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21. 02. 2020
Kleine alte Alleen in Erfurt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
16. 01. 2020
Beitragsinhalt
Einleitung
Brühler Garten
Dittelstedt, Friedhof
egapark
Espach-Promenade
Friedrich-List-Straße
Gispersleben, Am Kanal
Lessingstr.
Melchendorf, Schulzenweg
Molsdorf, Palmberg
Stotternheim, Friedensallee
Vieselbach, Lindenallee
Anhang: Weitere Alleen
Literatur | Quellen | Links

Molsdorf, Palmberg

Lage

früher straßen-, heute wegbegleitend, zwischen den Bebauungen an der Graf-Gotter-Straße, Einmündung Gasthaus „Zur Guten Quelle“ im N und an der Straße Palmberg im S, also Nord-Süd-Verlauf; w Ackerland, am S-Rand Grünland, o Gärten.

Länge

ca. 250 m

Grundriss

  • Reihung: zweireihig (einfach)
  • Reihungen: variabel
  • Baumkronendach: früher geschlossen, heute durch Lücken weitgehend offen | Baumabstand innerhalb der Reihe: abschnittsweise enger, durch Lücken weiter
  • Verlauf: leicht geschlängelt

Aufriss

Schnitt/Formung: teils gekappt, sonst überwiegend Einzelkronen beschnitten aus Verkehrssicherheitspflicht

Baumart(en)

  • zwei: Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) und Linde (Tilia), gemischt mit unregelmäßigem Wechsel
  • gepflanzt: die ältesten vermutlich noch zu Lebzeiten des Reichsgrafen Gotter, um oder vor 1750.

Wegbelag

feldwegtypisch

MolsdorfPalmberg
Molsdorf, Palmberg: Linden-Kastanien-Allee, Blick nach S,
Fotos: 01.04.2017
MolsdorfPalmberg
Molsdorf, Palmberg: Linden-Kastanien-Allee, Blick nach S
MolsdorfPalmberg
Molsdorf, Palmberg: Linden-Kastanien-Allee, Blick von einer Bank am Anfang der s Bebauung

Der Palmberg ist eine kleine Anhöhe (253 m) w Molsdorf, nahe der A71. Mit ihm verbindet sich eine tragische Geschichte aus der Barockzeit, als die Allee wohl bereits bestand, die den Reichsgrafen von Gotter von einer anderen, als die sonst über ihn vermittelte schillernde und aufgeklärte, Seite zeigt. Er trieb ein rücksichtloses, menschenverachtendes Spiel (siehe dazu den Auszug aus Storch 1859, weiter unten).

Der Fahrweg 'Palmberg' stellte früher eine wichtige örtliche Straße dar.
Der nördliche bis mittlere Abschnitt wird allerdings heute fast nur noch als Feldweg sowie von Spaziergängern genutzt, bräuchte eigentlich auch nicht mehr vom Durchgangsverkehr benutzt werden. Anlieger können von den Endpunkten der Allee ihre Anwesen erreichen und die wertvolle Allee schonen.

Am n Eingang der Allee, einige Meter oberhalb der Einmündung nahe dem Gasthaus, wurde am 22. Mai 2013 anlässlich des Internationalen Tages der biologischen Vielfalt eine Infotafel zur Artenvielfalt in der alten Allee eingeweiht.

Dazu heißt es in einem Artikel der Thüringer Allgemeine vom 18.05.2013:

„Wer kennt es nicht? Ein stattlicher Baum muss aus dem vertrauten Anblick weichen, da die Sicherheit für die Bürger nicht mehr gewährleistet werden kann. Und das hat oberste Priorität!
Doch sind im Einzelfall alle Möglichkeiten zur Rettung des Baumes ausgeschöpft? Das Umwelt- und Naturschutzamt will mit der Tafel über ein Projekt informieren und zeigen, dass sowohl der Schutz des Menschen vor herab fallenden Ästen als auch der Schutz wertvoller Lebensräume gemeinsam funktionieren können.
Als eine Art Modellprojekt werden an dem Feldweg die Verkehrssicherung einerseits und die Erhaltung von wertvollen Arten sowie der Naturschutz andererseits beachtet. Durch die Erhaltung der alten Bäume werden der Lebensraum sehr seltener Käferarten sowie das Jagdrevier von Fledermäusen und Vögeln geschützt.
Einige der alten Kastanien und Linden - die wohl noch aus Graf Gotters Zeiten stammen - sollten ursprünglich zur Verkehrssicherung des Feldweges im Jahr 2010 gefällt werden. Aufmerksame Bürger von Molsdorf machten jedoch auf die Bedeutung der Bäume als Lebensraum für seltene, geschützte und gefährdete Tier aufmerksam. Es wurde der Kompromiss gefunden, die zu fällenden Bäume lediglich verkehrssicher einzukürzen und weiter zu erhalten. So musste lediglich ein einziger Baum aus Sicherheitsgründen - er war vom Brandkrustenpilz befallen - gefällt werden.“

Auf der Infotafel wird auf den Erhalt und Schutz der Allee eingegangen:

