www.mamboteam.com
Startseite arrow Flora arrow Allgemein arrow Pflanzen im und am Erfurter Steigerwald
18. 09. 2021
Pflanzen im und am Erfurter Steigerwald PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Detlef Tonn   
24. 01. 2008
Beitragsinhalt
Einleitung
Balsaminengewächse
Dickblattgewächse
Doldenblütler
Enziangewächse
Farne
Glockenblumengewächse
Hahnenfußgewächse
Hülsenfrüchtler
Korbblütler
Kreuzblütler
Liliengewächse
Lippenblütengewächse
Malvengewächse
Mohngewächse
Nachtkerzengewächse
Narzissengewächse
Nelkengewächse
Orchideen
Pilze
Primelgewächse
Raublattgewächse
Rosengewächse
Sommerwurzgewächse
Spargelgewächse
Storchschnabelgewächse
Veilchengewächse
Wegerichgewächse
Windengewächse
Wolfsmilchgewächse
Sonstige
Quellen

Orchideen[gewächse] (Orchidaceae)

Blasses Knabenkraut (Orchis pallens) ist Blüten-Frühaufsteher

Orchis: Gattung der Orchidaceae; griech. orchis = Hoden. pallens: lat: bleich, bleich werdend, blass, erblassend.

Orchideengewächse gehören zu den floristischen Kostbarkeiten der Erfurter Umgebung. Ihre Existenz beschreibt den Zustand der Natur am konkreten Standort, ihr Verschwinden signalisiert biologische Verarmung und Verödung. 35 Orchideenarten hat es seit Anbeginn der floristischen Heimaterforschung gegeben, derzeit leben noch 26 an meist streng geschützten Fundorten (Naturschutzgebiete, Geschützte Landschaftsbestandteile, Naturdenkmale). Auch das Landschaftsschutzgbiet "Steigerwald" ist die Heimstatt mehrerer Orchideenarten, von denen Grünliche Waldhyanzinthe, Bleiches Waldvöglein, Violette Sitter, Bräunliche Nestwurz die häufigeren sind.

Das Blasse Knabenkraut ist nur noch an wenigen Fundorten nachzuweisen. Es ist der "Frühaufsteher" dieser Pflanzenfamilie. Seine Blüten erscheinen Ende April/Anfang Mai mit blaßgelblicher Färbung an einer zylindrischen Ähre. Der runde hellgrüne Stengel wächst aus einer saftiggrünen Blattrosette. Hummeln und Bienen besuchen die schwach nach Holunder und etwas unangenehm riechenden Blüten. Nachtfröste können in wenigen Stunden die Blüten unbestäubt absterben lassen, die Pflanzen sind ziemlich empfindlich.

Das Blasse Knabenkraut ist wärmebedürftig und stellt an das Mikroklima seiner Wuchsorte besondere Bedingungen. Lichte Laubwälder mit sommerwarmen und wintermilden Lagen bieten zusagende Verhältnisse. In früheren Niederwäldern, eine verloren gegangene Bewirtschaftungsform, war die Art relativ verbreitet. In lindenreichen Hainbuchenwäldern über Kalkstein mit Lößschleier ist die Orchidee teilweise nachzuweisen. Die Blühfreudigkeit hängt allerdings auch heute noch von den Schwankungen des langfristigen Wetterablaufs ab.

Diese Orchidee wird 15 bis 40 cm groß. Sie besitzt vier bis sechs ungefleckte, stark glänzende, saftig-grüne Laubblätter. Die glänzenden Blattrosetten verraten die Orchidee auch dann, wenn sie wegen Witterungsunbilden oder zu stark aufgekommener Beschattung durch Laubbäume nicht blüht.

Bereits Reinecke bezeichnete die Art im Steiger als "sehr selten". Der Feststellung von 1914 ist heute nichts hinzuzufügen. Das von ihm als Fundort erwähnte Drei-Gleichen-Gebiet, die Gegend bei Klettbach und SchelIroda, der Willrodaer Forst beherbergen nach wie vor ansehnliche Bestände der frühblühenden Orchidee Orchis pallens.

http://de.wikipedia.org/wiki/Blasses_Knabenkraut

 

Fuchs-Kuckucksblume (Dactylorrhiza fuchsii) blüht von Juni bis Juli

Dactylorrhiza: Gattung der Orchidaceae; dactylus = fingerig, dactylos = Finger, rhiza = Wurzel. fuchsii: nach dem Tübinger Medizinprofessor Leonhard Fuchs (*1501, †1566)

Die Orchideen des Waldes sind Bioindikatoren, sie beschreiben seinen Gesundheitszustand in bestimmter Weise mit. Ihr Verschwinden bezeugt den Trend zur Monotonie, Uniformität und Anfälligkeit gegen Schaderreger. Heimische Orchideen reagieren sensibel auf allzu heftige Standorteingriffe in Wald und Flur. Etliche Arten waren einstmals "Kulturfolger" der landnutzenden Menschen, sie wurden und werden heutzutage leider zunehmend zu "Kulturflüchtern".

