 bis 1933 Mitglied des Reichstages und außenpolitischer Sprecher der SPD, 1926 bis 1930 Mitglied der deutschen Völkerbundkommission. 1933 ging er über die Schweiz nach Frankreich ins Exil, 1940 lieferte ihn das Vichyregime an die Gestapo aus. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Rudolf Breitscheid:
Breitscheidstraße (1945)

 

Büchner-Gedenktafel

Standort: Fritz-Büchner-Straße, n Ecke Einmündung in Stauffenbergallee
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Büchner-Gedenktafel
Fritz-Büchner-Straße
Fritz-Büchner-Straße

Büchner, Fritz (Friedrich), geb. 02.02 1889 Erfurt, gest. 05.12.1933 Erfurt; antifaschistischer Widerstandkämpfer, seit 1919 Mitglied der KPD, Betriebsratsmitglied bei der Firma Topf & Söhne, wegen seiner Teilnahme an den Abwehrkämpfen der Arbeiter in Mitteldeutschland entlassen, nutzte er seine spätere Tätigkeit als Kraftfahrer für die illegale Arbeit. 1933 leitete er eine Widerstandsgruppe, er wurde deshalb verhaftet und auf dem Petersberg ermordet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Fritz Büchner:
Fritz-Büchner-Straße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal I (1946), Urnengedenkstein,
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel, Feldstraße 18,
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Eiling-Gedenktafel

Standort: Richard-Eiling-Straße, w Ecke Einmündung in Schillerstraße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Eiling-Gedenktafel
Eiling-Straße
Eiling-Straße

Eiling, Richard, geb. 25.11.1889 Kleinwerther, Kreis Nordhausen, gest. 16.03.1943 Zuchthaus Brandenburg; Schriftsetzer, zunächst in der SPD organisiert, seit 1919 Mitglied der KPD, während der Novemberrevolution Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Erfurt, maßgeblich beteiligt am Aufbau des Organs der KPD für Großthüringen und den Regierungsbezirk Erfurt „Das rote Echo“, erster Geschäftsführer des Thüringer Volksverlages GmbH Erfurt. Eiling organisierte 1931 den Aufbau der Druckerei der Kommunistischen Partei in Oslo, wurde 1933 aus Norwegen ausgewiesen und war danach illegaler Parteikurier zwischen Berlin, dem Saarland und der Schweiz, emigrierte nach Frankreich, wo er 1940 interniert und nach Einmarsch der deutschen Truppen an die Gestapo ausgeliefert wurde. Er wurde zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, die er im Zuchthaus Brandenburg verbüßte, wo er 1943 starb. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Richard Eiling:
Richard-Eiling-Straße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal I (1946), Urnengedenkstein,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Liebknecht-Gedenktafel

Standort: Liebknechtstraße, n Ecke Einmündung in Fritz-Büchner-Straße; auf gegenüberliegender Seite der Kreuzung weiter in n Richtung als Rosa-Luxemburg-Straße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Liebknecht-Gedenktafel
Liebknechtstraße
Liebknechtstraße

Liebknecht, Karl, geb. 13.08.1871 Leipzig, gest. 15.01.1919 Berlin, Sohn des Mitbegründers der Sozialdemokratie Wilhelm Liebknecht (1826 bis 1900); führender linker Sozialdemokrat, Mit Mitbegründer der KPD. Liebknecht lebte seit 1899 als Rechtsanwalt in Berlin. Seit 1912 war er Mitglied es Reichstages, er lehnte als zunächst einziger Reichstagsabgeordneter 1914 die Kriegskredite ab. 1919 wurde er gemeinsam mit Rosa Luxemburg von Freikorpsangehörigen ermordet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für  Karl Liebknecht:
Liebknechtstraße (1945)

 

Luxemburg-Gedenktafel

Standort: Rosa-Luxemburg-Straße, o Ecke Einmündung in Fritz-Büchner-Straße; auf gegenüberliegender Seite der Kreuzung weiter in so Richtung als Liebknechtstraße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Luxemburg-Gedenktafel
Rosa-Luxemburg-Straße
Rosa-Luxemburg-Straße

Luxemburg, Rosa, geb. 03.03.1871 Zamosc (Polen), gest. 15.01.1919 Berlin; führende linke Sozialdemokratin und marxistische Theoretikerin, Mitbegründerin des Spartakusbundes und der KPD, 1919 von konterrevolutionären Offizieren ermordet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Rosa Luxemburg:
Rosa-Luxemburg-Straße (1945)

 

Ries-Gedenktafel

Standort: Josef-Ries-Straße, o Ecke Ernst-Toller-Straße, Einmündung in Liebknechtstraße
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Ries-Gedenktafel
Josef-Ries-Straße
Josef-Ries-Straße

Ries, Josef, geb. 07.11.1900 Bochum, gest. 28.06.1933 Erfurt; Buchhändler, Redakteur. Ries arbeitete nach Abschluss seiner Lehre in der Buchhandlung Villaret in Erfurt. 1919 war er Mitbegründer des Verlages „Der Aufgang“ und Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift, von der nur ein Jahrgang erschien. 1921 wurde er Mitglied des KJVD und 1923 der KPD. Ab 1928 war Ries Redakteur kommunistischer Zeitungen in Thüringen. Seine letzte öffentliche Rede hielt er am 23.02.1933 am Grabe des von der SA ermordeten Arbeitersportler Werner Uhlworm.
Josef Ries, Heinz Sendhoff und Chaim Wulf (Waldemar) Schapiro wurden von den Nazis im Auftrag des Polizeipräsidenten Werner von Fichte ermordet.
Am 09.03.1933 wurde Ries verhaftet, in Schutzhaft genommen und am 28.06.1933 zusammen mit noch vier weiteren Kameraden an die SA zum „Verhör“ übergeben. Auf dem Gelände des Polizeihundevereins im Blumenthal wurden alle fünf aufs grausamste misshandelt. Die Schreie der Gemarterten konnte weit im Umkreis gehört werden. Nachdem Ries bereits bewusstlos zusammen gebrochen war, wurde er mit zwei Schüssen  vollends getötet. Diese Schreckenstat war aber nur die Einleitung zu massenhaften Folterungen an wehrlosen Gefangenen. Wöchentlich zweimal, mittwochs und sonnabends, wurden aus dem Lager in der Feldstraße und vom Petersberg eine Anzahl Inhaftierter zum SA-“Verhör“ geführt.
Sendhoff und Schapiro wurden in der ersten Julihälfte 1933 in einem Garten im Steigerwald (an der Arnstädter Chaussee zwischen Hubertus und Waldschlößchen) ermordet.
Bis dahin wurden 40-50 Gefangene gefoltert (auch Frauen). Einige von ihnen wurden zu Krüppeln geschlagen. Diese Morde und Folterungen erfolgten unter persönlicher Leitung des berüchtigten SA-Sturmführers Walter Laudien. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Josef Ries:
Josef-Ries-Straße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal I (1946), Urnengedenkstein,
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel, Feldstraße 18,
Antifaschisten-Gedenktafel , Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Sailer-Gedenktafel

Standort: Hans-Sailer-Straße, o Ecke Einmündung in Papiermühlenweg
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Sailer-Gedenktafel
Sailerstraße
Sailerstraße

Sailer, Hans, geb. 11.05.1878, gest. 24.10.1944 Ichtershausen; Mitglied der SPD, Gewerkschaftssekretär, 1933 nach dem Verbot der Gewerkschaften verhaftet, 1944 im Gefängnis Ichtershausen ermordet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Hans Sailer:
Hans-Sailer-Straße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Schapiro-Gedenktafel

Standort: Schapirostraße, n Ecke Einmündung in Stauffenbergallee
Einweihung: vermutlich 1945 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Schapiro-Gedenktafel
Schapirostraße
Schapirostraße

Schapiro, Chaim Wulf (nannte sich später Waldemar), geb. 26.06.1893 Ropis (Russland) als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, gest. 15.07.1933 Erfurt. Schapiro war das erste jüdische Opfer nach 1933 in Erfurt. Er hatte vor dem I. Weltkrieg in Heidelberg Medizin studiert und war nach Kriegsausbruch als Bürger eines feindlichen Staates interniert worden. Nach dem I.Weltkrieg heiratete er die Erfurterin Lucia Reinhardt und eröffnete in Erfurt einen Papier- und Bürowarenhandel. Er hatte bereits in den 1920er Jahren Verbindung zur KPD, ohne selbst Mitglied zu sein. Er unterstützte die KPD in Erfurt bei der illegalen Herausgabe des verbotenen „Thüringer Volksblattes“ durch die Lieferung von Papier und Wachsmatrizen. Im April 1933 wurde er verhaftet und am 15.07.1933 nach grausamen Folterungen durch den berüchtigten SA-Sturm Laudin im Steigerwald (auf demselben Gartengrundstück wie Sendhoff) erschlagen. Ihn ließen die Mörder einfach liegen. Von Spaziergängern wurde die Leiche gefunden und in der Leichenhalle abgegeben. (siehe auch unter Ries-Gedenktafel) (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Schapiro:
Schapirostraße (1945),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal I (1946), Urnengedenkstein,
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel , Feldstraße 18,
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Bombenopfer Frühjahr 1945 Ehrenhain

Standort: Südpark, Friedrich-Ebert-Straße, o Steigerwaldstadion
Einweihung: nach 1945
Inschrift des Gedenksteines: „Hier ruhen / Bombenopfer des Frühjahrs 1945“

Gedenkstein
Ehrenhain
Ehrenhain für die letzten Kriegsopfer 1945 im Südpark

Hier ruhen 108 deutsche Tote in Einzelgräbern. Die meisten davon sind Opfer alliierter Luftangriffe vom 29. bis 31. März 1945 auf Erfurt.
Unter den hier Ruhenden befinden sich auch Opfer der letzten Kriegshandlungen durch Artilleriebeschuss im April 1945, denen nicht nur ihr Sterbedatum auf den Grabsteinen, sondern auch die tragischen letzten Stunden und der Ort gemeinsam sind, deren Schicksal hier erzählt sein soll:
Am 10. April 1945 bewegten sich US-Truppen, begleitet von Kanonendonner, aus Richtung SW auf Erfurt zu. „Feindalarm“ wurde mittags ausgelöst, Hausbewohner suchten in bereits eingespielten Abläufen die Schutzräume auf. Aber zu Bombardierungen kam es zum Glück nicht mehr, weil die Amerikaner bereits zu weit an die Stadt heran vorgerückt waren.
Dagegen brachte der Morgen des darauffolgenden Mittwoch, den 11. April intensiv geführten Artilleriebeschuss auf die Stadt, der stellenweise mit Unterbrechungen 24 Stunden andauerte. Dabei waren letztmalig in Erfurt Kriegsverluste an Menschen und Zerstörungen zu beklagen. Beim längsten Beschuss auf die Kommandozentrale auf dem Petersberg wurden auch Gebäude des Olympia-Werkes (Büromaschinen) und das NW Angereck zerstört.
Ein anderes Ziel bildete der Erfurter Süden. Im Steigerwald wurden von US-Aufklärern von der Bergkaserne über „Stern“ bis an den sw Waldrand viel Kriegsgerät und Munitionskisten ausgemacht. So ging die US-Armeeführung berechtigterweise von einer möglichen erhöhten Gegenwehr in diesem Bereich aus. In der Folge richteten die US-Truppen ihre Haubitzen mittleren Kalibers an jenem 11. April auch auf das Dichterviertel, rund um den Hopfenberg, zwischen Goethe- und Grimmstraße.
Zehn Einschläge wurden gezählt, die sich fast nur auf Gebäudeschäden ohne Verletzte beschränkten. Bis auf einen. Der „Volltreffer“ in die Waschküche des damaligen Hauses Nr. 31 in der Grimmstraße, von Zeitzeugen als besonders tragisch geschildert. Der dramatische Ausgang, den das unglücksvolle Geschehen nahm, offenbart exemplarisch die ganze grausame Sinnlosigkeit des Krieges. Ausgerechnet hier suchten vier Frauen, eine mit eigenen Baby wie am Vortag wieder Schutz. Aber der gehofft schützende Raum wurde zur Todesfalle. Eine Granate, von den Höhen des Steigerwaldes abgefeuert, schlug genau in diese Waschküche ein und explodierte. Die vier Frauen Amhaus, Tschauner, Esser und als junge Mutter Ohlesch starben dabei. Und was war mit dem Baby der getöteten Mutter? In Decken eingehüllt, in eine Zinkbadewanne in der hintersten Ecke des Kellers gelegt, überlebte es wie durch ein Wunder! Eine Familie aus dem Hause nahm sich des verwaisten Kleinstkindes an und pflegte es einige Monate. Danach verlor sich seine Spur mit unbekanntem Schicksal. In selbstloser Hilfe von Nachbarn, wie Herrn Godehardt, der Erste Hilfe leistete und die Toten barg, wurden die vier leblosen Frauen mangels Fahrzeug auf einem vom Hauptbahnhof besorgten Leiterwagen für Gepäcktransport auf den ehemaligen Südfriedhof gebracht und in aller Stille beerdigt. Sie sind auf dem später eingerichteten Ehrenhain im heutigen Südpark, wie in den letzten Atemzügen ihres Lebens, auch noch im Tode vereint. (DT, Gottfried Grünzig, 11.4.2002, gekürzt, verändert) (DT)

 

Polnischer Ehrenhain

Standort: Südpark, Friedrich-Ebert-Straße, o Steigerwaldstadion
Einweihung: nach 1945 / Neueinweihung 8.5.1995
Inschrift: „Hier ruhen polnische Staatsangehörige / die in faschistischen Lagern gestorben sind / [polnische Übersetzung] / 1941 - 1945“

Polnischer Gedenkstein
Polnischer Ehrenhain
Polnischer Ehrenhain

In dem Sammelgrab für polnische Opfer aus umliegenden NS-Lagern ruhen 173 namentlich genannte sowie 118 unbekannte polnische Bürger. Die Inschrift des Gedenksteines lautet: "Hier ruhen polnische Staatsangehörige die in faschistischen Lagern gestorben sind".
Die feierliche Einweihung des restaurierten Ehrenhaines erfolgte am 8. Mai 1995 aus Anlass des 50-jährigen Jahrestages des Kriegsendes durch den ersten Präsidenten des Thüringer Landtages und Vorsitzenden des Landesverbandes Thüringen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Herrn Dr. Gottfried Müller im Beisein weiterer Repräsentanten des öffentlichen Lebens, Bürgern Erfurts und Angehörigen der Opfer. (DT)

 

Külz-Gedenktafel

Standort: Wilhelm-Külz-Straße, sw Ecke Kreuzung Dalbergsweg
Einweihung: vermutlich 1948 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Külz-GedenktafelKülz, Wilhelm, geb. 18.02.1875 Borna, gest. 10.04.1948 Berlin; Jurist, Politiker, 1920/23 Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei, 1929 Vorsitzender der Partei. Külz war 1922 aktiv an der Abfassung des Rapallo-Vertrages beteiligt. 1926 wurde er Reichsinnenminister, 1930 Oberbürgermeister von Dresden, 1933 von den Faschisten seines Amtes enthoben, nach 1945 einer der Mitbegründer und erster Vorsitzender der LDPD. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Wilhelm Külz:
Wilhelm-Külz-Straße (1948)

 

Opfer des Faschismus-Ehrenmal I

Standort: Hauptfriedhof
Schöpfer: Max Brockert
Einweihung: 1946

Odf I1946 schuf der Erfurter Architekt Max Brockert (1870-1962) eine Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus (OdF).
Max Brockert, Schüler des Architekten Alfred Messel (1853-1909), war mit einer Jüdin verheiratet, die dem Tod im Konzentrationslager Theresienstadt nur mit Mühe entrinnen konnte. Brockert erhielt nach 1933 Berufsverbot. Das Ehrenmal bedeutete dem 76-Jährigen Wiederbeginn und Ende baukünstlerischen Schaffens.

Nach der Wende 1989/90 wurde an der Pylonenbasis der ursprüngliche Vermerk "Opfer des Faschismus" durch den Text "Auch diese Opfer des 1. und 2. Weltkrieges fanden hier ihre Ruhe" ausgetauscht. Darunter setzte man auf drei neuen Schrifttafeln die Namen von 116 gefallenen Soldaten. (RM)

Gedenkstein Unbekannte OdF In der Mitte der o Seite wird eigens auf einem Gedenkstein der Unbekannten Opfer gedacht:
Inschrift: ,,Wir gedenken / der unbekannten / Opfer des Faschismus / 1933-1945."
Ein von steinernen Urnen beidseitig regelmäßig flankierter Ehrenhain führt auf einen Pylonen mit kupferner Feuerschale hin. 26 dicht aneinander gereihte mit Urnen besetzte Gedenksteine tragen die Namen einzelner Opfer, darunter Josef Ries, Waldemar Schapiro und Kurt Beate, die 1933 zu den ersten Opfern des Naziterrors gehörten. An einige wird  auch an weiteren Orten im Stadtbild erinnert, so etwa auf der Schutzhaft-Lager-Gedenktafel in der Feldstraße 18, auf der Antifaschisten-Gedenktafel auf dem Petersberg oder durch Straßenbenennungen, die in der Nachkriegszeit häufig mit einer Gedenktafel verbunden waren. Dazu zeigt die folgende Auswahl Gedenksteine des Ehrenhains im Bild:

 

Buechner-Gedenkstein
Buechner-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Fritz Büchner:
Büchner-Gedenktafel in Fritz-Büchner-Straße
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel, Feldstraße 18
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)
Ries-Gedenkstein
Ries-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Josef Ries:
Ries-Gedenktafel in Josef-Ries-Straße
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel, Feldstraße 18
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)
Uhlworm-Gedenkstein
Uhlworm-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Werner Uhlworm:
Werner-Uhlworm-Straße,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)

 

 

Eiling-Gedenkstein
Eiling-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Richard Eiling:
Eiling-Gedenktafel in Richard-Eiling-Straße
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)
Noack-Gedenkstein
Noack-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Fritz Noack:
Zusatzschild Fritz-Noack-Straße
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)
Schapiro-Gedenkstein
Schapiro-Gedenkstein
Weitere Ehrungen für Schapiro:
Schapiro-Gedenktafel in Schapirostraße
Schutzhaft-Lager-Gedenktafel , Feldstraße 18
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984),
erste Namenstafel (von links)

 

 

Jüdischer Friedhof-Gedenkstele

Standort: N-Rand Steigerwald, Werner-Seelenbinder-Straße, o Thüringenhalle
Schöpfer: Sebastian Carow
Einweihung: 1948

Jüdischer Friedhof-GedenksteleJüdischer Friedhof

Auf dem Jüdischen Friedhof am nördlichen Steigerrand erinnert ein Gedenkstein an die 850 Erfurter Juden, die während des nationalsozialistischen Terrors den Tod fanden. Eine vergoldete Widmung "In stillem Gedenken an unsere ermordeten Brüder und Schwestern 1933-1945" breitet sich über die Mitte des oval gewölbten, von Säulen begrenzten Denkmals aus.
Initiiert hat diese Ehrung Max Cars (1894–1961). Er gehörte zu den 15 Erfurter Juden, die nach 1945 in ihre Heimat zurückkehrten und sich an der Wiedergründung der Synagogengemeinde im Jahre 1946 beteiligten. Zu ihrem 1. Vorsitzenden gewählt, zählte Max Cars wie Günter Singer und andere wenige, die den Konzentrationslagern entrinnen konnten, zum harten Kern der zunächst recht kleinen Gemeinde. Sie alle und ihre Gäste nahmen am 12. September 1948 an der Einweihung des Gedenksteins teil. Die Stadt hatte Arbeits- und Materialkosten übernommen und der Steinmetz Sebastian Carow in der Werkstatt seines Bildhauerei- und Grabsteingeschäfts die handwerkliche Arbeit geleistet. Durch den Beschluss des Erfurter Rates vom 31. Mai 1946 war die offizielle Rückgabe des Friedhofs in der damaligen Schützenhausstraße an die Synagogengemeinde erfolgt.
Eröffnet worden war er am 10. September 1878, nachdem sich die 1808 an der Cyriakstraße angelegte Begräbnisstätte für die gewachsene Gemeinde als zu klein erwiesen hatte. 1942 eingeebnet, wurden erhaltene Grabsteine nach 1945 auf den neuen Friedhof überführt, der seiner geplanten Liquidierung nur durch eskalierende Kriegsereignisse entgangen war. (RM)

 

Revolutionsopfer 1848-Gedenktafel

Standort: Anger / Ecke Bahnhofstraße (Angermuseum)
Einweihung: 24. November 1948
Inschrift: „IM VERLAUF DER KÄMPFE AM / 24. NOV. 1848 / DIE HIER AUF DEM ANGER  / UND IN DER BAHNHOFSTRASSE / STATTFANDEN , STARBEN / FÜR DIE FREIHEIT UND EINHEIT / DEUTSCHLANDS / aus Erfurt: / DER SCHNEIDER SPECK / DER TÜNCHER HUHN / DER MÜLLER SCHWANENGEL / DER TÜNCHER MARTIN / DER MÜLLER SCHMIDT / DER TISCHLER ENGEL / DER MAURER WELLNER / DER STEINDRUCKER AUGSBURG / DER TISCHLER BENDHAUS / DER ARBEITER BRÄUTIGAM / aus Hochheim: / DER WEBER HELM / aus Arnstadt: / DER GERBER MÜLLER / aus Königsberg: DER SCHNEIDER STANGE / Zur Ehrung ihres Gedächtnisses wurde diese Tafel / am 24. Nov. 1948 vom Rat der Stadt Erfurt gestiftet

Revolutionsopfer 1848-GedenktafelDie siegreiche Februarrevolution 1848 in Frankreich rief auch in den deutschen  Staaten revolutionäre Volkserhebungen hervor, die in Thüringen bereits in den ersten Märztagen einsetzten. Es folgte die deutsche Bürgerlich-demokratische Revolution von 1848/49.
Ihre objektive Aufgabe bestand

  • in der Vernichtung des reaktionären adligen und junkerlichen Herrschaftssystems,
  • in der Errichtung einer bürgerlich-demokratischen Ordnung und
  • in der historisch längst überfälligen Überwindung der feudalstaatlichen Zersplitterung durch die Bildung eines einheitlichen bürgerlichen Nationalstaates.

Die zur Führung der Revolution berufene Bourgeoisie wollte jedoch die endgültige Durchsetzung ihrer kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht auf revolutionär-demokratischen Wege sondern durch konservativ-liberale Reformen innerhalb der alten Staatsgewalten herbeiführen und brachte damit die Revolution zum Scheitern.

In Erfurt bildeten sich 1848 bald politische Vereine, mit denen die Angehörigen der verschiedenen Klassen und Schichten ihre Interessen und Forderungen Geltung verschaffen wollten. Dabei standen sich die Lager der revolutionären Demokraten und der konservativen Reaktionäre unversöhnlich gegenüber. Als führende Köpfe in den jeweiligen Bewegungen traten hervor:

  • bei den Demokraten die Publizisten und Zeitungsmacher Hermann Alexander Berlepsch (1813-1883) und Goswin Krackrügge (1803-1881), die in ihren Erfurter Blättern bereits frühzeitig die Pariser Februarrevolution ausführlich besprachen und ihr ein Übergreifen auf Deutschland vorhersagten, sowie
  • seitens der Reaktion Generalleutnant Ferdinand von Voß, Festungskommandant von Erfurt und Oberregierungsrat Wilhelm Frhr. von Tettau, Stellvertretender Regierungspräsident.

Bereits Mitte April 1848 bildete sich, maßgeblich befördert durch die Buchhändler und Zeitungsmacher Berlepsch, Conrad Wilhelm Straube und Franz Loes, der „Schutzbürgerverein“, durch den vornehmlich die unteren Schichten, das Proletariat und Kleinbürgertum, die im allgemeinen nicht im Besitz des Bürgerrechts und damit des Wahlrechts waren, den ihnen gebührenden Anteil an der Revolution erhalten sollten. Der Verein erlebte einen rasanten Mitgliederzuwachs, und wurde zur wirksamsten Kraft aus dem demokratisch und republikanisch gesinnten Lager. Vereinszweck war die „Erstrebung größtmöglicher Freiheit innerhalb der gesetzlichen Schranken, Hebung und Förderung des Arbeiterstandes und Vertretung aller Menschenrechte“.
Daneben bestand noch der aus vorrevolutionärer Zeit der heterogene Bürgerhilfsverein. Während dessen Vorsitzender Krackrügge eine Annäherung oder gar einen Zusammenschluss beider Vereine anstrebte, er trat denn auch den „Schutzbürgern“ bei, bemühte sich die Führung des Schutzbürgervereins, Mitglieder aus dem Bürgerhilfsverein zu sich herüberzuziehen. Die Annäherung verlief jedenfalls soweit, dass es zu gemeinsamen Aktionen beider Vereine kam. Am 26. September schloss der Schutzbürgerverein seine ideologische Entwicklung ab, als er auf Antrag von Krackrügge den Namen „Demokratischer Verein“ annahm.

Auf der Gegenseite hatte sich im konservativ-reaktionären und preußisch orientierten Lager ein mit Stöcken bewaffneter „Bürger-Sicherheitsverein“ gebildet, von den Demokraten nur abfällig „Knüppelgarde“ genannt. Er rekrutierte sich aus Vertretern des Offizierskorps und der Staatsbeamtenschaft sowie Liberalen. Ihnen stand wiederum die Bourgeoisie nahe. Dazu gesellte sich Ende Juli der „Verein für konstitutionelle Monarchie“ als Sammelbecken der Erfurter Konservativen, die die Restauration vorrevolutionärer Zustände anstrebten und deshalb von seinen Gegnern prägnant „Absolutistenverein“ genannt wurde. Am 10. Juni 1848 trat als Ableger des Bürger-Sicherheitsvereins noch die militärisch organisierte Bürgerwehr unter dem Befehl von Tettau hinzu.

