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16. 07. 2019
Blasses Knabenkraut eröffnet Orchideenblüte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
08. 05. 2019
phot. D. Tonn
 
Die anspruchsvolle Waldorchidee ist stark gefährdet und besonders geschützt!

Ab Mitte bis Ende April zeigen sich gewöhnlich beim Bleichen oder Blassen Knabenkraut (Orchis pallens) die ersten Blüten unserer heimischen wildwachsenden Orchideen. Schwerpunkte der Vorkommen dieser gefährdeten Art (RLT 2) liegen auf Muschelkalkböden, besonders auf Unterem Muschelkalk; im eschenreichen Stangenholz oder anderen mittel-/niederwaldähnlichen Forst (Plänterwald).

Biotop Blasses Knabenkraut
Biotop Blasses Knabenkraut

Die „aristokratischste“ (Helmut Andreas 1959) Art aus der Gattung der Knabenkräuter gilt gemeinhin als „früheste blühende in Deutschland heimische Orchidee“ (Wikipedia) und wird dementsprechend in Blütenkalendern Thüringer Lokalfloren bei Orchideen an die erste Stelle gesetzt. So bezeichnen sie Horst Kümpel in „Die wildwachsenden Orchideen der Rhön“ [1996], als „früheste Art“ und auch Ludwig Krautwurst, „Orchideenwanderungen um Jena“ [1991] gleichlautend als „die am frühesten blühende heimische Orchidee.“ Bei letzterem ist Orchis pallens im Blütenzeitkalender der Orchideen um Jena an der ersten Stelle aufgeführt, zeitgleich mit Orchis morio!

Auch an dem hier 2019 aufgesuchten Fundort in Mittelthüringen zeigten sich bereits am 20. April die ersten blühenden Exemplare:

Habitus, Knospenstand, Blattrosette
Habitus, Knospenstand, Blattrosette
Knospenstand, Detail
Knospenstand, Detail
Pflanzenpaar
Pflanzenpaar
Grundblätter wildverbissen
Grundblätter wildverbissen

Das muss aber nicht in jedem Jahr so sein. Als zeitiger Frühblüher ist Blasses Knabenkraut stark vom klimatischen Geschehen abhängig. Bevorzugt es allgemein bereits wintermilde Standorte, bei uns sind es vor allem lichte Laubwälder, so erweist es sich als sehr empfindlich, wie man sich denken kann, gegenüber lang anhaltenden Wintern, Spät- und Kahlfrösten. Lange Winter oder Winter überhaupt sind in unseren Breiten mittlerweile selten geworden. 2012 konnten wir einen solchen Winter registrieren mit Schnee bis in den April hinein. Zwar ist eine schützende Schneedecke im winterliche Verlauf von Vorteil für die Pflanzen, bei Kahlfrösten drohen jedoch Blütenausfälle, aber das späte Winterende führte ebenso zu Einbußen, die auch durch ein beschleunigtes Wachstum nicht wettgemacht werden konnten. An den zerstreut liegenden Fundorten des Gebietes kamen 2012 nur wenige Einzelpflanzen zur Blüten - ein fast Totalausfall. Obgleich es 2019 kurz vor Blütenbeginn eine deutliche Kältephase gab, hatte dies keine gravierenden Auswirkungen auf das Eintreten der Blüte.

Eine Woche später, am 27. April, an einem wenige 100 m entfernten kleinen Wuchsort:

Pflanzenpaar
Pflanzenpaar
Habitus, Blütenstand, Blattrosette
Habitus, Blütenstand, Blattrosette
Einzelblüten, halb geöffnet, Detail
Einzelblüten, halb geöffnet, Detail
Pflanzenpaar
Pflanzenpaar
Habitus, Blütenstand, Blattrosette
Habitus, Blütenstand, Blattrosette
Blütenstand
Blütenstand

Ein weiterer Grund, im Blassen Knabenkraut einen „Vorreiter“ der Orchideenblüte zu sehen liegt in seinem Verbreitungsgrad. Unter den durchgängig seltenen und gefährdeten Frühlingsblühern bei den Orchideen ist es in Thüringen noch etwas häufiger anzutreffen, was auch an den etwas „stabileren“ Waldstandorten liegt. Fast gleichzeitig, meist nur geringfügig später im April setzen auch folgende Orchideenarten mit ihrer Blüte ein:
Zwei sind „Vom Aussterben bedroht“ (RLT 1),