Die Fuchs-Kuckucksblume ist ein Besiedler krautreicher Laubwälder auf kalkigen Böden. Die tonreichen und schweren Kalkmergelstandorte des Steigers, des Haarbergsattels, der Hügel und Plateaus zwischen Egstedt, Gutendorf und Eichelborn sind seit Jahrhunderten Holzbodenflächen. Hier hat sich die Fuchs-Kuckucksblume behaupten können. An manchen Standorten entwickelten sich umfangreiche Populationen mit deutlicher, aber historisch begrenzter Ausbreitungstendenz.

Früher wurde diese Art als Geflecktes Knabenkraut bezeichnet, was jedoch nach neueren taxonomischen Erkenntnissen falsch ist. Im Erfurter Raum kommen wohl nur Vertreter der Sippe "Dactylorhiza fuchsii" vor. Ihre Blütezeit reicht von Juni bis Juli. Typisch sind die fünf bis zehn gefleckten Blätter, deren Austrieb aus dem Waldboden schon im April erfolgte. Die Blütenstengel erreichen bis 80 cm Höhe. Das Erblühen des Blütenstandes geschieht von unten nach oben, so dass er anfangs konisch wirkt und später eine walzige Form annimmt. Der Blütenstand zeigt 20 bis 30 kleine Blüten mit dreilappiger Lippe, deren Mittellappen vorgezogen ist. Die Blütenfarbe variiert von purpur bis fast weißlich. Blaßrosa Farben herrschen vor. Auf den Lippen zeigen sich charakteristische Schleifen- und Punktemuster. Deren Form und Strichstärke ändert sich von Pflanze zu Pflanze. Insofern ist eine verwirrende Vielfalt von Fuchs-Kuckucksblüten zu beobachten.

Diese Orchidee steht mit vielen Tausend Exemplaren in den Waldungen rings um Erfurt. Das ist kein Grund, dieser recht häufigen Pflanze nachzustellen. Gestohlene Pflanzen wachsen in keinem Garten an.

Desto besser wachsen sie auf vergrasten Waldwegen und grasigen Lichtungen. An frischen und etwas feuchten Stellen kann es jahrweise zur Massenentfaltung kommen. Und sollten sich an den gleichen Stellen noch Exemplare der Breitblättrigen Kuckucksblume befinden, kann es zu phantastischen Bastardschwärmen kommen. Die hübschen Bastarde zeigen intermediäre Merkmale beider Elternsippen. Für den Orchideenfreund eine Augenweide hinsichtlich Farb-, Form- und Zeichnungsnuancen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Fuchs'_Knabenkraut

 

Der süßlich duftende Mooswurz (Goodyera repens) blüht in den Sommermonaten

Goodyera: Gattung der Orchidaceae; nach dem englischen Botaniker John Goodyer (*1592, †1664). repens: lat. = kriechend.

Zu den unscheinbarsten Orchideengewächsen der Erfurter Umgebung zählt die von Juli bis August erblühende Mooswurz, im Volksmund als Faunwurz bezeichnet. Ein anderer deutscher Name für diese Pflanze lautet Kriechendes Netzblatt, wegen der netzförmigen Nervatur der zarten grünen Blätter und wegen des im Moospolster bzw. im Rohhumus kriechenden Rhizoms.

Im Erfurter Raum siedelt diese Orchidee ausschließlich in Gegenden, wo der Muschelkalk substratbildend auftritt. Viele der flachgründigen Kalkstandorte werden heute als Holzbödenflächen (Nadelforste ) genutzt, nachdem sie vor langen Jahrhunderten als Viehweide gedient hatten.

Längst hat sich hier eine bodendeckende Nadelstreuschicht und ein dickes Polster aus Rohhumus entwickelt. Und wenn sich schattige, moosreiche Plätze in den Kiefern-Althölzern ausgebildet hatten, besteht für die zierliche Pflanze durchaus eine Existenzbedingung.