Ganz wesentlich für den politisch-organisatorischen Bildungsprozess (im doppelten Sinne) der demokratischen Kräfte, um überhaupt erfolgversprechend in das revolutionäre Geschehen eingreifen zu können, war die in Erfurt besonders ausgeprägte Konstellation, dass ihre führenden Köpfe zugleich als Zeitungsmacher publizistisch einen starken Einfluss ausübten. So konnten Krackrügge („Der deutsche Stadt- u. Landbote“), Berlepsch („Thüringer Zeitung“), Straube und Loes („Der Telegraph“, ab Mai 1848) ihre Gefolgschaft umgehend erreichen, über aktuelle Entwicklungen in der Stadt und darüber hinaus informieren sowie Orientierung geben. Als Korrespondenten wurden sie ab Juli 1848 zudem für die führende deutsche Arbeiterzeitung der Revolution, die von Marx und Engels redigierte „Neue Rheinische Zeitung“ tätig, in der dann etwa 50 Artikel zu Erfurt erschienen, so wie auch umgekehrt von dort Artikel in die hiesigen Blätter übernommen wurden.

Im Verlauf der revolutionären Ereignisse 1848 in Erfurt kam es zu drei größeren bewaffneten Auseinandersetzungen, denen die städtische Polizei machtlos gegenüberstand und wohl oft erst gar nicht eingriff.
Den blutigen Auftakt bildeten vom 13.-15. März Unruhen, die vom gestiegenen Bierpreis ausgingen. Als die zur Auflösung der Demonstration beorderte Kompanie des 31. Infanterie-Regiments mit Steinen beworfen wurde, antwortete diese mit gezieltem Feuer und tötete zwei Demonstranten.
Am 3./4. Juni wurden auf dem Anger demonstrierende Arbeiter durch die „Knüppelgarde“ zunächst in ihr Wohnviertel, den 2. Stadtbezirk an der Auguststraße (heute Bahnhofstraße) zurückgedrängt, vermochten jedoch nicht, die am damaligen Geraübergang (heute Juri-Gagarin-Ring) und am Neuerbe errichteten Straßenbarrikaden zu überwinden, die dann vom Militär gestürmt werden mussten.
Zu einer weiteren Zuspitzung der Lage führte die Order vom preußischen Innenministerium, dass die „anarchistischen Zustände in Erfurt“ notwendig mit militärischen Mitteln zu bekämpfen seien. Dem diente auch die Einberufung der Landwehr in Preußen, deren Verhinderung nun zum Hauptziel der Erfurter Demokraten wurde.

Straßenkampf auf dem Anger 1848
Straßenkampf auf dem Anger am 24. November 1848 Farbige Lithographie von H.Jäger nach einer Zeichnung von H.Kruspe

Nachdem die erste Einberufung des Erfurter Landwehrbataillons erfolgreich gestört werden konnte, schafften es die Demokraten unter Berlepsch auch bei der erneuten Einberufung zum 24. November, durch geschickte Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit, dass sich die Mehrzahl der Einberufenen dem Befehlsgehorsam verweigerte. Der Rest wurde zum Landwehrzeughaus (heute Angermuseum), Ecke Anger/Auguststraße zur Einkleidung geführt, wo sich bereits eine große, mit kampftauglichem Gerät „bewaffnete“ Menschenmenge eingefunden hatte, dies zu verhindern. Die alarmierte Bürgerwehr, als „schnelle Eingreiftruppe“ der Reaktion gedacht, war bereits dabei, sich unter dem  demokratischen Einfluss zu wandeln und wurde in dem Getümmel durch die sich zahlreich unter sie mischenden Arbeiter wirkungslos. Damit war die Blockade des Zeughauses durch eine unübersichtlich zusammengesetzte Menschenmenge nur mehr mit militärischen Mitteln aufzulösen. Als dann noch der Ruf „Es lebe die Republik!“ aus der Menge ertönte, sah sich Generalleutnant von Voß veranlasst, über „die Stadt und Festung Erfurt nebst dazugehörigem Rayon“ [nicht den Landkreis] den Belagerungszustand zu verhängen und das Militär gegen die Demonstranten einzusetzen.
Gegen 10 Uhr rückte eine zur Verstärkung heran beorderte Abteilung des 8. Kürassier-Regiments Langensalza gegen die Menge vor. Aus umliegenden Häusern, und wohl auch von der Straße aus, wurden erste Schüsse auf die Kürassiere abgegeben, wobei vier von ihnen fielen. H. Kruspe gab die dramatische Szenerie in einer Zeichnung wieder, auf der aus zwei oberen Fenstern zur Auguststraße (gegenüber dem Zeughaus) und auf dem Anger (vor dem Zeughaus und dort von einem Republikanischen mit schwarz-rot-goldener Armbinde) auf das Militär gefeuert wird – Opfer auf beiden Seiten zu beklagen sind. In der Folge griffen vier Kompanien des 31. Infanterie-Regiments, das bereits im März zum Einsatz kam, in die Kampfhandlungen ein. Es entwickelte sich ein erbitterter Straßenkampf. Nach Warnschüssen wurde in die demonstrierende Menge geschossen, die sich dem beugend, wie Anfang Juni wieder in ihr Quartier an der Auguststraße zurückzog, Barrikaden errichtete, die durch das Militär letztlich gestürmt wurden. Gleiches Schicksal ereilte eine dreiseitige Barrikade in der Johannesstraße / Einmündung Futterstraße vor dem Haus von Berlepsch, dem jedoch die glückliche Flucht gelang und der später wie Staube und Loes ins Exil ging.
Noch vor Eintritt der Dunkelheit war der Volksaufstand des 24. November beendet. Die beiderseits opferreiche Bilanz: Bei den Demokraten waren 13 Tote zu beklagen, beim Militär sieben Soldaten – junge Männer zwischen 19 und 23 Jahren – gefallen. Später wurden sieben Aufständische standrechtlich zum Tode verurteilt.
Die gefallenen Aufständischen wurden „in der Stille der Erde übergeben, weil die hiesige Geistlichkeit ihnen das kirchliche Begräbnis verweigerte.“
Im Zuge des Balagerungszustandes in Erfurt wurden politische Vereine, Ansammlungen von mehr als zehn Personen und die fortschrittlichen Zeitungen „Deutscher Stadt- u. Landbote“, „Thüringer Zeitung“, „Der Telegraph“ und „Der demokratische Raisonneur“ am 28. November 1848 verboten. „Der Belagerungszustand wurde erst am 9. Juli 1849 aufgehoben, als der letzte Funke der Revolution ausgetreten war.“

Das Scheitern der Revolution von 1848 und die Restaurierung des feudal-bürokratischen Systems bringt Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit nicht nur bei den Unterschichten, sondern auch bei den kleinen und mittleren Gewerbetreibenden, und fördert den Entschluß, die Heimat zu verlassen. Auf eine Verbesserung der Zustände in Deutschland wird von vielen nicht mehr gehofft. Die Auswanderung erscheint nun als "das letzte Rettungsmittel der Freiheit" und wird zu einer nicht zu übersehenden Protestbewegung gegen die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Die Erfurter Auswanderungszahlen vervierfachen sich 1848/49 im Vergleich zu den Jahren 1845/46. Über zwei Personen pro 1000 Einwohner verlassen für immer die Stadt. Es kommt verstärkt zu Gruppenauswandeungen. Gibt es in den thüringischen Kleinstaaten infolge der Revolutionsniederlage keine politisch motivierten Prozesse, so verstärkt jedoch im preußischen Thüringen die Verfolgung der "1848er" die Emigration. Für Erfurt sind diesbezügliche Auswanderungen nachweisbar. [...] Grundsätzlich werden in Erfurt nach der Niederschlagung der revolutionären Bewegung Ausreisewillige dahingehend überprüft, ob sie an revolutionären Ereignissen teilgenommen und "in gerichtlicher Untersuchung gestanden hatten". (Horst Moritz: "Und kann als Mensch mich hier nicht mehr ernähren..." Erfurter Auswanderungen im 19. Jahrhundert im Thüringer Kontext. In: Erfurter Beiträge, Heft 1, 1998 , S. 107-122)

Angermuseum Ecke Bahnhofstraße
Angermuseum Ecke Bahnhofstraße

1948, genau 100 Jahre nach dem Aufstand vom 24. November, ließ die Stadt Erfurt durch OB Boock am Angermuseum / Ecke Bahnhofstraße, dem Hauptschauplatz des damaligen Geschehens eine Gedenktafel enthüllen. Auf ihr werden die 13 getöteten Aufständischen namentlich mit ihrem Herkunftsort aufgeführt. Keine Erwähnung finden die sieben zum Tode Verurteilten, noch die sieben gefallenen Soldaten, was aus heutiger Sicht unverständlich erscheint.
Der Bezug auf die Einheit Deutschlands war in den damaligen Nachkriegsjahren im Osten nicht ungewöhnlich, denn die staatliche Einheit galt hier noch bis in die 1950er Jahre zu den großen Zielen und Losungen. (DT, 6)

 

Schutzhaft-Lager-Gedenktafel

Standort: Feldstraße 18, Vorderhaus (Straße)
Einweihung: ca. 50er
Inschrift: „Im Hintergebäude dieses Hauses wurde / im April 1933 das erste sogenannte / Schutzhaftlager der Stadt Erfurt errichtet. / In ihm waren etwa 100 Antifaschisten / eingekerkert. Unter ihnen befanden sich / auch die Erfurter Widerstandskämpfer  / Heinz Sendhoff / Josef Ries / Waldemar Schapiro / Fritz Büchner / die im Stadtgebiet von Erfurt durch die  / Faschisten bestialisch ermordet wurden. /  Ihr Leben ist uns Vorbild und / Verpflichtung."

Schutzhaft-Lager-GedenktafelIm Frühjahr 1933 - nach der Machtübernahme Hitlers - kam es überall in Deutschland zur Einrichtung so genannter "Schutzhaftlager", in denen die Nationalsozialisten politische Gegner inhaftierten. Die Einrichtungen der Polizei, wie das Gefängnis auf dem Petersberg, konnten die hohe Zahl der Verhafteten schon bald nicht mehr aufnehmen. Eines dieser frühen improvisierten Lager, die später von den großen Konzentrationslagern (Sachsenhausen, Buchenwald, Dachau) abgelöst wurden, befand sich in einem leer stehenden Fabrikgebäude im Hinterhof der Erfurter Feldstraße 18.
Dort wurden aktive Kommunisten und Sozialdemokraten festgehalten. Für den 1. Mai 1933, den die Faschisten als „Feiertag der nationalen Arbeit“ für ihre Zwecke vereinnahmen wollten, organisierte das Lagerkomitee im KZ in der Feldstraße einen Hungerstreik.

Als erstes Erfurter Opfer wurde der genannte Redakteur des kommunistischen „Volksblattes", Josef Ries, von der SA auf dem Gelände des Hundesportvereins im Blumenthal am 28. Juni 1933 erschossen, nachdem man ihn zuvor brutal gefoltert hatte. So wie Ries kehrten eine Reihe von "Schutzhäftlingen" nach ,,Verhören" durch die SA oder Gestapo nicht wieder in die Feldstraße zurück, wo der Terror der NS-Diktatur inmitten eines Wohngebietes seine Heimstatt gefunden hatte. (SR)

 


1949 - 1990

 
Geschwister-Scholl-Gedenktafel

Standort: Geschwister-Scholl-Straße, Einmündung Leipziger Platz, s Ecke Thälmannstraße
Einweihung: vermutlich 1950 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Geschwister-Scholl-Gedenktafel
Geschwister-Scholl-Straße
Geschwister-Scholl-Straße

Scholl, Hans, geb. 22.09.1918 Ingersheim; Scholl, Sophie, geb. 09.05.1921 Forchtenberg, beide hingerichtet 22.02.1943 München-Stadelheim. Die Geschwister Scholl studierten an der Universität München. Dort bildeten sie mit anderen Studenten, Künstlern und Gelehrten die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und verfaßten Flugblätter gegen den Krieg und für den Sturz der Naziherrschaft. Am 18.02.1943 wurde das Geschwisterpaar verhaftet, am 22.02.1943 durch ein Schnellverfahren zum Tode verurteilt und wenige Stunden nach der Urteilsverkündung hingerichtet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für die Geschwister Scholl:
Geschwister-Scholl-Straße (1950)

 

Neubauer-Gedenktafel

Standort: Theo-Neubauer-Straße, s Ecke Einmündung in Stauffenbergallee
Einweihung: vermutlich 1950 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Neubauer-Gedenktafel
Theo-Neubauer-Straße
Theo-Neubauer-Straße

Neubauer, Theodor, geb. 12.12.1890 Ermschwerdt/Hessen, gest. 05.02.1945 Zuchthaus Brandenburg; Lehrer, kommunistischer Funktionär. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Erfurt studierte Neubauer Geschichte und neuere Sprachen und erwarb 1913 die philosophische Doktorwürde. 1914 meldete er sich freiwillig an die Front. Wegen einer Gasvergiftung wurde er 1917 aus dem Heeresdienst entlassen und begann seine Lehrertätigkeit an der Königin-Luise-Schule in Erfurt. Als Mitglied des „Vereins für die Geschichte und Altertumskunde in Erfurt“ schrieb er zahlreiche Beiträge zur Lokalgeschichte von Erfurt. 1919 wurde er Mitglied der USPD, 1920 der KPD, er beteiligte sich als einziger Lehrer des Lyzeums am Streik zur Niederschlagung des Kapp-Putsches. 1921 wurde er als Abgeordneter in den Thüringer Landtag gewählt, 1923 war er Staatsrat in der Sozialdemokratisch-Kommunistischen Landesregierung. 1933 wurde er verhaftet und trat als Zeuge im Reichstagsbrandprozess auf, danach war er bis 1939 in verschiedenen KZ eingekerkert. Nach seiner Entlassung setzte er von Tabarz aus den antifaschistischen Kampf fort. 1944 erneut verhaftet, wurde er 1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Theodor Neubauer:
Theo-Neubauer-Straße (1950),
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

 

Ossietzky-Gedenktafel

Standort: Ossietzkystraße, o Ecke Einmündung in Viktor-Scheffel-Straße
Einweihung: vermutlich 1950 mit der gleichnamigen Straße oder etwas später

Ossietzky-Gedenktafel
Ossietzkystraße
Ossietzkystraße

Ossietzky, Carl von, geb. 03.10.1889 Hamburg, gest. an den Folgen der KZ-Haft 04.05.1938 Berlin; linksbürgerlicher antifaschistischer Publizist, war im I. Weltkrieg Armierungssoldat, nach dem Krieg Mitbegründer und Organisator des Aktionsausschusses „Nie wieder Krieg“ und Redakteur der gleichnamigen Zeitschrift, 1919 Sekretär der „Deutschen Friedensgesellschaft“. Als Journalist arbeitete Ossietzky u.a. für die „Berliner Volkszeitung“ und die Tageszeitschrift „Die Republik“ bevor er 1927 Chefredakteur der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ wurde. In der Nacht nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wurde Ossietzky verhaftet und in das KZ Sonnenburg verschleppt. Am 23.11.1936 erhielt er den Friedensnobelpreis, dafür hatten sich nicht nur neun Nobelpreisträger, zahlreiche europäische Abgeordnete, sondern auch Persönlichkeiten wie Thomas Mann und der junge Sozialist Willy Brandt, der damals im Osloer Exil lebte, eingesetzt. Aufgrund internationaler Proteste musste Ossietzky aus dem KZ entlassen werden, stand aber, obwohl schwer erkrankt, bis zu seinem Tode unter Gestapoaufsicht. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Carl von Ossietzky:
Ossietzkystraße (1950)

 

Steinfurth-Gedenkstein

Standort: Westbahnhof, Betriebsgelände (Unbefugten ist der Zutritt verboten!)
Einweihung: vermutlich Anfang der 1950er Jahre

Steinfurth-Gedenkstein am ehem. Erfurter Westbahnhof
Steinfurth-Gedenkstein am ehem. Erfurter WestbahnhofFotos vom Volkstrauertag 13.11.2016
Steinfurth-Gedenkstein mit Bahnsignal von der stillgelegten Strecke
Steinfurth-Gedenkstein mit Bahnsignal von der stillgelegten Strecke

Erich Steinfurth (10. August 1896 Mittenwalde - 1. Februar 1934 Berlin-Wannsee) war ein Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und lebte in Berlin. Der gelernte Schlosser war 1918-23 im Reichsbahn-Ausbesserungswerk (RAW) tätig, dort vertrat er als Mitglied im Betriebsrat die Interessen seiner Kollegen. Aufgrund seiner Tätigkeit als „Bahner“ gedachte man ihm in der DDR besonders im Bereich der Deutschen Reichsbahn.
1920 schloss er sich der KPD an. Bereits wegen Stellungsnahme gegen den Hitler-Ludendorff-Putsch mußte Steinfurth 1924 für zwei Jahre ins Zuchthaus. Auch nach seiner Freilassung setzte er sich unbeirrt für Arbeiterinteressen und die Unterstützung politischer Gefangener und deren Familien ein, sei es ab 1925 bei der Leitung der Roten Hilfe in Berlin-Brandenburg oder von 1929-33 als Abgeordneter im Preußischen Landtag.

Steinfurth wurde am 25. März 1933 in Berlin-Plötzensee inhaftiert, dort schwer mißhandelt, danach in das KZ Sonnenburg verbracht und in der Nacht vom 1. auf 2. Februar 1934 aus Vergeltung für den Mord an einem Nazi-Spitzel zusammen mit drei anderen Genossen - darunter der KPD-Vorsitzende John Schehr - von der Gestapo am Berliner Schäferberg, auch Kilometerberg (Wannsee), auf vermutlich fingierter Flucht erschossen.

Erich Weinert (1890-1953) setzte den vier Gemeuchelten noch im gleichen Jahr in seinem Gedicht John Schehr und Genossen, das jedem Schüler in der DDR vermittelt wurde, ein bleibendes Andenken:

Es geht durch die Nacht. Die Nacht ist kalt.
Der Fahrer bremst. Sie halten im Wald.
Zehn Mann Geheime Staatspolizei.
Vier Kommunisten sitzen dabei,
John Schehr und Genossen.

Der Transportführer sagt: "Kein Mensch zu sehn."
John Schehr fragt: "Warum bleiben wir stehn?"
Der Führer flüstert: "Die Sache geht glatt!"
Nun wissen sie, was es geschlagen hat,
John Schehr und Genossen.

Sie sehn, wie die ihre Pistolen ziehn.
John Schehr fragt: "Nicht wahr, jetzt müssen wir fliehn?"
Die Kerle lachen. "Na, wird es bald?
Runter vom Wagen und rein in den Wald,
John Schehr und Genossen!"

John Schehr sagt: "So habt ihr es immer gemacht!
So habt ihr Karl Liebknecht umgebracht!"
Der Führer brüllt: "Schmeißt die Bande raus!"
Und schweigend steigen die viere aus,
John Schehr und Genossen.

Sie schleppen sie in den dunklen Wald.
Und zwölfmal knallt es und widerhallt.
Da liegen sie mit erloschenem Blick,
jeder drei Nahschüsse im Genick,
John Schehr und Genossen.

Der Wagen saust nach Berlin zurück.
Das Schauhaus quittiert: "Geliefert vier Stück."
Der Transportführer schreibt ins Lieferbuch:
"Vier Kommunistenführer, beim Fluchtversuch,
John Schehr und Genossen."

Dann begibt er sich in den Marmorsaal,
zum General, der den Mord befahl.
Er stellt ihn, mitten im brausenden ball.
"Zu Befehl, Exzellenz! Erledigt der Fall
John Schehr und Genossen."

Erledigt der Fall? Bis zu einem Tag!
Da kracht seine Türe vom Kolbenschlag.
Er springt aus dem Bett. "Was wollt ihr von mir?"
"Kommt mit, Exzellenz, die Abrechnung für
John Schehr und Genossen.

In Erfurt Krämpfervorstadt gibt es noch eine Jonny-Schehr-Straße.

Gedenkstätten
  • Mittenwalde, Burgstraße 11: Erich Steinfurth-Haus. Geburtshaus, unter Denkmalschutz. Gedenktafel.
  • ds., Yorckstraße: Gedenkstein. In den 1990er Jahren entfernt, damals im Hof einer Handels- und Transportgesellschaft eingelagert! – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16986234 ©2016
  • ds., Grundschule ehem. „Erich Steinfurth“: Gedenktafel. Ehrenname und Tafel entfernt!
  • Berlin-Wannsee, Königstraße: Gedenkstein der vier Ermordeten vom Februar 1934
  • Berlin, ehem. Eisenbahnwerkstätten: VVN-Gedenktafel (Goldschrift auf schwarzem Glas), Erich Steinfurth gemeinsam mit Ernst Kamieth und Fritz Schönherr. In einer kleinen Gedenkanlage im Hof hinter dem Eingangstor
  • Berlin-Kaulsdorf, Lassaner Str. (Sportplatz): Büste Erich Steinfurth. Eingeweiht 1982, um 1994 in Senatsdepot übernommen

Ehrennamen
  • Berlin: BSG Lokomotive „Erich Steinfurth“ Berlin. 05.03.1962 - 1990
  • Leipzig-Paunsdorf, Riesaer Straße 101: ehem. Erich-Steinfurth-Stadion, danach Fortuna-Stadion
  • Ostseebad Zinnowitz auf Usedom: ehem. Kindersanatorium / -kurheim „Erich Steinfurth“ auf dem Glienberg. Seit 1991 steht der weitläufige Gebäudekomplex leer und verfällt.
  • Erfurt, Gartenstr. 1: Betriebsberufsschule (BBS) "Erich Steinfurth" der Deutschen Reichsbahn - Reichsbahnamt Erfurt, geschlossen!
  • Zeesen: POS "Erich Steinfurth" (DDR)
  • Königs Wusterhausen: (Sonderschule) „Erich-Steinfurth“ (DDR)
  • Zentralschule der Politischen Verwaltung der Deutschen Reichsbahn "Erich Steinfurth" in Hainichen (DDR)
  • Walddrehna: Eisenbahnbauregiment 2 "Erich Steinfurth" (Traditionsname der NVA in der DDR), verliehen 01.03.1978
  • Trawler "Erich Steinfurth", Bj. 1967, PS Werften Wolgast
Straßenbenennungen

Jeweils Erich-Steinfurth-Straße in

  • Mittenwalde (Geburtsort), bis September 1990, danach wieder Burgstraße wie davor.
  • Berlin-Friedrichshain, direkt hinter dem Ostbahnhof (1962)
  • Chemnitz (Ebersdorf)
  • Eberswalde
  • Teltow.

 

Seelenbinder-Gedenktafel

Standort: Daberstedt, Werner-Seelenbinder-Kampfbahn, am hohen Sockel der Platzuhr des ESV Lok Erfurt
Einweihung: ca. 1950er

Seelenbinder-Gedenktafel
Werner-Seelenbinder-Kampfbahn

Seelenbinder, Werner, geb. 02.08.1904 Stettin, gest. 24.10.1944 Zuchthaus Brandenburg; einer der bekanntesten Sportler, den die deutsche Arbeitersportbewegung hervorgebracht hat. Als Mitglied der KPD wurde er 1933 fast zwei Jahre von allen Wettkämpfen ausgeschlossen. Wegen seines hervorragenden Könnens als Ringer wurde er aber trotzdem für die deutsche Olympiamannschaft 1936 nominiert. Als Mitglied der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig wurde er 1942 verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. (DT, 5)

Weitere Ehrungen für Werner Seelenbinder:
Werner-Seelenbinder-Straße (1950)

 

Machol-Denkmal

Standort: Nordhäuser Straße
Schöpfer: Hans Walther
Einweihung: 1953

Machol1953 ehrte die Stadt den verdienstvollen Arzt Prof. Dr. med. Alfred Machol (1875-1937) mit einer von Hans Walther (1880-1961) gestalteten bronzenen Büste, die vor der einstigen Wirkungsstätte des Mediziners aufgestellt wurde. Nach seiner Ausbildung in Freiburg, München, Berlin, Heidelberg und Breslau sowie seiner Tätigkeit als Oberarzt und Stellvertretender Direktor an der Chirurgischen Klinik der Universität Bonn seit 1907 begann der 39-Jährige am 16. Juli 1914 in Erfurt seinen Dienst als Direktor der Städtischen Krankenanstalten und Oberarzt der Chirurgischen Klinik.
Er wirkte seit 1922 als Facharzt auch für Orthopädie sowie operative Frauenleiden und unterhielt ab 1924 eine Privatklinik.
Auf Machols Initiative entstand 1926/28 der Neubau der Erfurter Chirurgischen Klinik, die sich unter seiner medizinisch-technischen Anleitung zur fortschrittlichsten in ganz Deutschland entwickelte.
In der Eröffnungsrede lobte sein Freund und Weggefährte Prof. Ferdinand Sauerbruch (1875-1951): "Dies Krankenhaus ist eines der ganz wenigen Bauten mit Stil, mit künstlerischem sowohl als auch ärztlich-chirurgischem. Hier wurde hineingelegt, was kein Architekt allein vermag, die Sorgfalt, die Hingabe und was sonst noch Machols Person so auszeichnet." Machols Abschied aus dem Berufsleben geschah nicht freiwillig, sondern war nicht zuletzt antisemitischer Hetze nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten zu verdanken. 1933 gekündigt und mit monatlich 475 Reichsmark Ruhegeld netto abgefunden, ging er nach Naumburg, wo er 1937 starb. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):

Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Die Büste Prof. Dr. Alfred Machol (18)

 

Französischer Ehrenhain

Standort: Binderslebener Landstraße, Hauptfriedhof, S-Rand, Ringallee, Grabfeld 16
Steinmetzmeister Schubert, Erfurt
Einweihung: II. Weltkrieg / 1954 / 2004

Französischer Ehrenhain
Grande Armee 1813
Gedenktafel für die verstorbenen Soldaten der Grande Armee
1813 in Erfurt

Kreuz 1870-71Kreuz 1945Die kleinste Anlage auf dem Hauptfriedhof stellt der Französische Ehrenhain dar. Zunächst waren hier 103 französische Kriegsgefangene, die während des Zweiten Weltkrieges starben, beigesetzt. Am 20.02.1944 wurden 13 Gräber bei einem Bombenangriff völlig zerstört. Die verbliebenen 90 Toten wurden 1948 exhumiert und nach Frankreich in ihre Heimat überführt.
Weiterhin sind hier 13 Tote unterschiedlicher Nationalitäten bestattet:
drei Polen, ein Ungar, ein Jugoslawe, zwei Italiener, drei ausländische Kriegstote unbekannter Nationalität - namentlich aufgeführt.
Auf Wunsch einer französischen Delegation zum Buchenwaldtreffen 1954 gestaltete Steinmetzmeister Schubert aus Erfurt ein Grabmal für diese Anlage.