  • Holunder-Kuckucksblume (Dactylorhiza sambucina) kommt in Thüringen nur noch an wenigen Standorten in kleinen Populationen auf Bergwiesen vor und tritt im Hügel- oder Flachland nicht mehr in Erscheinung. Das Außergewöhnliche bei dieser Art, sie tritt mit zwei verschiedenen Blütenfarben auf, trübrot mit gelblichem, rot punktierten Lippengrund und hellgelb, schwach rot punktierte Lippe.
    Trifft man im Frühling zwischen April und Mai auf gelbblühende Pflanzen mit dem typischen Orchideenhabitus, dann ist hier theoretisch eine Verwechslungsmöglichkeit gegeben zwischen Orchis pallens und der gelben Varietät von Dactylorhiza sambucina, die anhand des Vorhandenseins der Lippenpunktierung zu klären ist. Praktisch ist dies aufgrund des seltenen Auftretens der letztgenannten jedoch sehr unwahrscheinlich, beide an einem Fundort anzutreffen.
  • Ähnlich verhält es sich mit der Verbreitung bei Kleines Knabenkraut (früher Orchis morio heute Anacamptis morio), früher sehr häufig, inzwischen sehr selten geworden.

Häufiger treten zwei weitere noch nicht gefährdete Frühblüher auf, die wenn auch nicht unbedingt am gleichen Fundort, so doch mit etwas Glück zeitgleich zu beobachten sind,

  • das stattliche Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) sowie 
  • die zierliche Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes) mit einem deutlichen Zuwachs an Vorkommen in den letzten Jahren und größeren Individuenzahlen an den Fundorten.

An dem hier beispielhaft vorgestellten Mittelthüringer Fundort von Blasses Knabenkraut kommt gleichzeitig keine der zuvor genannten Arten vor, Holunder-Knabenkraut fehlt vollständig im Gebiet, die übrigen drei Arten treten entfernt auf im Gebiet.

Alle heimischen Orchideen stehen unter besonderem Schutz. Es versteht sich daher von selbst, dass ein Entfernen - Pflücken oder Ausgraben (!?) - verboten ist. Das dies immer noch angesprochen werden muss, lehrt leider die gegenwärtige Erfahrung. Kinder sind besonders darauf hinzuweisen, die hübschen Blümchen stehen zu lassen.

Zur eigenen Beobachtung der Orchideen in der Natur sind die Orchideen(lehr-)pfade zu empfehlen, die auch unter fachkundiger Führung zu begehen sind, etwa im Leutratal, Leutra liegt südlich von Jena, oder im benachbarten Sachsen-Anhalt im NSG Tote Täler südlich von Freyburg/Unstrut sowie im NSG Forst Bibra bei Krawinkel südlich von Bad Bibra. Hier kann man einige der Arten direkt am Weg aus nächster Nähe betrachten.
Ansonsten gilt, besonders bei den vom Aussterben gefährdeten Arten auch eine erhöhte Schutzwürdigkeit. Naturschutzaktivisten bemühen sich intensiv um deren Erhalt und die  Stabilisierung der Populationen. Dann kann auch vom Naturfreund abverlangt und erwartet werden, dass er sich bei der Begegnung mit den Pflanzen, trotz euphorischen Glücksgefühls entsprechend rücksichtsvoll verhält, Wege nicht verlässt, das eigene Bedürfnis nach Betrachten aus der Nähe dem der Pflanze nach Unversehrtheit ihres Wuchsortes zurückstellt. Und das ist die große Bitte, sich selbst zu beschränken und Orchideenbiotope nicht zu betreten. Es gibt genügend Beispiele erstklassiger Seiten im Netz, wo Orchideen in all ihrer Schönheit gezeigt werden.

Vom Blütenbeginn des Blassen Knabenkrauts im April werden etwas mehr als fünf Monate vergehen bis im Herbst Anfang Oktober mit der Herbst-Drehwurz die Blütezeit unserer heimischen Orchideen ausklingen wird.
Herbst-Drehwurz beschließt Orchideenblüte

Literatur | Quellen

Arbeitskreis Heimische Orchideen Thüringens e.V. (AHO): Orchideen in Thüringen. 1997, 256 S.

Kümpel, Horst: Die wildwachsenden Orchideen der Rhön. Lebensweise, Verbreitung, Gefährdung, Schutz. Jena 1996, 141 S.

Krautwurst, Ludwig: Orchideenwanderungen um Jena, 1. Aufl. 1991

Letzte Aktualisierung ( 04. 06. 2019 )
 
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