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18. 09. 2019
Herbst-Drehwurz beschließt Orchideenblüte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
09. 05. 2019
phot. D. Tonn
 
Die filigrane Wiesenorchidee ist vom Aussterben bedroht und besonders geschützt!

Ihr deutscher Name macht es gleich deutlich, die Herbst-Drehwurz, auch -Wendelorchis (Spirantes spirales) blüht in den Herbst hinein, im September bis Anfang Oktober. Der Spätblüher zeigt allein die letzten Blüten unserer heimischen wildwachsenden Orchideen, zu einer Zeit, wo die anderen bereits längst verblüht sind. Ihr Blütenschwerpunkt liegt bekanntlich im Mai/Juni. Dieser späte Abschied vom Blütenreigen unserer floristischen Juwele erfolgt eher still unscheinbar, ohne großes (Farben-)Feuerwerk.
Dafür aber in einer kleinen besonderen Form, worauf uns der zweite Namensteil hinweist. Die kleinen nur 4-6 mm großen, grünlichweißen behaarten Blüten sind um einen dünnen bläulichgrünen Stengel in einer länglich schmalen Ähre spiralförmig wie an der Perlenschnur aufgereiht.  Sie duften besonders gegen Abend sehr angenehm und locken Insekten an. Als wichtigste Bestäuber wurden Hummeln registriert. Weitere alte volkstümliche Namen lauten Schraubenstendel, Herbstdrehähre oder Drehwurm.

Die Pflanze ist sehr klein und unscheinbar, vereinzelte Exemplare auf einer Wiese fallen nicht sofort ins Auge, ganz im Gegensatz zu den auffälligen Arten wie Frauenschuh oder Purpurknabenkraut, was auch sein Gutes hat. Meist bewegt sich die Wuchshöhe zwischen sieben und zwölf Zentimeter. Der obere Teil des Stengels ist mit feinen Drüsenhärchen bedeckt. Als Besonderheit ist die grundständige Rosette zur Blütezeit vertrocknet, es bildet sich die neue wintergrüne Rosette heraus.

Schwerpunkte der Vorkommen dieser in Thüringen „vom Aussterben bedrohten“ Art (RLT 1) bilden extremkurzrasige Magerrasen und -wiesen oder mineralkräftige Sand und Lehmböden, vorzugsweise auf Schafhutungen. "Die Art ist nicht nur weideverträglich, sie ist ausgesprochen weidedankbar" (Krause). Die entsprechenden traditionellen Flächen sind durch die weitreichende Aufgabe der Schafbeweidung und Biotopzerstörung stark zurückgegangen und verbuscht. Damit einher ging ein dramatischer Rückgang der Bestände der Herbst-Drehwurz bis an den Rand des Verschwindens. Ludwig Krautwurst [1991] gibt für das Gebiet um Jena an „dass die beiden hier bekanntgewordenen Fundorte durch Biotopveränderungen verschwunden sind [die Art also als verschollen gilt], der letzte um 1950.
Nur durch eine extensive Nutzung sowie abgestimmte und geförderte Pflege der wertvollen Wiesen idealerweise durch Beweidung kann diese Entwicklung aufgehalten werden. Die Art gilt als sehr konkurrenzschwach gegenüber Begleitflora. An dem hiesigen Standort kann die weitere Ausbreitung von Heidekrautgewächsen (Ericacecae) dazu führen, die Drehwurz weiter zurückzudrängen. Ebenso empfindlich reagiert sie bei Düngung oder Stickstoffeintrag aus der Luft.

Biotop Herbst-Drehwurz
Biotop Herbst-Drehwurz. Gut zu erkennen: die Heidekrautpolster

Die Art aus der Gattung der Drehwurze, in Mitteleuropa nur noch durch eine einzige weitere Art, die Sommerwurz vertreten, gilt alleinig und unbestritten als „letzte blühende in Deutschland heimische Orchidee“ (Wikipedia) und wird dementsprechend in Blütenkalendern Thüringer Lokalfloren bei Orchideen an die letzte Stelle gesetzt. So bezeichnet sie Krautwurst, „Orchideenwanderungen um Jena“ [1991] als „die letzte der heimischen Orchideen, die zur Blüte kommt.“ Bei ihm ist Spirantes spirales entsprechend im Blütenzeitkalender der Orchideen um Jena an der letzten Stelle aufgeführt im September, Blütenbeginn liegt zeitgleich mit Blütenende der „vorletzten“ Art, Violette Stendelwurz (Epipactis purpurata)!