Die Stengel der Mitsommer-Orchidee sind 10 bis 20 cm lang und zeigen 10 bis 20 (30) kleine weiße bis gelbweiße Blütchen, die von unten nach oben nacheinander erblühen. Sie duften süßlich und locken Fliegen, Käfer und Bienen zwecks Bestäubung an. Die Blütenbesucher saugen die winzigen Nektartröpfchen aus dem Blüteninnern heraus. Eine dichte Behaarung des Stengels als auch der Blütenblätter ist kennzeichnend.

Sehr oft tritt die Mooswurz in größeren Gruppen auf. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Pflanzen sehr flach liegende Ausläufer bilden, an denen sich jeweils Blütenstengel entwickeln. Solch vegetative Vermehrung bedingt das fleckweise Auftreten, wo Dutzende Stengel auf nur wenigen Quadratmetern vorkommen können. Die dicht am Boden aufliegenden Blattrosetten verwelken erst im nächsten Frühjahr, also erst nach der Überwinterung. Allerdings ist die Blühfreudigkeit auch dieser Orthideenart stark witterungsabhängig. Nach lang anhaltender Trockenheit im Herbst und Frühjahr, wenn die Humusauflagen und Moospolster völlig austrocknen, entwickelt sich kaum ein Blütenstengel. Feuchte und kühle Sommer scheinen hingegen die Art zu begünstigen.

Reinecke (1914) beschrieb die Orchidee von "schattigen, moosigen NadelwaldsteIlen". Er gab Fundorte im Alten Steiger an, die heute wohl verwaist sind. Weiter östlich, im Willrodaer Forst, ist sie hingegen noch existent. Fundpunkte bei Tiefthal und nördlich Schellroda waren in den letzten Jahren (um 1990) nur spärlich mit blühenden Pflanzen besetzt.

http://www.natur-lexikon.com/Texte/HKO/001/00022-Netzblatt/HKO00022-Netzblatt.html

 

Nestwurz (Neottia nidus-avis) - Orchidee mit bleicher Gestalt, "Fichtenzapfen" öffnet seine Blüten

Neottia: Gattung der Orchidaceae; griech. neotteia = Nest. nidus-avis: lat. nidus = Nest, lat. avis = Vogel. Die Wurzelform ist der eines Vogelnestes ähnlich.

In diesen Tagen wachsen gelblich-bleiche Pflanzen aus der feuchten Steigererde. Mancher Spaziergänger hält sie für Pilze. Indes zeigt sich das wahre Wesen der Erscheinung, wenn man sie nach einigen Tagen erneut betrachtet: es sind Blütenpflanzen. Das belegen die winzigen Blütchen, die allerdings genauso fahl sind wie die ganze Gestalt. Ein Dutzend Arten heimischer Orchideen sind derzeit im Steigerwald und in seiner unmittelbaren Umgebung zu bewundern.

Einige sind allerdings ziemlich selten und ihre Wuchsorte sind nur wenigen Floristen bekannt. Andere Arten sind häufiger und stehen manchmal direkt an den Hauptwanderwegen. Zu den häufigeren Orchideen des stadtnahen Waldes gehört die Bräunliche Nestwurz oder Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis).

Sie lebt saprophytisch und besitzt kein Blattgrün. Diese Moder-Orchidee siedelt auf verpilztem Rohhumus, der sich aus dicken Fallaub- und Nadelstreuschichten im Steigerforst entwickelt. Basische und neutrale Böden, in der Regel jedoch sind es Böden über Kalksteinersatz, werden stellenweise sehr gesellig besiedelt.

Die Nestwurz, deren Name auf die nestförmig verflochtenen Wurzeln des Wurzelstockes bezieht, treibt im Mai und Juni eigenartige bleiche Körper aus dem Boden. Ganz am Anfang ähneln sie Fichtenzapfen. Die Streckung des "Zapfens" geht mit einer Öffnung der Blüten einher. Sie duften nach Honig und locken hauptsächlich Fliegen an, die die Bestäubung vollziehen. Zudem tritt auch Selbstbestäubung. Gruppenwachstum deutet auf vegetative Vermehrung hin.

Die Fundorte der Bräunlichen Nestwurz werden oft von vorjährigen vertrockneten und verholzten Fruchtständen markiert. Sie bleiben noch ein bis zwei Jahre stehen, bis sie zu Staub zerfallen. Die Orchidee· erreicht 20 - 40 cm Größe, die Begleitflora ist relativ spärlich.