Am 16. Juni 2004 wurden hier die Überreste von ca.120 französischen Soldaten der Napoleonischen Armee mit militärischen Ehren beigesetzt. Die Soldaten starben wahrscheinlich kurz vor Ende der französischen Besatzung Erfurts von 1806 bis 1813 an der Ruhr. Sie wurden dann von den Bestattern eilig im Keller eines später zerstörten Hauses abgelegt und im April 2004 bei Bauarbeiten im Erfurter Brühl wiederentdeckt. (DT)
→ http://www.erfurt.de/ef/de/erleben/sehenswertes/friedhoefe/kriegsgraeber/

 

Sowjetisches Ehrenmal

Standort: Hauptfriedhof
Einweihung: 1954

Sowjetisches EhrenmalZum ehrenden Gedenken an 423 Kriegsgefangene und etwa 200 Zwangsarbeiter der damaligen Sowjetunion, die in Erfurt ums Leben kamen, wurde 1954 auf dem Hauptfriedhof ein Erinnerungsmal errichtet. Auf einer Tafel über dem Sockel des hohen Pylons aus behauenen Natursteinquadern brachte man eine Widmung in russischer Sprache an: "Hier ruhen die sterblichen Hüllen sowjetischer Bürger, die im Kampf für unsere sowjetische Heimat fielen. Schlaft liebe Brüder, Ihr werdet von unserem sowjetischen Volk nicht vergessen. 1. Mai 1948." 1954 konnte der Ehrenhain unter Leitung von Gartenbaudirektor Bien und Friedhofsdirektor Lohfeld von 600 auf 1.800 Quadratmeter erweitert und mit Birken, Nadelbäumen und Schlingrosen bepflanzt werden. Nach einer weiteren Umgestaltung im Jahre 1983 präzisierte 1990 eine neue Informationstafel den Sachverhalt mit dem Text:
"Hier ruhen 604 zivile und militärische Opfer des 2. Weltkrieges aus der ehemaligen Sowjetunion, die als Soldaten oder Fremdarbeiter den Tod fanden." 1996 konnten auf Bronzetafeln und Pultsteinen alle Namen der Opfer verzeichnet werden. (RM)

 

Luxemburg-Denkmal I

Standort: Rosa-Luxemburg-Straße, Johannesschule - Staatliche Grundschule 1, Schulhof, am Zaun zur Straße
Einweihung: 1950er
Inschrift: „Rosa / Luxemburg / [weitere zwei Zeilen]“

Luxemburg-Denkmal ILuxemburg-Denkmal I, Inschrift

Grober Steinblock, keilförmig, nach oben spitz zulaufend, Inschrift (unterhalb der Einkerbung an der linken Flanke) eingerillt und schwarz ausgezeichnet, stark verwittert und fast ausgewaschen, kaum noch lesbar. (DT)

 

Walther-Grabdenkmal

Standort: Hauptfriedhof äußerste so Ecke, Grabfeld 14L, Grabstätte 001A
Schöpfer: Hans Walther
Errichtung: 1961
Inschrift: „HANS WALTHER / BILDHAUER / 1888 - 1961“

Walther-GrabWalther-Grabinschrift

Hans Walther (1888-1961)

 

Reichspogromnacht-Gedenktafel

Standort: Meyfartstraße, Humboldt-Grundschule, Staatliche Grundschule 9
Einweihung: vermutlich 1959 (s.Text)

Reichspogromnacht-Gedenktafel
Humboldt-Grundschule
Humboldt-Grundschule

Bereits am 1.April 1933 war es in Erfurt zu einem von der NSDAP organisierten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte gekommen. Vor allen jüdischen Geschäften waren SA-Posten aufgestellt worden, die die Bevölkerung am Betreten der Läden hindern sollten. Die sich von Jahr zu Jahr steigernden Judenpogrome erreichten in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der Reichspogromnacht – in der Sprache des NS-Regimes „Reichskristallnacht“, ihren ersten Kulminationspunkt. Ein Attentat auf den Beamten der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, bildete den Vorwand für eine großangelegte Aktion gegen Leben und Eigentum der jüdischen Bevölkerung. Dabei wurden in Erfurt jüdische Geschäfte in der Innenstadt zerstört und ausgeplündert.
Während die Synagoge in Brand gesetzt wurde, rasten mit SA- und SS-Leuten besetzte Autos durch die Stadt. Nach vorbereiteten Listen verhaftete man systematisch jüdische Männer und brachte sie in die Oberrealschule (Humboldtschule), wo sie in der Turnhalle grausam misshandelt wurden. Organisator der Pogromnacht war der Nazi-Kreisleiter Franz Theine, der sich selbst an den Folterungen beteiligte.
Die Wahl der Humboldt-Oberschule durch die Nazis als Sammelort kam nicht von ungefähr. Am 19.Mai 1933 wurde mit Artur Schöning ein ihnen ergebener Gefolgsmann als Direktor eingesetzt, der die NS-Ideologie und die Unterordnung unter das NS-Regime „ohne wenn und aber“ bei Schülern und im Lehrkörper durchsetzte, verbunden mit nationalistischem Überschwang sowie Missachtung und Diskreditierung anderer Nationen und Völker. So kann man davon ausgehen, dass die Aktionen auf dem Schulgelände  in der Pogromnacht von der Schulleitung zumindest geduldet wurden.
Die Humboldt-Oberschule, ein vormals humanistisch geprägter Hort der Erziehung junger Menschen, wurde missbraucht und durch die Folterung und Vorbereitung der Vernichtung völlig unschuldiger Menschen zu einem Ort der Barberei.
Eines der Opfer, Rechtsanwalt Karl Heilbrunn [Aus der Geschichte der Juden in Erfurt, 1978] berichtete: 'Der Lärm in der Halle war fürchterlich. Das Schreien und Toben dauerte stundenlang. Es war die Hölle. Ich habe niemals in meinem Leben etwas so Entsetzliches durchgemacht.'
197 der festgenommenen Juden wurden am Morgen des 10. November in das KZ-Buchenwald überführt, ausgenommen einige Männer, die in Folge der schweren Misshandlungen nicht transportfähig waren.“
In der Bombennacht 1945 wurde die Schulkomplex schwer getroffen, andere Teile wie der Bereich um den Sternwarteturm und der Südflügel schwer beschädigt. Es gab Verletzte und Tote zu beklagen, auch unter den Schülern (Brandwache). Nach dem Krieg wurde allein der Südflügel an der Meyfartstraße wieder aufgebaut, alle anderen Gebäudeteile abgerissen. Zum Schuljahr 1959/60 erfolgte der Umzug in den verbliebenen und wiederhergestellte stark verkleinerte neue Humboldtschule. Man kann annehmen, dass aus diesem Anlass die Gedenktafel an der Meyfartstraßenseite zwischen 4. und 5. Erdgeschossfenster von rechts angebracht wurde.
Zum Gedenken anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht versammelten sich Schüler, Lehrer und Gäste, unter ihnen der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Raphael Scharf-Katz (1917-), sowie Mitglieder der jüdischen Gemeinde und des Komitees antifaschistischer Widerstandskämpfer, am 1.November 1988 auf dem Hof der Humboldt-Oberschule. In einem würdigen Programm der Klassen 11/12 trug die Schülerin  Annegret John ein selbst getextetes und komponiertes Lied über das Schicksal eines jüdischen Mädchens vor. An der Gedenktafel erfolgten eine Kranzniederlegung und eine Schweigeminute.
Auch wenn die Turnhalle, wie der komplette Mittelteil des Schulkomplexes durch die Luftmine am 19.Februar 1945 zerstört wurden, so ist doch an der verbliebenen Humboldtschule als einem der wichtigsten Schauplätze des Novemberpogroms 1938, die Erinnerung und das Gedenken an die jüdischen Opfer wach gehalten worden.
2014 erschien anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht eine von der Stadtverwaltung Erfurt und dem Netzwerk „Jüdisches Leben in Erfurt“ herausgegebene Publikation „Novemberpogrom 1938 in Erfurt. Aus Dokumenten und Erinnerungen“. Darin werden namentlich die jüdischen Männer genannt, die in der Nacht zum 10.November 1938 in der Turnhalle der Humboldtschule gesammelt und gepeinigt bzw. am 10./11.November in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht worden waren. Auch erwähnt die Schrift Überlebende sowie ungeklärte Schicksale; diejenigen, die in der Shoa zu Tode kamen, werden in dem Gedenkbuch (2013) vorgestellt.
(DT, 6)

 

Rufer-Mahnmahl

Rufer TafelStandort: ega, Buchenwaldblick
Schöpfer: Fritz Cremer
Einweihung: um 1960

Rufer-MahnmahlRufer BuchenwaldblickIn Vorbereitung der »iga ´61« wurde der Bereich der ehemaligen »Grolmannshöhe« umgestaltet und Buchenwaldblick benannt. Seitdem steht hier als Mahnmal der »Rufer« von Prof. Fritz Cremer. Es handelt sich dabei um die verkleinerte Replik einer Plastik, die der Bildhauer ursprünglich für die Figurengruppe des Buchenwald-Denkmals auf dem Ettersberg geschaffen hatte.
Von Aussichtsplateau am „Rufer“ ließ sich östlich in der Ferne unter normalen Sichtverhältnissen der Glockenturm der Gedenkstätte auf dem Ettersberg erkennen. Dieser »Buchenwaldblick« wurde durch Baumbewuchs zunehmend beeinträchtigt, sodass Stadtführer Büttner 2013 eine Initiative startete, die freie Sichtachse wieder herzustellen. (DT)

 

Aufbauhelfer-Denkmal

Standort: ega-Haupteingang
Schöpfer: Fritz Cremer
Einweihung: 1961

AufbauhelferDrei Jahre nach Kriegsende beschloss die Erfurter Stadtverwaltung, die 1925 auf dem Cyriaksberg umgebauten Grünanlagen wieder herzurichten. 1950 fand dort bereits die Gartenschau "Erfurt blüht" statt. Nachdem 1953 die Flächen mit Hilfe des Nationalen Aufbauwerks (NAW) in einen Kulturpark verwandelt worden waren, gelang es 1955, die ,,1. Gartenbauausstellung und Samenexportschau der DDR" auf dem Gelände durchzuführen.
Die Tradition Erfurts als Zentrum des deutschen Gartenbaus reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. Eine Reihe von nationalen und internationalen Gartenschauen fanden in der thüringischen Stadt statt. Diese Tatsache und die Umbauarbeiten nach 1945 gaben schließlich den Ausschlag dafür, dort im Jahre 1961 die ,,1. Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder" zu veranstalten. Nach Plänen und unter Leitung des Berliner Landschaftsarchitekten Reinhold Lingner (1902-1968) entwickelte sich ab 1958 der planmäßige Ausbau des Geländes als ständige Gartenbauausstellung "iga". Sie steht heute als weit über die Stadtgrenzen hinaus beliebter "egapark" unter Denkmalschutz.
Die am 29. April 1961 eröffnete Ausstellung lockte etwa 3,5 Millionen Besucher aus aller Welt auf die auf 57 Hektar erweiterte Anlage. 13 Hallen, Pavillons und jede Menge Freiland warteten auf die Besucher. Den freiwilligen Helfern beim Aufbau des ehrgeizigen Projekts, die in drei Jahren 364.000 Stunden unbezahlter Arbeit in ihrer Freizeit geleistet hatten, widmete die Stadt eine 2,55 Meter große Plastik des Berliner Bildhauers Fritz Cremer (1906-1993), deren Erstguss vor dem Berliner Rathaus steht. Dort wie hier wirkt sie als Sinnbild entschlossenen, zuversichtlichen Aufbauwillens. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Prof. Dr. Ruth: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der Aufbauhelfer (14)

 

Boock-Gedenkbüste

Boock TafelBronze-„Porträtbüste Oberbürgermeister Georg Boock“, Travertin-Sockel. Anschaffungsjahr 1965
Standort: ega, Skulpturengarten (Dauerausstellung), n Hauptweg
Schöpfer: Christian Rost (*1925)
Enthüllung: 23. Juni 1966 (5. Todestag) im Beisein seiner Witwe, auf der iga in Erfurt.

Boock-PorträtbüsteBoock-Büste auf SockelGeorg Boock (6. September 1891 Berlin - 23. Juni 1961) war OB von Erfurt in den Nachkriegs- und Aufbaujahren: 5.5. - 26.9.1946 und 7.12.1946 – 23.6.1961.
Die Büste von Georg Boock ist eine Hommage an dessen Engagement für das Entstehen der iga 1961, deren Eröffnung er aber nicht mehr erlebte. (DT)
http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Boock.

 

Neubauer-Denkmal

Standort: Nordhäuser Straße
Schöpfer: Walter Arnold
Einweihung: 1965

Neubauer1965 verlieh man der Pädagogischen Hochschule Erfurt, Vorgängereinrichtung der heutigen Universität, den Namen Theodor Neubauer. Gleichzeitig errichtete man vor der Mensa (heute Verwaltungsgebäude) des seit 1952 angelegten Campus an der Nordhäuser Straße ein Denkmal. Bildhauer Walter Arnold (1909-1979) platzierte auf einer Steinsäule die Büste Neubauers, dessen Name und Lebensdaten auf einem Steinquader zu lesen sind.
Als NS-Opfer wie auch als Pädagoge, der seine Wurzeln in Erfurt hatte, eignete sich Dr. Theodor Thilo Neubauer (1890-1945) in idealer Weise für dieses Namenspatronat. Schon als junger Lehrer engagierte er sich für die Stadtgeschichte, der er seine Jenaer Dissertation "Die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt Erfurt vor der Reformation" (1913) widmete. Allerdings sorgte der "rote Doktor" nach 1918 für Unwillen, trat 1920 gar in die KPD ein. Der Lehrer für "höhere Töchter" am Lyzeum wurde nach Elternprotesten und disziplinarischen Querelen 1920 aus dem Schuldienst entlassen.
Anschließend Lehrer im benachbarten Freistaat Thüringen - Erfurt gehörte bis 1945 zu Preußen - trat er im Herbst 1923 in die SPD-KPD-“Volksfront"-Regierung ein. Nach der Reichsexekution gegen das "rote Thüringen" musste Neubauer erst einmal untertauchen. Fortan engagierte er sich als Reichstagsabgeordneter (1924-1933) und Redakteur. Mit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 nahm man ihn in Haft, zuletzt bis 1939 im Konzentrationslager Buchenwald. Danach widmete sich Neubauer dem kommunistischen Widerstand. Im Januar 1945 wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 5. Februar 1945 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. (SR)

Straßennamen: Theo-Neubauer-Straße

 

Schmöger-Grabdenkmal

Standort: Hauptfriedhof o Teil, s OdF-Ehrenhain I, zwischen Ulmen- und Ringallee, Grabfeld 17F, Grabstätte 004
Errichtung: 1967
Inschrift: „Karl August Schmöger / Geologe - Biologe / 1.5.1890 13.9.1967

Schmoeger-GrabSchmoeger-Grabinschrift

 

 

Gefallene Revolutionäre 1848 Gedenktafel, nicht erhalten

Standort: Ehemaliger Johannisfriedhof. O Johannesstraße, n Johannesmauer (Straße), an etwa 100m langem Rest der alten inneren Stadtmauer von 1168 (Johannesmauer), etwa in der Mitte des Mauerabschnitts, o vom Sandsteinrelief (1448) Johannes der Täufer
Enthüllung: 24. November (?) 1973 (125. Jahrestag)

Gedenktafel "Für die Barrikadenkämpfer"Johannesmauer mit Gedenktafel (linker Bildrand)

Über 40 Jahre lang blieb die Gedenktafel an der Johannesmauer unangetastet. Selbst die stürmischsten Nachwendejahre, als es viele andere ebenso aus DDR-Zeit stammende Denkmale von ihren Sockeln gefegt hat, konnte sie schadlos überstehen. Sei es aufgrund des darauf verewigten historischen Datums von 1848 oder aus Unsicherheit über deren Berechtigung.
Mitte 2014 verschwand die Tafel dann doch (noch) von ihrem angestammten Platz. Nein, nicht über Nacht und auch nicht von Diebeshand, wie es zum Leidwesen mehrfach z.B. bei der Luisenbüste oder Teilen von Denkmalen geschah (etwa die Rose am Monumentalbrunnen oder die Kleinplastiken am Gustav-Adolf-Brunnen). Die Abnahme erfolgte ganz offiziell von Amts wegen nach Beschluss des Kulturausschusses, vergleichbar wie 1991 beim „Sockelsturz“ der Wilhelm-Pieck-Büste. Die Denkmalsabwicklung von 2014 bildet den vorläufigen Schlußpunkt unter die recht lange Liste verloren gegangener, nicht erhaltener Zeitzeugen, von denen einige in dieser Zusammenstellung aufgeführt sind. Darunter befindet sich auch das Fialengrabmal von 1849 für die sieben preußischen Soldaten, die wie die 13 „Barrikadenkämpfer“ bei den Straßenkämpfen des 24. November 1848 ihr Leben ließen. Es wurde in den 1950er Jahren, also kurz nach dem Ende des II. Weltkrieges, beseitigt, als derartige Ehrenmale als militaristisch belastet angesehen wurden. Nach unserem heute überwiegenden   Verständnis sollte allen Opfern beider Seiten, deren tragisches Schicksal sie einte, gleichwohl gedacht werden.
Die Entfernung der Gedenktafel 2014 kann ohne weiteres als einmalig oder beispiellos charakterisiert werden, wenn man sich die Begleitumstände und Argumentationen vor Augen führt. In diesem Zusammenhang drängen sich einige Fragen auf, die wenigstens gestellt werden sollen. Die Antworten müssen in der Regel offen bleiben, gerade wenn man sich auf dem „dünnen Eis“ von Annahme und Vermutung bewegt. Letztlich soll zum Nach- und Überdenken angeregt werden, ob die Einzelfall-Entscheidung mit dem derzeitigen Ergebnis, der in Erfurt vielbeschworenen Erinnerungskultur entspricht.

In den 40 Jahren ihrer Präsenz an der Johannesmauer wurde die Gedenktafel von zahlreichen Bürgern der Stadt sowie Besuchern wahrgenommen. Unter ihnen waren sicherlich historisch stärker Interessierte, sie sich durch die Tafel zum vertieften Studium oder Nachforschen zum Revolutionsjahr 1848 und den 24. November in Erfurt anregen ließen. Beachtliche Schülerprojekte nahmen sich des Themas an. Selten war etwas aus Publikationen und Presseartikeln über die Gedenktafel zu erfahren. Die vergleichenden Betrachtung einer kleinen hier getroffenen Auswahl von Beiträgen irritierte durch auffallend  widersprüchliche Angaben, teilweise auch Ungenauigkeiten. Fehler sind in Aufsätzen zur Geschichte nicht ungewöhnlich, sie können auch langlebig sein. Zumeist ist es der eine Fehler, der sich durch die wiederholte ungeprüfte Übernahme beständig fortpflanzt und somit in der Geschichtsschreibung verfestigt. Ungewöhnlich an dem vorliegenden Sachverhalt der Straßenkämpfe 1848 ist die Variantenvielfalt in den Angaben, die sich dabei besonders in der traurigen Bilanz des 24. November um die Grablegung der gefallenen Demokraten zeigt. Etwas unerklärlich bleibt es schon, dass sich über einen relativ langen Zeitraum, insbesondere fast 25 Jahre nach der Wende, keine historische Autorität gefunden hat, diesen Aspekt eines der bedeutenden Kapitel in der Stadtgeschichte mit Klarheit zu erfüllen.

Nun zur Tafelinschrift. Ob die als „Barrikadenkämpfer“ in der Widmung angesprochenen Gefallenen tatsächlich als solche gelten können oder einige von ihnen im offenen Straßenkampf verwickelt waren, soll nicht untersucht werden. Vielmehr ist das entscheidende Wort „HIER“ innerhalb der letzten beiden Inschriftzeilen „UND HIER / BESTATTET WURDEN“ zu beleuchten, mit dem der Ort bestimmt ist. Dazu sollen Zitate aus den bereits erwähnten Quellen verschiedener Zeiten exemplarisch die gesamte mögliche Bandbreite an Varianten im Schrifttum belegen, d.h. dass „einige“ oder „alle“ oder „keine“ gefallenen Kämpfer „hier“ bestattet sind.
Als gesichert konnte gelten,

  • dass „die gefallenen Revolutionäre, in der Stille der Erde übergeben wurden, weil die hiesige Geistlichkeit ihnen das kirchliche Begräbnis verweigerte“ (6, S.253), was für die Angehörigen der Toten je nach Glaubensbekenntnis meist eine zusätzliche schwere Belastung bedeutete und
  • dass diese Bestattungen im engsten Familienkreis stattfanden, also eine Grablegung in einem Gemeinschaftsgrab – wie bei den gefallenen Soldaten – hier nicht in Frage kam. Das hätte die Obrigkeit unter dem verhängten Belagerungszustand niemals zugelassen, da die dabei zusammenkommenden Menschen die Gefahr einer neuerlichen Aufruhr mit sich gebracht hätten.

Die Toten hatten auf dem Teil des Ringfriedhofs beigesetzt zu werden, der ihrem Wohnquartier zugeordnet war. Da nach der Überlieferung eine große Zahl an Kämpfern aus dem Augustviertel kam und in der Auguststraße die heftigsten Barrikadenkämpfe stattfanden, dann war mit entsprechenden Beisetzungen auf dem August- oder Krämpferfriedhof zu rechnen. Wie mit den drei auswärtigen Gefallenen verfahren wurde, lässt sich aus dieser Annahme nicht ableiten.

Zitat 1: „An ihr [Stadtmauer] befindet sich auch 'eine Gedenktafel für die 1848 in Erfurt gefallenen Revolutionäre'. Einige wurden auf dem einst hier gelegenen Friedhofsteil beerdigt.“ (Wiegand, Fritz et al.: TOURIST Stadtführer-Atlas Erfurt, 1978, S.128)
Durch die zeitliche Nähe von nur fünf Jahren nach der Anbringung der Gedenktafel gewinnt diese Darstellung Authentizität. Eine Beteiligung aus dem Autorenkollektiv in dem Denkmalsgremium kann man sich gut vorstellen. Demnach hat es kein Gemeinschaftsgrab der Demokraten gegeben. Man lässt durchblicken, dass die Tafel, wenn überhaupt, nur über einem Grab angebracht ist. Weit mehr spricht jedoch dafür, dass für die Tafel ein gut gewählter Platz an der historischen Stadtmauer bestimmt war, die als Sehenswürdigkeit Besucher anzieht und damit auch der Tafel eine gewisse Wahrnehmung sichert. „Hier bestattet“ bedeutet nicht unbedingt, dass damit der exakte Ort einer Grabstelle – da es noch weitere gab - bezeichnet ist, sondern vielmehr der Friedhofsteil, also der ehemalige Johannisfriedhof. Da nun aber auch auf anderen Bereichen des Ringfriedhofs gefallene Revolutionäre begraben liegen, die man von der Ehrung durch die Gedenktafel auf keinen Fall hätte ausschließen wollen, müsste dann „hier“ im erweiterten Sinne dieser betreffenden Friedhofsbereiche verstanden werden. Sicherlich hat bei der Standortwahl der Gedenktafel die 1972 begonnene Bebauung des nördlichen Juri-Gagarin-Ringes eine Rolle – vielleicht sogar die entscheidende – gespielt, mit der die zu Grünanlagen umgestalteten Friedhöfe entlang der Wallanlagen vollständig beseitigt wurden.
Zitat 2: „Die Bestattung der gefallenen Aufständischen erfolgte in aller Stille in einem Gemeinschaftsgrab, ebenfalls [wie die gefallenen Soldaten (DT)] auf dem Johannesfriedhof. (…) Nach über einhundert Jahren ließ der Rat der Stadt Erfurt über dem Grab der gefallenen Kämpfer an der Johannesmauer eine Gedenktafel anbringen.“ (Scharf, Wolfgang: Alte Erfurter Ansichten (47) in Allgemeiner Anzeiger 1998)
Deutlich abweichend zu 1978 wird in dem Artikel 20 Jahre später ausgeführt, dass die Gedenktafel an der Johannesmauer über dem Gemeinschaftsgrab der (also aller) gefallenen Revolutionäre angebracht wurde. Wie bereits oben ausgeführt, ist ein solches Gemeinschaftsgrab auszuschließen, noch dazu wo bereits das Soldatengrab für den Johannisfriedhof vorgesehen war. Gefallene Revolutionäre wird man in einem ausreichend großen Abstand zum Soldatengrab bestatten haben. Worauf sich die Angaben von 1998 stützen, ist nicht bekannt.
Zitat 3: „Bis zum 19. Jh. befand sich vor dieser Mauer [alte Stadtmauer von 1168 (DT)], im Zwinger, der Johannesfriedhof. (…)  An der Johannesmauer befindet sich auch eine Gedenktafel für die 'Opfer der Revolution am 24. November 1848 in Erfurt'.
Die Erfurter Bürger [und die drei Auswärtigen aus Hochheim, Arnstadt und Königsberg? (DT)], die auf den Barrikaden in der Stadt kämpften und ums Leben kamen, sind hier allerdings nicht bestattet. Nur die drei [irrig, richtig: sieben. Vermutlich mit den drei auswärtigen Revolutionären verwechselt. (DT)] getöteten Soldaten fanden hier auf dem Johannesfriedhof ihre letzte Ruhe.“ (Kirsten, Rüdiger: Erfurt. Historischer Rundgang durch Parkanlagen und Gärten, Broschüre 2003, S.14)
In der weitere fünf Jahre nach dem zitierten Artikel von der Stadtverwaltung herausgegebenen ansprechenden Broschüre wird die noch ausstehende Variante zum Revolutionärengrab präsentiert, wonach die gefallenen Barrikadenkämpfer hier auf dem Johannisfriedhof nicht bestattet sind. Als offizielle Publikation der Stadt und von ihrem Inhalt als bekannt im Bereich der zuständigen Behörden vorauszusetzen, sollte sie die Gewähr für die maßgeblichen, einzig zutreffenden Tatsachen in diesem Zusammenhang bieten. Allerdings fühlt sich der Leser auch hier verunsichert, denn ausgerechnet die betreffende Textpassage erscheint fehlerbehaftet. Unklar bleibt, weshalb der aufgezeigte Widerspruch in der Inschriftaussage auch in über 10 Jahren zu keinen sichtbaren Konsequenzen geführt hat - die Tafel blieb auch ohne Grab.