An dem hier 2015 aufgesuchten Fundort in Mittelthüringen zeigten sich am 30. August zur   Zeit des Blütenbeginns die ersten blühenden Exemplare. Fotoaufnahmen wurden nur vom Weg aus gemacht, ein Betreten der Fläche kam ohnehin nicht in Frage:

Knospenstand, Blüten noch geschlossen
Knospenstand, Blüten noch geschlossen
Blütenstand, Blütenöffnung von unten
Blütenstand, Blütenöffnung von unten
Blütenstand,  Blütenähre halb geöffnet
Blütenstand,  Blütenähre halb geöffnet
Blütenstand mit Knospenspitze
Blütenstand mit Knospenspitze
Pflanzenpaar
Pflanzenpaar

Die Art scheint großen Populationsschwankungen zu unterliegen, vergleichbar denen beim „Erstblüher“ Blasses Knabenkraut, nur dass hier in trockenen Jahren und nach Dürre die Bestände stark zurückgehen. Denkt man an das Klimageschehen der letzten Jahre und die Trockenheit des Jahres 2018, keine guten Aussichten. Bestätigt hat sich dies bei einem Besuch in eben diesem Jahr 2018, als zur Blütezeit vom Weg aus keine blühenden Exemplare zu entdecken waren. Bereits vor 100 Jahren kehrten Floristen ohne Funde an dem betreffende Platz gemacht enttäuscht zurück.
Dabei konnten am Wuchsort bereits 2000 Pflanzen gezählt werden. Ein größerer Eingriff am Rande der Bestandsfläche hatte kurz darauf das Ziel, durch Baumfällungen größerer Nadelbäume, die hier nicht hingehörten, das Lichtregime zu verbessern. Leider wurde zum Abtransport der Bäume extra ein Weg direkt durch einen Bereich mit der höchsten Bestandsdichte angelegt. Ein wesentlicher Teil des Vorkommens ging dadurch verloren, es blieben nur noch wenige 100 Individuen übrig.

Blütenstand mit 9 Blüten
Blütenstand mit 9 Blüten
Pflanzenpaar
Pflanzenpaar
Blütenstand
Blütenstand
Einzelblüten
Einzelblüten
Einzelblüten
Einzelblüten
Einzelblüten, Detail
Einzelblüten, Detail

Alle heimischen Orchideen stehen unter besonderem Schutz. Es versteht sich daher von selbst, dass ein Entfernen - Pflücken oder Ausgraben (!?) - verboten ist. Dies gilt um so mehr bei einer Art mit höchster Schutzwürdigkeit wie der Herbst-Wendelorchis. Hier stellt sich die Frage, wie der beste Schutz der wenigen Vorkommen zu organisieren ist. Während des mehr als einstündigen Verweilens an der Wiese, kamen hier auch andere Besucher vorbei, die das Problem anschaulich machten. Als Beispiele: Die Mountainbiker, deren Räder nur wenige cm von randlich stehenden Exemplaren entfernt vorbeirollen und die Spaziergänger mit frei laufendem Hund, die die Wiese queren. Sie werden nicht wissen, welche gefährdeten Pflänzchen hier wachsen, sie sind nun mal recht unscheinbar.  Ob eine Gatterung sinnvoll wäre als gleichzeitiger Schutz vor Wild ist schwer zu sagen.

Vom Blütenende der Herbst-Drehwurz Anfang Oktober werden fast sieben lange Monate vergehen bis im kommenden Frühjahr Ende April mit dem Blassen Knabenkraut die nächste Blütezeit unserer heimischen Orchideen eingeläutet wird.
Blasses Knabenkraut eröffnet Orchideenblüte

Literatur | Quellen

Arbeitskreis Heimische Orchideen Thüringens e.V. (AHO): Orchideen in Thüringen. 1997, 256 S.

Krause, Reinhard: Die letzte im Reigen: Herbstwendelorchis. Reihe: Heimische Orchideen, in: Thüringer Allgemeine, Thüringen zum Sonntag. Beilage vom 11. Oktober 1991 Nr. 41, 2/NATUR & HEIMAT

Krautwurst, Ludwig: Orchideenwanderungen um Jena, 1. Aufl. 1991

Kümpel, Horst: Die wildwachsenden Orchideen der Rhön. Lebensweise, Verbreitung, Gefährdung, Schutz. Jena 1996, 141 S.

Letzte Aktualisierung ( 04. 06. 2019 )
 
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