Nestwurz, Trocken-Fruchtstand aus dem Vorjahr Nestwurz zum Blühende

Nach dem trockenen Sommer 1990 und der sehr verzögerten Blüte anderer Orchideenarten hatten die Botaniker nicht damit gerechnet, die Nestwurz so vielfach anzutreffen. Trotzdem zeigen sich Blütenstände.

Reichliche Vorkommen dieser nach Gesetz besonders geschützten Pflanze sind ebenso in den Fahner Höhen und in den Waldungen um Kranichfeld zu erleben.

Eine zweite Moder-Orchidee, die zierliche Korallenwurz, gilt derzeit in der Umgebung Erfurts als verschollen. Möglicherweise wird sie auch nur übersehen, denn sie besitzt eine nur winzige Gestalt: am streichholzdünnen Stengel wachsen stecknadelkopfgroße Blütchen.

Fotos vom 29.06.2010
http://de.wikipedia.org/wiki/Nestwurzen
http://www.natur-lexikon.com/Texte/HKO/001/00028-Vogelnestwurz/HKO00028-Vogelnestwurz.html

 

Violette Stendelwurz (Epipactis purpurata) - eine typische "Steiger-Orchidee"

Epipactis: Gattung der Orchidaceae; griech. Pflanzenname. purpurata: lat. purpuratus = purpurn.

Schon Reinecke hat sie 1914 als Epipactis varians beschrieben: " ... Im Steiger und Willroder Forst an vielen Stellen". 1921 vermaß der letzte Erfurter Botaniker der Neuzeit im "Martinsbusch" des südlichen Steigers ein Exemplar mit 32 cm langem Blütenstand, das 56 offene und 20 knospende Blüten zeigte. Eine solche Entdeckung ist noch heute jederzeit möglich.

Violette Stendelwurz, Einzelblüte Violette Stendelwurz, Horst aus drei Pflanzen Violette Stendelwurz, Einzelblüten

Dabei ist die Violette Stendelwurz die zuletzt blühende Art im Erfurter Orchideenjahr. Ihr Blütenstand entfaltet sich erst im August und September. Der Artname ist von den violettbläulichen bis violettrötlichen Farbnuancen der Stengel und Unterseiten der Blätter herzuleiten. Die Blüten sind hingegen weiß bis grünlich und in dichter oder lockerer Ähre angeordnet. Eine Einzelblüte (Foto) ist 15 bis 18 mm groß. Sie besteht aus einem hellgrünen Perigon, nur anfänglich zur Zeit des Blütenöffnens ist das schüsselförmige Hypochil mit bräunlichem Nektar gefüllt. Deshalb werden vor allem Wespen als Bestäuber beobachtet, die an der süßlichen Flüssigkeit bequem naschen können. Die Wuchshöhe des Stengels erreicht im allgemeinen 30 bis 40 Zentimeter.

Violette Stendelwurz, Stattliches Exemplar mit über 40 Blüten Violette Stendelwurz, Nach unten geneigte Blüten VioletteStendelwurz, blütenreich

Die Violette Stendelwurz ist eine typisch "Thüringer Orchidee", weil sie vornehmlich auf lehmig-kalkigem Substrat gedeiht. Die Böden auf Muschelkalk, besonders auf den kalkigtonigen Serien des Oberen Muschelkalkes, sind oft frisch bis wechselhaft, tiefgründig basenreich. Solche Standorte sind im Steigerforst zu finden. Unter Waldbedeckung ergeben sich speziell in Altholzblöcken der Buchen, Hainbuchen und Eichen günstige Wuchsbedingungen, besonders dann, wenn der Wald noch nicht in seine natürliche Verjüngung eingetreten ist. Epipactis purpurata verträgt starke Beschattung und läßt sich deshalb oft in unterholzarmen, dichten Bestockungen beobachten. Immer wieder zeigen sich im Steiger Exemplare im Fallaub ohne jegliche Begleitflora. Selbst in den reinen Nadelforst-Parzellen des Steigers kann die Pflanze gesichtet werden. Allerdings unterliegt gerade diese Art starkem Verbiß durch Rehwild. Das kann die Pflanze. wenn sie dadurch nicht allzusehr geschwächt wird, sogar zu verstärkter vegetativer Vermehrung veranlassen. Letzteres zeigt sich an Gruppen- und Horstbildung dieser Orchidee.