 

Luxemburg-Denkmal II

Luxemburg-Besser-Gueth-TafelStandort: Rosa-Luxemburg-Platz1) (Grünanlage), nw Talknoten, w Nordstraße
Schöpfer: Anke Besser-Güth
Einweihung: 1974
1) In (2) heißt es irrig: „Jüngst benannte man … den Talknoten in Rosa-Luxemburg-Platz um.“ „Talknoten“ bezeichnet, analog wie „Kaffeetrichter“ in S, umgangssprachlich einen Straßenkreuzungsbereich, ist also kein amtlicher Straßenname und kann folglich nicht (um)benannt werden.
Rosa-Luxemburg-Platz ist lt. Beschluss der Sitzung des Kulturausschusses vom 17. März 2009 die Neubenennung der durch die Nordstraße unterbrochenen Grünanlagen im Bereich nw der Kreuzung Talknoten, die am 25. April 2009 in Kraft trat. Er wird begrenzt im N durch Talstraße, im O durch Magdeburger Allee, im S durch Schlüterstraße, im W durch die Böschung zur Schmalen Gera.

Sitzende Bronzefigur Rosa LuxemburgDas bronzene Denkmal von Anke Besser-Güth (* 1940) in der Grünanlage am Talknoten erinnert an die Sozialistin Rosa Luxemburg (1871-1919). Mit der sitzenden Haltung und dem Buch in der linken Hand deutet es auf den großen Beitrag, den die aus Polen stammende Jüdin in den Auseinandersetzungen um Grundsatzfragen des internationalen Sozialismus leistete.
Die am 15. Januar 1919 in Berlin von Offizieren der Gardekavallerieschützen ermordete KPD-Mitbegründerin spielte in der DDR eine wichtige Rolle. Überall im Lande widmete man ihr die Namen von Straßen, Schulen oder Betrieben. Jedes Jahr gedachte man Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (1871-1919) am 15. Januar als Märtyrer und Wegbereiter der Staatspartei SED.
Das Luxemburg-Denkmal gehört damit zur offiziösen Erinnerungskultur der DDR. Der ziemlich versteckte Standort - ursprünglich hatte es im Innenhof der 1972 errichteten SED-Bezirksparteischule am Südpark stehen sollen, der man aber statt "Rosa Luxemburg" den Namen "Ernst Thälmann" verlieh, deutet allerdings auf gewisse Spannungen hin. Vertrat doch die marxistische Vordenkerin Gedankengut, das mit dem "realexistierenden Sozialismus" der DDR nicht in Übereinklang zu bringen war. Insbesondere ihre Vorstellungen von einem zwar revolutionären, aber zugleich demokratischen toleranten Sozialismus bargen reichlich politischen Sprengstoff. So beriefen sich am 17. Januar 1988 bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Ostberlin protestierende Bürgerrechtler auf das Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden." (SR)

Straßennamen: Rosa-Luxemburg-Straße, Rosa-Luxemburg-Platz

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Eberhard: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Rosa-Luxemburg-Denkmal im Talgarten (2)

 

Dimitroff-Denkmal

Standort: Bukarester Str. 2, Sebastian-Lucius-Schule, Staatliche Berufsbildende Schule 1 Erfurt , an der Rückseite der Doppelschule (Ludwig-Erhard-Schule)
Einweihung: vermutlich 70er Jahre

Gedenktafel Georgi Dimitroff
Efeu-umrankte Gedenktafel
Denkmal auf Schulhof von Sebastian-Lucius- und Ludwig-Erhard-Schule

Georgi Dimitrow (veraltet Dimitroff) (* 18. Juni 1882 in Kowatschewzi, bei Radomir; † 2. Juli 1949 im Sanatorium Barwicha bei Moskau), war ein bulgarischer Politiker der Bulgarischen Kommunistischen Partei und Begründer der Dimitrow-These. Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, von 1946 bis 1949 bulgarischer Ministerpräsident.
Seine Popularität bezog er in großem Maß aus dem Auftreten im Reichstagsbrandprozess vor dem Reichsgericht in Leipzig, wo dem am 9. März 1933 in Berlin verhafteten eine Schlüsselrolle zugedacht war. Als glänzender Rhetoriker vermochte es Dimitrow, alle Anschuldigungen zu entkräften und seine Rolle als Angeklagter in die des Anklägers zu wandeln. Der Anklage gelang es nicht, eine Verbindung zwischen dem Geständigen van der Lubbe und ihm herzustellen. Das Gericht sprach ihn frei, für Dimitrow ein Triumpf, für die Nazis ein Debakel.
Das vermutlich in eine Kupfertafel getriebene Portrait ist auf einem Steinblock montiert und von Efeu umrankt. Es handelt sich um eines der ganz wenigen erhaltenen Denkmale von Antifaschisten und Kommunisten im Bereich von Schulen aus DDR-Zeit. (DT)

 

Foerster-Gedenkbüste

Foerster TafelBronze-Büste, Travertin-Sockel
Standort: Gothaer Platz / Gothaer, ega, O-Teil, Foerster-Staudengarten, Nähe Japan-Garten
Schöpferin: Senta Baldamus (1920-2001). Die Erfurter Foerster-Büste ist eines ihrer  wenigen heute außerhalb von Berlin bewahrten Werke.
Einweihung: 1970er Jahre

Foerster-BüsteFoerster-Büste auf SockelKarl Foerster (* 9. März 1874 in Berlin; † 27. November 1970 in Bornim) war ein deutscher Gärtner, Staudenzüchter, Garten-Schriftsteller und Garten-Philosoph.
1903 gründete Karl Foerster eine Staudengärtnerei auf dem elterlichen Grundbesitz in Berlin-Westend. 1910-11 siedelte er diese nach Bornim bei Potsdam um und verwandelte Ackergelände zu einem "Gartenreich".
Foerster züchtete insgesamt etwa 370 Sorten, insbesondere neue Sorten von Rittersporn, Astern und Gräsern. (DT)
http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Foerster

 

Pieck-Denkmal, nicht erhalten

Standort: ehem. Wilhelm-Pieck-Straße (Stauffenbergallee)
Errichtung: vermutlich 1970er Jahre
Das Denkmal (Stein) wurde am Vormittag des 16. Oktober 1992 an der (umbenannten) Stauffenbergallee gemäß einem Ratsbeschluss demontiert und zunächst in die Werkstätten des Amtes für Museen in der Lowetscher Straße verbracht. Über den Verbleib ist nichts bekannt.

Pieck, Wilhelm, geb. 3. Januar 1876 Guben, gest. 7. September 1960 Berlin, Politiker, Nach Teilnahme am Spartakusaufstand 1919 gemeinsam mit Luxemburg und Liebknecht verhaftet, konnte aber fliehen. Gründungsmitglied der KPD, Vorsitzender der KPD (nach John Schehrs Ermordung) und der SED (April 1946, mit Grotewohl), erster und einziger Präsident der DDR (Oktober 1949-1960).
Auf der Berner Parteikonferenz der KPD (30.1.-1.2.1939 südlich von Paris) erklärte Pieck in seinem Referat, dass es notwendiger denn je sei, die Aktionseinheit der deutschen Arbeiterklasse herzustellen und eine Volksfront aller Antifaschisten zum Sturz des Hitlerregimes zu schaffen und einen neuen Weltkrieg zu verhindern. Die Konferenz beschloss ein Programm für eine antiimperialistische deutsche demokratische Republik, in der die Werktätigen unter Führung der Arbeiterklasse den bestimmenden Einfluss besitzen sollten.
Nach seiner Rückkehr aus Moskau (1.7.1945) trat Pieck am 13.Oktober 1945 in Erfurt vor 10.000 Werktätigen der Stadt anlässlich einer Großkundgebung der KPD in der  Halle des „Rewe“ unter der Thematik: „Der Weg aus dem Chaos“ auf. Er legte dar, dass die bevorstehenden großen Aufgaben, insbesondere die vollständige Liquidierung des Hitlerfaschismus, der Kampf gegen Hunger, Arbeitslosigkeit und Wohnungselend sowie die Durchsetzung der demokratischen Rechte und Freiheiten für das Volk, nur durch die Einheit der antifaschistisch-demokratischen Kräfte gelöst werden könnten. Am folgenden Tag sprach Pieck in den „Reichshallen“ vor über 1000 Funktionären der KPD aus Thüringen über die weiteren Aufgaben bei der Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse und ihrer Führung im antifaschistischen Kampf. Auf einer Feier zum 70. Geburtstag Piecks im „Kaisersaal“ würdigte man dessen Lebenswerk als Wegbereiter der Einheit der Arbeiterklasse, die nun unmittelbar bevorstand, und gab im Auftrag des Oberbürgermeisters Jahn der Versammlung bekannt, dass in Würdigung seiner Verdienste ein Straßenzug in Wilhelm-Pieck-Straße umbenannt werde.
Auf einer gemeinsamen Konferenz von KPD und SPD am 19./20.Januar 1946 im Jenaer „Volkshaus“ vor 1200 Teilnehmern, legten beide Vorsitzenden Pieck (KPD) und Grotewohl (SPD) ein Bekenntnis zum baldigen Zusammenschluss beider Parteien ab.
Am 7.April 1946 fand in der Stadthalle in Gotha der Vereinigungsparteitag der KPD und SPD Thüringens unter Teilnahme beider Vorsitzender statt. Das Erscheinen der gemeinsamen Tageszeitung „Thüringer Volk“ ab 9.April 1946 als neues Organ der SED wurde vereinbart. Pieck besuchte auch in Würdigung seiner Leistungen den schwerkranken Oberbürgermeister Jahn im städtischen Krankenhaus Erfurt. In Vorbereitung der Landtagswahlen 1946 sprach Pieck als Vorsitzender der SED am 1.Oktober in der SAG „Henry Pels“ und anschließend in den „Reichshallen“ zu den Erfurter Werktätigen. Erfurts neuer Oberbürgermeister, Georg Boock (SED), und der Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung, Otto Krauss (LDPD), beglückwünschten Wilhelm Pieck zu seiner Wahl zum Präsidenten der DDR am 7.Oktober 1949.
1961 – 1990 trug seine Geburtsstadt Guben (eigentlich der östliche, polnische Teil Gubin) den Beinamen „Wilhelm-Pieck-Stadt“. (DT)

 

Rieth-Brunnen, nicht erhalten

Standort: Riethstraße
Schöpfer: Eberhard Heiland
Existenz: 1978-1988

Nur zehn Lebensjahre blieben einem der schönsten Erfurter Brunnen, der seit 1978 im Wohngebiet Rieth seine ungebrochene Faszination ausübte. 1968 hatte der in Weimar ansässige Maler, Grafiker und Baukeramiker Eberhard Heiland den Wettbewerb gewonnen und nach aufwändigen Experimenten mit Tonen, Glasuren und Brennverfahren 1978 sein Werk mit 14 überlebensgroßen Figuren fertig gestellt.
Ausgebildet in den Fachschulen für angewandte Kunst Erfurt und Heiligendamm sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, auch versehen mit reichen Erfahrungen baugebundener Gestaltungen, bestanden beste Voraussetzungen, einen künstlerisch unverwechselbaren Brunnen organisch zwischen Kaufhalle und Bibliothek einzufügen. Heiland gelang, das hochrangige humanistische Anliegen der Völkerfreundschaft ohne agitatorische Tendenz unverkrampft locker zu formulieren. Er modellierte originelle humorvolle Fantasiegestalten mit Details nationalspezifischer Gewänder, die, im Verein mit den Wasserfontänen alle Sinne belebten, optischen und haptischen Genuss bereiteten. Heiland bildete zum anderen Kontraste zum stereotypen Fassadenraster industriell gefertigter Baukörper sowie Entsprechungen zwischen diesen und seinen variierten keramischen Grundformen Kugel, Kegel, Walze und Würfel.
Schon 1988 wurde sein Brunnen demontiert und entsorgt, weil Technologien und finanzielle Mittel fehlten, die Wasserschäden der Betonkerne zu beheben, die bröckelnden Keramikwände abzuformen und neu aufzubauen. (RM)

 

Thälmann-Denkmal in Gispersleben

Standort: Kilianipark
Einweihung: DDR-Zeit

Thälmann-ReliefThälmann, Ernst, geb. 16.04.1886 Hamburg, ermordet 18.08.1944 KZ Buchenwald; seit 1925 Vorsitzender der KPD, am 3. März verhaftet und über 11 Jahre in Einzelhaft in verschiedenen Zuchthäusern. Thälmann war in den Jahren der Weimarer Republik vier Mal in Erfurt:

  • 27.09.1925 aus Anlass einer Parteiarbeiterkonferenz des Bezirkes Großthüringen.
  • 25./26.09.1926 zum Gautreffen des Roten Frontkämpferbundes.“ „Thälmann hielt auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz (Domplatz) eine Ansprache, in der er die Notwendigkeit der Einheitsfront gegen das kapitalistische System hervorhob und zum Kampf gegen die Auswirkungen von Rationalisierung sowie zur Abwehr der Unternehmeroffensive aufrief.“
  • „08./09.06.1930 zum I. Reichskongress der Arbeitersportler.“ „Im Vorfeld erschien in der „Roten Fahne“ ein Artikel 'Rüstet für Erfurt! Alle Kräfte angespannt für das Reichstreffen der roten Sportler!', in dem er den Zusammenhang von Sport und Gesellschaft, Körperkultur und Klassenkampf erläuterte. Er orientierte die Sportler auf die 'geistige und körperliche Stärkung der Kräfte der Arbeiterklasse im Kampf gegen den Faschismus.'
    In seiner zweiten Rede auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz, am 8. Juni bei stahlendem Sommerwetter vor über 30.000 Teilnehmern ging es um die geleistete politische und theoretische Arbeit zur Abwehr der faschistischen Gefahr, zur Entlarvung der nationalistischen Demagogie der NSDAP und zur Herausbildung der Grundlagen des Programms zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes.“
  • „Wenige Wochen später, am 08.09.1930 in Vorbereitung der Reichstagswahlen, erläuterte Thälmann im 'Kaisersaal' und in der 'Harmonie' vor versammelten Arbeitern die antifaschistische Politik der KPD auf der Grundlage des zu Pfingsten vorgestellten Programms [s.o.].“

Zu einem weiteren angekündigten Rednerauftritt in Erfurt am 20.07.1932 auf einer Massenkundgebung in der Mitteldeutschen Kampfbahn (Steigerwaldstadion) vor über 40.000 Teilnehmern konnte Thälmann wegen des Staatsstreichs der Papen-Regierung am gleichen Tage nicht kommen.
Bei den Reichspräsidentenwahlen (Weimarer Republik) stimmten in Erfurt

  • 1928 von 90.720 Wahlberechtigten im 2. Wahlgang 44.315 für Paul Hindenburg (Rechtsparteien), 10.111 für Ernst Thälmann (KPD),
  • 1932 (letzte Wahlen in der Weimarer Republik) im 1. Wahlgang für Hindenburg 31.420 (35,1%), Hitler 23.555 (26,3%), Thälmann 21.243 (23,7%). Im 2. Wahlgang erhielt Thälmann noch 14.734 (17,4%).

Erfurt galt im Vergleich deutscher Städte als KPD-Hochburg.

 

Thälmann-Denkmal in Linderbach

Standort: Edmund-Schaefer-Platz (Anger)
Einweihung: DDR-Zeit

Thälmann-RelieftafelZu Thälmann siehe unter Thälmann-Denkmal in Gispersleben.

Thälmann-Denkmal in Vieselbach

Standort: Am Bahnhof (kleiner Platz n Bahnanlagen)
Einweihung: DDR-Zeit
Findling (?) mit Namensinschrift auf einem vermutlich früher geschaffenen Steinsockel mit seitlichen Kränzen. Ganz in der Nähe, Ecke Bahnhofsallee / Fasanerieweg befindet sich ein weiterer Sockel ohne Aufsatz, aber mit Einmuldung, die zu dem Findling passend erscheint, was auf einen früheren Standort des Denkmals hindeuten könnte.

Thälmann-Denkmal GesamtansichtThälmann-Denkmal Findling

Zu Thälmann siehe unter Thälmann-Denkmal in Gispersleben.

 

Trauernde-Denkmal

Bronze
Standort: Hauptfriedhof
Schöpfer: Monika Hellmuth-Claus
Einweihung: 1978

TrauerndeBildhauerin Monika Hellmuth-Claus gestaltete im Eigenauftrag eine Bronzeplastik "Große Trauernde", die 1978 vor dem Krematorium des Hauptfriedhofs aufgestellt wurde.
Ihre überlebensgroße Figur übersetzt die Erfahrung individuellen tragischen Schicksals wie die Betroffenheit beim Tod eines nahe stehenden Menschen, Gefühle des Zurückgelassenseins und der Einsamkeit ins Allgemeinmenschliche und Zeitlose. Schmerzempfindung veranschaulicht sich in der bewusst gewählten Deformierung körperlicher Proportionen. Erstarrung äußert sich in den verschobenen Schultern, dem eingedrückten Rumpf, der kaum noch zu atmen vermag, und den überlangen aneinander gepressten Beinen. Krampfhaft verschränkte Arme schirmen Augen und Ohren vor weiteren Verletzungen ab. Entrückt und selbstvergessen verharrt dieses menschliche Wesen mit entblößtem Körper schutzlos dem Erlebnis des Sterbens ausgesetzt.
Nach ihrem Studium an der Hochschule für bildende Kunst Dresden (1964/69) ließ sich die Meisterschülerin des Bildhauers Ludwig Engelhardt 1969 freischaffend in Erfurt nieder. Sie gehörte bald zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten über Thüringen hinaus. (RM)

 

Völkerfreundschaft-Wandbild

Standort: Rieth
Schöpfer: Erich Enge
Einweihung: 1970er-Jahre

Völkerfreundschaft-WandbildZwischen 1969 und 1975 entstand im Norden der Stadt das Neubaugebiet Rieth mit fünf- bis elfgeschossigen Wohnbauten und einem Wohngebietszentrum. An drei Seiten eines Gebäudekomplexes, der ursprünglich ebenerdig als Kaufhalle, im oberen Geschoss als Bibliothek genutzt wurde, schuf der seit 1971 hier freischaffende Maler und Grafiker Erich Enge wenige Jahre später eine figürliche Malerei auf trockenem Putz (Secco). Von dem 102 mal sechs Meter (612 Quadratmeter) großen Bild sagt er noch heute, es sei "in dieser Art das umfangreichste Außenwandbild Europas". Ein Zitat von Pablo Neruda (1904-1973) - "Laßt uns wachen an den Türen des Hasses" - wurde das künstlerische Credo des Bilderfrieses. Seit 1971 hatte sich der Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle intensiv mit dem Schaffen des chilenischen Lyrikers und Weltfriedenspreisträgers sowie mit der mexikanischen Wandbildmalerei beschäftigt. So entstand seine "Beschwörung der Liebe gegen die Finsternis". Und auch die Erkenntnis, "die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift", begründete Struktur und Inhalt seiner dynamischen Aussage.
Mit dem Leerstand des Gebäudes und der geplanten Sanierung, Erweiterung sowie Fassadenänderung 1993 wurde das bedrohte Wandbild auf die Denkmalliste des Landes Thüringen gesetzt. Der Denkmaleintrag kennzeichnete es als "wesentliches Ausdrucksmerkmal der Zeit", als "kulturhistorisches Zeugnis jüngster Vergangenheit". Leider ging die ursprüngliche Korrespondenz zum "Brunnen der Völkerfreundschaft" von Eberhard Heiland verloren. (RM)

 

Angerbrunnen, Neuer Angerbrunnen, verändert erhalten

Standort: O-Ende des Anger
Schöpfer: Waldo Dörsch, Suhl, 1978/79
Einweihung: 1982

Neuer Angerbrunnen1999 gab es Pläne, den gesamten Angerbrunnen oder seine Basis im Zuge einer komplexen Angerumgestaltung zu beseitigen. Die überreiche "Platzmöblierung" sollte auf weite Sichten ohne Unterzonen reduziert werden. Nach einigem Hin und Her und mehreren Entwürfen einigte man sich auf einen Kompromiss: Auf Sitzbänke wurde verzichtet, das untere Becken höher gelegt, das mittlere ebenerdig abgeschlossen und damit die gewünschte Einbindung in den Platz geschaffen. So wandelte sich die geschlossene Konzeption zur offenen Bauweise, wobei die Brunnenkrone unbehelligt blieb.
Den ersten Brunnen hatte im Auftrag des Rates der Stadt der Bildhauer und Bauplastiker Waldo Dörsch (geb. 1928) von 1975 bis 1980 im Kontext der Anlage einer Fußgängerzone Anger / Bahnhofstraße gestaltet. Er stand vor der schwierigen Aufgabe, mit dem Brunnen einen Verweil- und Erholungsraum zu schaffen, der den Fußgängerverkehr nicht behindern würde. Gleichzeitig sollte mit dem neuen Angerbrunnen eine "ansehnliche Komposition" errichtet werden, die den Standort markiert und Identifikation stiftet - und dies zu allen Jahreszeiten, aus der Nähe und Ferne. Als erschwerend erwies sich, eine Form und Größe zu finden, die sich gegen die Stilvielfalt eines in sechs Jahrhunderten gewachsenen Architekturbestandes am Anger durchsetzen könnte. Zu seinem Werk bemerkte Dörsch, es verkörpere "sozialistische Lebensfreude", "dynamische Lebenskräfte" , das "Pathos vitaler Bewegung und ständiger Erneuerung der Natur." Gestiftet wurde der Brunnen von den Produktionsgenossenschaften des Handwerkes und der örtlichen Versorgungswirtschaft 1978. (RM)

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Menzel, Eberhard: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach: Der neue Angerbrunnen (5)

 

Richtstätte Rabenhügel-Denkmal, Kleinplastik "Rabe" fehlt

Vierteilige Anlage  vermutlich Travertin, Bronze-Tafel
Standort: Kleiner Herrenberg, Am Rabenhügel
Einweihung: 1980er Jahre
Inschrift: „DIE IM VOLKSMUND ÜBERLIEFERTE / BEZEICHNUNG DER ANHÖHE / „KLEINER HERRENBERG“ ALS / „RABENSTEIN“, „RABENHÜGEL“, / „GALGENFLECK“ ODER „GERICHT“ / GEHT IN DIE 2. HÄLFTE DES 13. JAHRHUNDERTS ZURÜCK. / SIE ERINNERT AN EINE MITTELALTER- / LICHE HINRICHTUNGSSTÄTTE, / AN DER GERICHTE DER / KURMAINZISCHEN DÖRFER SOWIE / DER JUSTIZ DER STADT ERFURT / HINRICHTUNGEN MIT DER SCHWERT / ODER MIT DEM GALGEN / AUSFÜHREN LIESSEN.