„Als Zeugnisse der Molsdorfer Vergangenheit dienen die heute als Allee wachsenden Kastanien und Linden auf Grund ihres Alters und ihres Strukturreichtums auch vielen Tieren als Lebensraum. Hierzu zählen vor allem Vögel, Fledermäuse und Insekten.
Aktuelle Untersuchungen ergaben eine hohe Artenzahl an diesen Bäumen, darunter zahlreiche gesetzlich geschützte oder extrem seltene Tiere.
Die Verantwortung für den Erhalt der biologischen Vielfalt veranlasste den Erfurter Stadtrat, einen diesbezüglichen Umsetzungsplan für die thüringische Landeshauptstadt zu beschließen.
Dies und die Forderungen des Gesetzgebers führten dazu, dass die Palmberger Bäume trotz nicht in jedem Fall gewährleisteter Standsicherheit im Jahr 2010 nicht einfach gefällt werden durften. Alternativ waren daher teils aufwendige Rückschnitte sowie andere Sicherungsmaßnahmen durchzuführen, um den Verkehr nicht zu gefährden.
Die Baumallee wird seit 2010 regelmäßig sowohl hinsichtlich der vorkommenden Arten als auch der Verkehrssicherheit kontrolliert. Die alten Bäume sollen so lange wie möglich erhalten bleiben.
In der Zwischenzeit können nachgepflanzte jüngere Exemplare aufwachsen und entstehende Lücken füllen.“

Weiterhin werden auf der Infotafel Angaben zur Artenvielfalt gemacht (bezogen auf 2013):

Vögel

Das Angebot an Insektennahrung sowie die Möglichkeit der Besiedlung von Baumhöhlen ist auch für Vögel attraktiv. Regelmäßig können beispielsweise Gartenrotschwanz und Feldsperling beobachtet werden.

Fledermäuse

Bislang wurden mindestens sechs verschiedene Fledermausarten im Umfeld der Baumallee auf der Jagd nach Insekten beobachtet.
Einige davon nutzten Baumhöhlen als Quartiere, darunter Breitflügel-Fledermaus, Großer Abendsegler und Fransenfledermaus. Das ebenfalls festgestellte Große Mausohr benötigt eher die nahe gelegenen Gebäude in der Ortslage Molsdorf als Unterschlupf.

Insekten

Als Urwaldrelikt besitzt das Vorkommen der Schwarzkäfer-Art Mycetochara flavipes einen besonderen Stellenwert. Der Käfer ist an alte Bäume gebunden und zeigt gleichzeitig die lange Tradition derartiger Bestände um Molsdorf an. Wie dieser ist auch der eigentümliche Große Wespenbock, der auf den ersten Blick eher einer Schlupfwespe als einem Käfer gleicht, in Thüringen unmittelbar vom Aussterben bedroht.
Für die Entwicklungsstadien dieses Käfers ist der Vorhandensein bestimmter Pilze an altem, teils auch abgestorbenem Holz lebenswichtig. Der leuchtend grün gefärbte Lindenprachtkäfer gilt in Thüringen hingegen als stark gefährdet. Die Larven entwickeln sich nur in alten Linden an sonnigen Standorten wie hier am Palmberg.

Am s Ende der Allee, am n Beginn der Bebauung laden zwei Bänke zum entspannen und beobachten ein.

Überlieferung einer Wette

des Grafen Gotter, die am Palmberg ein Menschenleben kostete:

„Das Leben, welches Gotter in Molsdorf führte, namentlich in der letzten Periode als Graf, war nichts weniger als einfach idyllisch und frugal. Vielmehr haben sich von der schwelgerischen Ueppigkeit desselben, von den glänzenden Festen, die er dem Hofe und dem benachbarten Adel gab, manche Anekdoten erhalten, die wenigstens in meiner Jugend noch vielfach erzählt wurden. Er hatte sich in dieser ländlichen Zurückgezogenheit mit einem wahrhaft fürstlichen Hofstaate umgeben, bei dem auch die üblichen Laufer nicht fehlen durften. Ja, er that sich sogar etwas darauf zu gut, ein wahres Prachtexemplar, einen sogenannten Parforcelaufer zu besitzen, der, wie man behauptete, aus Molsdorf selbst gebürtig war, Namens Heinhold. Zufolge einer Wette des Grafen mit einem anderen Standesherrn mußte dieser Mensch von hier bis nach dem ungefähr fünfzig Stunden weiten Hannover und zurück in sechsunddreißig Stunden laufen. Der Läufer vollendete diese Reise wirklich in noch kürzerer Frist, erlag jedoch der übermäßigen Anstrengung dicht vor Molsdorf auf dem sogenannten Palmberge, wo ein Blutsturz seinen raschen Tod herbeiführte. Was that’s? Der Herr Graf hatte die Wette gewonnen. Mich dünkt, dieser eine Zug verbreitet über den Charakter des Mannes hinlänglich Licht. Unmittelbar neben der der Herzogin dargebrachten raffinirten Huldigung und den schwelgerischen Festen der todtgehetzte Laufer!“
Auszug aus Storch , Ludwig: Ein Parvenu des vorigen Jahrhunderts.
In: Stolle, Ferdinand (Hg.): Die Gartenlaube, Heft 7, 8, S. 93–97, 112–115. Leipzig, Verlag von Ernst Keil 1859.

Landesamt für Vermessung und Geoinformation: Graf von Gotter‘s „Erdenwinkel“ | eine geodätische Spurensuche in Molsdorf und Umgebung.
http://apps.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload1587.pdf



Letzte Aktualisierung ( 07. 02. 2020 )
 
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