Violette Stendelwurz, Höhepunkt der Blüte Violette Stendelwurz, Starker Insektenbesuch, besonders Ameisen Violette Stendelwurz, Blütenstand, Detail

Die letzte Feststellung soll nun nicht etwa heißen, dass das Rehwild im Steiger dem Wald förderlich wäre. Auch hier gilt: Bis zur tragbaren Wilddichte vermindern! Überhöhte Wilddichten sind der wesentliche Schadfaktor der thüringischen Wälder, abgesehen vom sauren Regen und anderen Immissionen.

Fotos vom 04.08.2010

http://www.natur-lexikon.com/Texte/HKO/001/00030-Violette-Stendelwurz/HKO00030-Violette-Stendelwurz.html

Weiße (Zweiblättrige) Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) – Orchidee des Jahres 2011

Platanthera: Gattung der Orchidaceae; griech. platys = breit, platt, ausgedehnt, griech. anthera = Staubbeutel; breite Staubbeutel hat jedoch nur Pl. chlorantha, die der Namensgeber Richard als typisch angesehen hatte, nicht Pl. bifolia. bifolia: lat. bi- = zwei-, zweifach; lat. folium = Blatt.

Die Gattung Waldhyazinthe (grch. platys = flach, breit; antheros = Staubbeutel) umfaßt weltweit etwa 85 Arten, wobei es dazu unterschiedliche Angaben gibt. In Mitteleuropa kann man davon lediglich zwei Arten nachweisen, die beide auch im Stadtgebiet von Erfurt zu beobachten sind. Es sind dies die Grünliche und die Weiße Waldhyazinthe. Der deutsche Gattungsname Waldhyazinthe, der für eine Vielzahl von Arten als typisch erachtet wurde und sich historisch durchgesetzt hat, darf aber für unsere beide heimische Vertreter nicht überinterpretiert werden. Ihr Vorkommen ist nicht auf Waldungen beschränkt, sie können ebenso auf Magerrasen, Bergwiesen oder moorige Flächen zurechtkommen, ebenso auf Sekundarstandorten (ehemalige renaturierten Industrie- bzw. durch Menschenhand umgestaltetet Flächen). Einen angenehmen Duft soll hingegen nur die Weiße Waldhyazinthe verströmen, die Grünliche nicht. Die Duftnote wurde dabei unterschiedlich zugeordnet, z.B. auch nach Maiglöckchen.
Auch die Verwendung der etablierten deutschen oder trivialen Gattungsnamen ist bei Platanthera bifolia gespalten. Nach der wissenschaftlichen Bezeichnung (lat. bi = zwei, folium = Blatt; bifolius = zweiblättrig) ist also „Zweiblättrige“ exakt. Stärker durchgesetzt hat sich allerdings „Weiße“, weil damit ein geeigneteres Unterscheidungsmerkmal zur „Grünlichen“ gegeben ist.

Weiße Waldhyazinthe im Biotop

Beide hiesigen Waldhyazintharten kommen sich in ihrem Habitus, also ihrem äußeren Erscheinungsbild, sehr nah und lassen sich nur bei genauerer Betrachtung der Blütenstände unterscheiden. Fehlen die Blüten, etwa durch Verbiß, und findet man nur noch die grundständigen Laubblätter vor, ist eine Artzuordnung ausgeschlossen. Gleiches gilt bei einem Trockenfruchtstand des Vorjahres, den man nicht selten gemeinsam mit blühenden Pflanzen antreffen kann, denn sie blühen mehrfach an einem Standort. Der kundige Pflanzenfreund könnte dann anhand der eng anliegenden Fruchtschoten aber immerhin die Gattung Waldhyazinthe identifizieren.

WeisseWaldhyazinthe, Knospung WeisseWaldhyazinthe, Habitus

Grundsätzlich ist die Grünliche Waldhyazinthe etwas größer und kräftiger im Wuchs, was auch für die Blüten gilt. Dies ist aber auch etwas davon abhängig, ob die Vertreterpflanzen der Art vergleichbar entwickelt sind. Die Grünliche Waldhyazinthe wird 25 – 60 cm hoch, ihre Blüten 16 – 22 mm groß, während bei der Weißen Waldhyazinthe die Wuchshöhe 15 – 30 cm und die Blütengröße 10 – 14 mm betragen.
Grünliche und Weiße Waldhyazinthe besitzen beide überwiegend weiße, vergleichbar gestaltete Blüten; am Weißanteil sind sie bei idealer Ausprägung unterscheidbar: bei ersterer grünlich-weiß, bei der zweiten leuchtend-weiß. Bei beiden Arten ist die Lippe ungeteilt, schmal, zungenförmig und zur Spitze grünlich angehaucht; auffallend ist auch der Sporn, sehr dünn, lang und fadenförmig. Die Bestäubung erfolgt durch Nachtfalter. Die Blüte setzt bei der Weißen Waldhyazinthe etwa Mitte Juni ein und damit zwei bis drei Wochen später als bei der Grünlichen. Die Blütezeiten Mai – Juni (Grünliche W.) und Juni – Juli (Weiße W.) können aufgrund ihrer Überschneidung (Juni) nur bedingt bei der Artbestimmung helfen.
Erstes Unterscheidungsmerkmal bietet die Anordnung der paarigen Pollenpakete zueinander: Weiße Waldhyazinthe – parallel, eng im Abstand von etwa 1 mm; Grünliche Waldhyazinthe – winkelig, weiter im Abstand, etwa 2 bis 4 mm.