Richtstätte Rabenhügel-DenkmalRabenhügel Tafel

Auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, der den erhöhten Hinrichtungsplatz nachbilden soll, sind zwei Teile der Anlage angeordnet: Eine hohe Doppestele, geteilt und in zwei Ebenen versetzt. Auf beiden Innenseiten jeder Stele ist ein Profil ausgeschnitten, dass in der Sicht beider Hälfte eine menschliche Silhouette mit Kopf ergibt, die nach unten  schmaler wird. Davor kauert ein Hockender aus einem anderen Stein. Unterhalb des Hügels befindet sich am Plattenweg die andere Zweiergruppe: Auf einem flachen Steinsockel liegt die quadratische Inschrift-Tafel und an der linken oberen Ecke ein hochstehender Quader, auf dem einst ein Rabe installiert war. Dieser ist aber schon vor Jahren davongeflogen, aber mit Glück kann man ihn dort noch lebend beobachten.
Der Flurnamen Rabenhügel in Daberstedt verweist auf eine alte Hinrichtungsstätte vor den Toren der Stadt, wie es noch weitere gab.
Eine von ihnen war der namensverwandte „Rabenstein“ in der Krämpfferflur, also vor dem Krämpffertor, an der Leipziger Landstraße. Er bestand aus einem runden, 3 m hohen und 8 m im Durchmesser großen Erdhügel, „welcher mit einem Gemäuer eingefasst war“ und ist dementsprechend in Zylinderform auf einer Umgebungskarte von Erfurt aus dem Jahre 1594 an der Landstraße eingezeichnet. Der „Rabenstein“ war Richtstätte bei Enthauptungen und gelegentlich auch beim Rädern. Der Name geht darauf zurück, dass „die Körper der Enthaupteten auf Räder gelegt und von den Raben zerhackt und zerfressen wurden“. Diese unangenehme Vorstellung wird auch auf den „Rabenhügel“ zugetroffen sein. Während besonders verhaßte Verbrecher stets in der Stadt hingerichtet wurden, lagen die Hinrichtungsstätten deutscher Städte im späten Mittelalter vor deren Toren. „Häufig wurde auf dem freien Feld eine gemauerte, erhöhte Plattform errichtet. Eine Treppe führte entweder außen oder innen empor. Hier konnte der Hinrichtungsakt, für die Zuschauer gut sichtbar und ohne von diesen behindert zu werden, vollzogen werden.“ (4)
Von der Stelle, wo sich heute der künstliche Rabenhügel befindet, hatte man einst einen herrlichen Blick auf Erfurt. In unmittelbarer Nähe stand in einem Garten eine alte, hohe Pappel, die nach allen Seiten weithin sichtbar war. (Wolfgang Scharf, DT)

 

Opfer des Faschismus-Ehrenmal II

Standort: Hauptfriedhof
Schöpfer: Harald Stieding (linke Gruppe), Eberhard Reppold (rechte Gruppe), Jürgen Ellenberg (Schrift), Metallgestalter Helmut Griese (Flammenschale aus Kupferblech in der Mitte der Anlage)
Einweihung: 1984

OdF IIIn der Nähe der Trauerhalle des Hauptfriedhofs weihte man am 9. September 1984 für die Opfer des Nationalsozialismus einen weiträumigen Ehrenhain ein. Eine 44 Meter lange und vier Meter hohe Wand aus Travertinstein grenzte den Hain von einem mit Bäumen bewachsenen Areal ab. Die Wand aus Travertin wurde mit einem Zitattext und dem Symbol für Verfolgte des Nazi-Regimes (VdN) aus rotem Quarzporphyr sowie zwei figürlichen Reliefs besetzt. Die linke Gruppe "Opfer" schuf Bildhauer Harald Stieding, die rechte "Auferstehen" Eberhard Reppold. Nach Entwürfen des Grafikers Jürgen Ellenberg entstanden bronzene Schriftzüge auf der Trennmauer und an den insgesamt acht Stelen aus Muschelkalk zu beiden Seiten des Zentrums. Eine Stele erinnert an die 850 jüdischen Bürger Erfurts, die zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden, während die restlichen die Namen von Verfolgten des Naziterrors tragen, die vor oder nach Kriegsende starben.

Ehrenmal InschriftEhrenmal Gedenktafel

Diese zweite Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus nach der von 1946 auf dem Hauptfriedhof entsprach den repräsentativen Gedenkritualen zu DDR-Zeiten. 1997 begann eine Umgestaltung, weil die Größe der Anlage ihrer Nutzung widersprach und dieses Denkmal wie alle übrigen dem Parkcharakter des Geländes angepasst werden sollte. So wurde unter anderem die Mauer bis zum rechten Relief zurückgebaut, die weite Bodenfläche aus Betonplatten reduziert und mit Kies besetzt. (RM)

 

Reichart-Denkmal II

Standort: Leipziger Str. 77
Schöpfer: Kerstin Stöckel
Einweihung: 1985

Reichart-Büste auf Steinsockel mit InschriftAnlässlich des 300. Geburtstages von Christian Reichart (1685-1775) stiftete der Rat der Stadt Erfurt 1985 eine Bronzebüste. Sie wurde auf dem Vorplatz der nach Reichart benannten Ingenieurschule für Gartenbau postiert, wo sie auch heute noch thront, nun aber Studenten der Fachhochschule an den historischen Begründer des Erfurter Erwerbsgartenbaus und der Brunnenkressezucht erinnert.
Jakob Samuel Beck (1715-78) hatte Reichart um 1760 als würdigen strengen Mann auf Leinwand gebannt. Nach dieser Vorlage schuf der Bildhauer Georg Friedrich Carl Kölling (1825-72) 1867 seine Statue. 1985 modellierte Kerstin Stöckel, eine junge Bildhauerin aus Kapellendorf, ihre persönliche Bildnisvariante vom hochverdienten Pionier wissenschaftlicher Methoden des Fe!d- und Gartenbaus: einen kraftvollen Kopf mit energischen Zügen, die aber auch Humor und Lebenslust erkennen lassen, mit Blickkontakt, der zum Gespräch ermuntert.
Reichart war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Erfurter Wirtschaftsgeschichte. Er hinterließ zahlreiche Schriften, darunter den sechsbändigen "Land- und Gartenschatz". Am 4. Juli 1985 trafen sich alle 16 Erfurter Nachkommen zur Geburtstagsfeier ihres großen Ahnherrn. Inzwischen kann sich der größer gewordene Kreis der international verbreiteten Reichartfamilie, aber nicht nur dieser in Erfurt davon überzeugen, dass nicht nur drei Kunstwerke an Reichart erinnern, sondern auch eine 1886 nach ihm benannte Straße und viele Zeugnisse im neu gestalteten Gartenbaumuseum auf dem ega-Gelände. (RM)

Straßennamen: Reichartstraße

 

Gagarin-Denkmal

Standort: NO-Ecke Kreuzung Juri-Gagarin-Ring - Krämpferstraße
Schöpfer: Lew Kerbel
Einweihung: 1986

GagarinAm 12. April 1986 wurde für den sowjetischen Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin (1934-1968) an der Kreuzung des nach ihm benannten Ringes und der Krämpferstraße ein Denkmal aufgestellt. Diese Ehrung geschah anlässlich der 25. Wiederkehr seines denkwürdigen Fluges ins All, der ersten bemannten Weltraumerkundung. Manch älterer Erfurter erinnerte sich noch an den Besuch des schon 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Weltraum-Pioniers. Gagarin war im Oktober 1963 nach Erfurt gereist und auf dem Domplatz von tausenden begeisterten Erfurtern empfangen worden. 1964 hatte ihm die Stadt den Namen einer der wichtigsten und längsten innerstädtischen Verkehrsadern gewidmet.
Zur feierlichen Übergabe des Denkmals gegenüber dem neu erbauten Hotel "Kosmos" (heute "Radisson") erschien 1986 der russische Bildhauer Lew Kerbel (1917-2003) als Ehrengast. Die Enthüllung nahm der deutsche Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn (geb. 1937) vor. Während Kerbel die erste Ausführung dieser Bildnisplastik für die Allee der Kosmonauten in Moskau gestaltet hatte, schenkte er den im VEB Schwermaschinenbau Lauchhammerwerk hergestellten Zweitguss der Stadt Erfurt.
Lew Jefimowitsch Kerbel gehörte zu den maßgebenden Vertretern der sowjetischen Monumentalkunst. Er hinterließ auch in anderen Städten der DDR und in der Hauptstadt Berlin heroisierende Monumentalplastiken. Sein Karl-Marx-Denkmal in Moskau von 1961 ging allerdings über den damals herrschenden Traditionalismus und Konservatismus sowjetischer Plastik hinaus. (RM)

Straßennamen: Juri-Gagarin-Ring

 

Antifaschisten-Gedenktafel

Standort: Zitadelle Petersberg
Einweihung: 9. Mai 1988
Inschrift: [die Namen von sechs Opfern] Heinz Sendhoff / Fritz Büchner / Josef Ries / Friedrich Dingelstedt / Chaim Wulf Schapiro / Fritz Noack."

Antifaschisten-GedenktafelDie Zitadelle Petersberg gehört zu den kulturhistorisch beeindruckendsten Zeugnissen Thüringens. Eine ehemalige Haftanstalt erinnert dort allerdings auch an die Terrormethoden und Gräueltaten des Nationalsozialismus und an die vielen Opfer des diktatorischen Regimes. Die aus der DDR-Zeit stammende Bronzetafel am Klinkerbau-Komplex ist diesen Opfern gewidmet.
Das 1913 erbaute Militärarrestgebäude hatte die Schutzpolizei nach dem Ersten Weltkrieg 1918 übernommen und als Haftanstalt eingerichtet. Sofort nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 begann man mit der Ausweitung der Haftbefugnisse ("Schutzhaft"). Das für 60 Gefangene ausgelegte Gebäude fasste im Herbst 1933 bis zu 241 "Schutzhäftlinge". Für viele von ihnen führte der Weg direkt in die Konzentrationslager. Bis zum Bezug des Behördenhauses 1939 in der Arnstädter Straße, dem heutigen Landtags-Altbau, nutzte die Geheime Staatspolizeistelle für den preußischen Regierungsbezirk Erfurt den Bau als ihr "Hausgefängnis".
Häftlinge bzw. Opfer des NS-Staates waren insbesondere politische Gegner: Kommunisten, Sozialdemokraten, bürgerliche Demokraten.

Am 2. Mai 1933 trieb die SA im Rahmen der Zerschlagung der freien Gewerkschaften führende Gewerkschaftsfunktionäre vom „Volkshaus" in der Johannesstraße durch die Stadt auf den Petersberg. Dort wurden sie ins Polizeigefängnis gesperrt und misshandelt. (SR)

 


1990 - heute

 
Deportation Erfurter Juden-Gedenktafel

Standort: Bahnhofstraße, Hbf-Unterführung, mittlerer Treppenaufgang Gleis 3-8, Zwischenebene
Einweihung: 1992
Inschrift: "Zum / Gedenken / an die Kinder / Frauen und Männer / aus Erfurt / die wegen ihres / jüdischen Glaubens / von hier aus / ihren letzten Gang / in die Vernichtungslager / der Nationalsozialisten / antreten mußten / Der Rat der Stadt Erfurt / Januar 1992"

Deportation Erfurter Juden-Gedenktafel
Tafel auf Zwischenebene Aufgang Gleis 3-8
Tafel auf Zwischenebene Aufgang Gleis 3-8

Im Mai 1942 begannen in Thüringen die Deportationen der jüdischen Bürger. Sie mussten sich am 9. Mai an Sammelplätzen in ihrer jeweiligen Stadt einfinden, in Erfurt am Hauptbahnhof. Von dort wurden sie nach Weimar gebracht, in der Viehauktionshalle1) festgehalten und am 10. Mai zusammen mit Juden aus Sachsen in ein Ghetto im polnischen Belzyce verschleppt. Fast alle der 513 Männer, Frauen und Kinder aus Thüringen wurden in Belzyce, im KZ Majdanek oder in anderen Vernichtungslagern ermordet. Die Deportationen am 9./10. Mai 1942 markieren den Beginn der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung – der Shoa – Thüringens. In Erfurt mussten sich 101 Männer, Frauen und Kinder zur Deportation versammeln. Keiner von ihnen überlebte den Holocaust.

Für den 9. Mai 2012 riefen Bürgerinnen und Bürger Erfurts zur Beteiligung an einer Gedenkveranstaltung im Erfurter Hauptbahnhof auf, die eingebunden war in ein landesweit gemeinsames Gedenken an die Deportation und Vernichtung der Juden vor 70 Jahren. Die ungewöhnliche und wichtige Aktion fand mitten im frühmorgentlichen Berufsverkehr zwischen 6 und 8 Uhr statt. Die Deutsche Bahn unterstützte das Anliegen, indem sie die Reisenden mit Bahnhofsdurchsagen und Handzetteln über das historische Datum informierte.
Erfurter Bürger erinnerten an den Beginn der Vernichtung der Juden in der Stadt mit einem Feld aus Blumen und 101 Gedenkblättern, die jeden der Erfurter Juden, die von diesem Bahnhof aus deportiert und später ermordet wurden, mit seinem Namen und Geburtsdatum nannten. Der jüngste war vier – Günter Beer - , der älteste 66 Jahre alt.
Um 7.40 Uhr, als der Zug mit den Deportierten damals nach Weimar abfuhr, gedachten  OB Andreas Bausewein – der das Gebinde der Stadt niederlegte - , Stadträte, Landtagsabgeordnete und viele Erfurter der Opfer der Shoa. Dazu sang Deutschlands erste Kantorin Avitall Gerstetter ein berührendes jüdisches Klagelied. (DT)

1)  Die historische Viehauktionshalle in Weimar in der Nähe des Hauptbahnhofs ist am 22. April 2015 durch ein Großfeuer vollständig zerstört worden. Kurz nach 1 Uhr ging der Ruf bei der Feuerwehr ein, die 3 Minuten später am Brandort eintraf. Da stand die Halle bereits lichterloh in Flammen und war nicht mehr zu retten. Die Einsatzkräfte konnten nur noch das kontrollierte Abbrennen überwachen und ein Übergreifen des Feuers durch Funkenflug auf umliegende Gebäude verhindern.
Die Zerstörung der unter Denkmalschutz stehenden 2.500 m2 großen Halle von 70 m Länge, 35 m Breite und 25 m Höhe bedeutet einen unwiederbringlichen Verlust für die Stadt Weimar und ihre Stadtgeschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jh. Den hohen historischen Wert hatte das Bauwerk als Architekturdenkmal und vor allem als Gedenkort der Deportation der Juden während der Nazibarbarei, als sich hier ein Sammelort auf ihrem Weg in die Vernichtungslager befand. Seit 1995 diente die Halle als Spielstätte des Weimarer Kunstfestes im Herbst, für das auch 2015 bereits geplant war. Es gab auch weitere Initiativen für eine wirkliche Belebung und Nutzung des historischen Ortes.
1938 wurde der Auftrag zum Bau der Viehauktionshalle für die Landesbauernschaft erteilt. Stahl war wegen der Kriegsvorbereitung bereits seit 1937 kontingentiert und für das Projekt nicht mehr verfügbar. So griff der Architekt Flemming auf eine Holzbinderkonstruktion für das Dach und Holzfachwerk für die Wände zurück, die ganz der geltenden Architekturauffassung für ländliches Bauen jener Zeit entsprachen.

 

Noack-Straßennamenschild / Zusatzschild

Standorte: Fritz-Noack-Straße, jeweils an den Einmündungen in Stauffenbergallee bzw. Liebknechtstraße
Einweihung: 1990er?

Noack-Straßennamenschild / Zusatzschild

Fritz-Noack-Straße
Fritz-Noack-Straße

Kurz vor Beginn des II. Weltkrieges, im Juli 1939, wurde Fritz Noack, (1905 - 1.8.1939) einer der bekanntesten Erfurter Funktionäre der KPD, verhaftet und am 1. August von der Gestapo auf dem Petersberg ermordet. (DT, 6)

Weitere Ehrungen für Fritz Noack:
Opfer des Faschismus-Ehrenmal I (1946), Urnengedenkstein,
Antifaschisten-Gedenktafel, Petersberg,
Opfer des Faschismus-Ehrenmal II (1984), erste Namenstafel (von links)

Ries-Büste

Standort: Michaelisstraße 48
Schöpfer: Michael Lenz
Einweihung: 1992/2002

Ries-BüsteGern präsentiert man noch heute das Ergebnis einer Rechenaufgabe mit dem Spruch "Das macht nach Adam Riese. .." Der wohl bekannteste Rechenmeister Adam Ries (1492 oder 1493-1559) verbrachte einige Jahre in Erfurt; dort erschienen 1518/22 seine ersten beiden Rechenbücher. Er wohnte von 1518 bis 1523, seiner nach einem Ries-Experten "wissenschaftlich fruchtbarsten Zeit", im "lateinischen Viertel" der Universitätsstadt, vermutlich in der Drachengasse. Aber auch als Angestellter der Herzoglich-Sächsischen Bergwerke in Annaberg blieb Ries später dem Wissenschafts- und Druckereizentrum Erfurt verbunden, wo weitere Auflagen seiner Rechenbücher erschienen.
An diese enge Verbindung mit dem sprichwörtlichen Rechenkünstler erinnerte man in Erfurt während des großen Adam-Ries-Jubiläums 1992 mit diversen Veranstaltungen und Ausstellungen.
Aber auch in Denkmalform sollte endlich an seine wichtigen Erfurter Jahre erinnert werden. Der Künstler Michael Lenz schuf ein dreiteiliges Bronzeensemble aus zwei Schrifttafeln und einer Porträtbüste. 2002 fand es in der Michaelisstraße 48 seinen endgültigen Platz. Im "Haus zum Schwarzen Horn" befand sich einst die Druckerei von Mathes Maler, der die ersten beiden Rechenbücher von Ries gedruckt hatte. An der Fassade befestigte man die Büste sowie die Schrifttafel mit Lebensdaten, Wappen und historischen Erläuterungen. In den Boden wurde die andere Tafel eingelassen, die als Rechenbrett an das Ries-"Rechnen auf der Linie" erinnert. Dargestellt wird die Jubiläumszahl 1992. (SR)

Straßennamen: Adam-Ries-Straße

 

Coubertin-Büste

Bronze-Stele mit Büste und verschränkten Armen
Standort: Mozartalle 4, Pierre-de-Coubertin-Gymnasium Erfurt, Hof
Einweihung:

Coubertin-Büste
Coubertin-Stele mit Büste und verschränkten Armen
Coubertin-Stele mit Büste und verschränkten Armen
auf dem Hof des Pierre-de-Coubertin-Gymnasiums

Am 12. Oktober fand die feierliche Namensgebung „Pierre-de-Coubertin-Gymnasium“ zu Ehren des französischen Sportpädagogen, Humanisten und Begründers der modernen Olympischen Spiele Pierre de Coubertin (1863-1937) statt. Als besondere Ehrengäste konnten dazu der Großneffe Pierre de Coubertins, Geoffroy de Navacelle de Coubertin, und seine Gattin begrüßt werden.

 

Eulenspiegel-Denkmal

Standort: An der Stadtmünze
Schöpfer: Anke Besser-Güth
Einweihung: 1994

EulenspiegelIm November 2001 wurde hinter dem Rathaus ein Till-Eulenspiegel-Denkmal enthüllt. Mit dem auf hohem Sockel kauernden Narren vervollständigte Erfurt mehrere bauliche und künstlerische Details eines historischen Quartiers. Gemeint ist das Haus "Zur Narrenschelle", das sich seit 2000 im Besitz der Erfurter Karnevalsgemeinschaft befindet. Namensschild und Hauszeichen in Gestalt eines geschmiedeten Auslegers mit vergoldeter Schelle sowie ein flächenfüllendes Wandbild von Erich Enge am rückwärtigen Giebel nehmen bildreich Bezug auf Karneval, Mummenschanz und Eulenspiegeleien.
Offenbar orientierte sich die Bildhauerin Anke Besser-Güth (* 1940) an einer Sage, nach der jener um 1350 geborene niederdeutsche Schelm auf der Flucht aus Prag in Erfurt Station gemacht haben soll:  "Hier angekommen, ließ er großspurig wissen, er könne "jeglicher Kreatur das Lesen beibringen." Um dies zu beweisen, verabredete er sich mit Professoren der Universität. Till führte einen jungen Esel in den Stall, legte ihm ein altes Liederbuch mit Hafer zwischen den Seiten in die Krippe, worauf der Nimmersatt beim Ausgang des Futters mehrfach die zwei Laute IA von sich gab. Solche art Erfolg führte Till den gelehrten Herren vor, kassierte die versprochenen 60 Geldstücke, ließ den Esel frei und trollte sich davon. Umsonst hatten die Magister und der Rektor gehofft, weniger Spott zu ernten als die genarrten Leute in Prag. "(RM)

 

Hedemann-Gedenktafel

Standort: Steigerwald, N-Abhang,
Schöpfer: Steinmetzmeister Walter Ballmann, Plauen
Einweihung: vor 1945 / 5.6.1994 (Neuanfertigung)

Hedemann-Gedenktafel
Hedemann-Gedenktafel mit Anlage
Hedemann-Gedenktafel mit Anlage

Am Hedemannsweg gab es schon einmal eine solche Tafel, die jedoch nach 1945 verschwunden war. Die Urahnin von Hedemann, Ingeborg Thorwirth aus Gamstädt, hatte sich darum bemüht, ein Erinnern an ihren Urgroßvater wiederzubeleben. Im Rahmen der Aktion „Heinzelmännchen“ des MDR 1 Radio Thüringen hatte viele dazu beigetragen, Ingeborg Thorwirth diesen Wunsch zu erfüllen. Die neue Tafel wurde im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums angefertigt. Sie ist an einer halbrunden, etwa 1,50 m hohen Mauer aus Steinquadern angebracht. Je zwei Sitzbänke an der Mauer und gegenüber auf der anderen Seite des trennenden Weges laden zur Rast ein.
Mit der Einweihung wurde die Urenkelin dann überrascht: „Ich habe nichts von all dem gewusst und freue mich, dass wieder an diesen Mann erinnert wird“, sagte Frau Thorwirth freudig bewegt. Die Enthüllung wurde musikalisch begleitet von den Jagdhornbläsern St. Hubertus.
Zustand (April 2015): Alle vier Bänke erneuert. Tafel seit längerem besprüht.

August von Hedemann (1785 – 1859) hatte 1840-48 als Generalleutnant das Kommando über die 8. Division auf dem Petersberg. Er war verheiratet mit einer Tochter Wilhelm von Humboldts. Am 30.5.1839 gründete Hedemann mit mehreren einflußreichen Erfurter Bürgern den „Verschönerungsverein“. Mit seinen 1.900 Mitgliedern setzten sie sich ein für die Anlage von öffentlicher Gärten und Parks und i.a. für eine Verschönerung des Stadtbildes. Er ließ einst Platanen in der Stadt anpflanzen und die ersten Wege durch den Steiger anlegen.
Der Hedemannsweg verläuft zunächst geradeaus nach W, quert die Sternstraße am Forsthaus und wendet sich danach nach NW abwärts zu An der Silberhütte.

J.W. Papst widmete 1843 dem Kgl. Gen. Ltn. und Ersten Commandeur v. Hedemann unter dem Titel „Der Hedemanns-Weg im Steiger“ ein Lobgedicht in 13 Versen im Stil der Zeit. (DT)

 

Stasi-Haft-Gedenktafel

Standort: Andreasstraße 37
Einweihung: 1994

Stasi-Haft-GedenktafelJedes Jahr am 17. Juni, dem Gedenktag an den Volksaufstand von 1953, treffen sich Menschen vor der Erinnerungstafel an der Backsteinmauer in der Andreasstraße. Sie gedenken des Unrechts und der politischen Gewalt in der DDR, die eng mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), der berüchtigten "Stasi", verbunden war.
Von 1952 bis 1989 befand sich in dem hinter der Mauer gelegenen Gefängnis, einem Gründerzeitbau von 1879, die Erfurter MfS-Haftanstalt. Sie sorgte zusammen mit der 1952 im angrenzenden Gebäude eingerichteten Bezirksverwaltung des MfS für den zweifelhaften Ruf der Andreasstraße in der DDR-Zeit.
Während der Wende vom Herbst 1989 machte diese Straße jedoch positive Schlagzeilen. Seit dem 26. Oktober führten im Anschluss an die Friedensgebete in der Andreaskirche die Donnerstagsdemos zum Domplatz. Ein Signalereignis von nationaler Tragweite bildete die Besetzung der MfS-Bezirksverwaltung am 4. Dezember, an die heute ebenfalls eine Gedenktafel erinnert. Die "Stasi" hatte begonnen, Akten zu vernichten, was durch die Initiative "Frauen für Veränderung" und zahlreiche engagierte Bürger unterbunden wurde. Damit erfüllten die Erfurter gerade auch in der Andreasstraße, wo man über Jahrzehnte Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung eingesperrt und seelisch misshandelt hatte, deren Wunsch: "Sie wollten Freiheit und Menschenwürde." So steht es auf der Gedenktafel, die von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus sowie dem Rat und Bürgern der Stadt 1994 angebracht wurde. (SR)

 

Synagoge-Gedenktafel

Standort: Max-Cars-Platz 1
Einweihung: vermutl. 1990er

Synagoge-GedenktafelIn der Nacht vom 9. zum 10.November 1938 erfolgte auf Befehl der Nazis in der von ihnen propagierte sogenannten „Reichskristallnacht“ neben der beginnenden systematischen Vernichtung jüdischen Lebens, die Zerstörung von Synagogen im gesamten Reich. Dem fiel auch das 1884 am Kartäuserring geweihte große jüdische Gebetshaus zum Opfer. SA-Horden umstellten die Synagoge, erbrachen die Tür und legten im Innern Feuer. Nach kurzer Zeit stand das Gebäude in Flammen. Schutzpolizei und Feuerwehr, die vor Ort eintrafen, hatten keinen Einsatzbefehl, den Brand zu löschen oder irgendwelche anderen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, abgesehen davon, ein mögliches Übergreifen der Flammen auf Nachbarhäuser zu überwachen. So sahen Beamte und Kameraden dem flammenden Inferno tatenlos zu. Walte Kießling, Erfurter Oberbürgermeister 1936-45, NSDAP- und SA-Mitglied, äußerte sich zum Brand zynisch: „Ich habe noch nie eine so schön brennende Synagoge gesehen.“
Dennoch konnten die Thorarollen aus der brennenden Synagoge gerettet werden. Der Dompropst und spätere Weihbischof Joseph Freusberg verbarg sie von 1938 bis 1945 im Dom.
Im Juni 1933 lebten in Erfurt 831 Juden. Von ihnen gelang es nur 180 rechtzeitig zu emigrieren, während über 100 mit polnischer Staatsbürgerschaft am 28. Oktober 1938 – wenige Tage vor der Pogromnacht – mit ihrem Handgepäck und 10 Reichsmark per Zug nach Polen ausgewiesen wurden. Am 10./11. November 1938 mussten etwa 200 jüdische Bürger den Leidensweg nach Buchenwald und in andere Vernichtungslager antreten. Am 1. September 1941 registrierte man 223 Juden in der Stadt und nach dem ersten Deportationstransport am 9./10. Mai 1942 über Weimar in das Ghetto im polnischen Belzyce (s. Deportations-Gedenktafel) waren es nur noch 76!
15 jüdische Bürger kehrten 1945 nach Krieg und Holocaust aus den Vernichtungslagern in ihre Heimatstadt zurück. Unter ihnen befand sich Max Cars (1894–1961), der sich in den schweren Nachkriegsjahren sehr für die jüdischen Belange und eine Wiederbelebung jüdischen Lebens einsetzte, und zum 1.Vorsitzenden der 1946 wiedergegründeten Synagogengemeinde gewählt wurde. Er initiierte den Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof, vor allem aber die Errichtung einer neuen Synagoge an etwa der gleichen Stelle wie die 1938 durch die Nazis vernichtete.

