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18. 09. 2019
400 Jahre Grenzstein „Waltersleben“ im Steigerwald Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
13. 05. 2019
phot. D. Tonn
 
Jubiläum eines bedeutenden Flurdenkmals: 1619-2019

Unter den alten noch erhaltenen Grenzsteinen im Erfurter Steiger ist er der älteste, der Grenzstein unterhalb und östlich des ehemaligen Forsthauses „Eichenberg“ im südlichen  Martinsbusch. Dies stellte bereits der Erfurter Heimatforscher Max Timpel in seiner kleiner Schrift „Der Steigerwald bei Erfurt“ von 1910 fest. Er widmete sich auf den Seiten 75f. kurz dem steinernen Zeugnis und fügte sogar eine Federzeichnung auf Seite 77 bei mit den Ansichten von Vorder- und Rückseite. Danach trennte der Grenzstein früher das Waltersleber Holz vom Fiskalwald. Er steht direkt am Rhodaer Bach, der meist trocken, nur bei nennenswerter Schneeschmelze und länger anhaltender Regenperiode an dieser Stelle Wasser führt und daher auch als Hungerbach bezeichnet wird. Ein Steg überquert den Bachlauf etwas mehr als 50 m westlich, führt hinauf, am Forsthaus vorbei und weiter zur Rhodaer Straße (Parkplatz).

Waltersleber Grenzstein am Rhodaer Bach
Waltersleber Grenzstein von 1619 am Rhodaer Bach von SW, Zustand 2019

Neben dem nahezu 300 Jahre älteren Sühnekreuz von 1324 oder später und ältesten Denkmal seiner Art in der Region, dass sich nicht sehr weit entfernt an der B4 gegenüber dem Hubertus befindet, haben wir hier eine weiteres, für sein Alter von vier Jahrhunderten außergewöhnlich gut erhaltenes  historisches Zeugnis vor uns. Die Stele ist von quadratischem Grundriss mit pyramidalem oberen Abschluß. Seine Besonderheit erfährt es durch Größe und aufwendige Ausführung. Timpels Beschreibung soll hier wiedergegeben werden:

„Er [der Stein] hat die ansehnliche Höhe von ca. 2 m und heißt darum 'der lange Stein' *; die Nordseite [Vorderseite] zeigt das Kurmainzer Wappen in 4 Felder geteilt und zwar links oben und rechts unten das achtspeichige Rad, in den beiden anderen Feldern ist das geviertelte Wappen des damaligen Mainzer [Erzbischofs und] Kurfürsten (1604-26) Johannes Suicardus (Schweikart) von Cronberg [verschiedene Schreibweisen] (1553-1626); es hat links oben eine Krone, rechts oben und links unten je vier Eisenhüte und rechts unten ein leeres Feld (Arabesken für Farbe). Darunter ist später die Nummer „151.“ hinzugefügt worden. Die Südseite [Rückseite] trägt die Inschrift 'Waltersleben 1619'“ und ist wie das Wappen als Kartusche mit angedeutetem Rollwerk gestaltet.
* An der entgegengesetzten nordwestliche Stadtgrenze von Erfurt befindet sich so von Witterda an der von Friedersdorf aufsteigenden Straße an einer Rechtskurve ein Stein, der von Größe und Form dem Waltersleber Stein ähnlich kommt und auch als „Langer Stein“ überliefert und bekannt ist. Er ist etwas kleiner, stark verwittert und uneben, vermutlich ein früherer Bildstock, späterer Wegweiser.
http://www.suehnekreuz.de/thueringen/friedrichsdorf.htm

Vorderseite (Nordseite) mit Kurmainzer Wappen
Vorderseite (Nordseite) mit Schweikhard von Kronberg-Wappen,
Zustand 2019 und [Zeiger ins Bild führen] 2008
Rückseite (Südseite) mit Inschrift
Rückseite (Südseite) mit Inschrift "Waltersleben 1619",
Zustand 2019 und [Zeiger ins Bild führen] 2008

Timpel gibt auch eine urkundliche Bezeugung an: „Als in genanntem Jahre die Gemeinde eine Flugbeschreibung vollendete, wurde dieser Grenzstein errichtet. 1667 steht in den Flurakten vermerkt: 'Das [Waltersleber] Holz wird mit 10 Flursteinen am Mörseburger [Möbisburger] und mit 2 kleinen und einem hohen, großen Steine am Churf. Mainz. Holze, an welchem auswärts das Churf. Mainz. Wappen, auf der anderen Seite heimwärts mit dem Namen Waltersleben bezeichnet, geschieden'.“

Die städtischen Grenzbegänge oder Flurzüge fanden bis Mitte des 19. Jhs. in regelmäßigen Abständen statt und stellten erstrangige gesellschaftliche Ereignisse dar. Sie dienten der Revision der Grenzen, wozu sämtliche Grenzsteine auf Vorhandensein und Erhaltung zu kontrollieren waren und fanden in einer Festlichkeit ihren Abschluss.
Der Pfad, der etwa 20 m südlich vom Grenzstein dem Rhodaer Bach folgend durch den Martinsbusch führt, ist bei Wanderern (und Radlern) sehr beliebt, besonders im Frühlingsaspekt, wenn sich dort weiße Blütenteppiche von Märzenbechern und etwas später Buschwindröschen (auch mit gelb) ausbreiten. Etwas oberhalb vom Stein ist dann der sich in Mäandern windende Bach über eine oft schon trockene Furt zu queren.

Furt durch den Rhodaer Bach
Furt durch den Rhodaer Bach
Waltersleber Grenzstein, Detail Wappenfeld
Detail Wappenfeld Arabesken
Zustand am 23.04.2010
Oben und rechts: Zustand am 23.04.2010
Zustand am 23.04.2010
Schattenbild des Grenzsteins am 23.04.2010
Frühlingsaspekt im Martinsbusch in der Nachmittagssonne am 23.04.2010. Der Hungerbach im Vordergrund ist noch wasserführend (!)
und beschreibt einen Bogen zum Schatten des Grenzsteins (rechts unten).

In seinem derzeitigen Zustand ist der Grenzstein an seiner Spitze von Moos und an den Seiten fleckig von Flechten überzogen.

Literatur | Quellen

Timpel, Max: Der Steigerwald bei Erfurt | Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Thüringerwald-Vereins, Zweigverein Erfurt. 2., verb. Aufl., Erfurt 1910. 102 [112] S.

Letzte Aktualisierung ( 11. 06. 2019 )
 
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