WeisseWaldhyazinthe, Blütenstand WeisseWaldhyazinthe, Blütenstand

Trotz hoher ökologischer Amplitude (d.h. der Fähigkeit mit unterschiedlichsten Biotopen zurechtzukommen) kommt die Weiße Waldhyazinthe überwiegend sehr zerstreut bis selten vor. Das mag an den Einflüssen von intensiver Landwirtschaft (Düngung), Industrie und Verkehr bzw. unzureichender Pflege an den Standorten (Licht, Konkurrenz) liegen. Dennoch läßt sich die Art außer im Steiger an mehreren weiteren Stellen in Erfurt beobachten. Typisch dabei ist eine allgemein geringe Anzahl an Individuen pro Fundort, manchmal sind es nur Einzelexemplare, deren Beständigkeit fraglich ist. Es gibt in Thüringen nur wenige bekannte Standorte mit mehreren hundert blühenden Pflanzen, z.B. einer im Saale-Orla-Kreis. Der Freistaat gilt aber als Verbreitungsschwerpunkt für die Weiße Waldhyazinthe, woraus eine besondere Verantwortung für den Erhalt der Art erwächst. Gemäß Rote Liste Thüringen [Korsch 2001] (RLTh) wurde die Art in die Gefährdungskategorie 3 (gefährdet) eingestuft. Um auf diese wachsend kritische Sitiuation beim Erhalt der Art und ihrer Verbreitungsstandorte hinzuweisen, wurde die Weiße Waldhyazinthe zur Orchidee des Jahres 2011 ernannt. Und so gilt bei der Begegnung mit der strahlend-weißen fragilen Kostbarkeit zuallererst die Rücksicht auf die Empfindlichkeit des Fundortes, was nur Rückzug und auf dem Weg bleiben bedeuten kann. Inzwischen gibt es im Internet und in Publikationen ausgezeichnete Orchideenaufnahmen und was nützte das eigene Foto für den Preis der Beeinträchtigung und sogar Vernichtung des Standorts?

WeisseWaldhyazinthe, Blütenstand WeisseWaldhyazinthe, Pflanzen im Biotop

Der beobachtete Fundort (FO) von Weiße Waldhyazinthe im Erfurter Steigerwald (Erstnennung durch Johann Philipp Nonne 1763 in seiner „Flora in territorio Erfordensi indigena“) befindet sich in Waldrandnähe eines halbschattigen Mischwaldes in leichter Nordhanglage bei mäßiger Krautschicht. Die absonnige Lage (Schutz vor Austrocknung) scheint sich auf die Population günstig ausgewirkt zu haben. Der Fundort wird auch weiterbestehen können, wenn die derzeit noch ausreichenden Lichtverhältnisse mindestens erhalten werden.
Die Art wurde 2010 mit etwa 10 blühenden Pflanzen beobachtet und am 04.06.2011 mit 19 frischen Individuen bestätigt, wobei sich die Blütenzahl pro Pflanze im Durchschnitt zwischen 15 und 20 bewegte. Dabei treten die einzelnen Wuchsorte überwiegend verstreut auf, eine Truppbildung läßt sich nur ansatzweise in lockerer Form feststellen. Da nicht gründlich durchsucht wurde, könnten weitere Funde möglich sein.
In unmittelbarer Nachbarschaft (Lebensgemeinschaft) mit Weiße Waldhyazinthe konnten keine weiteren Orchideenarten festgestellt werden. Etwas weiter entfernt treten Großes Zweiblatt und Bleiches Waldvöglein (wenige Individuen) auf.

Text: Detlef Tonn
Fotos vom 04.06.2011

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fe_Waldhyazinthe



Letzte Aktualisierung ( 18. 12. 2019 )
 
< zurück
Nach oben
Nach oben