Synagoge-Portal1951 konnte die Grundsteinlegung erfolgen und am 31. August 1952 (10. Ellul 5712) übergab Otto Nuschke (1883-1957), Stellvertretender DDR-Ministerpräsident unter reger Anteilnahme der Bevölkerung die neuerbaute Synagoge an die jüdische Gemeinde. Die Erfurter  Synagoge sollte der einzige jüdische Sakralneubau in der DDR bleiben.
Straßennamen: Max-Cars-Platz
Der Platz an der neuen Synagoge (Kartäuserstraße/Juri-Gagarin-Ring) wurde gemäß einem Grundsatzbeschluss des Stadtrates vom 13.02.2014 am 05. November 2014 feierlich zu Ehren des ersten Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde nach dem Holocaust in „Max-Cars-Platz“ umbenannt; die Synagoge trägt die Hausnummer 1 (bisher Juri-Gagarin-Ring 16). Die Enthüllung nahm der jetzige Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Schramm vor. (DT, 6, 8)

 

Unbekannter Wehrmachtsdeserteur-Denkmal

Stahl, 8-teilig, H = 2,0 m
Standort: Unterhalb Zitadelle Petersberg, an o Festungsmauer,etwa an dem Platz, an dem es zu Exekutionen während des II. Weltkrieges kam.
Schöpfer: Thomas Nicolai
Einweihung: 1. September 1995

DeserteureDie seit 1665 errichtete Zitadelle Petersberg war über Jahrhunderte ein Ort des Militärs. Während des Dritten Reiches befand sich hier neben anderen Objekten auch ein Kriegsgericht. Im Festungsbereich kam es zur Erschießung von einigen der rund 50 "Fahnenflüchtigen", die dort von Militärrichtern während des Zweiten Weltkrieges zum Tode verurteilt worden waren.
Seit dem 1. September 1995 weist das "Denkmal für den unbekannten Wehrmachtsdeserteur" darauf hin. Es befindet sich im Festungsgraben zwischen den Bastionen Leonhard und Philipp. Der junge Künstler Thomas Nicolai hat hier ein eher unkonventionelles Denkmal geschaffen. Zu sehen sind zwei parallele Reihen von insgesamt acht Metallstelen; nur eine der wie Soldaten in disziplinierter Haltung "stramm" stehenden Stelen ist individuell geformt und soll den Deserteur symbolisieren. Eine Bronzetafel im Boden erklärt:
"Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur - den Opfern der NS-Militärjustiz - allen, die sich dem Naziregime verweigerten." Die teils heftigen Reaktionen auf das Denkmal verweisen auf die ungebrochene Brisanz des Themas. Was die Beurteilung von Deserteuren im Zweiten Weltkrieg betrifft, besteht bis heute kein Konsens, auch wenn die Wehrmachtsdeserteure 1999 offiziell vom Bundestag rehabilitiert wurden. Man schätzt, dass hunderttausende Fälle von "Fahnenflucht" und rund 15.000 Todesurteile während des Krieges vollstreckt wurden. Als eines der ganz wenigen seiner Art in Deutschland ist das Erfurter Deserteursdenkmal zu einem Denkmal im wahrsten Sinne des Wortes geworden, an dem sich die öffentliche Diskussion bis heute entzündet. (SR)
Im Bogen hinter dem Denkmal pflanzte der OB der Stadt Erfurt, Bausewein, am 28.9.2007 im Beisein der Stadtratsfraktionen und des Aktionskreises für Frieden e.V. die Friedenslinde am Petersberg.

 

Meister-Eckhart-Portal

Standort: Predigerkirche, n Langhauswand, Spitzbogenportal
Schöpfer: Siegfried Krepp / Berlin, 1992, eingebaut nach Rekonstruktionsarbeiten 1999
Einweihung: 1999

Meister-EckhartAm 13. Juli 1999 wurde anlässlich des Erfurter Meister-Eckhart-Festjahres das Nordportal der Predigerkirche neu gestaltet. Die Bronzeflügel versah der Bildhauer Siegfried Krepp (geb. 1930) mit dem Bibeltext (Johannes 1,1) "das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst". Als Metapher dafür wurde in die ständig verschlossene Tür ein Glasstreifen eingesetzt. Dem inneren und äußeren Licht hatte Krepp damit "freien Austausch" gewährt und in den Boden ein Metallband als verlängerte Lichtspur eingelassen. So schuf er "zum wunderbaren Gleichnis Licht gegen Finsternis Argumente gegen das Dogma", bemerkte der Kunstwissenschaftler Herbert Schönemann. Mit einem flächendeckenden Labyrinth markierte der Berliner Künstler wohl die rastlosen Lebenswege Meister Eckharts (um 1260-1328).
Dieser trat, um 1260 in Thüringen geboren, als Novize ins Erfurter Dominikanerkloster ein, lebte hier als Mönch, Priester sowie Prior und wurde 1303 zum Provinzial der Ordensprovinz Saxonia eingesetzt. Sein unruhiges Streben führte ihn in mehrere Länder, doch in Erfurt hielt es ihn mit Unterbrechungen von 1278 bis 1311.
Nachhaltig wirkte er als Theologe auf die religiöse Lehre ein, als Mystiker prägte er die europäische Geistesgeschichte. Der in der Volkssprache seiner Mitbürger predigende Dominikaner ("Prediger") bereicherte darüber hinaus die deutsche Sprache durch zahlreiche Neuschöpfungen. Dass der Gelehrte 1326 in Köln als "Ketzer und Volksverführer" denunziert, der Inquisition ausgesetzt und mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bedroht wurde, legte ihm eine schwere Bürde auf Zwei Jahre später starb er. (RM)

Straßennamen: Meister-Eckehart-Straße

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Schönemann, Herbert: Denkmale in Erfurt - Denk mal darüber nach! Das neue Meister-Eckehart-Portal (6)

 

Bach-Skulpturen

Standort: Am Lauentor, Grünanlage Martinsbastion
Einweihung: 2000

Bach-SkulpturenIm Bachjahr 2000, das mit zahlreichen Veranstaltungen zum 250. Geburtstag des großen Komponisten Johann Sebastian Bach (1685-1750) begangen wurde, fand in Erfurt auch ein internationales Bildhauersymposium statt. Es widmete sich unter fachübergreifendem Ansatz dem Thema "Struktur und Form in der Musik von Johann Sebastian Bach". Die Ergebnisse dieses Symposiums sind heute in der Grünanlage vor der Martinsbastion der Zitadelle Petersberg zu bewundern.
Auch wenn die Kunstwerke dem Betrachter auf den ersten Blick nicht ihre Bestimmung preisgeben, schließen sie doch eine Lücke in der hiesigen Erinnerungslandschaft. Denn es ist durchaus berechtigt, in Erfurt an Seb. Bach zu erinnern. Er stammte aus einer in der Region weit verzweigten Musikantenfamilie, sein Großvater Christoph wirkte von 1642 bis 1654 in Erfurt als Stadtmusikant, Bachs Vater Johann Ambrosius lebte bis 1671 in Erfurt und heiratete 1668 in der Kaufmannskirche die Kürschnermeistertochter Elisabeth Lämmerhirt, Bachs Mutter.
Die familiären Bande zu den Erfurter "Bachen" und Dienstgeschäfte führten Sebastian später zu Kurzbesuchen in die Stadt, unter anderem zur Abnahme der neuen Orgel in der Augustinerkirche 1716. Im Übrigen ist Herzog Johann Georg I. von Sachsen-Eisenach schuld daran, dass Seb. Bach kein gebürtiger Erfurter geworden ist. Hatte er doch den Wunsch von Ambrosius Bach im Herbst 1684 abgelehnt, aus dem Hofdienst entlassen zu werden und wieder nach Erfurt als Stadtmusikant zurückkehren zu dürfen. (SR)

 

Benary-Denkmal

Standort: Benaryplatz
Schöpfer: Lutz Hellmuth
Einweihung: 2000

BenaryAm 26. Juni 2000 ereignete sich die feierliche Einweihung eines Denkmals für den Kunstgärtner Ernst Benary (1819-1893). Rudolf Benary, der Urenkel des Geehrten, hielt die Einweihungsrede. Zwei nah beieinander geordnete steinerne Stelen, gestaltet von dem Erfurter Bildhauer Lutz Hellmuth, fanden ihren Standort auf historischem Boden. Denn 1888 hatte der Firmengründer Ernst Benary mehrere zwischen der Gothaer- und Friedrichstraße liegende, als Bauland vorgesehene städtische Grundstücke gekauft und die 5.700 Quadratmeter großen Flächen testamentarisch der Stadt gestiftet - unter der Bedingung, sie dauerhaft als öffentliche Erholungsstätte auszuweisen.
Nach seinem Tode 1893 ließ die Stadt einen kleinen Gedenkstein errichten und den Platz 1896 nach Benary benennen. Doch es blieb nicht bei diesem Namen. 1936 wurde der Platz nach Herbert Norkus benannt, 1945 hieß er wieder Benaryplatz, 1953 sollte der Platz an Philipp Müller erinnern. 1991 schließlich sorgte die Stadtverwaltung dafür, den ursprünglichen Namen Benary wieder zu verwenden. Das Garten- und Friedhofsamt ergänzte den um 1895 angelegten Bestand an Bäumen, Sträuchern und Stauden durch neue Kulturen.
Der am 10. November 1819 geborene Ernst Benary eröffnete schon 1843, erst 24 Jahre alt, eine Kunst- und Handelsgärtnerei. 1847 erhielt er das Bürgerrecht und spezialisierte sich auf Anzucht und Verkauf von Blumen- sowie Gemüsesamen. Er entwickelte internationale Kontakte. Weltweit konnte die von ihm fast 50 Jahre geführte Firma den eigenen guten Ruf, aber auch Erfurts Anerkennung als maßgebende Lieferantin von Garten-Saatgut verbreiten. Ernst Benarys Söhne Friedrich und John sowie die Enkel vermochten, das Unternehmen bis zur Enteignung von 1952 erfolgreich fortzuführen. (RM)

Straßennamen: Benaryplatz

mehr:
In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt (Heftnummer):
Benary, Rudolf:: Gedenkstein auf dem Benary-Platz (SH 2)

 

Gewerkschafts-Gedenktafel

Standort: Johannesstraße 55
Einweihung: 2003

Gewerkschafts-GedenktafelAm 2. Mai 2003 hatten in vielen Orten GewerkschafterInnen der Besetzung der Gewerkschaftshäuser und Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die NSDAP und der Opfer vor 70 Jahren gedacht und die heutige Generation an die Geschehnisse von damals erinnert. In Erfurt tat man dies auf einer zentralen Veranstaltung im „Haus zum Regenbogen“, Johannesstraße 55, mit einem Programm, eröffnet durch Hans-Hermann Hoffmann, Vorsitzender DGB-Region Mittelthüringen, das neben mehreren Wortbeiträgen von Gastrednern, u.a. Steffen Kachel (Historiker) zur Inhaftierung der 44 festgenommenen GewerkschafterInnen auf dem Petersberg, auch einen Antifaschistischen Stadtrundgang enthielt.

Im Februar 1933 hatte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) noch seine Neutralität gegenüber dem NS-Regime bekundet. Dies schützte jedoch nicht davor, dass sich der danach einsetzende Straßenterror auch gegen Gewerkschaftsfunktionäre richtete. Trotz der Verunsicherung zeigte sich der ADGB bereitwillig und kooperativ in der Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 1. Mai, schließlich war es 1933 erstmals in der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung gelungen, den 1. Mai zu einem Feiertag zu erheben, an dem der Lohn fortgezahlt wurde. Die GewerkschafterInnen dachten dabei nicht im geringsten daran, dass das Ende der freien Gewerkschaften bereits beschlossene Sache war und unmittelbar bevorstand. Zunächst entwickelte der 1. Mai, der „Tag der nationalen Arbeit“, in Erfurt bei strahlendem Sonnenschein eine ungetrübte, großartige Feiertagsstimmung. An die 100.000 Menschen sollen die Straßen bevölkert haben, die meisten mit dem Ziel, in der Mitteldeutschen Kampfbahn (heute Steigerwaldstadion) die Radioansprache Hindenburgs an die deutsche Jugend zu hören. Erst einen Tag später, am 2. Mai 1933, sollte der wahre Grund dieser großen Inszenierung offenbar werden, als deutschlandweit nach minutiösem Plan punkt 10 Uhr, die SA die Häuser der freien Gewerkschaften besetzte und Gewerkschaftsfunktionäre brutal misshandelte, einsperrte, folterte oder zu Tode prügelte.

In Erfurt besetzten um 10 Uhr mit Karabinern ausgerüstete SA-Leute das Volkshaus (Gewerkschaftshaus) sowie an sechs anderen Orten sämtliche Büros der freien Gewerkschaften. Das gesamte Vermögen der Gewerkschaften wurde beschlagnahmt. 44 Funktionäre wurden verhaftet und mit erhobenen Händen durch die Stadt zum Polizeigefängnis auf dem Petersberg geführt. Damit war der Weg frei zu einer gleichgeschalteten Einheitsgewerkschaft. Am 10. Mai 1933 gründeten die Faschisten die Deutsche Arbeitsfront (DAF), in die die Beschäftigten zwangsweise eintreten mussten.

Ehemaliges Volkshaus
Portal Haus Zum Regenbogen
Portal Haus ZumRegenbogen

Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften wurde durch das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ den emanzipatorischen Bestrebungen der Arbeiterbewegung ein Ende gesetzt. Der Arbeitgeber als „Führer des Betriebs“ bestimmte von da an einseitig die Arbeitsbedingungen, „Tarife wurden abgeschafft und durch Tarifordnungen ersetzt, über deren Einhaltung sogenannte Treuhänder der Arbeit wachten“, heißt es in einem Geschichtsbuch der IG Metall.

Die Gedenktafel wurde 2003 durch den DGB angebracht, in Erinnerung an die beginnende Zerschlagung der freien Gewerkschaften durch die NSDAP vor 70 Jahren. (DT, 6, DGB)

 

Trimemorial Obelisk

SanierungsmedaillonSandstein, vier Medaillons aus Bronze
Standort: Anger 6, Innenhof, Privatgrundstück nicht öffentlich zugänglich, aber durch Gitter einsehbar (Zar-Alexander-Medaillon)
Errichtet durch die Jutta-Heidemann-Stiftung im Zuge der Gebäudesanierung 2004
Schöpfer der Medaillons: Bildhauer Christian Paschold, Tiefthal
Einweihung: 2004

Stiftungs-Medaillon
Obelisk-S-Seite
Inschrift: „SANIERT DURCH / JUTTA HEIDEMANN / 2004 / cp [Künstler-Signet Christian Paschold]

Trimemorial ObeliskDer Obelisk ist drei Ereignissen von 1789, 1808 und 1845 und den damit verbundenen namhaften Persönlichkeiten gewidmet, mit denen das historische Haus „Zur grünen Aue und Kardinal“ aufwarten kann. Sie sind jeweils auf einem Bronze-Medaillon von dem Künstler Christian Paschold dargestellt. Als herausragend ist dabei zweifellos der Aufenthalt von Zar Alexander und seinem Gefolge während des Erfurter Fürstenkongresses 1808 zu nennen.

Zar-Alexander-Medaillon

Obelisk-N-Seite
Inschrift: „RESIDENZ VON / ZAR ALEXANDER I. / ZUM ERFURTER / FÜRSTENKONGRESS / 1808“

Zar-Alexander-MedaillonDas Jahr 1808 sieht Kaiser Napoleon I. von Frankreich auf einem Höhepunkt seiner Macht. Die von ihm geführte Grande Armee hat bereits weite Teile Europas erobert. Dennoch verliert der kühl denkende Stratege nicht den Blick für die sich mehrenden Widerstände, vor denen seine weiteren Eroberungspläne nun stehen. Der Aufstand der Bauernpartisanen in Spanien und die zunehmende Kampfbereitschaft des Hauptgegners Österreich lassen einen möglichen Zweifrontenkrieg ins Kalkül treten, dem es seitens Napoleon auf diplomatischen Wege entschieden zu begegnen gilt. Dabei kommt es folgerichtig zu dem Entschluss, eine engere Bindung zu seinem wichtigsten Verbündeten Russland herzustellen.

Zu diesem Zweck initiiert Napoleon für den Herbst 1808 ein hochrangiges Treffen, zu dem neben Kaiser Alexander I. und weiteren russischen Hoheiten auch seine deutschen Bundesgenossen – oder sollte man deutlicher sagen, seine Vasallen – insgesamt 34 Herrscher samt ihrem Gefolge, eingeladen sind. Schon im April 1808 hatte Napoleon dem Zaren das Treffen vorgeschlagen, nach dem er sich als dem Ort des Gipfeltreffens bewusst für Erfurt entschieden hatte. Ausschlaggebend war dabei neben der zentralen Lage die besondere staatsrechtliche Stellung, die die Stadt um 1808 einnahm. Nach der siegreichen Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 wird die Stadt Sitz des kaiserlich-französichen Gouverneurs. Durch ein Dekret Napoleons vom 4. August 1807, von dem die Bürgerschaft erst ein halbes Jahr später, am 6. Februar 1808, Kenntnis erhielt, wurde Erfurt (mit Blankenhain) durch kaiserliche Inbesitznahme, „en son nom personnel“, zu einer kaiserlichen Domäne, „domaine réservé à l'Empereur“, erklärt. Napoleon hatte die militärstrategische Bedeutung Erfurts im Zentrum der besetzten deutschen Territorialstaaten erkannt und die Stadt deshalb unmittelbar seiner Herrschaft unterstellt. Staatsrechtlich bedeutete das eine Sonderstellung, da Erfurt nicht dem französischen Reich einverleibt wurde, weder selbständig, noch einfaches Besatzungsgebiet war.

Vom 27. September bis 14. Oktober findet er statt, der Congreß zu Erfurt, der dann als „Erfurter Fürstenkongress“ in die Geschichtsbücher eingehen wird, und die eher unbedeutende Provinzstadt für kurze Zeit in den Fokus europäischer Politik rückt.
Bereits der Eröffnungstag wird mit der Ankunft der beiden Kaiser für die interessierte Erfurter Öffentlichkeit zu einem grandiosen Erlebnis. Gegen 10 Uhr vormittags verkündet ein Böllerschuss vor dem Brühler Tor die Ankunft Napoleons in Erfurt. Zu seinem Empfang sind Magistrat und Vertreter der Bürgerschaft angetreten, die ihm symbolisch die Stadtschlüssel überreichen. Er fährt durch ein dichtes Spalier von Menschen zum repräsentativ hergerichteten Gouvernementsgebäude, der ehemaligen Mainzischen Statthalterei am Hirschgarten, während des Congresses und seines Aufenthaltes in Erfurt, der „Kaiserliche Palais“. Dort finden im Konferenzsaal die Verhandlungen im großen Rahmen mit den geladenen 34 Herrschern statt und empfängt Napoleon hiesige Geistesgrößen wie Goethe und Wieland zur Audienz.
Gerade erst angekommen, verlässt Napoleon bereits mittags wieder mit großem Gefolge die Stadt, um seinem von Weimar anreisenden Hauptgast Zar Alexander entgegenzureiten und ihn in Empfang zu nehmen. Bei Utzberg treffen die beiden Kaiser auf der Weimarer Chaussee zusammen, dort wo noch heute der Napoleonstein daran erinnert. Dem Gast entgegenzueilen, war eine bemerkenswert große Geste Napoleons, die nicht Macht sondern vielmehr Wertschätzung gegenüber Alexander zum Ausdruck brachte. Das muss auch den Gast beeindruckt haben, bei der herzlichen Begrüßung umarmten sich beide auf das herzlichste. Ein erstes Gespräch zwischen ihnen entwickelte sich spontan und vermittelte positive Signale für eine aufgeschlossene Atmosphäre in den kommenden Verhandlungen. Am Nachmittag hielten beide Kaiser und deren Gefolge unter Glockengeläut und Jubel Einzug in Erfurt. Napoleon geleitete Alexander noch bis zu dessen Residenz auf dem Anger, dem Haus „Zur grünen Aue und Kardinal“ des Tabakfabrikanten Johann Friedrich Wilhelm Triebel, damals No. 1529, heute Anger 6, direkt neben dem Ursulinenkloster. Es gehörte zu den ausgesucht nobelsten Erfurter Bürgerhäusern, die als „maisons de l'empereur“ dienten. Gemeinsam mit dem Zaren logierten hier die Fürsten Wolkonsky, Gallizin und Kacarin, General-Consul Laebensky sowie Großmarschall Tolskoy. Die Wachaufstellung vor der Zarenresidenz, die im übrigen  jener vor dem Kaiserpalais identisch glich, bestand aus jeweils doppelten Wachen und pyramidenförmigen Schilderhäusern, letztere mit je zwei berittenen Kosaken als Posten.

Die zweiwöchigen politischen Verhandlungen waren begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm, bei dem Napoleon seine Dominanz und den „Heimvorteil“ gekonnt ausspielte. Alles stand unter der Maxime, wie er sie Talleyrand, französischer   Außenminister a.D., deutlich machte: „Ich wünsche, dass der Zar Alexander durch die Demonstration meiner Macht beeindruckt wird.“ Die breit gefächerte Palette, die Napoleon aufgeboten hatte, konnte sich wahrlich sehen lassen. Truppenvorführungen seiner Grande Armée, die ihren Namen zu der Zeit noch mit Stolz zu Recht trug, Jagden, Empfänge, Bälle, Feste, Theatervorführungen, die prachtvollen Interieurs im Palais und Ballhaus, bedeuteten eine geballte psychologische Einflussnahme auf Alexander, der sich dieser in den Verhandlungen als weitgehend unbeeindruckt zu erweisen hatte. Für die Zeit des Kongresses hatte der Theaterliebhaber Napoleon sein berühmtes Kaiserliches Hoftheater, die Comédie Française zum Gastspiel mit nach Erfurt gebracht. Auf der Bühne im Saal des ehemaligen Ballhauses der Universität in der Futterstraße, dem späteren Kaisersaal, wurden insgesamt 15 klassische Tragödien, also fast allabendlich, vor illustrem kaiserlich-königlichem Publikum aufgeführt. Die Stücke wurden von Napoleon persönlich ausgewählt, auch nach ihrer Eignung, aktuelle politische Botschaften zu vermitteln, und falls es erforderlich erschien, auch mit seinen Regieanweisungen bedacht. Nach anschließenden festlichen Banketten trafen sich die Kaiser zu persönlichen politischen Verhandlungen. Eine besondere Rolle spielte Talleyrand hinter den Kulissen, der die Bündnisvorschläge Napoleons intrigierte, an deren Erarbeitung er selbst beteiligt war, und verriet sie in geheimen Gesprächen dem Zaren. Dennoch „wurde am 12. Oktober eine Bündniskonvention zwischen Frankreich und Russland unterzeichnet, nach der Napoleon dem Zaren die Donaufürstentümer Moldau und Walachei sowie Finnland zuerkannte, während der Zar Napoleon Spanien überließ und sich im Falle eines österreichischen Angriffs auf Frankreich zum Beistand verpflichtete.“ Am 14. Oktober 1808 ging der „Erfurter Fürstenkongress“ zu Ende. Die beiden Monarchen wurden feierlich verabschiedet. Konvention und gegenseitige Bündnisbeteuerungen hielten indes nicht lange. Napoleon brach zum Rußlandfeldzug gen Moskau auf. Seine Grande Armée bezog dort 1812 und im Jahr darauf entscheidend in der Völkerschlacht bei Leipzig Niederlagen, die sein Ende als Beherrscher Europas besiegelten.

Friedrich Wilhelm IV. und Elisabeth-Medaillon

Obelisk-W-Seite
Inschrift: „RESIDENZ VON / KÖNIG F. WILHELM·IV. UND / KÖNIGIN ELISABETH / VON PREUSSEN / 1845“

Friedrich Wilhelm IV. und Elisabeth-Medaillon
Verlobung Dacheroden mit W. v. Humboldt-Medaillon

Obelisk-O-Seite
Inschrift: „HEIMLICHE VERLOBUNG VON / CAROLINE V. DACHERODEN / MIT WILHELM V. HUMBOLDT / 1789“

Verlobung Dacheroden mit W. v. Humboldt-MedaillonCaroline von Dacheröden (1766-1829) begegnete Wilhelm von Humboldt (1767-1835) im Jahre 1788. Am 29. Juni 1791 heiratete sie Wilhelm in Erfurt. Sie sollte fast vierzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod 1829, mit dem preußischen Bildungsreformer, Sprachwissenschaftler und Gesandten verheiratet sein. Aus der Verbindung gingen acht Kinder hervor, von denen drei starben. Die Ehe war geprägt von tiefer Zuneigung, lebhaftem geistigen Austausch und großer Freiheit.

 

Franzosenlager-Erfurt-Nord-Gedenkstele

Standort: S Wendenstraße, Integrierte Gesamtschule am Johannesplatz, Schulgelände, gegenüber der Bibliothek
Idee/Schöpfer: Formgestalter Arnold Bauer, Erfurt
Einweihung: 13.10.2006, durch Monsieur Thibaut de Champris, Leiter des französischen Büros in Thüringen und OB Andreas Bausewein (Ehrengäste), sowie Dr. Bernd Wilhelm, Direktor der Schule, Künstler Arnold Bauer
(ohne Inschrift)

GedenksteleDie Doppelstele aus Edelstahl wurde auf einer Rasenfläche aufgestellt, die als Ort der Stille dem Gedenken vorbehalten ist, wo heute auch an Schüler erinnert wird, die aus dem Leben gerissen wurden.
Die beiden Elemente sind schlank und annähernd von schmal-rechteckiger Gestalt, etwa 0,3 m x 2 m, sowie spaltweise versetzt. Die Schnittflächen sind leicht kurvig und die Oberflächen wellig, was bei einfallenden Sonnenstrahlen auf letztere schöne Farb- und Lichteffekte ergibt.
Die Initiative zu dem Werk ging vom Künstler selbst aus. Arnold Bauer, der in der nahen Lagerstraße wohnt, nahm an, dass der Straßenname auf ehemalige Lagerspeicher zurückgeht. Als er sich bei älteren Anwohnern erkundigte, wo denn die Speicher oder Lager standen, wurde er aufgeklärt, dass die Lagerstraße damit nicht zu tun hat, sondern vielmehr Zufahrt zum „Franzosenlager“ auf dem Johannesplatz war. Arnold Bauer forschte nicht nur selbst weiter, sondern begeisterte auch Direktor Dr. Wilhelm und seine Schüler davon, die Geschichte des „Franzosenlagers“, das sich vor über 140 Jahren an der Stelle des heutigen Schulgeländes befand, zu erforschen. Die Schüler wurden dann im Stadtarchiv fündig mit dem Verzeichnis der Kriegsgefangenen [StAE, 1-1/XI A Nr. 151 u. 154], Lageplänen, Tagebuchaufzeichnungen, Vorschriften über die Verwaltung des Lagers, sowie persönlichen Briefen und Fotografien. Die Arbeitsergebnisse überreichten sie OB Bausewein, der sich in seinen Worten im Rahmen der Enthüllung lobend an die Schüler wandte: „ Ihr habt … eine gute Arbeit geleistet.“

Gesamtansicht vom Franzosenlager 1870/71
Französisches Kriegsgefangenenlager auf dem Johannesplatz 1870/71

Die Einrichtung eines Lagers auf dem Kardinalsfleck (Johannesplatz) für französische Kriegsgefangene aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 , das bald Tausende von französischen Soldaten zählen sollte, war im September 1870 abgeschlossen. Am 9.9. trafen die ersten 2500 von ihnen ein und wurden überwiegend in Zelten im Lager untergebracht. Während für 395 gefangene Offiziere wohl annehmliche Bürgerquartiere bereitgestellt wurden, waren nach den Berichten der belgischen Zeitung „Etoile belge“ die Zustände im Lager (für die niederen Dienstgrade, die einfachen Soldaten) „schauderhaft“. Tatsächlich vertrugen die vielen gefangenen Algerier besonders die harten Wintermonate 1870/71 mit länger anhaltender Nässe und Kälte in den unbeheizten (?) Zelten nicht und die Zahl der Toten war mit 443 verhältnismäßig hoch. Sie fanden auf dem Johannes- und dem Krämpferfriedhof ihre letzte Ruhe. Am Ende des Krieges kam es am 24.März 1871 zu einem Lageraufstand der Gefangenen. Schließlich wurde das Lager geräumt, um die „Versailler Armee“ zu verstärken, die von der reaktionären bürgerlichen Regierung Frankreichs zur Niederwerfung der Pariser Kommune zusammengestellt wurde. (DT, 6, 7)

Straßen im n Umfeld des Johannesplatzes:
Lagerstraße (1904), vorher Barackenstraße genannt, führte von der Hauptstraße (Magdeburger Allee) nach SO zu Kriegsgefangenenlager mit seinen Baracken und Zelten, mündete ein in Am Johannesplatz (1912 Am Franzosenlager, ab 1950 Ammertalweg), als n Abschluss des Johannesplatzes.

 

Brandt-Denkmal, Erfurter Treffen 1970-Erinnerungsort

Dreiteilige Installation aus Leuchtschrift, Innenbeleuchtung des „Willy-Brandt-Zimmers“ und Info-Terminal in der Tourist-Information.
Leuchtschrift auf Dachfirst „Willy komm ans Fenster“ (Entwurf), abgeändert in „Willy Brandt ans Fenster“ (Realisierung)
Projektleiterin: Nicole Bemmann, Fertigung durchweg von Thüringer Firmen
Stahlgerüst 20,15 m lang, 4,5 t schwer: Weimar-Werk GmbH Linda bei Mechelroda (bereits frühere Zusammenarbeit mit Mannstein). Verzinkung: Heldrungen.
Leuchtschrift aus 21 Großbuchstaben jeweils fast einen Meter groß; Plexiglas, cremefarben; Rückwand Aluminiumblech; Licht LED's: DLI - Die Lichtwerbung GmbH Ilmenau.
Standort: Willy-Brandt-Platz, ehemaliges Hotel „Erfurter Hof“, seit 2007 Büro- und Geschäftshaus
Schöpfer: David Mannstein (2007, Entwurf), Realisierung abgeändert (Leuchtschrift)
Einweihung: 2007 / 20. Mai 2009

Brandt-Zimmer Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen am 19. März 1970 in Erfurt zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph gilt als eines der herausragenden politischen Ereignisse seiner Zeit, das weltweit für Schlagzeilen sorgte und Eingang in die Geschichtsbücher fand.
Die Ausgangspositionen konnten unterschiedlicher nicht sein. Brandt, der mit der neuen „Ostpolitik“ der sozialliberalen Regierung Brandt-Scheel ab Herbst 1969 unter der Maxime „Wandel durch Annäherung“ erste Schritte auf dem Weg der damals noch nicht absehbaren Einigung der beiden deutschen Staaten ging, bekräftigte die bekannte Forderung nach sogenannten „menschlichen Erleichterungen“, wie etwa für den Besuchs- und Reiseverkehr. Die Vorbehalte auf DDR-Seite waren groß. So hatte das SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ im Vorfeld des Treffens Brandts Ostpolitik als „Aggression auf Filzlatschen“ bezeichnet. Bei seinem Gegenüber Stoph stand die völkerrechtliche Anerkennung der DDR an oberster Stelle, verbunden mit der Festigung von Frieden und Sicherheit, „damit von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht“. Als Ausdruck des besonderen Verhältnisses zwischen beiden deutschen Staaten, der fast schon als Gemeinsamkeit angesehen werden konnte, zeigte sich in den Erklärungen vor dem Treffen, dass jede Delegation – neben der Absage an die jeweilige Hauptforderung der Gegenseite – für sich reklamiert, die Interessen der jeweils „drüben“ lebenden Menschen wahrzunehmen. Bonn beharrte auf seinem Alleinvertretungsanspruch für alle Deuschen, also auch die Bürger der DDR, weil das Land auch nach zwei Jahrzehnten seiner Existenz, nicht als Ausland angesehen wurde. Daher blieb Bundesaußenminister Walter Scheel in Bonn und DDR-Außenminister Otto Winzer ohne Gesprächspartner. Winzer begleitete Brandt in Vertretung von Stoph beim Besuch der Gedenkstätte Buchenwald am späten Nachmittag des 19. März. Willy Brandt fühlte sich seiner inneren Überzeugung folgend, auch als Kanzler der Ostdeutschen, denen er als solcher in Erfurt erstmals tatsächlich offiziell gegenübertreten konnte. (Ost-)Berlin ließ vermelden, dass „solange die Arbeiterklasse in Westdeutschland noch nicht die Machtposition in den Händen hält“, auch in ihrem Sinne zu verhandeln.
Am 21. Mai 1970 trafen sich die Regierungschefs noch einmal zum Gegenbesuch in Kassel. Auch dort kam es nicht zu einer Annäherung der verfestigten Standpunkte. Beide Treffen gingen zwar ohne greifbare Ergebnisse zu Ende, als ein Erfolg war jedoch – realistisch betrachtet – bereits ihr Zustandekommen zu sehen. Sie trugen merklich dazu bei, dass besonders die Menschen im Osten neue Hoffnung schöpften.
Später machten Vereinbarungen über Westberlin, Transitabkommen und Verkehrsvertrag die innerdeutsche Grenze ab 1972 durchlässiger. Der Grundlagenvertrag 1972 brachte schließlich die Regelung des zwischenstaatlichen Verhältnisses.

Die DDR-Sicherheitskräfte glaubten, durch umfassende Vorkehrungen alles getan zu haben, um demonstrative Sympathie- und Beifallsbekundungen für Brandt zu verhindern. Es galt die Weisung: „Höflich bestimmtes Auftreten – mehr nicht!“ Wie sich zeigen sollte, scheiterten die Pläne von Partei, Stasi und Volkspolizei jedenfalls auf dem Bahnhofsvorplatz kläglich und endeten aus ihrer Sicht in einem sicherheitspolitischen Desaster.
Am 19. März, 6 Uhr ist die Sicherung der Bahnhofsvorplatzes abgeschlossen. Erfurter und Zugereiste strömen in die Bahnhofsstraße in den schmalen Bereich hinter Straßenbahngleise und Absperrung. In der Stunde zwischen 9 und 10 Uhr, die im allgemeinen Gedächtnis von dem Treffen haften blieb, überschlagen sich die durch die anwesenden Menschenmassen  bestimmten Ereignisse. Gegen 9 Uhr kommt es an den Absperrungen zu Tumulten. Auf die Anforderung eines MfS-Genossen zum Einsatz von Wasserwerfern auf dem Bahnhofsvorplatz, wird zum Glück nicht reagiert. Als sich Stoph und Winzer vom Hotel „Erfurter Hof“ die wenigen Meter hinüber zum Hauptbahnhof zur Begrüßung der westdeutschen Delegation begeben, wird von Gastgeberseite - in fataler Fehleinschätzung der möglichen Reaktion der Massen – ein letzter Trumpf ausgespielt und eine leere Straßenbahn vorgeschoben, um die freie Sicht zu versperren. Das provoziert und stachelt die Menschen unter protestierenden Pfiffen und Schreien zusätzlich an, nach vorn zum Platz hin zu drängen. Die Straßenbahn muss zurück und die Absperrung zurückgezogen werden. Sechs Minuten nach Ankunft des Sonderzuges um 9.26 Uhr verlassen die Delegationen um Brandt und Stoph das Bahnhofsgebäude und werden von der drängenden Menge mit wiederholten „Willy“-Rufen empfangen. Nun wollte es der Zufall, dass sich hier Willi-Ost und Willy-West trafen, ihre Vornamen phonetisch glichen. Die „Willy“-Hochrufe hätten also, je nachdem für wen sie bestimmt waren, unterschiedlich interpretiert werden können, auf jeden einzeln oder auch auf beide. Warum ist dann allein die Schreibweise „Willy“ mit „y“ berechtigt, d.h. warum konnten die betreffenden Sprechchöre nur Willy Brandt gelten? Eine Frage, die in der späteren Kontroverse über die Form des künftigen Brandt-Denkmals mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Für fast jeden DDR-Bürger wäre die Beantwortung ein leichtes gewesen. Er wusste, das spontane politische Artikulation einen Tabubruch bedeuteten. Linientreue DDR-Bürger mit und ohne Parteibuch hielten sich daran. Die am späten Abend nach der Abreise Brandts auf dem Bahnhofsvorplatz verbliebenen Bestellten, riefen dann schriftlich ausgegebene Losungen! So weit wurde der Irrsinn damals getrieben. Für jeden, der mit dem DDR-System vertraut war, musste klar sein, dass die „Willy“-Rufe für Brandt bestimmt waren, wenngleich die Mehrdeutigkeit als willkommen entlastender Hintergedanke bei den Rufenden eine gewisse Rolle gespielt haben mag. Aus dem gleiche Grunde wäre eine mögliche vorgegebene Losung „Willy“ undenkbar gewesen.

Es kam zu den eindeutigen Sympathiebekundungen, die von DDR-Seite unbedingt verhindert werden sollten. Die Menschenmenge kennt nun kein Halten mehr und durchbricht Absperrung und Polizeikette, ein gespanntes Tau genügt da nicht mehr. Offiziell ist anfangs von ca. 400 bis 500 Menschen, überwiegend Jugendlichen, die Rede, die bis vor den „Erfurter Hof“ vordringen. Am Ende sind es ca. 8.000. Um 9.40 Uhr geht der Sprechchor „Willy Brandt, Willy Brandt“ über in „Willy Brandt ans Fenster“. Die Polizei will dabei Jugendliche aus den drei Erfurter Großbetrieben Pels, Optima und Funkwerk als Urheber ausgemacht haben (?). Und weiter: „Daraufhin riefen 'positive Kräfte' 'Stoph ans Fenster!' und die Jugendlichen nun 'Beide ans Fenster!'“ Zunächst erscheint kein Willy(i), stattdessen der Bonner Regierungssprecher Conrad Ahlers an einem Runderker-Fenster von Zimmer 222 des Hotels, dem ein „Pfui Ahlers, buh Ahlers“ entgegenschlägt. Ahlers hatte noch in Bonn für einen Eklat gesorgt, als er zu den Arbeitsbedingungen in Erfurt erklärte, dass es „eine halbwegs zivilisierte Gegend“ sei. Die gut informierten DDR-Bürger hatten das nicht als ironisch dahingesagt, sondern im Ton vergriffen, aufgenommen und dem Ahlers nun die Quittung dafür verabreicht.
Um 9.45 Uhr zeigt sich Brandt der jubelnden Menge vom Mittelfenster des Zimmers 222. Rechts davon ist Ahlers am geöffneten Nachbarfenster geblieben und blickt – eine Zigarette rauchend – ebenfalls auf die Menschen vor dem Hotel hinunter. In diesem Augenblick nimmt Günther Hergt das berühmt gewordene Foto – Willy Brandt am Fenster – auf, das um die Welt ging. Und wie präsentiert sich der Kanzler dort am Fenster? Weder in Jubelpose, noch winkend, eher beide Hände nach unten führend, um auf die euphorische Stimmung der Menschen beruhigend zu wirken. Die Geste kommt an. Obwohl sichtlich bewegt von der Szenerie, bleibt Brandt selbstbeherrscht und distanziert, wie übrigens den gesamten Tag von Erfurt über. Er vermeidet alles, was seine Gastgeber brüskieren und den Erfolg der Gespräche gefährden könnte. Das ist seine politische Mission bei dem Treffen, in einer entspannten Gesprächsatmosphäre, Fortschritte in den Beziehungen erreichen. Dem ordnet er alles unter. Als Willy Brandt das Fenster verlassen hatte, sind noch vereinzelt Rufe zu hören: „Willy Stoph ans Fenster.“ und „Beide, beide.“, die erfolglos bleiben. Wie es in seinem Innersten an diesem 19. März 1970 aussieht, das machte Willy Brandt später in seinen Erinnerungen deutlich: „Der Tag von Erfurt, gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?“ Es waren nur wenige Minuten, die sich der Kanzler in dem Zimmer, das nach 1990 seinen Namen erhielt, aufgehalten hatte. 1990 kehrte Willy Brandt noch einmal dorthin zurück, als der „Erfurter Hof“ noch existierte und sich zu 1970 kaum verändert darbot. Tatsächlich logierte der Politiker eine Etage höher, sowie aus Gründen der Sicherheit, Abgeschirmtheit und Ruhe nach hinten heraus. Genächtigt hat er damals dort aber nicht, es ging am späten Abend wieder zurück gen Westen. Nur einmal gerät der Ablauf noch ins Stocken, als der Sonderzug in Hochheim wegen festgefahrener Bremse halten muß. Da ist das Erfurter Treffen aber bereits Geschichte.

Brandt-Leuchtschrift

Erst nach dem Ende der DDR 1990, ergab sich die realistische Möglichkeit, das 1970er Treffen und damit Willy Brandt zu würdigen und an beides zu erinnern. Doch der Niedergang des Hotels und sein Schließung 1995, das jahrelange Warten auf ein Nutzungskonzept sowie die Sanierung des Hauses, machten die Planung für ein dortiges Denkmal weiterhin unmöglich. Der Verein „Willy Brandt im Erfurter Hof“ bemühte sich in dieser Zeit, die Erinnerung an 1970 wachzuhalten und installierte ein lebensgroßes Foto „Willy Brandt am Fenster“ am originalen Ort. Der Umbau zu einem Büro- und Geschäftshaus kam dann Mitte der 2000er Jahre, der Bahnhofsvorplatz wurde in Willy-Brandt-Platz benannt und eine Gedenktafel für den Politiker am ehemaligen „Erfurter Hof“ unterhalb des berühmten Erkerfensters angebracht.
Was noch fehlte, war das eigentliche Denkmal. Es sollte das nunmehr über 35 Jahre in die Vergangenheit entrückte Erfurter Treffen mit seiner Initialwirkung auf die deutsche Einigung auch den Generationen, die damals nicht Zeitzeugen waren, ins Bewusstsein bringen. Dazu wurde am 31. August 2006 ein Ideenwettbewerb „Kunst im öffentlichen Raum“ ausgeschrieben, um den Politiker und Menschen Willy Brandt zu ehren, der entscheidend zur Annäherung der beiden deutschen Staaten beigetragen hat. Damit war umrissen, dass sich die Stadt Erfurt ein Denkmal vorstellt, das dem besonderen historischen Anlass durch eine ebensolche zeitgemäße historische Umsetzung möglichst nahe kommt. In der außergewöhnlich großen Wettbewerbsjury unter Vorsitz von Prof. Kai-Uwe Schierz, damaliger Direktor der Kunsthalle, war die höchste künstlerische Kompetenz versammelt, die Erfurt zu bieten hatte, um die möglichst ausgewogendste und beste Auswahl zu treffen. Sie fiel am 5. März 2007 auf den Entwurf des Berliner Künstlers David Mannstein, der sich gegenüber den anderen eingereichten Arbeiten als einzigartig heraushob.
Der Sieger konzipierte das Brandt-Denkmal als eine dreiteilige Installation in moderner visuell-medialer Formensprache zu der bereits vorhandenen Gedenktafel unter dem „Brandt-Zimmer“:

  • Die Leuchtschrift “Willy komm ans Fenster“ auf dem Dachfirst des zurückgenommenen Mittelteils des „Erfurter Hofs“,
  • die Innenbeleuchtung des „Willy-Brandt-Zimmers“
  • das Info-Terminal in der Tourist-Information.

Das oberste Element der Anlage, die Leuchtschrift, erweist sich dabei als das bei weitem wirkungsvollste. Hier gelingt es dem Künstler, aus dem heutigen Zeitgeist heraus, über die Persönlichkeit Willy Brandt auf ein bedeutendes Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte zu vermitteln, das einen frühen Beitrag zur Überwindung der deutschen Teilung leistete. Nicht alle Teile des Denkmals können in ihrer Wirkung so überzeugen, was in einem Versuch der Bewertung anklingen soll.

  • Die Leuchtschrift – der stärkste Teil. Die beeindruckendste Leistung Mannsteins. Genial, wie er darin gleich dreifach erinnert und würdigt: Willy Brandt, Volkes Stimme mit ihren Rufen und damit der historische Anlass – das Treffen. Die gewählte Fassung „Willy komm ...“ spricht den Betrachter sofort an, ist volksnah, sympathisch, ein wenig kumpelhaft und ostdeutsch und stark assoziativ. Um vom Parteipolitischen wegzukommen, verzichtet Mannstein auf den Nachnamen und wählt statt roter helle Buchstaben. Durch einfach klare Letter gewinnt die Schrift, besonders wenn sie bei Dunkelheit erleuchtet ist, große Weitenwirkung. Sie ist für Reisende auf der Bahnsteigebene des Hauptbahnhofs lesbar.
  • Die Beleuchtung des Zimmers – der schwächste Teil. Die Idee – das Zimmer korrespondiert mit „Fenster“ in der Leuchtschrift – ist zwar lobenswert, sie entwickelt aber ihre eigentliche Wirksamkeit erst am späten Abend oder in der dunkleren Jahreszeit, wenn Schriftzug und Brandt-Zimmer erleuchtet und alle anderen Zimmer zum Platz hin dunkel sind. Dann liegt es nur noch am Betrachter zwischen „Fenster“ und Zimmer die Verbindung zu finden, dass „Willy“ an eines der erhellten Fenster trat.
  • Das Info-Terminal vermittelt ausreichend Fakten zum Denkmalprojekt, über den Künstler Mannstein und nicht zuletzt über das Erfurter Gipfeltreffen. Aber auch hier ist die Wirksamkeit eingeschränkt. Der Zugang zum Terminal ist an die Öffnungszeiten der Information gebunden, ansonsten hilft beim Auffinden nur der Zufall oder eine kompetente Auskunft. Wünschenswert wäre deshalb eine frei zugängliche Info-Tafel, wie sie vielerorts zu finden ist, die knapp über das dreiteilige Brandt-Denkmal informiert.

Die Jury traf eine mutige, künstlerisch ambitionierte Entscheidung, die richtig schien. Was sich aber nun folgte war nicht die Realisierung des Entwurfs, sondern eine an Heftigkeit hier noch nicht da gewesene Debatte, die das zu erwartende Maß an Kritik weit übertraf und als sogenannter „Erfurter Denkmalstreit“ in die Annalen einging. Das Bild, das sich dabei deutschlandweit über die Aufgeschlossenheit, Toleranz und Sensibilität eines großen Teiles der Öffentlichkeit hierzulande verbreitete, war nicht vorteilhaft. Sicherlich sind Gegenmeinungen völlig legitim und auch notwendig, wenn sie mit der erforderlichen Sachlichkeit und einem gewissen Augenmaß vorgetragen werden. Daran fehlte es aber häufig. Es hagelte Eingaben und Proteste. Grundsatzfragen kamen auf: Ist ein simpler Schriftzug bereits Kunst? oder Ist die geplante Installation überhaupt ein Denkmal? Schließlich wurde das Denkmalprojekt insgesamt in Frage gestellt.
Vergleichbare Streitfälle zu Denkmalsentwürfen gab es auch vorher schon in Erfurt. Erinnert sei nur an das Denkmal des Unbekannten Wehrmachtsdeserteurs (dort auch inhaltlich) oder in jüngerer Zeit die Jüdischen Opfer-DenkNadeln. Das Ausmaß und die Schärfe, mit der sich die öffentliche Meinung nun gegen den Mannstein-Entwurf aussprach, übertraf alles bisherige. Hinzu kam, dass sich die Argumentation nicht selten auf einem doch dürftigen Niveau bewegte. Viele sehnten sich nach alt hergebrachten bewährten Denkmalformen zurück, manche verwiesen zudem auf ein dann günstigeres Kosten-Wirkungsverhältnis. Unter Berücksichtigung all dessen, konnte auf die Frage „Ist Erfurt reif für dieses Denkmal?“ eigentlich nur ein „Nein“ oder wenigstens ein „Noch nicht“ kommen. Die Akzeptanz neuer, abstrakter, bisweilen provokanter Formen – insbesondere wenn es um ein Denkmal geht – ist weiterhin gering ausgebildet und entwicklungsbedürftig. Wir sollten stärker dazu bereit sein, moderne Kunst im öffentlichen Raum zu wagen und zuzulassen. Dieser Anspruch ist eine Konsequenz der sich ständig weiterentwickelnden Formen der Wahrnehmung, Information oder Kommunikation, die fast alle Lebensbereiche betreffen.
Die Chance, die sich bei der Umsetzung des Brandt-Denkmals bot, wurde leider (noch) vertan. Heftiger „Gegenwind“ erreichte auch die Offiziellen der Stadt, die sich veranlasst sahen, durch Vermittlung einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Das gelang dann auch dem OB Bausewein durch einen Kompromiss, der jedoch zu Lasten des künstlerischen Entwurfs Mannsteins ging. Anders als bei den DenkNadeln, wo die Künstlerin an ihrem Entwurf konsequent festhielt, willigte Mannstein aufgrund des auch für  ihn deutlich spürbaren Drucks letztlich in die Abänderung seines Entwurfs ein. Sie betraf allein die Leuchtschrift, in der das zweite Wort „komm“ durch „Brandt“ zu ersetzen war. Damit konnten sich die Stimmen durchsetzen, die einem originalen Wortlaut den absoluten Vorrang vor einer freien künstlerischen Interpretation gaben. Mit diesem doch erheblichen Eingriff in den Entstehungsprozess des Denkmals, wurden dem Künstler seine vielleicht wichtigste Idee und damit die Identifikation mit dem Werk genommen. Es erscheint daher auch berechtigt, die Künstlerschaft Mannsteins nur noch auf den siegreichen Entwurf zu beziehen, während die Realisierung als eine populistisch beeinflusste Fassung gelten mag. Nachzuempfinden ist, dass Mannstein weiterhin etwas betrübt die Änderung seines Textes bedauere und es nicht einer gewissen Tragik entbehrt, wenn das einzig durch ihn gewürdigte „rufende Volk“ nun gegen den Künstler aussprach. Immerhin hat sich „das Volk“ erneut durchgesetzt, nachdem es am 19. März 1970 die Absperrungen überwand, überstimmte es 2007 eine falsch verstandene Würdigung. Mit dem ausgehandelten Kompromiss waren die Probleme jedoch mitnichten gelöst, sie begannen erst richtig. Mannstein hatte zwar ein mögliches parteipolitisches Konfliktpotential wohlbedacht und seine Textwahl dahingehend entschärfend angepasst, mit der Hereinnahme des Namens „Brandt“ war es jedoch auch um diesen guten Gedanken geschehen. Das Denkmal geriet zum Zankapfel zwischen Parteilagern, zu einem größeren Politikum, was sich auch in einer anhaltend negativen Bewertung bis hin zu Ablehnung aus dem in seiner Befindlichkeit erheblich verletzten Lager zeigte.

Straßennamen: Willy-Brandt-Platz

 

Alter Jüdischer Friedhof

Standort: Cyriakstraße
Einweihung: 6.8.2009 (Neugestaltung)

Gedenkstein auf Altem Jüdischen Friedhof
Alter Jüdischer Friedhof
Alter Jüdischer Friedhof

Der Friedhof in der Cyriakstraße wurde 1811 angelegt, nachdem sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder Juden in Erfurt ansiedeln durften. Er wurde bald zu klein, durfte aber nicht erweitert werden. 1878 wurde daher ein neuer jüdischer Friedhof an der heutigen Werner-Seelenbinder-Straße angelegt. Für Juden ist der Friedhof ein „Haus des Lebens“ mit der immer währenden Grabruhe. Nach dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, darf die Totenruhe nicht gestört werden. „Die Lebenden ruhen gleichsam auf den Schultern der Toten“, sagte der damalige Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Wolfgang Nossen am Einweihungstag. 1926 wurde der Friedhof durch Angehörige des Wikingbund geschändet, alle Grabmale umgestoßen. 1939 mußte das Gelände unentgeltlich der Stadt überlassen werden und wurde 1944 nochmals zerstört.
Die Totenruhe blieb auch im Sozialismus weiter gestört. Obwohl die jüdische Gemeinde das Grabfeld 1948 zurückbekam, wurde es erneut unter Druck an die Stadt übergeben. Es wurde ein Kinderspielplatz darauf gebaut, später Garagen für die Staatsanwaltschaft daneben. Nach der Wendezeit hatte es über 15 Jahre gebraucht, bis die diffizilen Grundstücksfragen endgültig geklärt waren. (DT)

 

Jüdische Opfer-DenkNadeln

Standorte: Stadtgebiet, meist Innenstadt
Schöpfer: Sophie Hollmann, Erfurt
Einweihung: 2009 - 2013

Initiator der DenkNadeln ist der Arbeitskreis „Erfurter GeDenken 1933-1945“, welcher die Erinnerung an verfolgte und ermordete jüdische Mitbürger im Nationalsozialismus in der Stadt fest verankern möchte. Bei der künstlerischen Umsetzung ging man in Erfurt einen neuen Weg, neben dem der bekannten und schon in einigen deutschen Städten vorzufindenden „Stolpersteinen“. Eine Erfurter DenkNadel soll eine Pinnnadel in perspektivischer Draufsicht symbolisieren. Unter dem farblich auffallenden Knopf ist am oberen Rand des Edelstahlcorpus jeweils eine kleine Tafel zu Person(en) und den bekannten Lebensdaten angebracht.
Jeweils an einem 9. November, an dem sich die Reichspogromnacht 1938, die als Beginn der Shoa, dem Völkermord an den Juden, gilt, wurden die Denknadeln an den letzten Wohn- oder Wirkungsorten im innerstädtischen Bereich gesetzt. Die dabei zugrunde liegende Idee, dem Massenschicksal Namen und Ort zu geben, ist Ausdruck einer lebendigen Erinnerungskultur, die an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte mahnt.
Insgesamt konnten neun DenkNadeln errichtet werden - 2009 die ersten vier und 2013 die neunte und (vorerst) letzte. Damit beendete der Arbeitskreis die Installation von DenkNadeln im öffentlichen Raum, nicht aber sein bürgerschaftliches Engagement. Er führt die Erinnerungsarbeit innerhalb des Netzwerkes von Einrichtungen jüdischen Lebens in Erfurt weiter. Die Einweihungen der Nadeln fanden oft im Beisein naher Verwandter und in sehr bewegender Form statt. Sie waren alle gerührt über diese besondere Form des Gedenkens und über das große Interesse und die Anteilnahme der Erfurter BürgerInnen.

Spier-DenkNadel

Standort: Straße des Friedens 1
Einweihung: 9. November 2009

Spier-DenkNadel
Spier-Gedenktafel
Spier-Gedenktafel

Das Ehepaar Dr. phil. Hilde und Carl Ludwig Spier floh mit ihren beiden Kindern 1935 ins Exil nach Brüssel, kam später auf getrennten Wegen in Südfrankreich wieder zusammen, wurde interniert, konnte die Kinder noch in sicherer Obhut geben bevor sie ausgeliefert wurden. Die Tochter des Ehepaars, Marianne (79) weihte die DenkNadel ein.

Schüftan-DenkNadel

Standort: Straße des Friedens 13
Einweihung: 9. November 2009

Schüftan-DenkNadel
Schüftan-Gedenktafel
Schüftan-Gedenktafel

Die Frau des bereits 1936 verstorbenen Rabbiners, Blondina Schüftan, organisierte in ihrer Wohnung das Gemeindeleben, bevor sie 1942 deportiert wurde.
Dina Schüftan, die nach ihrer Großmutter benannte Enkelin Blondina Schüftans, kam eigens aus Jerusalem nach Erfurt gereist, um der Einweihung beizuwohnen.

Stein-DenkNadel

Standort: Puschkinstraße 16
Einweihung: 9. November 2009

Stein-DenkNadel
Stein-Gedenktafel
Stein-Gedenktafel

Der im September 1933 zwangsweise in den Ruhestand versetzte Lehrer Leopold Stein unterrichtete jüdische Schulkinder, bevor er gemeinsam mit seiner Frau Elly in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.
Die Enkelin der Steins, Judith Bernstein und ihr Mann Reiner, weihten die Nadel ein.

Beer-DenkNadel

Standort: Domplatz 23
Einweihung: 9. November 2009

Beer-DenkNadel
Beer-Gedenktafel
Beer-Gedenktafel

Der Vierjährige Günther Beer war der jüngste Einwohner Erfurts, der deportiert wurde. Er kam mit seiner Mutter und den Großeltern 1942 ins Ghetto Belzyce.

Ehrlich-DenkNadel

Standort: Bahnhofstraße 40
Einweihung: 9. November 2010 oder 2011

Ehrlich-DenkNadel
Ehrlich-Gedenktafel
Ehrlich-Gedenktafel

Der Facharzt für Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten, Dr. med. Ernst Ehrlich, war ab Oktober 1938 von Berufsverbot betroffen. Am 9. November 1938 (Reichspogromnacht) wurde er verhaftet, in den Sammelpunkt Turnhalle des Realgymnasiums gebracht und am nächsten Tag ins KZ Buchenwald transportiert. Ab Juli 1939 war er als letzter "Krankenbehandler" in Erfurt tätig, d. h. ausschließlich zur Behandlung von Juden zugelassen. Dr. Ernst Ehrlich starb am 13.10.1942 im Ghetto Theresienstadt.

Rosenblüth-DenkNadel

Standort: Meister-Eckehart-Straße 1, auf dem Hof des Evangelischen Ratsgymnasiums
Einweihung: 9. November 2010 oder 2011

Rosenblüth-DenkNadel
Rosenblüth-Gedenktafel
Rosenblüth-Gedenktafel

Naemi Rosenblüth war seit Ostern 1937 Schülerin der damaligen Mittelschule für Mädchen, genannt Kasinoschule. Im Oktober 1938 wurde sie zusammen mit Mutter und Schwestern im Rahmen der sogenannten Polenaktion abgeschoben.

Cohn-DenkNadel

Standort: Johannesstraße 98, ehemaliges Ghettohaus
Einweihung: 9. November 2010 oder 2011

Cohn-DenkNadel
Cohn-Gedenktafel
Cohn-Gedenktafel

Max Cohn wurde im Sommer 1942 mit Frau, einer Nichtjüdin, und ihren drei Kindern in eine Wohnung im ersten Stockwerk des Hinterhauses eingewiesen. Das Ghettohaus, war von Gestapo und Stadtverwaltung als "Judenwohnraum" bestimmt. Nach Denunziationen kamen Max sowie die Kinder Helmut und Rosemarie in verschiedene KZ, wo sie sehr wahrscheinlich umkamen.

Dublon-DenkNadel

Standort: Anger 46
Einweihung: 9. November 2012

Dublon-DenkNadel
Dublon-Gedenktafel
Dublon-Gedenktafel

Die Brüder Erich und Wilhelm Dublon betrieben dort bis 1938 ein Schuhgeschäft, bevor sie im Mai 1939 mit ihren Familien in Hamburg an Bord eines Flüchtlingsschiffes gingen. Tragischerweise scheiterte die Flucht, sie landeten in Belgien. Erich wurde 1942, sein Bruder Wilhelm 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und beide dort ermordet.

Simon-DenkNadel

Standort: Lutherstraße 5
Einweihung: 9. November 2013, 18 Uhr

Simon-DenkNadel
Simon-Gedenktafel
Simon-Gedenktafel

Herta Simon wohnte gemeinsam mit Mutter und Großmutter dort. Herta war  vorübergehend als Hausgehilfin tätig und wollte in dieser Tätigkeit nach Schottland auswandern, wozu es nach Kriegsausbruch nicht mehr kam. Sie wurde zusammen mit der Mutter am 9. Mai 1942 in das Ghetto Belzyce deportiert.
Diese neunte DenkNadel initiierten die Träger des mitteldeutschen Rundfunkpreises 2012. Mit dem Preis wurden Audiofeatures zu den Erfurter Denknadeln ausgezeichnet, die Radio F.R.E.I. mit Schülern des Königin-Luise-Gymnasiums produziert hat.
Zustifter sind der Hauseigentümer und die Nutzer des ersten Obergeschosses der Lutherstraße 5.

 

Bombenopfer Klosterbibliothek 1945 Gedenkstätte, Ort der Stille, Ort der Versöhnung

Standort: Evangelisches Augustinerkloster – Lutherstätte – Keller im Haus der Versöhnung  (Neubau der Bibliothek)
Einweihung: 27. August 2010 durch die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Frau Ilse Junkermann

Tafel von der Zerstörung der KlosterbibliothekAm 25. Februar 1945 detonierte eine englische Luftmine über der historischen Klosterbibliothek, zerstörte sie und riss 267 Menschen, die im Keller Schutz gesucht hatten, in den Tod. Nur ein Mädchen und ein Hund konnten gerettet werden.
Am 25. Februar 2008, dem Tag der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der  Klosterbibliothek, wurde das Nagelkreuz von Coventry vom Canon der dortigen Kathedrale überreicht. Deutsche Bomben zerstörten 1940 Coventry und seine Kathedrale. Drei Nägel unter den Trümmern der Kathedrale sind zum Kreuz zusammengefügt. Es ist ein Zeichen für Versöhnung und Frieden. Die Kreuzorte sind als Nagelkreuzzentren – das Augustinerkloster bildet das erste in Thüringen - in der Nagelkreuzgemeinschaft miteinander verbunden und laden ein zum FRIEDENSGEBET VON CONVENTRY. (DT)

Ort der StilleNagelkreuz von Coventry

Opfer des II. Weltkrieges-Gedenkstein, ND (Doppeldenkmal), versetzt

Standort: Niedernissa, Lindenanger
Einweihung: um 2010

Opfer des II. Weltkrieges-GedenksteinVermutlich im Rahmen der Neugestaltung des Ortszentrums am Lindenanger wurde der Findling (ND) von seinem bisherigen Platz zwischen dem Linderbach und der Ortsstraße Am Pfingstbach etwa 10 m versetzt, mit einer Inschrift aus aufgesetzten Buchstaben versehen und so als Gedenk- und Friedensmal nachgenutzt. (DT)

 

Erfurter Parteitag-Gedenktafel

Plexiglastafel, zur Wand abstehend angebracht
Standort: Futterstraße1) 15/16 „Kaisersaal“, äußerste rechte Laibung der fünf Eingangsportale
Anbringung/Enthüllung: 20. Oktober 2011
1) Als Futtergasse erstmals 1321 erwähnt, nach der dort ansässigen Zunft der Futterer. Sie waren vom Mainzer Erzstift dazu ermächtigt, die „Futterkasten“ zu halten, also Pferdefutter zu verkaufen.

Erfurter Parteitag-Gedenktafel
Kaisersaal
Kaisersaal in der Futterstraße

Die lang ersehnte und schwer erkämpfte Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 bot den Sozialdemokraten den willkommenen Anlass, dies mit einer zünftigen „Begräbnisfeier“ zu begehen. Und wo? Natürlich im „Kaisersaal“, der sich bereits über zwei Jahrzehnten zum bevorzugten Versammlungsort der Erfurter Arbeiterschaft etabliert hatte. Zu den großen politischen Veranstaltungen kamen hier 2000 Personen zusammen.
In den letzten Jahren des Sozialistengesetzes, zu dem sich selbst in der preußischen Ministerialbürokratie schon längst Zweifel regten, ob dies noch das geeignete Kontrollinstrument darstelle, gelangten marxistische Ideen zu immer größerer Breitenwirkung unter der Erfurter Sozialdemokratie. Dies war vor allem auch ein Verdienst von Paul Reißhaus, 1889 Teilnehmer der II. Internationale in Paris, der es verstand ,die Positionen von Bebel und Liebknecht weiter zu vermitteln. Bei den Reichstagswahlen am 20. Februar 1890, wurde die Sozialdemokratie mit Reißhaus erstmals die stärkste Partei in der Stadt Erfurt. Sie konnte sich in der Stichwahl gegen das konservative Lager durchsetzen, nachdem sie im 1. Wahlgang nur knapp an der absoluten Mehrheit gescheitert war. In Erfurt gelang es seit den letzten Wahlen 1884, legale und illegale Parteiarbeit – unter geheimer Führung von Reißhaus u.a. - in fast idealer Weise zu verbinden und das Sozialistengesetz immer weiter auszuhöhlen. Diese Leistung der Erfurter Sozialdemokraten trug mit dazu bei, dass schließlich im Januar 1890 eine Mehrheit im Reichstag gegen die Verlängerung des Sozialistengesetzes votierte und damit Reichskanzler Bismarck zum Rücktritt veranlasste. Am 1. Mai 1890 wurde zwar die größte Kundgebung zum Tag der Arbeit im „Kaisersaal“ nochmals aufgelöst, aber danach hatte das Sozialistengesetz endgültig ausgedient. Der Weg war nun frei, ganz legal sozialdemokratische Ortsvereine zu bilden.
Die Frage nach der programmatischen Ausarbeitung für die Arbeiterpartei gelangte nun zunehmend notwendiger auf die Tagesordnung. Diese Arbeit war bereits im Jahr nach dem Fall des Sozialistengesetzes so weit fortgeschritten, dass mit der Vorbereitung eines wegweisenden Parteitages der deutschen Sozialdemokratie begonnen werden konnte.
Als Tagungsort fiel die Wahl nicht ganz unerwartet auf Erfurt, sicherlich der zentralen Lage wegen, bestimmt aber auch angesichts der großen Erfolge, Stärke und des Selbstbewusstseins, den die hiesige Arbeiterschaft im politischen Kampf gewonnen hatte.
Vom 24. bis 30. Oktober 1891 wurde der bedeutende Parteitag nach Erfurt in den geschichtsträchtigen „Kaisersaal“ einberufen. Paul Reißhaus als führender, verdienstvoller Funktionär der gastgebenden Sozialdemokraten eröffnete die Tagung, die unter Leitung von August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Paul Singer stand. Der Parteitag beschloss ein  neues Programm, das die Lehren aus dem Kampf unter dem Sozialistengesetz zog und die Kritik von Marx und Engels am Gothaer Programm berücksichtigte. Die Durchsetzung weitgehender bürgerlich-demokratischer Rechte und die Verbesserung der Lage des Proletariats wurden als Nahziele ausgegeben. Das „Erfurter Programm“ blieb für Jahrzehnte die offizielle politische Richtlinie der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Der namensgebenden Stadt sicherte es darüber hinaus einen bleibenden Platz in der Geschichtsschreibung und die Verbindung zu einem mit Fortschritt assoziierten Ereignis großer internationaler Tragweite.
1963 ging der Gebäudekomplex „Kaisersaal“ in die Trägerschaft des VEB Büromaschinenwerk Optima über, der es nun als Kulturhaus für seine Beschäftigten nutzte. Anfang der 1980er Jahre richtete die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Optima, Sektion Billard, mehrere Räumlichkeiten im westlichen Gebäudetrakt in Eigenleistung her, um dort auf drei Turnierbillards ihre Sport ausüben zu können. Diese leider nur wenige Jahre währende Episode belebte eine frühe Tradition als Billardhaus neu, die bis ins 18. Jh. zurück reichte.
1964 wurde die „Gedenkstätte Erfurter Parteitag 1891“ eingerichtet, um an das wohl geschichtlich bedeutendste Ereignis in diesem Hause in würdiger Form zu erinnern, und nicht ohne nebenbei auf die Erfolge beim sozialistischen Aufbau in der DDR hinzuweisen. Die Gedenkstätte wurde zu einer Pilgerstätte, organisiert besucht von Arbeitskollektiven, Schüler- und Studierendengruppen sowie von politische Interessierten auch aus dem Ausland. In den 25 Jahren ihres Bestehens konnten in der Gedenkstätte beeindruckende 400.000 Besucher begrüßt werden.
Etwa um 1988, als die DDR bereits ihrem unausweichlichen Untergang entgegen eilte, hatte man große Pläne vor mit dem inzwischen darnieder liegenden „Kaisersaal“ - das 100. Jubiläum der Annahme des marxistischen „Erfurter Programms“ 1991 stand bevor.
Das musste planmäßig genutzt werden. Mit einer aufwendigen Rekonstruktion nach originalem Vorbild sollte der Saal wieder glanzvoll erstrahlen. Dazu kam es, wie bekannt ist, nicht mehr, jedenfalls nicht in der DDR. Deren Ende 1989/90 bedeutete auch das Aus für die Gedenkstätte und das Jubiläum ging in dem allgemeinen Aufbruchstrubel unter.
Die Pläne konnten aber dennoch verwirklicht werden, wenn auch anders, aber besser.
Von 1991-94 wurde der gesamte Gebäudekomplex einer mehrjährigen umfangreichen Rekonstruktion unterzogen, von der Wiederherstellung der klassizistischen Fassade bis zum Glanzpunkt „Kaisersaal“. Rund 35 Millionen DM aus Städtebauförderung, Mitteln der  Denkmalpflege und der Länder Thüringen sowie Nordrhein-Westfalen(!) wurden in das Ensemble investiert, bis das traditionsreiche Haus am 15. Mai 1994 wiedereröffnet werden konnte. Mit hohem Aufwand hat man sich der Erneuerung des Saales mit den umlaufenden zwei Rängen und dem freigelegten und restaurierten Deckenbild von 1870 gewidmet. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.
Weniger rühmlich war es allerdings mit der Erinnerungskultur zum „Erfurter Parteitag“ und seinem Programm nach 1990 bestellt. Die Genossen von der SPD, deren ureigenstes Interesse eigentlich darin bestehen sollte, ihre historischen Wurzeln lebendig zu halten, wollten sich nicht so recht erinnern. Die anderen ohnehin nicht. So vergingen die Jahre, bis schließlich doch noch 2011, genau 120 Jahre nach dem der Parteitag zu Ende ging,  eine Erinnerungstafel angebracht werden konnte. (DT, 6)

 

Moses-Ehrenhain bei Stotternheim

Standort: O Stotternheim, O-Ende Luthersteinweg, etwa 100 m w Lutherstein
Stifter: ASB Regionalverband Mittelthüringen
Einweihung: November 2012
Inschrift: Dieser Hain wurde angelegt zu Ehren von | Dr. Oskar Moses | 1873 - 1938 | Als Armenarzt und als Verbandsarzt des ASB | erwarb er sich große Verdienste um das | Gesundheitswesen der Stadt Erfurt. | Erfurt, im November 2012 | ASB Regionalverband Mittelthüringen

Moses-GedenksteinMoses-Gedenktafel

Moses-Ehrenhain

 

Totentanzrelief an der Barfüßerkirche

Bronzeguss, gestiftet von Kunstfreunden aus Deutschland 2012.
Standort: Langhaus-Ruine, S-Wand, neben dem Zugang zum Innenraum
Schöpfer: Hans Walther, Relief aus dem Zyklus "Totentanz", 1947
Enthüllung: 24. November 2012, 18 Uhr, durch den OB Andreas Bausewein

Totentanzrelief an der Barfüßerkirche1947/48 schuf Hans Walther (1888-1961), in einer Phase der Bewältigung und künstlerischen Verarbeitung des zweiten Weltkrieges, fünf Tafeln zum uralten Thema des Totentanzes – eine seit dem 14. Jahrhundert aufgekommene Darstellung der Gewalt des Todes über das Menschenleben. Auch Erfurt besaß einen Totentanz-Zyklus aus 56 großen Ölgemälden, von denen 36 Ölgemälde von dem bedeutenden Erfurter Maler Jakab Samuel Beck (1715-78), als sein Hauptwerk, stammten. Der im Augustinerkloster ausgestellte Zyklus wurde beim großen Stadtbrand von 1872 vollständig zerstört.
Zumeist ist die Darstellung von Tanz und Tod gemeinsam verbildlicht. Vier der fünf Tafeln Hans Walthers "Totentanzreliefs" befinden sich im Angermuseum Erfurt. Sie zeigen den Schrecken des Krieges: Der als Skelett personifizierte Tod ist der Beherrscher des Chaos und Dirigent der Menschen-Skelette.
Die fünfte Tafel galt als verschollen und existierte nur als Fotodokument. Auf ihr dirigiert der Tod (im Vordergrund links) ein großes Orchester von Skelett-Musikern (auf der rechten Seite) und winkt mit seiner erhobenen linken Hand über der Ruine der Barfüßerkirche kreisende „Skelett-Vögel“ heran. Die Tafel ist nun gleichsam wieder auferstanden: Im Sommer 2011 schenkte ein großherziger Kunstfreund dem Initiativkreis Barfüßerkirche einen Abguss des Originals. Der Initiativkreis beschloss, das für Erfurt so wichtige Kunstwerk 65 Jahre nach seiner Entstehung und 68 Jahre nach der Zerstörung der Barfüßerkirche in Bronze umgießen zu lassen und die Arbeit Hans Walthers so zum guten Ende zu führen.
Dem Engagement der Erfurter Bürger und dem Initiativkreis Barfüßerkirche ist es zu verdanken, dass die 5. Tafel des "Totentanzzyklus" als bisher einziges Relief in Bronze gegossen werden konnte. Hans Walthers Kunstwerk erhielt seinen endgültigen Platz an der Barfüßerkirche in Erfurt.

Barfüßerkirche, LanghausruineTotentanz Tafel

Der heutige Zustand des Bauwerks geht auf die Detonation einer Luftmine in der Barfüßerstraße am 26. November 1944 zurück. Ihr fiel die gesamte Südfront und das Dach des Langhauses samt der Gewölbe zum Opfer. Bis 1977 war die Kirche Gotteshaus der evangelischen Barfüßergemeinde. Nach umfangreicher Rekonstruktion ist der Chor seit 1982 als Außenstelle des Angermuseums für Besucher zugänglich.
Der Innenraum der Langhaus-Ruine wird seit Jahren zu stimmungsvollen Open-Air-Aufführungen im Erfurter Theatersommer genutzt. (Karsten Horn, gekürzt, verändert, DT)

Legende

O – Osten, o – oestlich, auch no – nordöstlich, usw.
KD – Kleindenkmal
FD – Flurdenkmal
ND – Naturdenkmal
OB – Oberbürgermeister
Jh. - Jahrhundert

Quellen / Literatur

1. Menzel, Ruth & Raßloff, Steffen: Denkmale in Erfurt, Erfurt 2006
2. Raßloff, Steffen: 100 Denkmale in Erfurt, Essen 2013
3. Menzel, Ruth: Erfurt - Denkmale, Brunnen, Skulpturen und Reliefs im städtischen Raum, Erfurt 2002
4. Störzner, Frank: Aus Stein gehauen... die Klein- und Flurdenkmale von Erfurt und seiner Umgebung. Erfurt 1992
5. Blaha, Walter et al.: Erfurter Strassennamen in ihrer historischen Entwicklung. Erfurt 1992
6. Gutsche, Willibald (Hg.): Geschichte der Stadt Erfurt. Weimar 1986
7. Peinhardt, Helmut: Erfurt im 19. Jahrhundert. Bilderchronik, Erfurt 1992
8. Erfurt im Nationalsozialismus. Faltblatt, Erfurt 2003

Letzte Aktualisierung ( 28. 08. 2017 )